Neu im Kino/Filmkritik: „Get on Up“ für das mitreißende funky James-Brown-Biopic

Oktober 9, 2014

Bei Clint Eastwoods „The Four Seasons“-Biopic „Jersey Boys“ fragte ich mich, warum ich mir einen Film über eine nette, erfolgreiche, aber musikhistorisch belanglose Boy-Band ansehen und was mir die Geschichte dieser netten Jungs sagen soll.
Bei Tate Taylors „Get on Up“ stellt sich, auch wenn man der einzige Mensch im Universum ist, der noch nie etwas von James Brown hörte, die Frage überhaupt nicht. Wie schon in seinem vorherigem Film „The Help“ geht es um afroamerikanische Geschichte, den Kampf um Anerkennung und das Selbstbewusstsein der Afroamerikaner und James Brown (1933 – 2006), dessen Geschichte in dem Film erzählt wird, hat nie ein Problem mit seinem Ego, das mehr als Übergroß war. Immerhin war (?) er der „Godfather of Soul“, ein grandioser Showman, der Konzerthallen zum Kochen brachte und ein Vorbild für seine schwarzen Brüder. Er setzte sich, als es noch nicht zum Mainstream gehörte, für seine und ihre Rechte ein. Er forderte Schüler auf, die Schule abzuschließen. Während Aufständen in den Ghettos forderte er seine Soul Brothers auf, sich nicht abschlachten zu lassen. Nach der Ermordung von Martin Luther King gab er in Boston, gegen den Willen der Polizei, die Unruhen befürchtete, ein Freikonzert. Die befürchteten Unruhen blieben aus. Er war die Stimme der Underdogs – „Say it loud – I’m Black and I’m Proud“ – und sie hörten auf ihn.
Er selbst wuchs ärmlich in einer mitten im Wald gelegenen Holzhütte in Barnwell, South Carolina, auf, verbrachte seine Kindheit und Jugendjahre im Bordell seiner Tante Handsome ‚Honey‘ Washington in Augusta. Seine Mutter hatte inzwischen das Weite gesucht. Sein Vater, ein gewalttätiger Trinker, ebenso.
Im Gefängnis traf James Brown Bobby Byrd, der mit seiner Band ein Konzert im Gefängnis gab. Byrd erkannte das Talent und das Bühnencharisma von James Brown. In den folgenden Jahren wurden sie zu einer erfolgreichen Funk’n’Soul-Band, deren Sound, wie der Film mit seinen zahlreichen Konzertszenen und die von „Rolling Stone“ Mick Jagger gut zusammengestellte Soundtrack-CD zeigen, keine Patina angesetzt hat. Wenn man nicht wüsste, dass Songs wie „Sex Machine“, „Caldonia“, „Cold Sweat“, „Super Bad“ und „Say it loud – I’m Black and I’m Proud“ schon vor vierzig bis fünfzig Jahren entstanden, könnte man sie für neue Songs halten.
Zwischen den Songs gibt es, essaystisch-assoziativ verbunden, Anekdoten aus dem Leben von James Brown (grandios gespielt von „42“ Chadwick Boseman), die sich auf seine Jugend, seine Anfangsjahre und seine Karriere bis in die siebziger Jahre konzentrieren, keiner strikten Chronologie gehorchen und zu einem Porträt eines Mannes werden, der seinen Weg als Musiker und Geschäftsmann ging. Es werden auch seine problematischen Seiten, sein oft tyrannisches Verhalten gegenüber Frauen und Bandmitgliedern, nicht ausgespart. Seine Band bestand aus Könnern wie Bobby Byrd, Pee Wee Ellis, Maceo Parker, Fred Wesley und Bootsy Collins, die teilweise auch Solo erfolgreich waren und sind und begehrte Sidemen sind.
Es wird auch gezeigt, wie er sich von Gospel-Gottesdiensten für seine Bühnenperformance inspirieren ließ. Seine Auftritte waren Messen und in einer der zahlreichen witzigen Szenen des Films soll James Brown in einer TV-Sendung vor den „Rolling Stones“, die gerade ihr erstes US-Gastspiel absolvieren, auftreten. Für Brown ist es eine unfassbare Beleidigung, dass er nicht der Höhepunkt der Sendung sein soll. Mit seiner Band betritt er die Bühne mit einem Ziel: diese britische Band hinwegfegen – und (was historisch wohl falsch ist) Mick Jagger steht hinter der Bühne und sieht sich die Show dieses wildgewordenen Negers an, der sich bewegt, wie wir es inzwischen von Mick Jagger oder auch Michael Jackson kennen.
Auch James Browns Auftritt in Vietnam, mit dem das Biopic beginnt, ist legendär. Inclusive der Ansage, dass niemand James Brown sagt, wie lange er auf der Bühne bleiben soll.
Wer sich den Musikfilm nur ansieht, um eine faktengetreue, biedere Biographie von James Brown zu sehen, wird mit Tate Taylors „Get on Up“ wenig anfangen können. Es ist eine assoziative Collage von Anekdoten und mitreisender Musik.

Get on Up - Plakat

Get on Up (Get on Up, USA 2014)
Regie: Tate Taylor
Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth
mit Chadwick Boseman, Nelsan Ellis, Dan Aykroyd, Viola Davis, Craig Robinson, Octavia Spencer, Lennie James, Jill Scott, Tika Sumpter, Lennie James
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Get on Up“

Moviepilot über „Get on Up“

Metacritic über „Get on Up“

Rotten Tomatoes über „Get on Up“

History vs. Hollywood über „Get on Up“

Wikipedia über „Get on Up“ und James Brown (deutsch, englisch)

AllMusic über James Brown

Meine Besprechung von Tate Taylors „The Help“ (The Help, USA 2010)

Zum Anhören

Get on Up - Soundtrack

Der Filmsoundtrack besteht aus zwanzig Songs, neun davon sind Live-Aufnahmen, zwei Erstveröffentlichungen und vier in der Soundtrack-Version, d. h. sie unterscheidet sich in der Abmischung von den bekannten Versionen. Aufgenommen wurden die Songs zwischen 1956 und 1976; die meisten davon in den Sechzigern oder frühen Siebzigern.
„Get on Up“ ist eine gelungene Soundtrack-CD und ein gelungenes James-Brown-Best-of-Album, das ein guter Einstieg in die Welt von „Soul Brother Number One“ ist.

Get on Up – The James Brown Story (Original Motion Picture Soundtrack)
Universal Records, 2014
73 Minuten

Und hier das schon angesprochene Boston-Konzert:

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Neu im Kino/Filmkritik: „Der Butler“ dient im Weißen Haus

Oktober 10, 2013

 

Weltgeschichte durch die Augen eines Butlers. Warum nicht? Vor allem wenn der Butler im Weißen Haus arbeitet und unter sieben Präsidenten von 1957 bis 1986 diente. Also von Kennedy über Nixon bis zu Reagan. Das war ja, wie man pathetisch sagt, eine Zeit großer Veränderungen in den Vereinigten Staaten.

Und wenn dann noch Lee Daniels, der Regisseur des Oscar-prämierten Dramas „Precious“ und des interessant gescheiterten Trash-Thrillers „Pete Dexters The Paperboy“, Regie führt und viele bekannte und gute Schauspieler – die Oscar-Dichte ist enorm hoch – mitspielen, dann sollte doch wenigstens gutes Kino herauskommen.

Aber „Der Butler“ ist eigentlich eine Demonstration im Scheitern.

Beginnen wir mit den Stars, die fast alle nur ein, zwei, drei Szenen haben und wahrscheinlich auch nicht mehr Drehtage hatten, aber viel Zeit in der Maske verbringen durften: Robin Williams spielt Dwight Eisenhower, James Marsden spielt John F. Kennedy, Liev Schreiber spielt Lyndon B. Johnson, John Cusack spielt Richard Nixon, Jane Fonda spielt Nancy Reagan und Alan Rickman spielt Ronald Reagan.

Nicht gerade die Schauspieler, die einem bei einem Ähnlichkeitswettbewerb sofort einfallen würden und die alle einmal durch die Kulisse laufen dürfen.

Forest Whitaker als Butler Cecil Gaines und Oprah Winfrey als seine Ehefrau Gloria sind vor allem als junges Ehepaar viel zu alt für die Rollen. Er ist Jahrgang 1961, sie 1954. Später fällt das weniger auf, aber Whitaker spielt den älteren Cecil Gaines dann wie den Tattergreis, den wir aus den entsprechend unwitzigen Komödien kennen.

Allerdings spielt der größte Teil des Films zwischen Gaines‘ Jugend und den späten sechziger Jahren und damit vor seinem fünfzigstem Geburtstag.

Die Filmgeschichte folgt dabei chronologisch dem Leben von Cecil Gaines. Die Inspiration für Gaines war Eugene Allen (1919 – 2010) und sein Name wurde, nachdem schon Allens halbe Biographie für den Film verändert wurde, geändert, um den fiktionalen Charakter des Films zu betonen. Denn Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig, aber allein dem Sujet geschuldet und man wollte nicht auf die schönen Worte „nach einer wahren Geschichte“ verzichten.

Gaines wuchs als Sklave auf den Baumwollfeldern auf, flüchtete und erhielt schließlich 1957 eine Stelle als Butler im Weißen Haus. Diese Aufstiegsgeschichte ist auch der interessantes Teil des Films. Denn hier will Gaines noch etwas und Lee Daniels nimmt sich Zeit beim Erzählen.

Später, im Weißen Haus, versucht Gaines dann – erfolgreich – möglichst nicht aufzufallen. Denn als Butler ist man ein Diener, eine helfende Hand. Mehr nicht. Weltgeschichte, die Gaines während seiner Arbeit erlebt, taucht höchstens in Splittern auf, wenn er einen Raum betritt und sich in ihm gerade der Präsident mit einem hohen Gast oder seinem Stab unterhält. Einen Einfluss auf das Leben von Gaines hat es nicht.

Den hat schon eher sein Sohn, der als politischer Aktivist Teil des Civil Rights Movement ist, der deshalb in den Sechzigern entsprechend oft Ärger mit dem Gesetz hat und zufällig ungefähr bei jedem wichtigen Ereignis der Bürgerrechtsbewegung dabei ist. Aber nach seinen wilden Jugendjahren und Aktionen, die sein Vater alle vollständig ablehnte, fällt er plötzlich aus dem Film heraus und taucht erst am Filmende, zur Versöhnung, wieder auf.

Außerdem eilt Daniels im Weißen Haus im episodischen Sauseschritt durch die Weltgeschichte, die Familiengeschichte von Gaines, die oft die Qualität einer TV-Soap hat, und die Jahrzehnte.

Und Cecil Gaines ist als weitgehend passiver Protagonist, der nie um etwas kämpfen musste, ein rechter Langweiler, dessen Haltungslosigkeit sich auf die gesamte Geschichte überträgt.

So ist der „Der Butler“, ein Überraschungserfolg an der US-Kinokasse, nur eine stargespickte Nummernrevue, in der US-amerikanische Geschichte aus afroamerikanischer Perspektive von der rechtlosen Knechtschaft auf Baumwollfeldern bis zur Präsidentschaft von Barack Obama als langweilig-biederes, unpolitisches Ausstattungskino erzählt wird, die nicht mehr Tiefe als ein Familienfotoalbum hat und auch ungefähr genauso interessant ist.

Der Butler - Plakat

Der Butler (Lee Daniels‘ The Butler/The Butler, USA 2013)

Regie: Lee Daniels

Drehbuch: Danny Strong

LV: Will Haygood: A Butler Well Served by This Election (Zeitungsreportage, Washington Post, 2008)

mt Forest Whitaker, Oprah Winfrey, John Cusack, Jane Fonda, Cuba Gooding Jr., Terrence Howard, Lenny Kravitz, James Marsden, David Oyelowo, Vanessa Redgrave, Alan Rickman, Liev Schreiber, Robin Williams, Yaya Alafia, Colman Domingo, Nelsan Ellis, Minka Kelly, Mariah Carey, Clarence Williams III

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Butler“

Moviepilot über „Der Butler“

Metacritic über „Der Butler“

Rotten Tomatoes über „Der Butler“

Wikipedia über „Der Butler“ 

History vs. Hollywood über „Der Butler“

Meine Besprechung von Lee Daniels‘ „Pete Dexters The Paperboy“ (The Paperboy, USA 2012)

 

 


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