Neu im Kino/Filmkritik: Eddie Marsan, „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

September 5, 2014

In den vergangenen Jahren spielte Eddie Marsan in hundert Filmen und TV-Serien mit. Etliche seiner Filme, wie zuletzt „Drecksau“, „The World’s End“, „Snow White and the Huntsman“, „Gefährten“, „London Boulevard“, „Sherlock Holmes – Spiel der Schatten“ und „Sherlock Holmes“, waren Kassenhits und trotzdem muss ich jedes Mal zweimal hinsehen, um ihn zu erkennen. In „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ spielt er in seiner ersten Hauptrolle den titelgebenden Mr. John May, einen unauffälligen Beamten bei der Londoner Stadtverwaltung, der die personifizierte Biederkeit, Korrektheit und klaglose Pflichterfüllung ist. Sein Büro ist in einem Kellerkabuff, was aber seiner Kundschaft herzlich egal ist. Denn er ist „Funeral Officer“. Er kümmert sich um die Beerdigungen von Menschen, die keine Angehörigen oder Freunde haben. Dennoch sucht er akribisch nach Angehörigen. Manchmal wochenlang. Er vertieft sich in ihr Leben. Er schreibt, ausgehend von ihren Hinterlassenschaften, eine Trauerrede. Er organisiert für sie eine schöne Beerdigung. Mit ihm als einzigem Trauergast.

Auch sein Chef zollt seiner Pflichterfüllung Respekt und entlässt ihn, weil er viel zu langsam arbeitet und er seine Aufgabe viel zu teuer erfüllt. Denn anstatt den pompösen Beerdigungen mit Sarg, Geistlichem und Grabstätte hätte es doch auch eine Einäscherung nach einer knapp bemessenen Schamfrist und einer kurzen Recherche nach etwaigen Verwandten im Telefonbuch getan.

Nach seiner Entlassung hat der alleinstehende Mr. May nur einen Wunsch: er möchte noch seinen letzten Fall abschließen. Zur Not auf eigene Kosten und nach seiner Entlassung. Es ist Billy Stoke, ein Alkoholiker, der einsam in seiner verwahrlosten Wohnung starb. In seinen Habseligkeiten findet Mr. May einige Hinweise auf Stokes früheres Leben. Eine Tochter. Eine kurze Karriere als Soldat. Ein Gefängnisaufenthalt. Mr. May macht sich auf die Reise.

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ist ein stilles Drama über den Wert des Lebens und eine Paraderolle für Eddie Marsan, der beim Edinburgh International Film Festival für seine Rolle den Preis als bester Hauptdarsteller erhielt. Er zeigt mit minimalen Mitteln, was in Mr. May vorgeht, was er fühlt und wie die Reise in Stokes Vergangenheit auch in ihm etwas verändert.

Diese Veränderung wird von Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Pier Paolo Pasolini, sondern mit Luchino Visconti) in seinem zweiten Spielfilm mit einem präzisen Blick für Details und seiner Inszenierung, wozu die Bildeinstellungen und die Farben gehören, unauffällig unterstützt. „Ich wollte einen zurückhaltenden Film, um die Emotionen der Zuschauer anzusprechen. Eddies Talent, seine Meisterschaft und Menschlichkeit brachten eine große Wahrhaftigkeit in die Handlungen und die kleinen Veränderungen, die das Leben der Figur charakterisieren“, sagt Pasolini zutreffend. Daher gibt es auch keine großen Emotionen und keine theatralischen Gefühlsausbrüche, sondern nur eine große Sympathie für die lebenden und toten Charaktere, ein großes Interesse an den Menschen und der Frage nach dem Wert eines Lebens, garniert mit einem subtilem Humor.

Pasolini, der auch „Ganz oder gar nicht“ produzierte, inszenierte einen zum Nachdenken anregenden Feelgood-Film über den Tod und das Leben.

Das Ende wirkt zunächst arg abrupt, aber Uberto Pasolini, der auch „Ganz oder gar nicht“ produzierte, beendet „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ mit zwei sehr schönen und versöhnlichen Schlussbildern, die die Botschaft des Films, nämlich dass jedes Leben wichtig ist, eindrucksvoll zeigt. Dafür benötigt Pasolini dann keine Worte une es ist ein Ende, das Mr. May gefallen hätte.

Mr May und das Flüstern der Ewigkeit - Plakat 4

 

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit (Still Life, Großbritannien/talien 2013)

Regie: Uberto Pasolini

Drehbuch: Uberto Pasolini

mit Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury, Neil D’Souza, Andrew Buchan

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

Moviepilot über „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

Rotten Tomatoes über „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

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