Neu im Kino/Filmkritik: „Photograph – Ein Foto verändert ihr Leben für immer“ und wenn sie nicht gestorben sind…

August 8, 2019

Es ist nur ein Bild, das Rafi von Miloni macht, das in dem Feelgood-Movie „Photograph – Ein Foto verändert ihr Leben“ die Geschichte in Gang setzt.

Rafi fotografiert in Mumbai vor der Touristenattraktion „Gateway of India“ Touristen. Es sind Urlaubserinnerungen, die die in ihre Gedanken versunken über den Platz schlendernde Miloni nicht braucht. Denn sie lebt, behütet und gut situiert, in Mumbai. Die Vorzeigestudentin soll einen Mann heiraten, den sie nicht kennt.

Als Miloni einige Freunde entdeckt, verschwindet sie, ohne das von Rafi gemachte Bild zu bezahlen oder mitzunehmen.

Zur gleichen Zeit hört seine auf dem Dorf lebende Großmutter auf, die dringend nötigen Medikamente zu nehmen. Sie wird sie erst wieder nehmen, wenn Rafi eine Frau hat.

Weil Rafi seine Großmutter liebt, erfindet er eine junge und gut aussehende Freundin, die so aussieht wie Miloni.

Als seine Großmutter einen Besuch in Mumbai ankündigt, muss er Miloni finden und sie überreden, sich für einige Tage als seine Freundin auszugeben.

In dem Moment hat „Lunchbox“-Regisseur Ritesh Batra die wichtigen Konflikte eingeführt und weil „Photograph“ eine romantische Komödie ist, erübrigt sich die Frage, ob Rafi und Miloni zusammenfinden und ob die Großmutter die Charade, die ihr von Rafi und Miloni vorgespielt wird, durchschaut. Die Frage ist nur wann und wie. In anderen Filmen, mal mehr komödiantisch, mal mehr dramatisch, ist das ein tragfähiger Konflikt für viele dramatische Situationen.

Schließlich kommen Rafi und Miloni aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, die indische Klassengesellschaft existiert noch und sie sind unterschiedlich alt. Rafi ist zwar höflich, nett und ehrlich, aber ansonsten genau der Mann, den Eltern nicht für ihre Tochter wollen. Vor allem, wenn es ihr einmal besser gehen soll.

Diese gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Rafi und Miloni zeigt Batra sehr deutlich. Beispielsweise wenn Miloni mit ihren Eltern, bei denen sie lebt, zu Abend isst. Oder wenn Rafi abends in das kleine Zimmer geht, in dem er mit mehreren Männern schläft. Auf dem Weg wird er von mehreren Bekannten darauf angesprochen, dass seine Großmutter ihre Medikamente nicht mehr nimmt. Und plötzlich wird aus der anonymen Millionenstadt ein Dorf, in dem jeder jeden kennt.

In seinem neuen Film ist für Regisseur Batra auch der Konflikt zwischen Individuum und Familie wichtig: „Als ich aufwuchs, und wahrscheinlich genauso Jahrhunderte zuvor, kam für die Menschen in Indien immer die Familie zuerst. Erst seit kürzerer Zeit haben sie angefangen, sich selbst mehr als Individuen denn als Zugehöriger einer Familie wahrzunehmen. Das ist zu einem der zentralen Konflikte des heutigen indischen Lebens geworden.“

Um all diese Konflikte und Themen anzusprechen, müssten die Figuren etwas tun. In „Photograph“ schweigen sie sich meistens melancholisch und sehr höflich an.

Denn Batra will die Geschichte von Rafi und Miloni nicht als schnell erzählte Geschichte eskalierender Konflikte, humoristischer Volten und heißer Küsse erzählen. Er begnügt sich mit schönen Bildern von schönen Menschen, die ausdruckslos in die Kamera blicken und immer etwas gramgebeugt durch das Bild schlurfen. Es ist, als ob man Farbe beim Trocknen zusieht. Damit ist „Photograph“ der nicht besonders interessante Arthaus-Gegenentwurf zu den bunten Bollywood-Filmen.

Photograph – Ein Foto verändert ihr Leben für immer (Photograph, Indien/Deutschland/USA 2019)

Regie: Ritesh Batra

Drehbuch: Ritesh Batra

mit Nawazuddin Siddiqui, Sanya Mahotra, Farrukh Jaffar, Abdul Quadir Amin, Vijay Raaz, Virendra Saxena, Geetenjali Kulkarni

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Photograph“

Moviepilot über „Photograph“

Metacritic über „Photograph“

Rotten Tomatoes über „Photograph“

Wikipedia über „Photograph“ 

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Buch- und DVD-Kritik: „McMafia“ – eine Krimiserie, basierend auf einem Sachbuch

September 5, 2018

2008 veröffentlichte Journalist Misha Glenny eine über fünfhundertseitige Reportage über die Globalisierung des Organisierten Verbrechens nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Denn obwohl das Organisierte Verbrechen schon immer global war, blieben die Mafia, die Cosa Nostra und die Triaden weitgehend unter sich.

2018 lief die auf Glennys Buch basierende zehnteilige TV-Serie im BBC. Eine zweite Staffel ist schon in Arbeit.

Für die in der Gegenwart spielende Serie musste natürlich einiges aktualisiert und alles dramatisiert werden. Denn eine Serie ist kein Dokumentarfilm und kein Sachbuch. Mit Drehbuchautor Hossein Amini („Drive“, „Die zwei Gesichter des Januars [auch Regie]) und James Watkins („Eden Lake“, „Die Frau in Schwarz“) schien das hoch budgetierte Projekt in den richtigen Händen zu sein. Denn die Dreharbeiten erstreckten sich über den halben Globus und mit James Norton, David Strathairn und David Dencik wurden auch international bekannte Namen verpflichtet. Und Misha Glenny schreibt im Vorwort der Neuausgabe von seinem Sachbuch „McMafia“: „Schon nach einem fünfminütigem Gespräch mit den beiden war ich überzeugt: Wenn wir eine Fernsehanstalt dazu bringen konnten, sich des Themas von ‚McMafia‘ anzunehmen, waren sie diejenigen, mit denen ich arbeiten wollte. (…) An den beiden beeindruckte mich vor allem, dass sie die Welt, die ich in dem Buch abbilden wollte, begriffen und richtig einschätzen.“

Der Kosmos des globalen Verbrechens entfaltet sich in der achtteiligen TV-Serie um Alex Godman, den Sohn eines mit seiner Familie aus Russland nach London geflohenen, sich im alkoholgetränkten Ruhestand befindenden Oligarchen. Godman will mit der Welt seines Vaters und seiner Verwandtschaft nichts zu tun haben. Er ist ein Banker und er wird, gegen seinen Willen, in die Welt des internationalen, organisierten Verbrechens involviert.

Das ist die Ausgangslage, von der Amini und Watkins vom globalen Verbrechen erzählen. Leider nicht besonders gelungen, erstaunlich zäh und langweilig. Aus den vielen, rund um den Globus verstreuten Szenen schält sich nur sehr langsam so etwas wie eine Geschichte heraus.

Ein packendes Drama entsteht allerdings nie. Denn eine Story ist nicht erkennbar und alles zieht sich elend lang hin. „McMafia“ ist kein Gangsterthriller, sondern ein verfilmtes Sachbuch, in dem jede Szene eine weitere Seite des Buchs illustriert. Weil es eine Serie ist, wurden die Informationen dann auf einige Sprechende verteilt. Die Schauspieler wirken immer so, als ob sie in die Serie gezwungen wurden und jetzt ihre Texte vom Blatt ablesen. Die Inszenierung bewegt sich, erschreckend einfallslos, auf dem Niveau einer altertümlichen, schon lange vergessenen TV-Serie.

Das hat nichts mit Miniserien wie „The Night Manager“, „Narcos“, „Romanzo Criminale“ oder, um auch ein deutsches Beispiel zu nennen, „Im Angesicht des Verbrechens“ zu tun. An „Im Angesicht des Verbrechens“ hat mir vieles nicht gefallen, aber es hatte immer die packende „ich will wissen, wie es weitergeht“-Qualität, die „McMafia“ nie hat. Hier muss ich mich förmlich zwingen, die nächste Folge zu sehen – und nicht dabei einzuschlafen.

McMafia – Staffel 1 (McMafia, Großbritannien 2018)

Regie: James Watkins

Drehbuch: Hossein Amini, James Watkins, David Farr, Laurence Coriat, Peter Harness

Erfinder: Hossein Amini, James Watkins

mit James Norton, David Strathairn, Juliet Rylance, Merab Ninidze, David Dencik, Aleksey Serebryakov, Maria Shukshina, Caio Blat, Faye Marsay, Kirill Pirogov, Nawazuddin Siddiqui, Karel Roden

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: The Cast, The McMafia World, Bringing The McMafia World to Life

Länge: 450 Minuten (8 x 56 Minuten) (3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Misha Glenny: McMafia – Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens

(überarbeitete und ergänzte Neuausgabe)

(übersetzt von Sebastian Vogel)

Tropen, 2018

600 Seiten

14,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Deutsche Verlags-Anstalt, 2008

Originalausgabe

McMafia. Crime without frontiers

The Bodley Head, London, 2008

Hinweise

BBC über „McMafia“

Rotten Tomatoes über „McMafia“

Wikipedia über „McMafia“ (deutsch, englisch) und Misha Glenny (deutsch, englisch)

Perlentaucher über das Buch „McMafia“

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Bastille Day“ (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)


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