TV-Tipp für den 12. Juni: Den Menschen so fern

Juni 12, 2017

WDR, 00.00

Den Menschen so fern (Loin des Hommes, Frankreich 2014)

Regie: David Oelhoffen

Drehbuch: David Oelhoffen

LV (frei nach): Albert Camus: L’Hôte, 1957 (Der Gast, Erzählung)

Algerien, 1954: Der Ex-Soldat und Lehrer Daru soll den des Mordes angeklagten Bauern Mohamed in die nächste Stadt bringen, wo er zum Tod verurteilt wird. Während Daru ihn nicht dorthin bringen will, will Mohamed unbedingt dorthin

TV-Premiere eines tollen existenzialistischem Dramas vor einer menschenleeren Western-Kulisse, musikalisch spärlich untermalt von Nick Cave und Warren Ellis.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Viggo Mortensen, Reda Kateb, Djemel Barek, Vincent Martin Nicolas Giraud, Angela Molina

Hinweise
Deutsche Verleihseite zum Film
Film-Zeit über „Den Menschen so fern“
Moviepilot über „Den Menschen so fern“
AlloCiné über „Den Menschen so fern“
Metacritic über „Den Menschen so fern“
Rotten Tomatoes über „Den Menschen so fern“
Wikipedia über „Den Menschen so fern“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von David Oelhoffens „Den Menschen so fern“ (Loin des Hommes, Frankreich 2014)

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TV-Tipp für den 18. Februar: B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre

Februar 18, 2017

Arte, 23.50
B-Movie – Das wilde WEst-Berlin der 80er Jahre (TV-Titel)/B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Kinotitel) (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Kinotitel) blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit

Das Buch zum Film

Reeder - B Book - 250
Eigentlich Reeders Filmkommentar (deutsch und englich) und viele Bilder. Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.

Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin
Edel, 2015
224 Seiten
39,95 Euro

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jörg A. Hoppe/Klaus Maeck/Heiko Langes „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Wim Wenders, Peter Handke, „Die schönen Tage von Aranjuez“

Januar 27, 2017

Wim Wenders verfilmt Peter Handke. Wieder einmal. Schon als Student drehte er 1969 mit Peter Handke den Kurzfilm „3 amerikanische LP’s“. Sein erster Spielfilm „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“ (1972) basiert auf Handkes gleichnamigem Roman und Handke schrieb mit ihm die Dialoge. Für „Falsche Bewegung“ (1975), einen seiner frühen Erfolge, schrieb Handke, frei nach Johann Wolfgang Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, das Drehbuch. „Der Himmel über Berlin“ (1987), für den sie gemeinsam das Drehbuch schrieben, war ein weltweiter Erfolg, der sogar ein Hollywood-Remake erhielt.

Jetzt, nach jahrelanger Handke-Abstinenz, verfilmte Wenders dessen Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit zwei großen und einigen kleineren Ergänzungen. Eine der kleinen Ergänzungen ist die Jukebox, die einerseits schon in Wenders‘ Studentenfilmen (und in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“) verewigt ist, andererseits an Handkes Erzählung „Versuch über die Jukebox“ erinnert. Wenders hat sie als Hommage an diese Erzählung in den Film eingebaut und deshalb steht in der Villa des Schriftstellers eine heute vollkommen unmoderne und auch unpraktische Wurlitzer. Damit kommen wir zur ersten großen Veränderung: Wenders bettet Handkes Stück in eine Rahmenhandlung ein. Dafür erfand er einen Schriftsteller, den es im Stück nicht gibt.

Der Schriftsteller (Jens Harzer) beobachtet aus seinem Arbeitszimmer heraus zwei Menschen, die sich unterhalten. Das Gespräch zwischen ihnen ist dann Handkes auf französisch geschriebenes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“, das er einen „Sommerdialog“ nennt und in dem der Mann (Reta Kateb) und die Frau (Sophie Semin, Handkes Ehefrau) sich, nach vorher abgesprochenen Regeln, über ihre Sexualerlebnisse und seine Tage in Aranjuez unterhalten, garniert mit Bemerkungen von ihm über Obst, Bäume und Vögel. Allerdings ohne jemals wirklich konkret zu werden. Fast alles bleibt im Ungefähren und vieles an dem Dialog verläuft tastend, so als wisse der Autor nicht, wohin das Gespräch sich entwickeln soll.

In dem Film ist schnell deutlich, dass der Mann und die Frau, die beide keinen Namen haben, nur in der Fantasie des ebenfalls namenlosen Schriftstellers existieren. Und dass die Regeln – keine einsilbigen Antworten, kein Wort von Gewalt, keine Aktion, keine Handlung, sondern nur Dialog – von dem Autor selbst auferlegte Beschränkungen bei einer Schreibübung sind, in der der Mann mehr über die Sexualität der Frau, die nur in der Phantasie des Schriftstellers existiert, erfahren will. Deshalb fragt er auch als erster nach ihrem ersten sexuellen Erlebnis: „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“

Als Lektüre funktioniert diese Idee auch gut. Im Film weniger bis überhaupt nicht. Das beginnt mit Reta Kateb und Sophia Semin, die den Mann und die Frau spielen. Wobei spielen übertrieben ist, weil sie nicht spielen, sondern einfach nur in einem Garten auf einer Terrasse an einem Tisch sitzen, sich nicht bewegen. Sie reden in einem immergleichen monotonen Tonfall, der nicht vom Text ablenken soll, aber einschläfernd ist. Auch weil der Dialog keine Handlung und keine erkennbare Richtung hat, sondern mäandernd, mehr oder weniger konsequent, um einige Punkte kreist.

In seiner Regie spiegelt Wim Wenders dann diese Idee. Auch die Kamera folgt den Regeln, die Handke seinen beiden Redenden auferlegt: sie bewegt sich nicht. Benoit Debie nimmt einfach die beiden Redenden auf. Meistens über Minuten ohne einen Schnitt und oft in einer Totalen, in der der Mann und die Frau, am Tisch sitzend, im Bild sind. Damit verstärken die Kamera und der Schnitt die einschläfernde Tendenz des Textes.

Da hilft – und das ist die zweite große Änderung – der Auftritt von Nick Cave als Nick Cave, der am Flügel sein Liebeslied „Into my Arms“ singt, nicht. Nick Cave gibt es nicht in Handkes Stück, aber langjährige Wenders-Fans sind Nick Cave bereits öfter begegnet. Zuerst in „Der Himmel über Berlin“, als Cave mit den Bad Seeds live auftrat.

Auch in „Die schönen Tage von Aranjuez“ hat die Musik eine wichtige, das Stück kommentierende Rolle; beginnend mit Lou Reeds „Perfect Day“, der mit Bildern von menschenleeren Pariser Straßen und Parks illustriert wird, und endend mit Gus Blacks „The World is on Fire“. Wenders und Handke ohne Musik ist halt nur die halbe Miete. Jedenfalls in einem Wenders-Film.

Trotzdem funktioniert „Die schönen Tage von Aranjuez“, mal wieder in 3D gefilmt, als Film nicht. Er hat den Charme eines Standbildes, das man sich gut hundert Minuten ansehen muss und dem Begriff „Langeweile“ ungeahnte Dimensionen verleiht. Vor allem wenn man mit Handkes Prosa nichts anfangen kann. Denn Wenders‘ Film ist nur die statische Illustration des Textes.

Deshalb wäre die beste Präsentation des Filmes wahrscheinlich ein illustriertes Filmbuch. Dann könnte man sich an den Bildern erfreuen und den Text so lesen, wie man ihn lesen möchte.

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Die schönen Tage von Aranjuez (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Wim Wenders

LV: Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog, 2012 (Theaterstück)

mit Reta Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

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Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog

Suhrkamp, 2012

72 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Moviepilot über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Rotten Tomatoes über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Wikipedia über „Die schönen Tage von Aranjuez“

suhrkamp über Peter Handke

Homepage von Wim Wenders

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Wim Wenders in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 10. Juni: Lawless – Die Gesetzlosen

Juni 10, 2016

3sat, 23.05

Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless, USA 2012)

Regie: John Hillcoat

Drehbuch: Nick Cave

LV: Matt Bondurant: The wettest County in the World, 2008

Franklin County, Virginia, während der Prohibition: Die Bondurant-Brüder sind Schnapsbrenner und mit sich und der Welt im Reinen. Bis der skrupellose und psychopathische Bundesagent Charlie Rakes die Schnapsbrenner und alle die in das Geschäft verwickelt sind, vernichten will.

Feiner, auf Tatsachen basierender Prohibitions-Gangsterfilm; – mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Shia LaBeouf, Tom Hardy, Jason Clarke, Guy Pearce, Jessica Chastain, Mia Wasikowska, Dane DeHaan, Chris McGarry, Tim Tolin, Gary Oldman, Lew Temple, Marcus Hester, Bill Camp

Hinweise

Homepage zum Film

Metacritic über „Lawless“

Rotten Tomatoes über „Lawless“

Wikipedia über „Lawless“ (deutsch, englisch)

Süddeutsche Zeitung: Interview mit John Hillcoat (27. März 2013)

Meine Besprechung von John Hillcoats Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“ (The Road, USA 2009)

Meine Besprechung von John Hillcoats „Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless, USA 2012)

Meine Besprechung von John Hillcoats „Triple 9“ (Triple 9, USA 2016)


Buch- und TV-Tipp für den 3. Oktober: B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre (aka B-Movie – Lust & Sound in West-Berlin)

Oktober 2, 2015

Arte, 21.50
B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie“ blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit
Wiederholung: Sonntag, 11. Oktober, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Das Buch zum Film

Reeder - B Book - 250
Druckfrisch – und daher auch nur begeistert durchgeblättert:
Pünktlich zur TV-Ausstrahlung, DVD/Blu-ray- und Doppel-LP/CD-Veröffentlichung erschien auch das „B-Book – Lust und Sound in West-Berlin“. In dem großformatigen Bildband (mit hundert ebenso seltenen, wie erhellenden Aufnahmen) erzählt Reeder von seinem ersten Jahrzehnt in Berlin. Anscheinend handelt es sich dabei, mit kleineren Ergänzungen, um den kurzweiligen und äußerst informativen Filmkommentar, der in deutsch und englisch abgedruckt ist.
Und dann die Bilder! Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.

Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin
Edel, 2015
224 Seiten
39,95 Euro

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jörg A. Hoppe/Klaus Maeck/Heiko Langes „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Den Menschen so fern“, den Problemen so nah

Juli 10, 2015

1954 unterrichtet Ex-Soldat Daru (Viggo Mortensen) in Algerien in einem abgelegenem Tal eine Gruppe Kinder. Es sind die ersten Tage des Algerienkrieges, der bis 1962 dauerte, unzählige Leben forderte und mit der Unabhängigkeit des Landes von den französischen Kolonialherren endete.
Eines Tages wird Daru von den örtlichen Machthabern gezwungen, den Bauern Mohamed (Reda Kaleb) in die nächste Stadt zu bringen. Er soll ein Mitglied einer anderen Familie getötet haben. In der Stadt erwartet ihn, nach einer Gerichtsverhandlung nach französischem Recht, der sichere Tod. Trotzdem will Mohammed unbedingt dorthin. Nur so könne der Kreislauf der Blutrache durchbrochen werden.
Auf der gefährlichen Reise durch das Gebirge – immerhin tobt im Land gerade ein Bürgerkrieg und sie werden von auf Blutrache sinnenden Reitern verfolgt – lernen sie sich näher kennen. Außerdem versucht Daru Mohamed zu überzeugen, nicht in den sicheren Tod zu gehen.
Aber welche andere Möglichkeit hat er?
Der Hinweis, dass David Oelhoffens grandioser und stilbewusster Western „Den Menschen so fern“ auf einer Geschichte des Philosophen Albert Camus basiert, könnte vielleicht einige Menschen abhalten. Was Schade wäre. Denn sie würden dann einen glänzend gespieltes Drama vor der prächtigen Kulisse des Atlasgebirges (gedreht wurde in Marokko, die Geschichte spielt im benachbarten Algerien) verpassen, musikalisch stimmig unterlegt von Nick Cave und Warren Ellis, die hier eine ähnlich reduzierte Musik abliefern wie Ry Cooder zu Wim Wenders „Paris, Texas“. Oelhoffen inszenierte nach seinem Drehbuch einen Western, der sich immer noch aktuellen philosophischen Fragen widmet und der auf die Kraft seiner Bilder und dem reduzierten Spiel der beiden Hauptdarsteller vertraut. Da können sich die Dialoge, vor allem die Gespräche zwischen Daru und Mohamed, auf das Notwendigste beschränken.

Den Menschen so fern - Plakat

Den Menschen so fern (Loin des Hommes, Frankreich 2014)
Regie: David Oelhoffen
Drehbuch: David Oelhoffen
LV (frei nach): Albert Camus: L’Hôte, 1957 (Der Gast, Erzählung)
mit Viggo Mortensen, Reda Kateb, Djemel Barek, Vincent Martin Nicolas Giraud, Angela Molina
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Verleihseite zum Film
Film-Zeit über „Den Menschen so fern“
Moviepilot über „Den Menschen so fern“
AlloCiné über „Den Menschen so fern“
Metacritic über „Den Menschen so fern“
Rotten Tomatoes über „Den Menschen so fern“
Wikipedia über „Den Menschen so fern“ (englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Kulturdoku „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“

Mai 22, 2015

Sting sang vor Ewigkeiten über einen „Englishman in New York“. Mark Reeder ist ein Englishman in Berlin und er findet Sting wahrscheinlich wahnsinnig blöd. Immerhin stöberte Reeder in seiner Heimat Manchester (kein schöner Ort, aber die Heimatstadt von „Joy Division“) durch die Fächer seines Plattenladens und er war fasziniert von den tollen elektronischen Klängen, die aus Deutschland kamen. Kraftwerk, Tangerine Dream undsoweiter. Also machte er sich Ende der Siebziger, als Zwanzigjähriger, ohne Geld, ohne ein Wort Deutsch zu können (bis auf die wenigen Worte, die man aus den Filmen kannte und mit denen man die Eltern, die noch den Krieg erlebt hatten, mühelos provozieren konnte), mit einem Spleen für Uniformen (natürlich deutsche Uniformen) auf den Weg in die Stadt seiner Träume: Berlin, das ihn mit seiner lieblos gepflegten Ruinenlandschaft an seine Heimatstadt erinnerte.
Dort wuselte er in der Kunst- und Musikszene herum, traf einige der von ihm verehrten Musiker (bei anderen endete das Abenteuer an der Haustür) und auch andere, damals noch unbekannte Musiker, wie Nena, Die Toten Hosen, Blixa Bargeld und Nick Cave (der in dem Film durch seine, ähem, Wohnung führt), lebte in besetzten Häusern, hatte Zoff mit der Polizei, trat in Filmen auf (seine Kleidung half), organisierte Konzerte und alles war, wie Mark Reeder in „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ erzählt, ein einziger Rausch. Immerhin war West-Berlin in den Achtzigern ein Kreativzentrum der Subkultur und er war mittendrin. Jedenfalls soweit er sich noch daran erinnern kann, denn, wie am Anfang des Films ganz bescheiden bemerkt wird: wer sich an die Achtziger erinnern könne, habe sie nicht erlebt. Nach der Euphorie der frühen Achtziger mit Depri-Klängen, Endzeit-Musik und experimentellen Avantgarde-Klängen und einem bekennendem Dilletantismus, war irgendwann die Party vorbei. Es kam der Kater. Ende der Achtziger entdeckte er Westbam. Von diesen neuen elektronischen Klängen war er wieder fasziniert und er gründete 1990 das Trance-Label MFS. Aber das ist eine andere Geschichte.
In „B-Movie“ erzählt Reeder seine Geschichte. In der deutschen Fassung sogar mit einem wunderschönen Akzent, der seiner distanziert-ironischen, sich selbst nie zu ernst nehmenden Schilderung von den wilden achtziger Jahren in West-Berlin eine zusätzlich sehr britische Note verpasst, wenn er erzählt, wie er als seltsamer Engländer mit einem Uniformfetisch freundlich von den Berlinern aufgenommen wurde, die frühen Achtziger eine einzige Party in einem von der restlichen Welt abgeschlossenem Irrenhaus waren, garniert mit Ausflügen nach Ost-Berlin, das er „Disneyland für Depressive“ nennt.
Denn trotz aller Selbstinszenierung (man hat das Gefühl, dass Reeder keine zwei Schritte ohne seine Kamera ging) wirkt er immer sympathisch redselig und bescheiden. Das liegt auch daran, dass er ein großes Panorama der damaligen Szene ausbreitet und er und die Filmemacher Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck (die ebenfalls aus der Subkulturszene kommen) und Heiko Lange tief in den Archiven wühlten und eine erstaunliche Menge an zeitgenössischem Filmmaterial ausgruben, das es ihnen ermöglichte, vollkommen auf aktuelle Interviews zu verzichten. „B-Movie“ ist die Rückschau von Reeder, die eher zufällig entstand. In einem Interview in der „Berliner Zeitung“ vom 21. März 2015 (nicht online) sagt er: „Jörg [Hoppe] gefiel eines meiner Remix-Alben und so fragte er mich, ob ich bei diesem Projekt das Sounddesign machen wollte. Ich fand das interessant und meinte, ich hätte da ein paar Filme bei mir zu Hause. Das könnte er sich ja überspielen. Er wusste überhaupt nichts von meinem früheren Leben. Gleichzeitig suchten sie nach einem roten Faden, der die Filmsequenzen verbindet. Der Film ist also ganz den Regisseuren zu verdanken, sowie allen, die uns ihre Super-8- oder VHS-Filme gegeben haben. Ich als außenstehender Dritter konnte allerdings aus einer ganz anderen Perspektive erzählen, um die Stadt zu dieer Zeit zu zeigen, mit einem ganz anderen Humor.“
So entstand eine feine, kurzweilige, witzige, lehrreiche Dokumentation, die eine gute Ergänzung zu Oscar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ ist und etwas Lust auf das Wiederhören der alten Platten macht. Denn der Endzeit-Lärm der „Einstürzenden Neubauten“ (um nur die bekannteste Berlin-Band zu nennen) ist nicht gerade lauschige Musik für das Feierabendbier.

B-Movie - Plakat

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)


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