Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Florian Henckel von Donnersmarck schafft ein „Werk ohne Autor“

Oktober 4, 2018

Unabhängig von dem, was ich gleich über Florian Henckel von Donnersmarcks neuen Film „Werk ohne Autor“ schreiben werde, muss ich eins klarstellen: die über drei Stunden, die der Film dauert, vergingen schnell. Ich musste nicht gegen den Schlaf kämpfen, rutschte nicht unruhig im Kinosessel herum und biss nicht die vordere Sesselreihe durch. Das gelingt nicht jedem Film. Vor allem nicht über eine so epische Laufzeit hinweg.

Aber die Entscheidung von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ in das Rennen um den Auslandsoscar zu schicken, verstehe ich nicht. Zur Auswahl standen auch „Transit“, „Mackie Messer – Der Dreigroschenfilm“, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Der Hauptmann“. Alles interessante Filme, die nicht so hemmungslos auf einen Oscar schielen wie „Werk ohne Autor“. Und gegen unseren letztjährigen Oscarbewerber, Fatih Akins „Aus dem Nichts“, ist „Werk ohne Autor“ langweiliges, bildungsbürgerliches Erbauungskino, das brav den Nationalsozialismus, die DDR und die frühen Jahre der BRD an der Biographie des Künstlers Kurt Barnert abhandelt.

Das Vorbild für Kurt Barnert ist Gerhard Richter

Bevor von Donnersmarck das Drehbuch schrieb, konnte er sich einen Monat mit Richter unterhalten und ihn begleiten. Er hätte also genug Material für ein Biopic gehabt. Aber er entschloss sich zur fiktionalisierten Version, in der Kenner des Lebens und Werks von Richter ihn immer erkennen. Aber im Detail ist unklar, ob die Szene erfunden oder wahr ist. Auch andere Charaktere, die auf wahren Personen basieren, haben im Film andere Namen. So heißt Joseph Beuys im Film Antonius van Verten und Oliver Masucci zeigt wieder einmal sein Talent. Auch die anderen Schauspieler überzeugen.

Wer sich mit der deutschen Kunstgeschichte nicht so auskennt, kann die Informationen im Film wie ein Schwamm aufsaugen und sie dann irgendwann kleinteilig mit der Wirklichkeit vergleichen.

Das erste Mal begegnen wir Kurt Barnert als er 1937 mit seiner Tante Elisabeth in Dresden die Ausstellung „Entartete Kunst“ besucht und, wie in einem Brennglas, alle wichtigen Themen des Films angesprochen werden.

In den folgenden drei Stunden erzählt von Donnersmarck dann Barnerts Leben bis zu seiner ersten großen Ausstellung 1966 in der Kunsthalle Wuppertal, wo Barnert Probleme hat, sein Werk zu erklären. Das tut dann ein Journalist, vor dem Portrait von Tante Elisabeth stehend, für eine TV-Reportage: „Zufällig gewählte Illustriertenbilder, Passfotos vom Automaten, beliebige Schnappschüsse aus Familienalben – alles unscharf abgemalt. Mit solchen Bildern, die aus unerklärlichen Gründen eine echte Kraft besitzen, scheint sich Kurt Barnert zum führenden Künstler seiner Generation zu entwickeln – und das mit der totgewähnten Malerei! Aber wie viele in seiner Generation hat er nichts zu erzählen, nichts zu sagen, löst sich von jeder Tradition, verabschiedet sich vom biographischen Ansatz in der Kunst und schafft so zum ersten Mal in der Kunstgeschichte…ein Werk ohne Autor.“

Der Film verästelt sich, nimmt sich Zeit für Abschweifungen und zeigt einiges ausführlicher als nötig, während Barnert eher passiv ist. Er ist nicht der Künstler, der bereits seine Sprache gefunden hat und der fanatisch ein Projekt verfolgt. In der DDR malt er akribisch ein Wandfresko. In Düsseldorf experimentiert er. Wie die anderen Studenten. Dabei wirkt Barnerts Experimentieren nicht wie die Suche nach einer eigenen Sprache, sondern wie das Erfüllen des Pflichtprogramms.

Neben Barnerts Geschichte erzählt von Donnersmarck auch die Geschichte von Tante Elisabeth, die psychisch gestört ist und von ihrem Arzt, Professor Carl Seeband, in den Tod geschickt wird. Er erzählt auch Seebands Geschichte, dem es immer gelingt, zur herrschenden Klasse der verschiedenen Systeme zu gehören und der sich immer wieder in das Leben seiner Tochter einmischt. Denn für ihn ist ein Künstler kein Mann für seine Tochter.

Und immer wieder gelingen von Donnersmarck einprägsame Szenen. Teils, wenn die Busfahrer auf dem Busbahnhof auf Bitten von Tante Elisabeth hupen und sie „hebt die Arme wie in Ekstase, lässt die Erschütterung des tiefen Hornklangs durch sich wogen. Musikerlebnis der extremen Art.“ (Drehbuch), als Überwältigungskino. Teils dank der Schauspieler und dem Inhalt der Szene.

Werk ohne Autor“ ist allerdings auch ein strikt chronologisch erzählter Film, der weder Fisch noch Fleisch ist. Er ist kein straffer Zwei-Stundenkinofilm, der einen Konflikt zuspitzt. Er ist auch keine vier- oder sechsstündige Mini-TV-Serie, in der verschiedene Plots nebeneinander her laufen können ohne sich jemals zu kreuzen. Wobei von Donnersmarck sich eher für die das bildungsbürgerliche Publikum ansprechende Mini-TV-Serie interessiert, die allerdings zu lang für einen Kinobesuch wäre.

Und so ist die Szene, die visualisiert, warum von Donnersmarck den Film drehte und die in einem Zwei-Stundenfilm die große Szene, auf die alles hinausläuft, wäre, komplett verschenkt.

Die Inspiration für „Werk ohne Autor“ war ein vor etwa zehn geführtes Interview, bei dem der Interviewer, „Tagesspiegel“-Reporter Jürgen Schreiber, von Donnersmarck erzählte, er habe gerade eine Biographie über Gerhard Richter geschrieben. Die Inspiration dazu war seine Tagesspiegel-Reportage über Richter, in der er enthüllte, dass Richters Tante Marianne Schönfelder (verewigt in dem Portrait „Tante Marianne“) von NS-Ärzten umgebracht wurde und dass Richters Schwiegervater, Prof. Dr. Heinrich Eufinger, als SS-Obersturmbannführer bei der Sterilisierung geistig Behinderter eine maßgebliche Rolle spielte. Richter hat das anscheinend erst durch Schreibers Reportage erfahren.

Für von Donnersmarck war diese Geschichte und die damit verbundenen Verstrickungen die Inspiration für „Werk ohne Autor“. Im Film sehen wir dann auch, wie Barnert ausgehend von Fotografien von seiner Tante Elisabeth, Passfotos von Seeband und der Verhaftung des Naziverbrechers Burghard Kroll diese Fotos nachzeichnet und ineinander übergehen lässt. In diesem Bild verbindet er das Schicksal seiner Tante mit dem eines Psychiaters, der das Euthansie-Programm initiierte, das Seeband willig ausführte. Das Bild fasst damit mehrere Jahrzehnte deutscher Geschichte zusammen. Und es wäre, wenn Barnert gewusst hätte, was er malt, eine Anklage gegen seinen Schwiegervater.

Als dieser das Bild bei einem Besuch in Barnerts Atelier sieht, reagiert er verstört. Es ist durch die Inszenierung offensichtlich, dass Seeband die volle Bedeutung des Bilds erfasst, dass er seine Vergangenheit sieht und er davon ausgeht, dass Barnert sie auch kennt.

Dieser Moment könnte die Rache des Künstlers an dem Mörder seiner Tante sein. Er ist es allerdings nicht. Denn Barnert kennt den Mörder seiner Tante nicht. Er hat auch keine Ahnung von Seebands Verstrickungen mit dem Nazi-Regime und wie sehr er sich immer wieder in Barnerts Leben einmischt.

Von Donnersmarck verschenkt genau den Moment, auf den implizit der gesamte Film hinausläuft.

Sein dritter Spielfilm ist auch ein Film über die moderne Kunst, auf die er allerdings immer wieder verächtlich herabblickt. Das zeigt sich vor allem an den in der Kunstakademie Düsseldorf spielenden Szenen. So führt Harry Preuser Barnert am ersten Tag durch die Akademie und äußerst sich sehr spöttisch über die Akademie und seine Mitstudenten. Die Projekte der Studenten scheinen vor allem eine von jeglicher Technik und Handwerk befreite Selbstverwirklichung zu sein. Und Professor van Verten ist ein enigmatischer Scharlatan, der sich nicht für die Werke seiner Studenten interessiert.

Im Gegensatz zum am 31. Oktober startendem „Queen“-Biopic „Bohemian Rhapsody“ zeigt „Werk ohne Autor“ die Phase des Suchens, der Irrwege und der missglückten Versuche im Leben eines Künstlers. Es ist ein Portrait der Kindheit, Jugend und der Lehrlingsphase eines Künstlers. Gleichzeitig zeichnet von Donnersmarck über drei Stunden betulich, im Stil eines TV-Mehrteilers ein Bild Deutschlands von 1937 bis 1966.

Werk ohne Autor (Deutschland 2018)

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck

Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck

mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Hanno Koffler, Cai Cohrs, Jörg Schüttauf, Jeanette Hain, Ina Weise, Lars Eidinger, Jonas Dassler, Ben Becker, Hinnerk Schönemann

Länge: 189 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Mit vielen Filmbildern, dem Drehbuch, einem Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck und einem Gespräch zwischen dem Künstler Thomas Demand und dem Filmemacher Alexander Kluge über den Film. Beide Gespräche sind interessant.

Aber gerade wegen der Filmgeschichte hätte man gerne mehr über die Unterschiede zwischen Richters Biographie und dem Film erfahren. In einem eigenem Text oder einem Essay über Richters Wirken und die Kunst in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg.

Florian Henckel von Donnersmarck: Werk ohne Autor

Suhrkamp, 2018

200 Seiten

18 Euro

 

Die Kinotour

Donnerstag, 04.10.2018

Thalia (Rudolf-Breitscheid-Straße 50, 14482 Potsdam)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 18.00 Uhr

Freitag, 05.10.2018

Capitol (Wismarsche Str. 128, 19053 Schwerin)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 16.45 Uhr

Filmpalast (Fährsteg 1, 21337 Lüneburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Scala (Apothekenstr. 17, 21335 Lüneburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

Samstag, 06.10.2018

Schauburg (Vor dem Steintor 114, 28203 Bremen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 17.00 Uhr

Casablanca (Johannisstraße 17, 26121 Oldenburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.30 Uhr

Sonntag, 07.10.2018

Arthouse Osnabrück (Erich-Maria-Remarque-Ring 16, 49074 Osnabrück)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 11.30 Uhr

Cineplex Schloßtheater (Melchersstraße 81, 48149 Münster)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 17.00 Uhr

 

Donnerstag, 11.10.2018

Lichtburg (Elsässer Str. 26, 46045 Oberhausen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 18.30 Uhr

Cinema (Schneider-Wibbel-Gasse 5, 40213 Düsseldorf)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

Freitag, 12.10.2018

Kinocenter Gießen (Bahnhofstr. 34, 35390 Gießen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 18.30 Uhr

Cineplex (Biegenstraße 8, 35037 Marburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

Samstag, 13.10.2018

Buchmesse Frankfurt am Main (Suhrkamp-Stand Halle 4.1 F14/F17)

11.00 -11.30 Uhr Signierstunde Florian Henckel von Donnersmarck

Werk ohne Autor – Filmbuch“

Spiegel-Stand (Halle 3.0/D56 Hauptstand)

12.00 – 12.30 Uhr Spiegel-Gespräch mit Florian Henckel von Donnersmarck

Casino (Ohmbachgasse 1, 63739 Aschaffenburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 14.45 Uhr

Cinema (Roßmarkt 7, 60311 Frankfurt am Main)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 16.15 Uhr

Sonntag, 14.10.2018

Schauburg (Marienstraße 16, 76137 Karlsruhe)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 13.00 Uhr

Forum (Hauptstraße 111, 77652 Offenburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 18.00 Uhr

Freidrichsbau Lichtspiele (Kaiser-Joseph-Straße 268-270, 79098 Freiburg i. B.)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

 

Donnerstag, 18.10.2018

Museum Kino (Am Stadtgraben 2, 72070 Tübingen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Atelier am Bollwerk (Hohe Str. 26, 70176 Stuttgart)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Freitag, 19.10.2018

Regina (Holzgartenstraße 22, 93059 Regensburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch, Paula Beer

Filmstart: 19.00 Uhr

Cinecitta (Gewerbemuseumspl. 3, 90403 Nürnberg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Samstag, 20.10.2018

Passage (Hainstraße 19 a, 04109 Leipzig)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 17.00 Uhr

Programmkino Ost (Schandauer Str. 73, 01277 Dresden)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.45 Uhr

Puh, das ist ja anstrengender als die Dreharbeiten.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Werk ohne Autor“

Moviepilot über „Werk ohne Autor“

Rotten Tomatoes über „Werk ohne Autor“

Wikipedia über „Werk ohne Autor“ (deutsch, englisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „HERRliche Zeiten“ werden angekündigt

Mai 4, 2018

Betrunken verfasst Claus Müller-Todt eine Anzeige, in der er einen Hausangestellten sucht. Er schreibt allerdings nicht ‚Mädchen für alles gesucht‘, sondern ‚Sklave gesucht‘ und – Überraschung! – es melden sich viele Interessenten. Nachdem Müller-Todt die halbe städtische SM-Szene abgewiesen hat, bleibt nur noch Bartos übrig. Ein sehr höflicher, konservativ gekleideter Mann mit guten Manieren, einer überzeugenden CV und noch überzeugenderen Gehaltsvorstellungen. Er will eigentlich, wie es sich für einen Sklaven gehört, nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen haben. Für sich und seine jüngere, gut aussehende Frau, die ebenfalls den Müller-Todts als Sklavin dienen will.

Schon während der Probezeit sind Claus und seine Frau Eva Müller-Todt restlos begeistert von ihrem Sklaven Bartos, der ihnen jeden Wunsch erfüllt. Meist schon, bevor sie ihn äußern.

Diese Idee einer in die Gegenwart verlegten spätrömischen Dekadenz-Sklavenhaltergesellschaft werden einige von Thor Kunkels tiefschwarzer Satire „Subs“ kennen. Vor allem in den Nuller-Jahren sorgten seine Romane, auch außerhalb der engen Grenzen des Feuilletons, immer wieder für heftige Diskussionen. Kritisiert wurden sein Umgang mit der NS-Vergangenheit und die in den Romanen durch seine Figuren transportierten politischen Ansichten. Er erhielt auch viel Kritikerlob und wurde vielfach ausgezeichnet. Nach „Subs“ veröffentlichte er keine weiteren Romane. Zuletzt wurde ausführlich über seine Beratertätigkeit für die Bundestagswahlkampagne der AfD berichtet. Mit dieser Arbeit und verschiedenen politischen Äußerungen schoss er sich ins Abseits. Die Neuauflage von „Subs“ erschien, laut Ankündigung, jetzt im rechten Manuscriptum-Verlag. Und das ist ein eindeutiges, etwaige Unklarheiten beseitigendes Statement.

Auch Oskar Roehler, der jetzt Kunkels Roman als „HERRliche Zeiten“ verfilmte, ist nie um eine Provokation verlegen. Seine Filme sind nicht immer gelungen, aber sie haben immer eine persönliche Handschrift, eine Vision und sie sind nicht langweilig.

Vor dem Kinostart kam es hinter den Kulissen zu einem Streit, der bei der „Zeit“ (mit kostenpflichtiger Anmeldung) nachgelesen werden kann. Es ging um die Nennung von Kunkel als Drehbuchautor und als Autor der Vorlage. Als Drehbuchautor werde er nicht genannt, weil Jan Berger („Der Medicus“) ein neues Drehbuch schrieb, das mit dem Roman nur noch wenig zu tun hat. Und in der Werbung wird nur noch im Kleingedruckten auf die Vorlage hingewiesen. Das ist angesichts Kunkels derzeitiger Prominenz nachvollziehbar.

Insgesamt haben die Beteiligten in den letzten Wochen, mehr oder weniger geplant, alle Signale in Richtung „Provokation“ gestellt und, wie das so ist mit geplanten Skandalen: sie funktionieren nicht wie geplant.

Das liegt vor allem an dem Film, der jetzt endlich im Mittelpunkt der Besprechung stehen soll. Immerhin geht es um ihn. Da sind die politischen Ansichten der Macher und ihre in den Medien geäußerten Provokationen erst einmal und auf lange Sicht egal. Schließlich sind Autor und Werk nicht unbedingt identisch. Und das Werk kann intelligenter als der Autor sein.

Oskar Roehler und sein Drehbuchautor Jan Berger übernahmen für ihren Film „HERRliche Zeiten“ letztendlich nur die Prämisse und einige Szenen aus dem Roman „Subs“. Vor allem ab der Mitte erzählen sie eine vollkommen andere Geschichte, die aus Kunkels bitterböser, schwarzhumoriger Vision einer dekadenten Gesellschaft einen handelsüblichen Rachekrimi macht. Mit einer netten Idee am Anfang („Sklave gesucht“), einer römischen Dekadenzparty in der Mitte und viel langweiligem Klamauk.

Anstatt eine künstlerische Vision zu entwickeln, die als Satire provoziert und den Zuschauern eine Spiegel vorhält, wagt Roehler hier nichts. Das Kammerspiel ist unauffällig inszeniert und gut gespielt. Samuel Finzi als distinguierter Sklave und Katja Riemann als nervige Ehefrau sind gewohnt gut. Und Oliver Masucci geht wieder vollkommen in seiner Rolle auf. Bekannt wurde er als Adolf Hitler in „Er ist wieder da“. Zuletzt spielte er in „Spielmacher“ einen Gangsterboss. Jetzt ist er der Sklavenhalter und Schönheitschirurg Claus Müller-Todt. Ein einfältiger Unsympath, der sich rührend und überaus besorgt um seine Frau kümmert und ansonsten das Sinnbild des kleinbürgerlichen Großkotzes ist, der fasziniert die Partys seines Nachbarn verfolgt, aber niemals auf die Idee käme, selbst eine Party zu veranstalten.

HERRliche Zeiten“ ist keine provozierende Satire über die deutsche Gesellschaft, sondern ein pseudokritischer TV-Film, der konsequent auf eine beruhigende 20.15-Uhr-TV-Dramaturgie für Über-Sechzigjährige eingedampft wurde. Da provoziert nichts. Da regt nichts zum Nachdenken an. Die Komödie ist ein Kammerspiel, das so auch jeder andere Regisseur hätte inszenieren können.

Für einen Film von Oskar Roehler ist das eindeutig zu wenig. Denn eines konnte man bislang nicht über einen Roehler-Film sagen: dass er langweilig ist. Und genau das ist „HERRliche Zeiten“.

HERRliche Zeiten (Deutschland 2018)

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Jan Berger (frei nach Motiven des Romans „Subs“ von Thor Kunkel)

mit Katja Riemann, Oliver Masucci, Samuel Finzi, Lize Feryn, Yasin El Harrouk, Margarita Broich, Andrea Sawatzki, Alexander Beyer, Katy Karrenbauer, Aslan Aslan

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „HERRliche Zeiten“

Moviepilot über „HERRliche Zeiten“

Wikipedia über „HERRliche Zeiten“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“ (2008)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Schaumschwester“ (2010)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Subs“ (2011)


Neu im Kino/Filmkritik: Deutsche Genreversuche: Der „Spielmacher“ manipuliert den Fußball

April 13, 2018

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis rutscht der ehemalige Fußballspieler und Deutsch-Kroate Ivo schnell…und hier kommen wir schon zu dem zentralen Problem von „Spielmacher“. In seinem Spielfilmdebüt verschenkt Timon Modersohn grundlos viel von dem Potential, das seine Geschichte hat. Am Ende ist „Spielmacher“ nur ein okayer Gangsterfilm über illegale Sportwetten, in dem ein deutlich besserer Film versteckt ist.

Um das zu erklären, müssen wir uns kurz mit den Grundlagen des Erzählens beschäftigen. In einer Geschichte, jedenfalls in der Theorie, präsentiert der Erzähler Informationen so, dass sie einen sinnvollen Zusammenhang ergeben. Eine Handlung ergibt die nächste und wir sind emotional involviert, weil wir wissen, was für die einzelnen Personen auf dem Spiel steht und was sie wollen. Die Grundstruktur ist dabei immer, dass jemand ein genau definiertes Ziel gegen große Widerstände erreichen will. Dafür müssen wir wissen, was der Protagonist erreichen will, was für eine Person er ist und gegen welche Widerstände er kämpfen muss. In einem „Tatort“ will der Kommissar den Fall aufklären. Dafür muss er unter all den Verdächtigen den Täter finden.

Manchmal gibt es am Ende eine Überraschung, die dazu führt, dass wir all die vorherigen Ereignisse unter einem anderen Blickwinkel betrachten. Die bekanntesten Beispiele dafür dürften immer noch „Die üblichen Verdächtigen“ und „The Sixth Sense“ sein. Meistens, und das ist gut so, verzichtet der Erzähler auf eine solche Überraschung. Auch „Spielmacher“, und das kann ich verraten, verzichtet auf eine solche Pointe, die wir hätten, wenn Ivo zum Beispiel ein Undercover-Polizist wäre und wir das in der letzten Minute erfahren.

Wenn ich jetzt den begonnen Satz mit „wieder“ weiterführe, verrate ich, dass Ivo bereits Kontakte zum kriminellen Wettmilieu hatte. Wenn ich stattdessen nur schreibe „lernt einen Mann kennen, der illegale Wetten im großen Stil organisiert“, behaupte ich, dass Ivo bislang keinen Kontakt zu dem Milieu hatte, dass er verführt wird und in ein ihm bislang unbekanntes kriminelles Milieu abrutscht.

In jedem Fall ist jede Geschichte möglich. Aber die eine Geschichte schließt die andere aus.

Und das ist kein Punkt, der am Filmanfang unklar sein sollte. Immerhin geht es um das zentrale Handlungsmotiv des Protagonisten in einer ziemlich einfachen Geschichte. Denn Ivo, der es in keinem Job lange aushält, soll für Dejan, eine Halb- und Unterweltfigur, die illegale Fußballwetten organisiert, arbeiten. Er soll Fußballspieler beobachten, Empfehlungen geben und kleine Botengänge erledigen.

Während er das tut, befreundet er sich mit Lukas, einem jungen aufstrebendem Spieler in seinem alten Fußballclub, und verliebt sich in dessen alleinerziehende Mutter Vera.

Dieses schlechte Informationsmanagement betrifft nicht nur den Protagonisten. Es zieht sich durch den gesamten Film. So gibt es, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Szene, in der ein Spielbeobachter, der über den Aufstieg von Spielern in andere Vereine entscheidet, Lukas beim Spielen beobachtet. Eigentlich ist Lukas gut genug für den anderen Verein. Aber er erhält die erhoffte Empfehlung dann doch nicht. Danach sehen wir, wie der Spielbeobachter Geld erhält. Es handelt sich selbstverständlich um die Bezahlung für die vorher erfolgte Nicht-Empfehlung.

So erzählt ist das eine langweile Abfolge von Ereignissen. Wenn wir allerdings zuerst sehen, dass der honorige Spielbeobachter Geld erhält, damit er etwas tut, wird die anschließende Szene, in der er die Spieler beobachtet, plötzlich spannend. Wir fragen uns in dem Moment, ob er den Jungen aufgrund seiner Leistungen empfehlen wird oder ob er das Schmiergeld annimmt. So erzählt ist diese Szene plötzlich dramatisch. Dafür hätten die Macher nur zwei Szenen umstellen müssen.

Und damit kommen wir zum Bösewicht, der von Oliver Masucci überzeugend gespielt wird. Es gibt nur ein Problem: Dejan lebt die aus schlechten Gangsterfilmen bekannte Hollywood-Marotte exzessiv aus, alle Menschen schwer zu verletzen oder umzubringen, die seine Befehle nicht zu seiner Zufriedenheit ausführen. Das ist keine effektive Form der Personalrekrutierung und -fortentwicklung. Auch wenn nächtliche Mitarbeitergespräche in einem Steinbruch, inklusive der bewährten ‚in die Grube werfen‘-Entsorgungsmethode, das Auge des Cineasten erfreuen.

So ist „Spielmacher“ ein Gangsterthriller, der ein interessantes Thema hat (illegale Wetten im Fußball), glaubwürdig in der Milieuzeichnung ist, gute Schauspieler hat und überzeugend inszeniert ist. Aber er ist ganz schlecht im Erzählen seiner Geschichte. Sie funktioniert immer noch. Schließlich sind alle wichtigen Teile vorhanden. Nur meistens am falschen Platz.

Wie es besser geht zeigte Özgür Yildirim vor wenigen Wochen in seinem Gangsterfilm „Nur Gott kann mich richten“.

Spielmacher (Deutschland 2018)

Regie: Timon Modersohn

Drehbuch: Christian Brecht, Timon Modersohn

mit Frederick Lau, Oliver Masucci, Antje Traue, Mateo Wansing Lorrio, Paul Faßnacht, Karl Markovics

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Spielmacher“

Moviepilot über „Spielmacher“

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Er ist wieder da“ und die Massen jubeln

Oktober 8, 2015

Der Adolf ist wieder da. Also, für alle, die ihm begegnen, ist er nicht der echte Adolf Hitler. Denn der ist ja seit 1945 tot. Heute, 2015, kann es sich daher nur um einen Spinner oder einen Komiker, der Method Acting auf die Spitze treibt, handeln. Allerdings, und das ist die ziemlich grandiose (wenn auch nicht neue) Prämisse von Timur Vermes‘ Bestseller und jetzt David Wnendts freier Verfilmung des Buches, ist dieser Adolf Hitler der echte Adolf Hitler, der plötzlich aus dem Nichts in Berlin auftaucht, sich über die Gegenwart wundert und, nachdem ein notleidender TV-Reporter ihn durch ganz Deutschland begleitete und filmte, schnell als Komiker durch die Sender gereicht wird. Ein großer Teil des Humors entsteht aus dem Aufeinandertreffen von Hitler, seinen Ansichten und der deutschen Gegenwart, die ganz anders ist als das Deutschland, das er kannte.
Dazu gibt es eine ziemlich gelungene Mediensatire über die Kämpfe in einem Sender und die Reaktionen auf der Straße und in TV-Shows auf Adolf Hitler. Seinen ersten Auftritt vor einem großen Publikum hat er mit einer improvisierten Rede über das Fernsehen in der fiktiven Privatsender-Show „Krass Alter“ mit Michael Kessler als Moderator. Danach tritt Hitler bei Frank Plasberg, Jörg Thadeusz und im Circus HalliGalli, im lockeren Gespräch mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, auf.
Und dann gibt es noch, während des gesamten Films, viele Begegnungen von Adolf Hitler auf der Straße mit ganz normalen Menschen. Sie wollen vor dem Brandenburger Tor ein Selfie mit ihm machen. Sie reagieren, wenn er seine Wäsche in einer Wäscherei abgibt, überhaupt nicht; – was auch an dem typischen Berliner Leben-und-leben-lassen-Einstellung liegt. Und sie stimmen Hitlers Ansichten zu. Teilweise ungefragt; – was aber niemand, der schon einmal mit ganz normalen Menschen sprach oder an einem Wahlkampfstand den Tiraden der Wähler lauschte, erstaunt. Diese dokumentarischen Teile, in denen Hitler-Darsteller Oliver Masucci in seiner Rolle improvisieren musste, verleihen der Satire dann auch eine realistische Grundierung, die auf den gesamten Film abfärbt. Denn auch in den anderen Teilen wirken die Dialoge immer natürlich und die Schauspieler stolpern nicht steif durch das Bild oder versuchen krampfhaft witzig zu sein. Am Ende ist kaum noch zu erkennen, was im Drehbuch stand und was improvisiert ist und dann radikal zusammengeschnitten wurde. So hatte Wnendt nachdem er im Sommer 2014 mit Masucci als Hitler und einem kleinen Team durch Deutschland gefahren war, 380 Stunden Filmmaterial, das für den Film auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurde.
Allerdings erzählt „Er ist wieder da“ auch nichts, was man nicht schon in anderen Satiren oder Mockumentaries, wie „Borat“ oder „Muxmäuschenstill“, gesehen hat. In der kleinen Independent-Produktion „Muxmäuschenstill“ brauchten Regisseur Markus Mittermaier und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg vor elf Jahren für ihre Bestandsaufnahme der deutschen Wirklichkeit keinen Hitler-Wiedergänger, sondern nur einen biederen jungen Mann im Anzug, der als selbsternannter Blockwart für Ideale und Verantwortungsbewusstsein auf die Straße ging und die Massen begeisterte.
Insgesamt ist „Er ist wieder da“, angesichts der vielen Fallen des Themas, ein überraschend gelungener Film, der allerdings mit zwei Stunden für eine satirische Mockumentary zu lang geraten ist. Zu oft plätschert Wnendts Film ziellos vor sich hin, indem er einfach die Ereignisse chronologisch und ohne dramaturgischen Fokus erfasst. Da hätte ich mir eine stärkere Zuspitzung gewünscht. Immerhin gibt Katja Riemann eine beängstigend glaubwürdige Mischung aus Eva Braun und Leni Riefenstahl ab und das Ende, wenn Hitler über seine Zukunft sinniert, während wir Bilder aus aktuellen Nachrichtensendungen sehen, ist eine eindeutige Warnung.

Er ist wieder da - Plakat

Er ist wieder da (Deutschland 2015)
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Mizzi Meyer
LV: Timur Vermes: Er ist wieder da, 2012
mit Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Marria Herbst, Katja Riemann, Franziska Wulf, Lars Rudolph, Michael Kessler, Michael Ostrowski, Gudrun Ritter, Christoph Zrenner, Frank Plasberg, Jörg Thadeusz, Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Er ist wieder da“
Film-Zeit über „Er ist wieder da“
Moviepilot über „Er ist wieder da“
Wikipedia über „Er ist wieder da“
Perlentaucher über „Er ist wieder da“
Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (Deutschland 2012)
Meine Besprechung von David Wnendts „Feuchtgebiete“ (Deutschland 2013)


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