Neu im Kino/Filmkritik: Clint Eastwood ist „The Mule“

Januar 31, 2019

Als Schauspieler trat Clint Eastwood seit „Blood Work“ (2002) kaum noch auf. So waren seine Hauptrollen in „Million Dollar Baby“ (2004), „Gran Torino“ (2008) und „Back in the Game“ (Trouble with the Curve, 2012) immer auch sein möglicherweise letzter Leinwandauftritt.

Als Regisseur war er dagegen gut beschäftigt mit einem Arbeitspensum von ungefähr einem Film pro Jahr. Munter zwischen den Genres wechselnd, meistens sehr gelungen und auch an der Kinokasse erfolgreich. Es sind Filme für Erwachsene, die nichts mit Superheldengedöns, epischen Weltraumschlachten und Pennälerhumor anfangen können.

Auch sein neuester Film „The Mule“, wieder mit ihm als Regisseur und Hauptdarsteller, wieder nach einem Drehbuch von „Gran Torino“-Autor Nick Schenk und mit einer beeindruckenden Riege guter Schauspieler – Dianne Wiest als seine Ex-Frau, Andy Garcia als Kartellboss, Bradley Cooper, Laurence Fishburne und Michael Peña als DEA-Ermittler (alle drei mit Eastwood-Erfahrung) – ist vor allem traditionsbewusstes, gewohnt unprätentiöses Hollywood-Erzählkino.

Wie bei Eastwoods vorherigen Filmen ist eine wahre Geschichte die Inspiration für den Film. Während er in „J. Edgar“, „Jersey Boys“, „American Sniper“, „Sully“ und „The 15:17 to Paris“ nah an der Wirklichkeit bleibt, nimmt er in „The Mule“ die wahre Geschichte als eine Inspiration für seine Fabel

Die Inspiration für „The Mule“ ist die Geschichte von Leo Sharp. Der 1924 geborene, nicht vorbestrafte Weltkrieg-II-Veteran, Urgroßvater und anerkannte Züchter von Taglilien wurde zu dem ältesten und erfolgreichsten Drogenkurier des Sinaloa-Kartells. Tata, Großvater, war sein Spitzname im Kartell. Spätestens ab 2000 fuhr er Drogen durch die USA. Im Februar 2010 waren es, nach den Notizen des Kartells, 246 Kilo, im März 250 Kilo, im April wieder 250 Kilo und in den folgenden Monaten jeweils 200 Kilo. Pro befördertes Kilo soll er tausend Dollar erhalten haben. Am 21. Oktober 2011 wurde er während einer Drogentour verhaftet.

Nach seiner Verhaftung stieg in Detroit der Straßenpreis für das Kilo Kokain von 30.000 Dollar auf 43.000 Dollar.

Sharp wurde zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Die mögliche Höchststrafe wären zwanzig Jahre gewesen. Aber Sharp war damals schon ein alter Mann, dessen Gesundheit sich rapide verschlechterte. Deshalb verbüßte er nur ein Jahr in Haft. Er starb am 12. Dezember 2016.

Der Film verlegt jetzt die Geschichte in die Gegenwart, verändert Namen und Hintergrundgeschichten und auch viele weitere, mehr oder weniger wichtige Details. Vieles, zum Beispiel, wann, wie und warum Sharp Drogenkurier wurde (Gier ist das wahrscheinlichste Motiv), wie das Verhältnis zu seiner Familie war und was er während seiner Fahrten durch die USA erlebte, ist unklar.

Earl Stone, wie Leo Sharp im Film heißt, ist ein netter, allseits beliebter Taglilien-Züchter. Mit seiner Ex-Frau und seiner Tochter ist er zerstritten. Seine Enkeltochter mag ihn. Aber auch sie sieht ihn fast nie. Denn Stone ist ein Meister darin, alle für die Familie wichtigen Termine zu vergessen.

Als er zufällig bei der Hochzeitsfeier seiner Tochter auftaucht, macht ihm einer der Gäste ein Angebot, das er nicht ablehnen will. Er soll einfach Dinge von einem Ort zu einem anderen Ort fahren und er wird dafür bezahlt. Dass die netten Mexikaner in der Autowerkstatt schwer bewaffnet sind und dass die Bezahlmodalität – das Geld wird in einem Umschlag in das Auto gelegt – seltsam ist, stört ihn nicht. Es ist viel Geld, das Stone für ein neues Auto, Luxusgegenstände, Frauen und für seine Freunde ausgibt. Seltsamerweise fragt sich niemand, woher Stones plötzlicher Reichtum kommt. Während Stone mit jeder Fahrt mehr Drogen transportiert, mehr Geld erhält und sich mit den Verbrechern befreundet, ermitteln zwei DEA-Agenten gegen ihn.

Clint Eastwood erzählt diese Geschichte als wunderschön entspanntes Schauspielerkino und garniert es mit leinwandfüllenden Bildern des US-amerikanischen Hinterlandes.

Bei Stones Drogenfahrten durch die USA entsteht so auch ein kleines, sehr harmonisches Bild der USA, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat oder etwas erklären oder eine These belegen will. Es sind nur Reisebeobachtungen und Erlebnisse mit einem ebenso knorrigem, wie gewitztem Protagonisten. Denn selbstverständlich begegnet er bei seinen Fahrten auch Polizisten.

The Mule“ ist kein welterschütterndes Drama, sondern nur eine kleine Geschichte, erzählt im Rhythmus eines Talking-Blues oder eines Folksongs, in dem Beobachtungen und Reiseerlebnisse locker aneinandergereiht werden, während der Sänger auch mal eine Strophe vergisst, austauscht oder ausbaut. Dabei erzählt der Erzähler die Legende über einen Fahrer, der mehr Drogen befördert, als alle anderen Fahrer. Mit der Realität hat das dann wenig zu tun. Und aus der Realität hätte man auch einen ganz anderen Film machen können.

Schauspielerisch übernimmt Clint Eastwood in Earl Stones Gestik und Mimik viel, sehr viel von seinem „Gran Torino“-Charakter Walt Kowalski. Nur sein Gang ist unsicherer. Stone ist, wie Kowalski, ein Sturkopf, der sich nichts sagen lässt und sich mit seiner gesamten Familie zerstritten hat. Er ist ein Einzelgänger, der auf den langen Fahrten durch die USA das allein sein genießt. Allerdings hat er kein Gewissen. Er denkt nicht einmal über seine Taten nach.

Auch der Film ignoriert die Frage, was die von Earl Stone beförderten Drogen bei ihren Konsumenten, ihren Familien und in den Städten anrichten.

The Mule“ erzählt nur die erstaunliche Geschichte über einen alten Mann, der etwas tut, was niemand von ihm erwartet hätte.

The Mule (The Mule, USA 2018)

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Nick Schenk

LV: Sam Dolnick: The Sinaloa Cartel’s 90-Year-Old Drug Mule (The New York Times Magazine, 2014)

mit Clint Eastwood, Bradley Cooper, Laurence Fishburne, Michael Peña, Dianne Wiest, Andy Garcia, Alison Eastwood, Taissa Farmiga, Ignacio Serricchio, Loren Dean, Eugene Cordero

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Mule“

Metacritic über „The Mule“

Rotten Tomatoes über „The Mule“

Wikipedia über „The Mule“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood prüft den Wahrheitsgehalt der Moritat

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “American Sniper” (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 8. Februar: Gran Torino

Februar 8, 2018

Kabel 1, 22.25

Gran Torino (USA 2008, Regie: Clint Eastwood)

Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)

Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.

Der bislang vorletzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch ungefähr im Jahrestakt jedes Jahr einen Film. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.

Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten. Das Budget betrug ziemlich lächerliche 33 Millionen US-Dollar.

Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.

Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.

Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gran Torino“

Wikipedia über “Gran Torino” (deutsch, englisch)

CTV.ca: AP-Artikel über Nick Schenk

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “American Sniper” (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 24. Juli: Der Richter – Sein wichtigster Fall

Juli 24, 2017

ARD, 20.15

Der Richter – Recht oder Ehre (The Judge, USA 2014)

Regie: David Dobkin

Drehbuch: Nick Schenk, Bill Dubuque

Staranwalt Hank Palmer fliegt zur Beerdigung seiner Mutter, nach Jahren, zurück ins ländliche Indiana. Der Rückflug verzögert sich, weil sein Vater, ein Richter, verdächtigt wird, einen Mann überfahren zu haben. Hank soll ihn, gegen seinen Willen, verteidigen. Und dann gibt es noch einige weitere Probleme.

TV-Premiere von „Der Richter – Recht oder Ehre“, der im TV „Der Richter – Sein wichtigster Fall“ heißt. Warum auch immer.

Sehenswertes, dank etlicher Subplots etwas lang geratenes, weitgehend vorhersehbares, gut gespieltes Drama, das in der aktuellen Superheldenfilmographie von Robert Downey Jr. eine rare Ausnahme ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Robert Downey Jr., Robert Duvall, Vera Farmiga, Vincent D’Onofrio, Jeremy Strong, Dax Shepard, Billy Bob Thornton, Leighton Meester, Emma Tremblay, Ken Howard, David Krumholtz, Balthazar Getty

Wiederholung: Dienstag, 25. Juli, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der Richter“
Moviepilot über „Der Richter“
Metacritic über „Der Richter“
Rotten Tomatoes über „Der Richter“
Wikipedia über „Der Richter“

Meine Besprechung von David Dobkins „Der Richter – Recht oder Ehre“ (The Judge, USA 2014)


Buch- und DVD-Kritik: Über „Narcos“ und „Narconomics“

November 9, 2016

Die letzte Meldung zum Drogenkrieg: Jeremy Douglas, der Asien-Pazifik-Vertreter der UN-Drogenbehörde UNODC sagte Ende Oktober: „Der Anti-Drogen-Krieg des vergangenen halben Jahrhunderts hat keine Resultate gebracht. Zahlen machen deutlich, dass die Lage schlimmer denn je ist.“

Wer wissen möchte, warum er scheiterte, findet unter anderem in der Serie „Narcos“ und dem Sachbuch „Narconomics“ Erklärungen.

Narcos“, eine von Carlo Bernard, Chris Brancato und Doug Miro erfundene Netflix-Serie, erzählt die Geschichte des USA-Südamerikanischen Drogenkrieges seit den frühen Siebzigern bis, nun, wir werden sehen. In der ersten Staffel (die zweite ist bereits veröffentlicht, eine dritte und vierte Staffel sind bestellt) geht es um Pablos Escobar (1. Dezember 1949 – 2. Dezember 1993) und seinen Aufstieg. Die erste Staffel endet im Juli 1992, als Escobar aus dem Gefängnis „La Catedral“ (das er in jeder Beziehung nach seinen eigenen Wünschen gestaltete) in den Dschungel flüchtet. Escobars Gegner ist der DEA-Agent Steve Murphy, der sich Ende der siebziger Jahre von Florida nach Kolumbien versetzen lässt und der in den ersten acht von zehn Episoden mit seiner Erzählerstimme die sich durchgehend nah an der Realität bewegenden, kongenial verdichteten Ereignisse kommentiert. Murphys Freund und Vertrauter ist sein Partner Javier Peña, der in der Serie schon länger im Land ist. In Wirklichkeit kam Peña erst 1989 ins DEA-Büro in Bogotá (und einige der Fotos, die er damals schoss, sind in James Mollisons Bildband „Escobar – Der Drogenbaron“ veröffentlicht).

In den letzten beiden Episoden verändert sich dann das Erzähltempo von einem Scorsese-haftem Epos hin zur langsamen Erzählweise des Serienfernsehens, in dem es, auch wenn es einen oder mehrere folgenübergreifende Handlungsstränge gibt, pro Folge immer einen klar umrissenen ‚Konflikt der Woche‘ gibt und die Geschichte sich manchmal im Schneckentempo voranbewegt. Dieser Bruch markiert auch den Punkt, in dem Macher bemerkten, dass sie mit „Narcos“ wirklich eine Serie haben, die sie über mehrere Staffeln weitererzählen können.

Die erste Staffel von „Narcos“ ist furioses Fernsehen, das immer wieder wie eine Bebilderung von Don Winslows Südamerika-Romanen „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ wirkt. Immerhin behandeln die Serie und die Romane den gleichen Krieg aus der nord- und südamerikanischen Perspektive und sie stellen in ihrer Jahrzehnte umspannenden Chronik nüchtern das vollständige Scheitern des von Präsident Nixon groß angekündigten „war on drugs“ fest: der Drogenkonsum nahm zu, die Preise stagnierten, die Gewalt eskalierte.

Die ersten beiden Folgen wurden von José Padilha, dem Regisseur von „Tropa de Elite“ und „Robocop“, inszeniert. Er legte damit den Grundton und das Erzählprinzip, das er „’Goodfellas‘ mit Archivmaterial“ nennt, fest. Für ihn war, wie er im Bonusmaterial erzählt, nur Wagner Moura, mit dem er bereits mehrfach zusammenarbeitete, als Pablo Escobar vorstellbar. Und Moura, der für die Rolle spanisch lernte, überzeugt als Escobar restlos.

Daher ist es auch sehr lobenswert, dass auch in der deutschen Synchronisation das Prinzip der Zweisprachigkeit beibehalten wurde und die Charaktere in ihrer Muttersprache, also englisch (bzw. deutsch) oder spanisch, sprechen. Für Netflix war diese Zweisprachigkeit nie ein Problem und auch aus ökonomischer Perspektive sogar erwünscht. Denn der spanischsprechende Markt ist groß. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Sprachen trägt auch zum Realismus der Serie bei.

Ein Problem der Serie ist allerdings, dass gerade bei den ersten acht Episoden die einzelnen Charaktere kaum ein Eigenleben entwickeln können, weil in einem atemlosen Reportage-Stil durch die Jahre gehetzt werden muss.

Ein anderes Problem ist, dass wirklich kein Charakter zur Identifikation einlädt. Letztendlich sind alle Arschlöcher, die, wenn es ihren Zielen dient, Gesetze brechen und Moral für eine Nebensache halten. Auch DEA-Agent Murphy macht da in der Serie eine Entwicklung durch. Sie ist am Ende der achten Episode, die den Kreis zur ersten Episode schließt, abgeschlossen.

Das Bonusmaterial ist mit drei Audiokommentaren, den Featurettes „The Colombian Connection“, „Establishing the Route“ und „The Language Barrier“ (insgesamt 45 Minuten) und knapp acht Minuten „Deleted Scenes“ durchaus umfangreich ausgefallen. Die informativen Featurettes konzentrieren sich auf die Serie und liefern Hintergründe zum Dreh vor Ort und der Zusammenarbeit mit Netflix. Allerdings wurde, aus was für idiotischen Gründen auch immer, durchgehend darauf verzichtet, die Namen und Funktionen der Interviewten einzublenden. So muss man sich während des Gesprächs zusammenreimen, wer spricht. Bei einigen findet man es nie heraus.

Narconomics – Ein Drogenkartell erfolgreich führen“ von „Economist“-Journalist Tom Wainwright ist eine gute Ergänzung zu „Narcos“. Der ab 2010 jahrelang über Mittelamerika und die umliegenden Länder berichtende Journalist wagt eine aktuelle Bestandsaufnahme des Kampfes gegen die Drogen in Südamerika und den USA. Mit minimalen Ausflügen in andere Länder. In seinem Sachbuch zeichnet er den Weg der Drogen vom Anbau bis zum Verkauf an den Endkonsumenten nach. Dabei verbindet er Vor-Ort-Recherche mit umfassenderen Analysen und betrachtet das Drogengeschäft aus ökonomischer Perspektive. Also so, als wäre das Drogengeschäft ein ganz normales Geschäft, das sich von legalen Geschäften nur durch die beiden Buchstaben „i“ und „l“ unterscheidet. Mit dieser, zugegeben nicht besonders neuen Betrachtungsweise, die er auf die gesamte Lieferkette anwendet, führt er zu einer teilweise neuen Sicht des Drogengeschäftes und den damit zusammenhängenden Probleme, wie Kriminalität, zweifelhafte Produktqualität und den Kosten der Bekämpfung. Denn der gesamte, inzwischen seit Jahrzehnten geführte Kampf gegen die Drogen führte nicht zum Ziel. Im Gegenteil: es wird mehr konsumiert und der Straßenpreis (vulgo Endkundenpreis) für Drogen steigt nicht. Dagegen steigen, egal ob man sich nur auf die direkten oder auch die indirekten Kosten konzentriert, die Kosten der Bekämpfung.

Aus dem ökonomischen Blickwinkel wird auch deutlich, an welchen Punkten der Lieferkette man am besten eingreift: an der Grenze zur USA oder ziemlich direkt bei den Endkonsumenten. Dort ist das Produkt am teuersten. Der ökonomische Verlust für die Kartelle ist dort am höchsten.

Aus dem ökonomischen Blickwinkel wird auch deutlich, wie hoch die Kosten des erfolglosen Kampfes gegen die Drogen sind – und warum man die bisherige Politik ändern sollte. Folgerichtig fordert Wainwright ein Ende der Drogenprohibition, weil ein Verbot bei Drogen, wenn die Menschen sie konsumieren wollen, noch nie funktionierte. Das hatten die US-Amerikaner während der Alkoholprohibition schon erfahren müssen.

Eine überlegte Freigabe, Qualitätskontrolle, Besteuerung, vorausschauende Sozialpolitik, auch ein Umsteuern beim Umgang mit Inhaftierten (damit Gefängnisse nicht weiterhin Rekrutierungsorte für die Kartelle bleiben) und eine Produktion vor Ort würden vieles ändern. Der zunehmende Drogenhandel über das Internet hat schon jetzt, wie auch im normalen Handel, einiges geändert, weil die Vergleichsmöglichkeiten über die Qualität und den Preis des Produktes zunahmen. Außerdem war es noch nie wirklich sexy, aber abenteuerlich, sich in dunklen Gassen seinen Stoff zu besorgen.

Der Kollateralschaden einer solchen Politik wäre natürlich ein Ende Serien wie „Narcos“. Denn wer will schon normalen Kaufleuten bei ihrer stinklangweiligen Arbeit zusehen?

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Narcos – Die komplette erste Staffel (Narcos, USA 2015)

Regie: José Padilha, Guillermo Navarro, Andi Balz, Fernando Coimbra

Drehbuch: Chris Brancato, Carlo Bernard, Doug Miro, Dana Calvo, Dana Ledoux Miller, Andy Black, Zach Calig, Allison Abner, Nick Schenk

Erfinder: Carlo Bernard, Chris Brancato, Doug Miro

mit Wagner Moura (Pablo Escobar), Boyd Holbrook (Steve Murphy), Pedro Pascal (Javier Peña), Paulina Gaitan (Tata Escobar), Juan Murcia (Juan Pablo Escobar), Raúl Méndez (César Gaviria), Jorge Monterrosa (Trujillo), Paulina García (Hermilda Gaviria), Diego Cataño (La Quica), Julián Díaz (Blackie), Joanna Christie (Connie Murphy), Danielle Kennedy (Botschafterin Noonan), Luis Guzmán (José Rodríguez Gacha)

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch/Spanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making-of, Interviews mit Cast & Crew, Deleted Scenes, Audiokommentare

Länge: 500 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Narcos“

Wikipedia über „Narcos“ (deutsch, englisch) und Pablo Escobar (deutsch, englisch)

Narconomics von Tom Wainwright

Tom Wainwright: Narconomics – Ein Drogenkartell erfolgreich führen

(übersetzt von Henning Dedekind)

Blessing, 2016

352 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

How to run a Drug Cartel

PublicAffairs, Perseus Book Group, New York, 2016

Bonushinweis

Wer zwischen der Realität und „Narcos“ vergleichen will, sollte sich James Mollisons „Escobar – Der Drogenbaron“ beschaffen. In der reich bebilderten Biographie kann man in die damalige Zeit eintauchen.

Mollison - Escobar - Der Drogenbaron

James Mollison (mit Rainbow Nelson): Escobar – Der Drogenbaron

(übersetzt von Simone Salitter und Gunter Blank)

Heyne Hardcore, 2010

416 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Memory of Pablo Escobar

Chris Boot Ltd., London 2007

 


TV-Tipp für den 4. Juni: Gran Torino

Juni 4, 2015

Kabel 1, 20.15

Gran Torino (USA 2008, Regie: Clint Eastwood)

Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)

Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.

Der bislang vorletzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch fünf weitere Filme. Zuletzt “Der Scharfschütze” über einen Navy-SEAL-Scharfschützen. Der Film soll am 15. Januar 2015 in Deutschland starten. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.

Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten.

Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.

Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.

Danach, um 22.40 Uhr, schlägt das „Million Dollar Baby“ Hillary Swank unter der Anleitung von Clint Eastwood (auch Regie) zu. Ebenfalls sehenswert.

Als nächstes dreht Clint Eastwood ein Biopic über Sully Sullenberger, den Piloten, der ein Passagierflugzeug auf dem Hudson River notlandete. Da bin ich auf die Story gespannt.

Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe

Wiederholung: Freitag, 5. Juni, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Film-Zeit über „Gran Torino“

Wikipedia über “Gran Torino” (deutsch, englisch)

CTV.ca: AP-Artikel über Nick Schenk

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “American Sniper” (American Sniper, USA 2014)

Clint Eastwood in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Nick Schenks “Der Richter – Recht oder Ehre” (The Judge, USA 2014)


TV-Tipp für den 10. November: Gran Torino

November 10, 2014

Sat.1, 20.15

Gran Torino (USA 2008, Regie: Clint Eastwood)

Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)

Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.

Der bislang vorletzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch fünf weitere Filme. Zuletzt „Der Scharfschütze“ über einen Navy-SEAL-Scharfschützen. Der Film soll am 15. Januar 2015 in Deutschland starten. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.

Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten.

Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.

Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.

Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe

Hinweise

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Film-Zeit über „Gran Torino“

Wikipedia über “Gran Torino” (deutsch, englisch)

CTV.ca: AP-Artikel über Nick Schenk

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Clint Eastwood in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Nick Schenks „Der Richter – Recht oder Ehre“ (The Judge, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Richter – Recht oder Ehre“ ist seinem Sohn egal

Oktober 16, 2014

Die letzten Jahre war Robert Downey Jr. vor allem als Iron Man (aka Tony Stark) im Marvel-Universum unterwegs. Da konnte man fast vergessen, dass er seine Karriere als Charakterdarsteller begann und für seine Darstellung von Charlie Chaplin in „Chaplin“ eine Oscar- und Golden-Globe-Nominierung als bester Hauptdarsteller erhielt.
Sein neuer, von ihm mitproduzierter Film „Der Richter – Recht oder Ehre“, inszeniert von David Dobkin (Die Hochzeits-Crasher), nach einem Drehbuch von Nick Schenk (Gran Torino) und Bill Dubuque, ist eine Rückkehr zum Drama, das von den Schauspielern getragen wird. Obwohl Robert Downeys Charakter auf den ersten Blick Tony Stark ohne Rüstung ist. Denn Großstadtanwalt Hank Palmer ist ein arrogantes Arschloch, das bedenkenlos auf den Gefühlen seiner Mitmenschen herumtrampelt, solange er damit für seine normalerweise schuldigen, immer vermögenden Mandanten ein gutes Gerichtsurteil erreichen kann. Er kommt zwar aus einer Kleinstadt, aber er will unter keinen Umständen zurück. Seine Familie besuchte er schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Mit seinem Vater, einem Kleinstadtrichter seit 42 Jahren, ist er zerstritten.
Als seine Mutter stirbt, muss er für einige Stunden zurück nach Carlinville, Indiana. Er will nach der Beerdigung das Dorf so schnell wie möglich verlassen. Als er seinen Rückflug antreten will, erfährt er, dass sein mit Gedächtnislücken kämpfender, prinzipientreuer Vater angeklagt ist, einen Mann überfahren zu haben. Die Anklage plädiert auf kaltblütigen Mord. Palmer entschließt sich, zu bleiben und seinem Vater zu helfen. Der lehnt diese Hilfe vor Gericht allerdings zunächst ab.
„Der Richter“ verknüpft Gerichtsdrama (Ist Joseph Palmer schuldig? Kann Hank einen Freispruch erwirken?) mit Familiendrama (Können Vater und Sohn ihre Differenzen überwinden?) mit Liebesdrama (Wird Hank bei seiner Jugendliebe Samantha bleiben?) auf dem Niveau eines guten TV-Zweiteilers: die einzelnen Plots sind lehrbuchhaft austariert, die Geschichten bewegen sich zügig voran, die Schauspieler sind gut, die Optik ist gediegen. Aber jeder Plot bewegt sich absolut vorhersehbar auf sein Ende zu.
Einige Subplots, vor allem die Liebesgeschichte zwischen Hank und Samantha (Vera Farmiga) hätte man problemlos streichen können. Und das sage ich als Vera-Farmiga-Fan, der ich jede Minute Screentime gönne. In dem Vater-Sohn-Drama ist sie allerdings vollkommen verschenkt als Jugendliebe, die über zwei Jahrzehnte auf die Rückkehr ihrer High-School-Romanze wartet.
Mit 141 Minuten ist „Der Richter“ für einen Spielfilm auch extrem lang geraten, was auch daran liegt, dass als weiterer Subplot noch Hanks Beziehung zu seiner siebenjährigen Tochter, die ihn in Carlinville besucht, angesprochen wird. Auch hier hätte man Hanks Tochter durch irgendein Nachbarkind ersetzen können. Denn eigentlich wollen die Macher nur zeigen, dass Hanks biestiger Vater ein liebevoller Großvater ist. Immerhin wird Hanks gerade laufende Scheidung nicht weiter thematisiert. Das ist dann Stoff für den Extended-DVD-Cut, der dann wirklich alles aus dem Kleinstadtleben der Familie Palmer erzählt.

Der Richter - Plakat

Der Richter – Recht oder Ehre (The Judge, USA 2014)
Regie: David Dobkin
Drehbuch: Nick Schenk, Bill Dubuque
mit Robert Downey Jr., Robert Duvall, Vera Farmiga, Vincent D’Onofrio, Jeremy Strong, Dax Shepard, Billy Bob Thornton, Leighton Meester, Emma Tremblay, Ken Howard, David Krumholtz, Balthazar Getty
Länge: 141 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

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