Neu im Kino/Filmkritik: „Marianne & Leonard: Words of Love“ von Leonard Cohen an Marianne Ihlen

November 8, 2019

So long, Marianne“ ist ein Songs von Leonard Cohens erster, Ende 1967 erschienener LP „Songs of Leonard Cohen“. Er ist, wie die ebenfalls auf der LP enthaltenen Songs „Suzanne“, „Sisters of Mercy“ und „Hey, that’s no way to say Goodbye“, einer seiner Klassiker.

In seinem neuen Dokumentarfilm „Marianne & Leonard: Words of Love“ zeigt Nick Broomfield die Geschichte hinter dem Lied. Zu seinen bisherigen Arbeiten gehören „Aileen: Life and Death of a Serial Killer“, „Battle for Haditha“ und „Whitney – Can I be me“.

Die von Cohen in seinem Lied angesprochene „Marianne“ ist die Norwegerin Marianne Ihlen. Cohen lernte sie 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennen.

Damals lebte sie auf Hydra mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Axel Jensen, und ihrem gemeinsamen Sohn. Sie lernten sich kennen, verbrachten Zeit miteinander und verliebten sich. Sie war eine von Cohens zahlreichen Freundinnen und Musen, die ihn zu mehreren Liedern inspiriert. Das war nie ein Geheimnis. Auch wenn man die von Broomfield in seiner Dokumentation ausführlich geschilderten Liebes- und Beziehungshintergründe und das freizügige Leben der Ausländer in Griechenland zwischen freier Liebe, Drogen und Künstlertum nicht genau kannte.

Diese Beschreibung des Lebens der Bohemien-Künstlergemeinschaft auf der Insel, der Beziehung zwischen Marianne Ihlen und Leonard Cohen, Cohens ersten Schritten als Musiker und ihrer Trennung sind der stärkste Teil von Broomfields Doku.

In der zweiten Hälfte schildert er ihr weiteres Leben und ihre lebenslange Freundschaft bis zu ihrem Tod. Ihlen starb im Juni 2016, Cohen im November 2016. Bei Marianne Ihlen verlief das weitere Leben, abseits des Rampenlichts der Medien, recht ereignislos in ihrer Heimat in bürgerlichen Bahnen. Cohens Leben als Musiker, sein jahrelanger Rückzug als Buddhist ins Mount Baldy Zen Center und seine aufgrund finanzieller Probleme notwendige und sehr erfolgreiche Rückkehr in das Musikgeschäft mit mehreren CDs und umjubelten Tourneen verlief im Rampenlicht der Öffentlichkeit und würde sich problemlos für mindestens eine ausführliche Dokumentation eignen.

Aber wie Broomfield in der dieser zweiten Filmhälfte willkürlich Ereignisse aus Cohens Leben hervorhebt, ist absolut ärgerlich. Da fehlen dann ganze Jahre, Platten und wichtige Songs wie „First we take Manhattan“, während „Hallelujah“ über mehrere Minuten abgefeiert wird. Seine Zeit im Kloster wird mit einigen bizarr anmutenden Bildern von Rōshi Kyozan Joshu Sasaki und Cohen als seinem Diener illustriert. Diese Bilder aus fast fünfzig Jahren wirken, als habe Broomfield verzweifelt Material gesucht, um auf die richtige Länge zu kommen, und als habe er dafür einfach alles genommen, was gerade vorhanden war. Dieses Material ist im Rahmen der Schilderung einer Beziehung denkbar uninteressant.

Für Cohen-Fans ist „Marianne & Leonard: Words of Love“ natürlich sehenswert.

Marianne & Leonard: Words of Love (Marianne & Leonard: Words of Love, USA 2019)

Regie: Nick Broomfield

Drehbuch: Nick Broomfield

mit Nick Broomfield (Erzähler), Marianne Ihlen, Leonard Cohen

Länge: 97 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Metacritic über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Rotten Tomatoes über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Wikipedia über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Meine Besprechung von Nick Broomfield/Rudi Dolezals „Whitney – Can I be me“ (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Musiker und Drogen: „Whitney – Can I be me“ – eine Doku über Whitney Houston

Juni 12, 2017

Wer war Whitney Houston? Abseits der allseits bekannten Fakten.

In den achtziger Jahren waren ihre Songs allgegenwärtig. Sie hatte hintereinander mehr Nummer-1-Hits als die Beatles. 1992 spielte sie in der Thrillerschmonzette „The Bodyguard“ eine Sängerin, die Drohbriefe erhält und von einem Bodyguard beschützt werden muss. Der Film war ein Hit. Die Songs, gesungen von Whitney Houston, verkauften sich wie geschnitten Brot.

Danach wurde es ruhiger um sie. Sie veröffentlichte nur noch wenige Platten, gab wenige Konzerte und geriet immer wieder wegen ihres Privatlebens und ihres Drogenkonsums in die Schlagzeilen.

Am 11. Februar 2012 starb sie in Beverly Hills, Kalifornien, im Beverly Hilton an einer Überdosis. Sie war 48 Jahre alt.

In ihrem Porträt „Whitney – Can I be me“ werfen die Dokumentarfilmer Nick Broomfield („Kurt & Courtney“, „Aileen Wuornos: The Selling of a Serial Killer“) und Rudi Dolezal (unzählige Musikvideos und -dokumentationen) einen teils voyeuristischen Blick hinter die Kulisse, während sie das Leben der 1963 in Newark, New Jersey, geborenen Sängerin nachzeichnen.

Schon früh trat Houston als Sängerin auf. Gefördert von ihrer Mutter Emily ‚Cissy‘ Houston, die selbst eine Gospel-Sängerin war, sie ausbildete (wie sie auch in der Doku betont) und die in ihrer Tochter ihren Traum von einer großen Karriere verwirklichen wollte. Der Durchbruch kam 1985 mit ihrem Debütalbum „Whitney Houston“ und dieser Rückblick auf die achtziger Jahre, als Whitney Houston der allgegenwärtige Star war, ist der interessanteste Teil des Films. Jedenfalls für Menschen, die nicht an intimen Privatgeschichten interessiert sind.

In diesen Minuten zeigt die Dokumentation, wie aus einer guten Sängerin ein Star für die breiten Massen gemacht wird. Dafür muss ihre Musik für ein weißes Publikum akzeptabel sein und das hieß damals, dass die Sängerin zwar dunkelhäutig sein durfte, aber ihre Songs möglichst keine Elemente afroamerikanischer Musiktraditionen enthalten durfte. Oder in den Worten des „Das neue Rocklexikon“ (1998): „Soul-Platitüden, Disco-Banalitäten und Balladen-Einerlei mit erstaunlich gelenkiger Vokalgymnastik und beachtlicher Anmut, hielt sich aber selbst bei vorgeblich erotischen Stücken immer bedeckt.“

Auch ihre öffentlichen Auftritte und ihr Image mussten für ein weißes Publikum akzeptabel sein. Sie wurde als Prinzessin aus dem Ghetto präsentiert. In den Talkshows, die in „Whitney – Can I be me“ in Ausschnitten gezeigt werden, trat sie als das nette Mädchen von nebenan auf. Und natürlich sollte sie nach diesem Masterplan auch irgendwann einen präsentablen Freund haben. Bi- oder homosexuelle Neigungen wären damals für ein Mainstream-Publikum ein Karrierekiller gewesen. Trotzdem wurde schon damals, weil Houston keinen Freund hatte, in der Regenbogenpresse über ein lesbisches Verhältnis zwischen Houston und ihrer Jugendfreundin, Managerin, Vertrauten und Mädchen für alles Robyn Crawford spekuliert. 1999 zerbrach diese Freundschaft während einer Welttournee.

Als Houston 1989 den Rapper Bobby Brown traf, mit dem sie von 1992 bis 2007 verheiratet war, schien auch dieser Teil des für sie aufgestellten Karriereplans in Erfüllung zu gehen.

In diesem Moment ist der Cocktail angerichtet, der schon andere Karrieren vernichtete und den wir zuletzt in der Amy-Winehouse-Doku „Amy“ sehen durften: ein falscher Freund, von dem sie sich in jeder Beziehung abhängig machte, hoher Drogenkonsum, eine ehrgeizige Mutter und eine Familie, die finanziell von ihr abhängig war und ist. Bei Whitney Houston kam noch eine streng religiöse Erziehung (Baptistisch und Pfingstlerisch) dazu, die konträr zu dem Leben eines Pop-Musikers ist.

All das erzählen Broomfield und Dolezal (von ihm stammen die bislang unveröffentlichten, bei den deutschen Konzerten aufgenommenen Backstage- und Konzert-Aufnahmen von Houstons 1999er Welttournee) chronologisch und kurzweilig in der aus zahlreichen Dokumentarfilmen über Musiker und Bands vertrauten Mischung aus Archivaufnahmen, teils von Auftritten und Interviews, teils aus verschiedenen privaten Archiven, und aktuellen Interviews.

Whitney – Can I be me (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)

Regie: Nick Broomfield, Rudi Dolezal

Drehbuch: Nick Broomfield

mit Whitney Houston, Robyn Crawford, Bobby Brown, Cissy Houston, John Russell Houston jr., Bobby Kristina Brown, David Roberts (teilweise Archivmaterial)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Whitney – Can I be me“

Metacritic über „Whitney – Can I be me“

Rotten Tomatoes über „Whitney – Can I be me“

Wikipedia über Whitney Houston (deutsch, englisch)

AllMusic über Whitney Houston


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