Neu im Kino/Filmkritik: Deutsche Genreversuche: Der „Spielmacher“ manipuliert den Fußball

April 13, 2018

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis rutscht der ehemalige Fußballspieler und Deutsch-Kroate Ivo schnell…und hier kommen wir schon zu dem zentralen Problem von „Spielmacher“. In seinem Spielfilmdebüt verschenkt Timon Modersohn grundlos viel von dem Potential, das seine Geschichte hat. Am Ende ist „Spielmacher“ nur ein okayer Gangsterfilm über illegale Sportwetten, in dem ein deutlich besserer Film versteckt ist.

Um das zu erklären, müssen wir uns kurz mit den Grundlagen des Erzählens beschäftigen. In einer Geschichte, jedenfalls in der Theorie, präsentiert der Erzähler Informationen so, dass sie einen sinnvollen Zusammenhang ergeben. Eine Handlung ergibt die nächste und wir sind emotional involviert, weil wir wissen, was für die einzelnen Personen auf dem Spiel steht und was sie wollen. Die Grundstruktur ist dabei immer, dass jemand ein genau definiertes Ziel gegen große Widerstände erreichen will. Dafür müssen wir wissen, was der Protagonist erreichen will, was für eine Person er ist und gegen welche Widerstände er kämpfen muss. In einem „Tatort“ will der Kommissar den Fall aufklären. Dafür muss er unter all den Verdächtigen den Täter finden.

Manchmal gibt es am Ende eine Überraschung, die dazu führt, dass wir all die vorherigen Ereignisse unter einem anderen Blickwinkel betrachten. Die bekanntesten Beispiele dafür dürften immer noch „Die üblichen Verdächtigen“ und „The Sixth Sense“ sein. Meistens, und das ist gut so, verzichtet der Erzähler auf eine solche Überraschung. Auch „Spielmacher“, und das kann ich verraten, verzichtet auf eine solche Pointe, die wir hätten, wenn Ivo zum Beispiel ein Undercover-Polizist wäre und wir das in der letzten Minute erfahren.

Wenn ich jetzt den begonnen Satz mit „wieder“ weiterführe, verrate ich, dass Ivo bereits Kontakte zum kriminellen Wettmilieu hatte. Wenn ich stattdessen nur schreibe „lernt einen Mann kennen, der illegale Wetten im großen Stil organisiert“, behaupte ich, dass Ivo bislang keinen Kontakt zu dem Milieu hatte, dass er verführt wird und in ein ihm bislang unbekanntes kriminelles Milieu abrutscht.

In jedem Fall ist jede Geschichte möglich. Aber die eine Geschichte schließt die andere aus.

Und das ist kein Punkt, der am Filmanfang unklar sein sollte. Immerhin geht es um das zentrale Handlungsmotiv des Protagonisten in einer ziemlich einfachen Geschichte. Denn Ivo, der es in keinem Job lange aushält, soll für Dejan, eine Halb- und Unterweltfigur, die illegale Fußballwetten organisiert, arbeiten. Er soll Fußballspieler beobachten, Empfehlungen geben und kleine Botengänge erledigen.

Während er das tut, befreundet er sich mit Lukas, einem jungen aufstrebendem Spieler in seinem alten Fußballclub, und verliebt sich in dessen alleinerziehende Mutter Vera.

Dieses schlechte Informationsmanagement betrifft nicht nur den Protagonisten. Es zieht sich durch den gesamten Film. So gibt es, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Szene, in der ein Spielbeobachter, der über den Aufstieg von Spielern in andere Vereine entscheidet, Lukas beim Spielen beobachtet. Eigentlich ist Lukas gut genug für den anderen Verein. Aber er erhält die erhoffte Empfehlung dann doch nicht. Danach sehen wir, wie der Spielbeobachter Geld erhält. Es handelt sich selbstverständlich um die Bezahlung für die vorher erfolgte Nicht-Empfehlung.

So erzählt ist das eine langweile Abfolge von Ereignissen. Wenn wir allerdings zuerst sehen, dass der honorige Spielbeobachter Geld erhält, damit er etwas tut, wird die anschließende Szene, in der er die Spieler beobachtet, plötzlich spannend. Wir fragen uns in dem Moment, ob er den Jungen aufgrund seiner Leistungen empfehlen wird oder ob er das Schmiergeld annimmt. So erzählt ist diese Szene plötzlich dramatisch. Dafür hätten die Macher nur zwei Szenen umstellen müssen.

Und damit kommen wir zum Bösewicht, der von Oliver Masucci überzeugend gespielt wird. Es gibt nur ein Problem: Dejan lebt die aus schlechten Gangsterfilmen bekannte Hollywood-Marotte exzessiv aus, alle Menschen schwer zu verletzen oder umzubringen, die seine Befehle nicht zu seiner Zufriedenheit ausführen. Das ist keine effektive Form der Personalrekrutierung und -fortentwicklung. Auch wenn nächtliche Mitarbeitergespräche in einem Steinbruch, inklusive der bewährten ‚in die Grube werfen‘-Entsorgungsmethode, das Auge des Cineasten erfreuen.

So ist „Spielmacher“ ein Gangsterthriller, der ein interessantes Thema hat (illegale Wetten im Fußball), glaubwürdig in der Milieuzeichnung ist, gute Schauspieler hat und überzeugend inszeniert ist. Aber er ist ganz schlecht im Erzählen seiner Geschichte. Sie funktioniert immer noch. Schließlich sind alle wichtigen Teile vorhanden. Nur meistens am falschen Platz.

Wie es besser geht zeigte Özgür Yildirim vor wenigen Wochen in seinem Gangsterfilm „Nur Gott kann mich richten“.

Spielmacher (Deutschland 2018)

Regie: Timon Modersohn

Drehbuch: Christian Brecht, Timon Modersohn

mit Frederick Lau, Oliver Masucci, Antje Traue, Mateo Wansing Lorrio, Paul Faßnacht, Karl Markovics

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Spielmacher“

Moviepilot über „Spielmacher“

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „Er ist wieder da“ und die Massen jubeln

Oktober 8, 2015

Der Adolf ist wieder da. Also, für alle, die ihm begegnen, ist er nicht der echte Adolf Hitler. Denn der ist ja seit 1945 tot. Heute, 2015, kann es sich daher nur um einen Spinner oder einen Komiker, der Method Acting auf die Spitze treibt, handeln. Allerdings, und das ist die ziemlich grandiose (wenn auch nicht neue) Prämisse von Timur Vermes‘ Bestseller und jetzt David Wnendts freier Verfilmung des Buches, ist dieser Adolf Hitler der echte Adolf Hitler, der plötzlich aus dem Nichts in Berlin auftaucht, sich über die Gegenwart wundert und, nachdem ein notleidender TV-Reporter ihn durch ganz Deutschland begleitete und filmte, schnell als Komiker durch die Sender gereicht wird. Ein großer Teil des Humors entsteht aus dem Aufeinandertreffen von Hitler, seinen Ansichten und der deutschen Gegenwart, die ganz anders ist als das Deutschland, das er kannte.
Dazu gibt es eine ziemlich gelungene Mediensatire über die Kämpfe in einem Sender und die Reaktionen auf der Straße und in TV-Shows auf Adolf Hitler. Seinen ersten Auftritt vor einem großen Publikum hat er mit einer improvisierten Rede über das Fernsehen in der fiktiven Privatsender-Show „Krass Alter“ mit Michael Kessler als Moderator. Danach tritt Hitler bei Frank Plasberg, Jörg Thadeusz und im Circus HalliGalli, im lockeren Gespräch mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, auf.
Und dann gibt es noch, während des gesamten Films, viele Begegnungen von Adolf Hitler auf der Straße mit ganz normalen Menschen. Sie wollen vor dem Brandenburger Tor ein Selfie mit ihm machen. Sie reagieren, wenn er seine Wäsche in einer Wäscherei abgibt, überhaupt nicht; – was auch an dem typischen Berliner Leben-und-leben-lassen-Einstellung liegt. Und sie stimmen Hitlers Ansichten zu. Teilweise ungefragt; – was aber niemand, der schon einmal mit ganz normalen Menschen sprach oder an einem Wahlkampfstand den Tiraden der Wähler lauschte, erstaunt. Diese dokumentarischen Teile, in denen Hitler-Darsteller Oliver Masucci in seiner Rolle improvisieren musste, verleihen der Satire dann auch eine realistische Grundierung, die auf den gesamten Film abfärbt. Denn auch in den anderen Teilen wirken die Dialoge immer natürlich und die Schauspieler stolpern nicht steif durch das Bild oder versuchen krampfhaft witzig zu sein. Am Ende ist kaum noch zu erkennen, was im Drehbuch stand und was improvisiert ist und dann radikal zusammengeschnitten wurde. So hatte Wnendt nachdem er im Sommer 2014 mit Masucci als Hitler und einem kleinen Team durch Deutschland gefahren war, 380 Stunden Filmmaterial, das für den Film auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurde.
Allerdings erzählt „Er ist wieder da“ auch nichts, was man nicht schon in anderen Satiren oder Mockumentaries, wie „Borat“ oder „Muxmäuschenstill“, gesehen hat. In der kleinen Independent-Produktion „Muxmäuschenstill“ brauchten Regisseur Markus Mittermaier und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg vor elf Jahren für ihre Bestandsaufnahme der deutschen Wirklichkeit keinen Hitler-Wiedergänger, sondern nur einen biederen jungen Mann im Anzug, der als selbsternannter Blockwart für Ideale und Verantwortungsbewusstsein auf die Straße ging und die Massen begeisterte.
Insgesamt ist „Er ist wieder da“, angesichts der vielen Fallen des Themas, ein überraschend gelungener Film, der allerdings mit zwei Stunden für eine satirische Mockumentary zu lang geraten ist. Zu oft plätschert Wnendts Film ziellos vor sich hin, indem er einfach die Ereignisse chronologisch und ohne dramaturgischen Fokus erfasst. Da hätte ich mir eine stärkere Zuspitzung gewünscht. Immerhin gibt Katja Riemann eine beängstigend glaubwürdige Mischung aus Eva Braun und Leni Riefenstahl ab und das Ende, wenn Hitler über seine Zukunft sinniert, während wir Bilder aus aktuellen Nachrichtensendungen sehen, ist eine eindeutige Warnung.

Er ist wieder da - Plakat

Er ist wieder da (Deutschland 2015)
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Mizzi Meyer
LV: Timur Vermes: Er ist wieder da, 2012
mit Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Marria Herbst, Katja Riemann, Franziska Wulf, Lars Rudolph, Michael Kessler, Michael Ostrowski, Gudrun Ritter, Christoph Zrenner, Frank Plasberg, Jörg Thadeusz, Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Er ist wieder da“
Film-Zeit über „Er ist wieder da“
Moviepilot über „Er ist wieder da“
Wikipedia über „Er ist wieder da“
Perlentaucher über „Er ist wieder da“
Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (Deutschland 2012)
Meine Besprechung von David Wnendts „Feuchtgebiete“ (Deutschland 2013)


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