Neu im Kino/Filmkritik: Wes Anderson besucht die „Isle of Dogs – Ataris Reise“ wird erzählt

Mai 11, 2018

Beginnen wir gleich mit dem größten Problem von „Isle of Dogs – Ataris Reise“: die Synchronisation. Im Original verleihen Hollywoodstars Hunden und Menschen ihre Stimme. Bei uns sind es dann deutlich unbekanntere Synchronsprecher.

Die meisten Zuschauer werden sich, im Gegensatz zu den Cineasten und „ich will jeden Film von xyz sehen“-Fans, daran nicht stören. Sie kennen eh nur die Synchronstimmen von Scarlett Johansson und Greta Gerwig. Und die Fans von Originalfassungen, zu denen ich gehöre, sind eine überschaubare Minderheit. Sogar im CineStar im Berliner Sony Center, das nur Originalfassungen zeigt, wird man an der Kasse immer gefragt, ob man die Originalfassung sehen möchte.

Damit ist, ehrlich betrachtet, die Synchronisation und das damit verbundene Verschwinden der Starpower, etwas zwischen Schein- und Luxusproblem. Der Reiz der Bilder bleibt in dem witzigen Stop-Motion-Film in jeder Fassung erhalten.

Stop-Motion ist eine altbewährte Filmtechnik, die auch sehr aufwendig ist. Zuerst werden dreidimensionale Objekte, in diesem Fall Hunde und Menschen, gefertigt. Diese werden für jede Aufnahme minimal bewegt. Erst wenn man die so entstandenen Aufnahmen schnell zeigt, entsteht der Eindruck von Bewegung. Weil „Isle of Dogs“-Regisseur Wes Anderson statt der normalen 24 Bilder pro Sekunde eine Vorliebe für 12 Einzelbilder pro Sekunde hat, mussten für den Film nur 130.000 handgefertigte Standbilder angefertigt werden. Die Bewegungen erscheinen so etwas abgehackter als normal. Am Arbeitstempo änderte sich dadurch wenig. Täglich konnten nur wenige Sekunden Film entstehen. Insgesamt dauerte die Produktion des Films fast zwei Jahre. Und davor wurde das Drehbuch geschrieben und in einem Storyboard die einzelnen Einstellungen festgelegt. „Isle of Dogs“ ist daher kein Film, in dem mal schnell etwas improvisiert wurde.

Stop-Motion-Szenen hat jeder schon gesehen. Meistens in Science-Fiction- und Fantasy-Filmen. In „King Kong und die weiße Frau“ und den „Krieg der Sterne“-Filmen wurde die Technik für einige Szenen verwandt. Ray Harryhausen war ein Meister dieser Technik. Seine Arbeit kann in „Sindbads 7. Reise“, „Jason und die Argonauten“, „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ und „Kampf der Titanen“ bewundert werden. In den letzten Jahren inszenierten Tim Burton („Nightmare before Christmas“ [Regie: Henry Selick], „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“ und „Frankenweenie“) und, für Erwachsene, Charlie Kaufman („Anomalisa“) Stop-Motion-Kinofilme. Mit „Der fantastische Mr. Fox“ inszenierte Wes Anderson bereits einen Stop-Motion-Animationsfilm.

In seinem neunten Spielfilm „Isle of Dogs – Ataris Reise“ erzählt Anderson die Geschichte von Atari Kobayashi (Koyu Rankin). Er ist der zwölfjährige Pflegesohn des autoritären Bürgermeisters von Megasaki City. Aufgrund einer grassierenden Hundegrippe werden alle Hunde aus der Stadt nach Trash Island verbannt. Die Insel, eigentlich eine Müllkippe, liegt in Sichtweite von Megasaki City.

Eines Tages wird Spots, der Wachhund von Atari, nach Trash Island deportiert.

Atari will seinen Freund retten. Er klaut ein Flugzeug, legt auf der Insel eine ordentliche Bruchlandung hin und will auf der riesigen Insel seinen besten Freund finden. Das ist eine ziemlich hoffnungslose Aufgabe, bis eine kleine Hundegruppe – bestehend aus Rex (Edward Norton), Boss (Bill Murray), King (Bob Balaban), Duke (Jeff Goldblum) und Chief (Bryan Cranston) – beschließt, dem Jungen zu helfen. Immerhin ist es das, was Hunde tun.

In diesem Moment sind wir schon mitten drin in einem Abenteuer, das Kindern und Erwachsenen gefallen dürfte. Für Kinder gibt es eine Geschichte über die Suche nach einem Hund, Freundschaft und den Kampf gegen einen Bösewicht. Denn die Hundegrippe wurde von Menschen verursacht. Genauso wie die Ausgrenzung und Deportation der einstmals geliebten Haustiere in den sicheren Tod. Denn auf Trash Island gibt es keine Nahrung. Anderson erzählt die Abenteuer von Atari und seinen Hundefreunden, mit vielen sehr vergnüglichen Um- und Abwegen, detailfreudig, voller Humor, Slapstick und Situationskomik.

Erwachsene und Cineasten werden in diesen Momenten auch etliche lässig eingestreute Anspielungen und Zitate erkennen. Stilistisch ist „Isle of Dogs“ unverkennbar inspiriert vom japanischen Film, vor allem von Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“), und der japanische Kultur. Im Film wird auch ziemlich viel japanisch gesprochen. Anderson erzählt die Geschichte aus der Sicht der Hunde, die sich natürlich untereinander blendend verstehen. Sie sprechen daher, im Original, englisch. Japanisch verstehen die Hunde nicht. Deshalb gibt es, wenn Menschen japanisch sprechen, auch keine Untertitel. Wenn es wirklich wichtig ist, übersetzt eine Dolmetscherin (Frances McDormand im Original) ins Englische. Das ist nötig, weil eine junge US-Austauschstudentin, Hundefreundin und Journalistin eine gewaltige Verschwörung gegen die Hunde wittert.

Diese Verschwörung gegen die Hunde, ihre Ausgrenzung und die Pläne für ihre Vernichtung können mühelos als warnender Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen gelesen werden. Dabei hat Wes Anderson den Film schon 2015 ankündigt und die Produktion begann 2016. Seine Premiere hatte er auf der diesjährigen Berlinale. Dort erhielt Anderson den Silbernen Bären als bester Regisseur.

Isle of Dogs – Ataris Reise (Isle of Dogs, USA 2018)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzmann und Kunichi Nomura)

mit (im Original den Stimmen von) Liev Schreiber, Edward Norton, Bill Murray, Bob Balaban, Jeff Goldblum, Bryan Cranston, Scarlett Johansson, F. Murray Abraham, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Ken Watanabe, Koyu Rankin, Kunichi Nomura, Akira Takayama, Greta Gerwig, Akaira Ito, Yoko Ono, Frances McDormand, Nijiro Murakami, Mari Natsuki, Yojiro Nada, Frank Wood, Courtney B. Vance (Wuff, ein All-Star-Voice-Film)

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Isle of Dogs“

Metacritic über „Isle of Dogs“

Rotten Tomatoes über „Isle of Dogs“

Wikipedia über „Isle of Dogs“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Isle of Dogs“

Meine Besprechung von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Q&A bei der Film Society of Lincoln Center

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Naomi Kawases poetischen Spielfilm „Still the Water“

Juli 31, 2015

Wenn man Naomi Kawases neuen Film „Still the Water“ als auch nur halbwegs stringent erzähltes Werk begreifen will, schwankt man zwischen Verzweiflung über die vielen ins Nichts führenden Andeutungen und Langeweile über die vielen rein beobachtenden Bilder, die nur eine illustrative und in ihren besten Momenten auch poetische Funktion haben.
Wenn man den Film allerdings als Meditation, als Angebot zum Träumen und Gedanken schweifen lassen begreift, dann hat der Film durchaus Qualitäten. Denn dann stört man sich auch nicht daran, dass die einzelnen Erzählstränge sich eher im Weg stehen, dass die zentrale Geschichte von den Nebengeschichten begraben wird, dass fast alles nur angedeutet wird (und ich als Westler die Andeutungen kaum verstehe, weshalb für mich ein Baum ein Baum und kein Symbol für irgendetwas anderes ist) und, was für mich das größte Problem ist, dass der Film mit der falschen Szene beginnt, die bei mir Erwartungen weckte, die nie eingelöst werden.
Das Mädchen Kyoko und der Junge Kaito leben auf der subtropischen japanischen Insel Amami-Oshima. Auf ihrem Weg zur Schule sehen sie, mit vielen anderen Schaulustigen, wie eine tätowierte Männerleiche aus dem Wasser geborgen wird. Offensichtlich wurde er ermordet. Und während nach den gängigen Erzählkonventionen dieser Mord den gesamten Film und damit auch die Handlungen der Charaktere beeinflussen würde, ist er Naomi Kawase ziemlich egal. Ihr geht es, und das ist der Hauptplot, um Kyoko und Kaito und ihre beginnende Liebe. Es geht ihr auch um deren Eltern. Kyokos Mutter ist eine im Sterben liegende Schamanin. Sie hat das Krankenhaus verlassen und wird von ihrem Mann liebevoll gepflegt. Sowieso verkörpet Kyokos Familie, mit ihrem kleinen Strandrestaurant, perfekt die Hippie-Idylle einer funktionierenden, mit sich und der Natur im Einklang lebenden Familie.
Kaito lebt seit Kurzem bei seiner Mutter. Sein Vater, den er auch einmal besucht, lebt in Tokio bei einem Mann. Ob zur Untermiete oder weil sie miteinander befreundet sind (was natürlich die Scheidung erklären würde), wird nicht klar. Aber er ist begeistert von dem freien Leben in der Großstadt. Kaito ist ein eher schüchterner Junge, der auch das seelische Gepäck eines Scheidungskindes mit sich herumträgt. Irgendwann vermutet Kaito sogar, dass seine Mutter den Toten kannte. Ihn vielleicht sogar ermordete, weil er vielleicht ihr Liebhaber war. Dieser Schwebezustand, diese teils rätselhaften, teils ins Nichts führenden Andeutungen durchziehen den ganzen Film, die ihn, wenn man Erklärungen möchte, zu einer frustrierenden und auch langweiligen Angelegenheit machen. Jedenfalls wenn man einen normalen narrativen Film und nicht eine Abfolge weitgehend interpretationsoffener Bilder sehen möchte.
„Still the Water“ ist eher ein Gedicht, das einen Aufgrund seiner Stimmungen verzaubern kann – was ihm in einigen, wenigen Momenten auch bei mir gelang – oder auch nicht.

Still the Water - Plakat - 4

Still the Water (Futatsumo no mado, Japan/Frankreich/England 2014)
Regie: Naomi Kawase
Drehbuch: Naomi Kawase
mit Nijiro Murakami, Jun Yoshinaga, Miyuki Matsuda, Tetta Sugimoto, Makiko Watanabe
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Still the Water“
Moviepilot über „Still the Water“
Metacritic über „Still the Water“
Rotten Tomatoes über „Still the Water“
Wikipedia über „Still the Water“
Filmfestival Cannes über „Still the Water“

Ein japanisch-englisches Gespräch mit Naomi Kawase während des Göteborg Film Festivals


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