Neu im Kino/Filmkritik: Cameron Diaz und Jason Segel drehen ein „Sex Tape“ und durch einen dummen Zufall kommt es in alle Kinos

September 11, 2014

Während der ersten Minuten hoffte ich, dass „Sex Tape“ doch eine gute Komödie werden könnte. Annie (Cameron Diaz) verfasst für ihren Blog über ihr Leben als Mutter einen Beitrag, in dem sie sich fragt, warum sie keinen Sex mehr mit ihrem Mann Jay (Jason Segel) hat. Als Frischverliebte trieben sie es vor zehn Jahren überall. Auch in der Universitätsbibliothek. Dann heirateten sie, bekamen zwei Kinder und ihr Sexualleben hörte auf zu existieren. Der letzte Sex liegt schon Ewigkeiten zurück. Sie erinnert sich noch nicht einmal an ihn.
„Bad Teacher“-Regisseur Jake Kasdan illustriert Annies Gedanken mit züchtigen, aber pointierten Bildern vom heißen Sex. Das ist ein kleines Kabinettstück, das als Kurzfilm gut für sich stehen kann.
Nach dem Vorspiel erhält Annie ein Jobangebot von Piper Brothers, einer sehr auf ihr Familien-Image achtenden Spielzeugfirma. Jay bekommt ein neues iPad. Und am Abend haben die beiden eine sturmfreie Bude. Sie wollen SEX (S! E! X!) haben. Als das nicht klappt, kommen sie auf die Idee, alle Positionen von „The Joy of Sex“ (seht doch einfach mal im Bücherschrank eurer Eltern nach) nachzustellen und sich dabei aufzunehmen, mit der Kamera in Jays neuem iPad. Gesagt, getan. Drei Stunden später haben sie alle Stellungen hinter sich.
Kurz darauf stellt Jay fest, dass das Sex-Tape zuerst in die Cloud und dann auf alle seine früheren iPads, die Jay und Annie an Freunde und Bekannte verschenkten, ging.
Weil sie nicht wollen, dass ihre Freunde und Bekannte sie nackt sehen, müssen sie alle Kopien des Videos (also alle verschenkten iPads) einsammeln.
Sie beginnen bei ihren Freunden Robby und Tess, die gerade ihre zwölfte Hochzeitsnacht feiern und einen unsympathischen Sohn, der späte noch wichtig wird, haben. Robby und Tess wollen Annie und Jake helfen. Immerhin scheint das mehr Spaß zu machen als ihr ursprüngliches Programm.
Weiter geht’s zu Hank Rosenbaum, dem sehr familienorientiertem CEO von Piper Brothers, der sich auf Annies altem iPad ihre älteren Blog-Einträge durchlesen will, um zu prüfen, ob Annie glaubwürdig die züchtigen Firmenwerte repräsentieren kann.
Gut, die Idee von dem Sex-Tape, das sich wie ein Virus verbreitet und einer verzweifelten Rückholaktion mittels Geschenke-Rückholaktion, ist nicht besonders überzeugend. Sie ist ziemlich Gaga, aber eine Komödie kann auch mit einer weit hergeholten Prämisse prächtig funktionieren. Was bei „Sex Tape“ nicht der Fall ist. Den besten Witz gibt es in den ersten Minuten. Der Rest ist nur noch eine Abfolge von meist lauen Gags mit teilweise erschreckend schlechten Dialogen, die noch nicht einmal als Parodie auf Pornofilm-Dialoge überzeugen. Garniert mit – für eine US-Komödie – erstaunlich viel nackter Haut. Aber auch Cameron Diaz‘ Rücken und Po können den Film nicht retten.
Die Filmstory ist nämlich eine lieblose Abfolge von Gags, die in ihrer Struktur an drei ungefähr zwanzigminütigen, nicht miteinander zusammenhängenden Folgen einer vergessenswerten Comedy-Serie erinnern.
Das alles ist erschreckend vorhersehbar und unwitzig. Jedenfalls wenn man mehr als eine sehr banale Klamauk-Komödie, bei der die Schauspieler ihren Spaß hatten, erwartet.
Denn alle möglichen Tiefen des Stoffs werden erfolgreich vermieden, wie die US-Sexualmoral, Bigotterie, das Vorstadtleben, der dortige Gruppendruck undsoweiter.
„Sex Tape“ ist in keiner Sekunde subversiv. Ganz im Gegensatz zu John Waters‘ „Serial Mom“.

Sex Tape - Plakat

Sex Tape (Sex Tape, USA 2014)
Regie: Jake Kasdan
Drehbuch: Kate Angelo, Jason Segel, Nicholas Stoller (nach einer Geschichte von Kate Angelo)
mit Cameron Diaz, Jason Segel, Rob Corddry, Ellie Kemper, Rob Lowe, Nat Faxon
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sex Tape“
Moviepilot über „Sex Tape“
Metacritic über „Sex Tape“
Rotten Tomatoes über „Sex Tape“
Wikipedia über „Sex Tape“ (deutsch, englisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Tammy – Voll abgefahren“, aber etwas ziellos

Juli 3, 2014

„Tammy – Voll abgefahren“ ist eine Mogelpackung. Denn der neue Film von und mit Melissa McCarthy ist nur am Anfang eine Komödie. Da wird ihr Auto von einem Hirsch gestoppt. Das Tier überlebt, Ihr Auto ist dagegen ziemlich demoliert. Kurz darauf wird sie von ihrem Chef (Ben Falcone) gefeuert. In einem sinnlosen Wutanfall wirft sie mit Lebensmitteln (soweit das über Fastfood-Kost gesagt werden kann) um sich. Sie fährt nach Hause und erwischt ihren Göttergatten mit einer anderen Frau.
Tammy hat genug. Sie will abhauen, aber nur ihre Oma Pearl (Susan Sarandon, auf steinalt frisiert) verfügt über genug Geld und, was noch wichtiger ist, ein Auto. Die beiden gegensätzlichen Frauen, die in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich keine drei Worte miteinander wechselten, machen sich auf den Weg zu den Niagara-Fällen, die Pearl schon immer besuchen wollte. Sagt sie. Außerdem ist Pearl Trinkerin, sexuellen Freuden nicht abgeneigt und sie vergisst schon einmal ihre Tabletten. Einige Tabletten hat sie auch durch wirksamere Medikamente bei dem jugendlichen Drogenhändler um die Ecke eingekauft. Kurz: sie ist vollkommen verantwortungslos.
Bei dieser Prämisse könnte „Tammy“ eine weitere „Hangover“-Variante mit Frauen werden. Auch der Trailer schlägt in diese Kerbe und damit weit daneben. Denn ziemlich schnell wird „Tammy“ immer ernster und zu einer sehr interessanten Variante von Alexander Paynes grandiosem Road-Movie „Nebraska“. Denn beide Male geht es bei dieser Reise, die ein Kind mit einem Elternteil (beziehungsweise Großelternteil) unternimmt, um ein letztes Kennenlernen der Generationen, um Versöhnung und auch um neue Lebensperspektiven. In „Nebraska“ sagt der Sohn auch ausdrücklich, dass diese Reise die letzte Gelegenheit sei, um mit seinem zunehmend dement werdendem Vater, der auch ein Alkoholiker ist, noch einige Tage zu verbringen. In „Tammy“ ist die Reise für Tammy wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, aus ihrem Leben auszubrechen. Denn bislang endete jede ihrer Fluchtversuche an der Stadtgrenze. Für Pearl ist es die letzte Möglichkeit, noch einmal etwas anderes zu sehen. Dabei geht es in beiden Filmen um die Reise und die Selbsterkenntnisse der Charaktere. Denn das Ziel – ein falscher Lottogewinn, ein Besuch der Niagara-Fälle – ist nebensächlich. Beide Male geht es auch um Familienbeziehungen. So treffen Tammy und Pearl auf ihrer Reise auch Pearls Cousine Lenore (Kathy Bates), die als bekennende Lesbe ein Leben weitab der Konventionen von Tammys Leben führt.
Aber während „Nebraska“ ein in sich geschlossenes melancholisches SW-Drama ist, ist „Tammy“ eine Komödie, die zu einem Drama wird und die mehr aus Einzelteilen als aus der Summe der Teile besteht. So ist „Tammy“ nie so gut, wie er sein könnte, aber die Komödie ist doch ein Schritt weg von dem inzwischen bekannten Melissa-McCarthy-Fahrwasser. Ich sage nur „Brautalarm“, „Voll abgezockt“ und „Taffe Mädels“.
Wieder beweist Melissa McCarthy einen herrlichen Hang zu unvorteilhaften Kleidern, wilden Frisuren und Schminkkatastrophen. Hässlicher sah wohl schon lange kein Star mehr aus. Wenn man weiß, dass sie zusammen mit ihrem Ehemann Ben Falcone das Drehbuch schrieb, sie den Film mitproduzierten und Falcone hier sein Regiedebüt gab, dann sagt das einiges über die Eitelkeit von Melissa McCarthy aus. Und wohin sie sich in kommenden Filmen bewegen könnte. Denn unter der Komödie scheint auch immer eine gesellschaftskritische und liberale Agenda durch, die auch einen Traum von einem anderen Amerika zeigt.
Insofern ist „Tammy“ ein sehr interessanter filmischer Bastard, den ich trotz seiner Fehler mag. Dazu trägt auch die gute Besetzung bei. Neben Susan Sarandon und Kathy Bates spielen auch Dan Akroyd, Toni Colette und Sandra Oh in kleinen, aber wichtigen Rollen mit. Und „The Descendants“- und „Ganz weit hinten“-Drehbuchautor Nat Faxon spielt Tammys Ehemann, der für die falsche Frau Essen kocht.

Tammy - Plakat

Tammy – Voll abgefahren (Tammy, USA 2014)
Regie: Ben Falcone
Drehbuch: Melissa McCarthy, Ben Falcone
mit Melissa McCarthy, Susan Sarandon, Allison Janney, Gary Cole, Dan Akroyd, Kathy Bates, Nat Faxon, Toni Colette, Sandra Oh, Ben Falcone
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Tammy“
Moviepilot über „Tammy“
Metacritic über „Tammy“
Rotten Tomatoes über „Tammy“
Wikipedia über „Tammy“
Meine Besprechung der Melissa-McCarthy-Filme „The Nines – Dein Leben ist nur ein Spiel“ (The Nines, USA 2007), „Voll abgezockt“ (Identity Thief, USA 2013) und „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Zwei Interviews mit Melissa McCarthy über „Tammy“


TV-Tipp für den 2. März: The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten

März 2, 2014

Pro 7, 20.15

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten (USA 2011, Regie: Alexander Payne)

Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash

LV: Kaui Hart Hemmings: The Descendants, 2009 (Mit deinen Augen, Neuveröffentlichung unter „The Descendants“)

Auch im Paradies haben die Menschen alltägliche Probleme. So muss Rechtsanwalt Matt King (George Clooney) sich auf Hawaii mit der weiteren Nutzung des Landes, das seit Generationen im Familienbesitz ist und von ihm verwaltet wird, herumschlagen, seine Frau liegt nach einem Bootsunfall im Koma und er muss sich jetzt um seine beiden Töchter kümmern. Da erfährt er, dass seine Frau einen Liebhaber hatte.

Paynes Film ist eine feine, warmherzige und lebenskluge Komödie über Familien und andere alltägliche Probleme. Sein neuester Film „Nebraska“ läuft gerade im Kino.

mit George Clooney, Shailene Woodley, Beau Bridges, Robert Forster, Judy Greer, Matthew Lillard, Nick Krause, Amara Miller, Mary Birdsong, Rob Huebel, Patricia Hastie

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Descendants“

Rotten Tomatoes über „The Descendants“

Wikipedia über „The Descendants“ (deutschenglisch)

The Wall Street Journal: Interview mit Kaui Hart Hemmings über “The Descendants” (23. November 2011)

Stuttgarter Zeitung: Mein Interview mit Alexander Payne über „The Descendants“

Meine Besprechung von Alexander Paynes „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ (The Descendants, USA 2011, mit George Clooney)

Meine Besprechung von Alexander Paynes „Nebraska“ (Nebraska, USA 2013)

Alexander Payne in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Nat Faxon/Jim Rashs „Ganz weit hinten“ (The Way Way Back, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik : „Ganz weit hinten“ erzählt vom Erwachsenwerden

Dezember 6, 2013

 

Sommerferien sind die Hölle. Vor allem wenn man, wie der 14-jährige Duncan (Liam James) schon auf dem Weg zum Ferienhaus von dem neuen Freund der Mutter verbal zusammengestaucht wird. Denn Trent (Steve Carell) fragt Duncan nach seiner Selbsteinschätzung auf einer Skala von eins bis zehn und korrigiert Duncans schon sehr vorsichtige Einschätzung gnadenlos nach unten. Seine Mutter Pam (Toni Colette) überhört es und auch im Ferienhaus wird es nicht besser. Denn anstatt sich um die Kinder zu kümmern, feiern die Erwachsenen in Cape Cod am Strand ihre Version des Spring Break: Sex, Trinken und Drogen bis zum Umfallen.

Die Kinder bleiben sich selbst überlassen und weil Duncan ein schüchterner Einzelgänger ist, beginnt er allein die Gegend zu erkunden. Dabei trifft er auf Owen (Sam Rockwell), einen lustig-lässigen, in den Tag hinein lebenden Sprücheklopfer, der ihn wie einen Erwachsenen behandelt.

Kurz darauf entdeckt er den Wasser-Freizeitpark „Water Wizz“, in dem Owen arbeitet und der ihn sofort einstellt. Duncan hat in dieser Ersatzfamilie seinen Spaß, während er nach Feierabend die Eskapaden seiner Mutter und ihrer Freunde beobachtet.

Mit ihrem Regiedebüt „Ganz weit hinten“ knüpfen Nat Faxon und Jim Rash, obwohl das jetzt verfilmte Drehbuch schon länger in Hollywood herumgereicht wurde und 2007 auf der Black List (einer Liste der besten nicht verfilmten Drehbücher) landete, an ihren vorherigen Erfolg „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ an. Ihr Buch wurde von Alexander Payne mit George Clooney verfilmt und erhielt den Oscar als bester Film und für das beste Drehbuch. Auch in „Ganz weit hinten“ geht es um Familienangelegenheiten und wieder entscheiden sie sich nicht für eine stringent nach Lehrbuch durcherzählte Geschichte, sondern für ein Kaleidoskop verschiedener Geschichten, die immer wieder Zeit lassen für Abwege, und einen humanistischen Tonfall. Denn auch wenn alle Charaktere ihre Probleme und schlechten Angewohnheiten haben, betrachten sie sie mit großer Sympathie.

Allerdings plätschert der Film so auch immer wieder vor sich hin und immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Nat Faxon und Jim Rash die Coming-of-Age-Geschichte von Duncan vernachlässigen zugunsten der höchstens mäßig interessanten Beziehungsprobleme der Erwachsenen. Auch sind die beiden Ersatzväter von Duncan, Trent und Owen, zu ähnlich angelegt. Beide sind auf den ersten Blick egozentrische Großmäuler, die sich für den Mittelpunkt des Geschehens halten. Nur traut Trent Duncan nichts zu und er putzt ihn deshalb immer wieder grundlos herunter. Owen traut ihm dagegen etwas zu, übergibt ihm Verantwortung (manchmal auch nur, um seinen Spaß zu haben) und behandelt ihn, wie er alle anderen Menschen behandelt.

Ganz weit hinten“ ist ein Feelgood-Movie mit rauer Grundierung, das seine Charaktere, vor allem die Jugendlichen, ernst nimmt und unspektakulär die Geschichte eines Sommerurlaubs erzählt: er plätschert, wie ein Urlaub, entspannt vor sich hin, es gibt etwas Streit, ein absehbares Ende, in dem Duncan sich den Respekt seiner Eltern verdient, und in dem Moment fragt man sich, warum die Zeit, die vorher endlos erschien, so schnell vorbeiging.

Ganz weit hinten - Plakat

Ganz weit hinten (The Way Way Back, USA 2013)

Regie: Nat Faxon, Jim Rash

Drehbuch: Nat Faxon, Jim Rash

mit Liam James, Steve Carell, Toni Colette, Allison Janney, Annasophia Robb, Sam Rockwell, Maya Rudolph, Rob Corddry, Amanda Peet, Nat Faxon, Jim Rash (beide gehören zum Personal von „Water Wizz“)

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ganz weit hinten“

Moviepilot über „Ganz weit hinten“

Metacritic über „Ganz weit hinten“

Rotten Tomatoes über „Ganz weit hinten“

Wikipedia über „Ganz weit hinten“ (deutsch, englisch)

Und noch zwei Ausschnitte aus dem Film


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