Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuesten Verfilmung von Jack Londons „Ruf der Wildnis“

Februar 20, 2020

Brauchen wir wirklich noch eine Verfilmung von Jack Londons „Ruf der Wildnis“? Auch wenn dieses Mal Harrison Ford mitspielt?

Nun, in jedem Fall schadet es nicht, wenn Indiana Jones sich um einen Hund kümmert. Auch wenn die von ihm gespielte Figur, wie im Roman, erst in der zweiten Hälfte der Geschichte wichtig wird. Davor hat er nur zwei sehr kurze Auftritte, die vor allem die Funktion einer Ankündigung erfüllen und so seinen späteren Auftritt nicht zu einer aus heiterem Himmel kommenden Überraschung machen,

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Buck, ein riesiger Mischling aus Bernhardiner und Schäferhund, der glücklich im herrschaftlichen Anwesen von Richter Miller im sonnigen Kalifornien lebt. Eines Tages wird er von einem Hunderäuber entführt und nach Norden verschifft. 1896 wurde am Klondike Gold gefunden. Jetzt sind alle Glücksjäger (zu denen auch Jack London gehörte) auf dem Weg zu den sagenhaften Goldschätzen.

Die ersten neuen Besitzer von Buck sind Perrault (Omar Sy) und Francois (im Roman ein Halbblut, im Film Francoise [Cara Gee]). In dem Rudel der Post-Schlittenhunde erkämpft Buck sich schnell seinen Platz. In diesen Tagen erwacht, dem titelgebendem Ruf der Wildnis folgend, auch langsam Bucks wahres Wesen.

Als die Postlinie eingestellt wird, erhält Buck neue Besitzer. Dieses Mal handelt es sich um drei Goldsucher, zwei Männer, eine Frau (Dan Stevens, Colin Woodell und Karen Gillan), die von überwältigender Arroganz und Dummheit sind.

Dritter und letzter Besitzer von Buck wird John Thornton (Harrison Ford), der ihn wie ein gleichberechtigtes Wesen behandelt. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg in noch nicht auf der Landkarte verzeichnete Gebiete des Yukon Territoriums.

Regisseur Chris Sanders legt mit Ruf nach der Wildnis“ nach Animationsfilmen wie „Drachenzähmen“ leichtgemacht und „Die Croods“ sein insgesamt überzeugendes Realfilmdebüt vor. Er und Autor Michael Green („Mord im Orientexpress“) folgen der Geschichte von Jack London. Für den Film dramatisieren und disneyfizieren sie sie. Die Dramatisierungen sind, obwohl „Ruf der Wildnis“ immer noch ein Episodendrama ist, das Bucks Geschichte vom verantwortungslosen Haushund zum Führer einer Wolfsrudels macht, notwendig, um eine stringente Geschichte zu erzählen. Die Disneyfizierung ist vor allem dem Zielpublikum geschuldet. „Ruf der Wildnis“ ist ein Kinderfilm, der zeigt, wie Menschen zu besseren Menschen werden, weil sie Buck begegnen. Gleichzeitig entdeckt Buck sein wahres Ich. Er wird zu einem Tier, das Verantwortung übernimmt für andere Tiere und Menschen und auch für sie kämpft.

Londons Roman, geschrieben im Duktus der damaligen Zeit und für ein erwachsenes Publikum, ist dagegen oft sehr hart und darwinistisch: „Buck war gnadenlos. (…) Man musste herrschen oder sich beherrschen lassen; und Gnade zu zeigen, war eine Schwäche. Gnade existierte im urwüchsigen Leben nicht. Sie wurde als Furcht missverstanden, und solche Missverständnisse führten zum Tod. Töten oder getötet werden, fressen oder gefressen werden, das war das Gesetz; und er gehorchte diesem Gebot aus der Tiefe der Zeiten.“

Im Film gibt es, was jetzt Erwachsene wahrscheinlich mehr stört als Kinder, einen wahren CGI-Overkill. Viele Landschaften, Hintergründe und eigentlich alle Tiere sind digital animiert. Und hier sehen die digital animierten Tiere immer etwas künstlich aus. Sie basieren auf Aufnahmen realer Tiere und Menschen, die Tiere spielen. So war Terry Notary, ein früherer Artist des Cirque du Soleil, die Live Action Reference Performance für Buck und der Spielpartner von Harrison Ford. Die Kamera ist immer wieder an Positionen und macht Bewegungen, die in der Realität für eine Kamera nicht möglich wären. Es gibt Bilder von Tieren, die eine Kamera in der Realität so niemals einfangen könnte. Buck tut Dinge, die ein echter Hund niemals tun würde. Und die Tiergesichter, vor allem natürlich Buck, können niemals ihre Herkunft aus dem Computerlabor verhehlen können. Dafür sind sie teils zu künstlich, teils zu menschlich.

Für Kinder ist Chris Sanders‘ „Ruf der Wildnis“ ein gelungener Abenteuerfilm mit einem liebenswertem Hund, guten und weniger guten Menschen und einigen schönen Landschaftsaufnahmen.

Ruf der Wildnis (The Call of the Wild, USA 2020)

Regie: Chris Sanders

Drehbuch: Michael Green

LV: Jack London: The Call of the Wild, 1903 (Der Ruf der Wildnis)

mit Harrison Ford, Omar Sy, Dan Stevens, Karen Gillan, Bradley Whitford, Colin Woodell, Cara Gee, Michael Horse, Jean Louisa Kelly, Adam Fergus, Abraham Benrubi, Terry Notary

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

erscheint zum Filmstart mit einem neuen Cover. Es handelt sich um die sehr gelungene Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff, der den Roman um ein informatives Nachwort, Anmerkungen und eine Zeittafel ergänzte.

Jack London: Ruf der Wildnis

(übersetzt von Lutz-W. Wolff)

dtv, 2020 (Filmausgabe)

160 Seiten

9,90 Euro

Erstausgabe der Neuübersetzung

dtv, 2013

Originalausgabe

The Call of the Wild

Macmillan, 1903

Hinweise

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Moviepilot über „Ruf der Wildnis“

Metacritic über „Ruf der Wildnis“

Rotten Tomatoes über „Ruf der Wildnis“

Wikipedia über „Ruf der Wildnis“ 


TV-Tipp für den 28. April: Inferno

April 27, 2019

RTL, 20.15

Inferno (Inferno, USA 2016)

Regie: Ron Howard

Drehbuch: David Koepp

LV: Dan Brown: Inferno, 2013 (Inferno)

Als Harvard-Symbologe Robert Langdon (Tom Hanks) in Florenz in einem Krankenhaus erwacht, kann er sich an nichts erinnern. Als kurz darauf Heerscharen bewaffneter Bösewichter ihn umbringen wollen, flüchtet er. Schnell kombiniert er, dass das alles etwas mit Dantes Prophezeiung von einem weltvernichtenden Inferno zu tun hat. Langdon hat nur keine Ahnung, ob er mit seinem Wissen die Prophezeiung verhindern kann oder erfüllen wird.

Ron Howards dritte Dan-Brown-Verfilmung ist eine flotte, ziemlich durchgeknallte Räuberpistole voller Schauwerte, die in der richtigen Stimmung ein herrlicher Spaß ist. Die in „The Da Vinci Code“ und „Illuminati“ so länglichen Geschichtsstunden werden in „Inferno“ im Sauseschritt oder gleich in einer Actionszene abgehandelt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der bislang besten und kürzesten Dan-Brown-Verfilmung.

mit Tom Hanks, Felicity Jones, Irrfan Khan, Omar Sy, Ben Foster, Sidse Babett Knudsen, Anna Ularu

Wiederholung: Montag, 29. April, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Moviepilot über „Inferno“

Metacritic über „Inferno“

Rotten Tomatoes über „Inferno“

Wikipedia über „Inferno“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ron Howards „Rush – Alles für den Sieg“ (Rush, USA/Großbritannien/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Ron Howards „Im Herzen der See“ (In the Heart of the Sea, USA 2015)

Meine Besprechung von Ron Howards „Inferno“ (Inferno, USA 2016)

Meine Besprechung von Ron Howards „Solo: A Star Wars Story“ (Solo: A Star Wars Story, USA 2018)

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Krimi-Couch über Dan Brown

Perlentaucher über Dan Brown


TV-Tipp für den 6. Juni: Jurassic World

Juni 6, 2018

ZDF, 20.15

Jurassic World (Jurassic World, USA 2015)

Regie: Colin Trevorrow

Drehbuch: Rick Jaffa, Amanda Silver, Derek Connolly, Colin Trevorrow

LV: Charaktere von Michael Crichton

Jedes Jahr besuchen Tausende die Isla Nublar, um dort lebendige Dinosaurier zu bestaunen. Eines Tages ergänzen die Urviecher ihren Speiseplan um die Inselbesucher und, nun, drücken wir es mal so aus: die Urlauber erleben einen unvergesslichen Urlaub. Wenn sie ihn überleben.

Unterhaltsamer und an der Kinokasse sehr erfolgreicher Dino-Thriller, der die Geschichte von „Jurassic Park“ weiter erzählt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Heute startet die Fortsetzung „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ (Besprechung folgt) und der dritte Film, der die Trilogie abschließen soll, ist bereits in Arbeit.

mit Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Ty Simpkins, Nick Robinson, Vincent D’Onofrio, Judy Greer, BD Wong, Omar Sy, Jake Johnson, Irrfan Khan, Katie McGrath

Wiederholung: Freitag, 8. Juni, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
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Film-Zeit über „Jurassic World“
Moviepilot über „Jurassic World“
Metacritic über „Jurassic World“
Rotten Tomatoes über „Jurassic World“
Wikipedia über „Jurassic World“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Colin Trevorrows „Jurassic World“ (Jurassic World, USA 2015)

Meine Besprechung von Colin Trevorrows „The Book of Henry“ (The Book of Henry, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Transformers: The Last Knight“ rettet die Welt

Juni 22, 2017

Der neueste Transformers-Film „Transformers: The Last Knight“ ist kein typischer Michael-Bay-Film. In zwei Punkten. Es gibt eigentlich kein Product Placement. Keine übergroßen, sinnlos im Bild herumstehenden Werbetafeln für Damenunterwäsche. Das liegt auch daran, dass der Film zu großen Teilen an Orten spielt, die naturgegeben werbefrei sind. Wobei Michael Bay schon immer eine herzliche Ignoranz gegenüber der Logik hatte.

Es gibt nur zwei größere Frauenrollen im Film. Die eine ist ein vierzehnjähriges Mädchen, das wie eine jüngere Version der Heldinnen der letzten beiden „Star Wars“-Filme aussieht. Die andere ist eine super gebildete Wissenschaftlerin, die schon vor einigen Jahren ihren zwanzigsten Geburtstag hatte. Beide kriegen zwar ein, zwei Michael-Bay-Shoots, aber sie sind mehr Pflicht als Kür.

In allen anderen Punkten ist der fünfte Transformers-Film ein typischer Michael-Bay-Film. Allerdings erschreckend lustlos inszeniert.

Es gibt wieder eine Story zum Haare ausraufen. Im Endeffekt geht es um ein wichtiges Artefakt, das von den Transformers (äh, das sind Roboter-Wesen von einem anderen Planeten, die sich in Autos verwandeln können) zu König Artus Zeiten auf die Erde gebracht wurde. Später wurde es über den Globus verstreut. Jetzt wollen die bösen Transformers und ein gehirngewaschener Optimus Prime (eigentlich einer der Guten) das Artefakt wieder zusammenfügen und die Erde vernichten. Die guten Transformers kämpfen dagegen. Und Cade Yeager (Mark Wahlberg, der schon durch den vorherigen Transformers-Film stolperte) ist der titelgebende letzte Ritter, der die Katasrophe verhindern kann.

Begleitet wird er von der Waisen Izabella (Isabelle Moner), der Historikerin Vivian Wembley (Laura Haddock [Fun Fact: sie ist älter als Megan Fox]), Lord Edmund Burton (Anthony Hopkins) und seinem putzigen Droiden. Gejagt und später begleitet werden sie von einer Trupp unerschrockener Kanonenfutter-Soldaten.

Der Weg zur großen Endschlacht im und unter Wasser, in der Luft, in Raumschiffen und bei Stonehenge (liegt in Bay-Welt alles direkt nebeneinander) ist mit epischen Kämpfen, Frotzeleien, Logiklöchern und Anschlussfehlern gepflastert, die von einem erschreckenden Desinteresse an der Geschichte und dem Publikum zeugen. Da liegt eine Metropole neben einem Wüstenkaff. Da hat Yeager sein Artus-Schwert in der Hand. Sekunden später ist es verschwunden. Und man hat immer die passenden Kleider dabei.

Die Story selbst, soweit sie überhaupt erkennbar ist, wirkt wie eine Resteverwertung aus den letzten „Star Wars“-Filmen (die Story, das Finale, Burtons Hausroboter, Izabellas Roboterfreund,…), gekreuzt mit der Artus-Sage. In der Version von Guy Ritchies vor wenigen Wochen gestartetem „King Arthur: Legend of the Sword“. Da werden einfach Bilder, Szenen und Dialoge hintereinander geklatscht, ohne dass jemals darauf geachtet wird, wie das alles miteinander zusammenhängt und man sich schon fast einen Extended Cut zum Stopfen der schlimmsten Drehbuchlöcher wünscht; – nein, nur ein Witz.

Unter den Schauspielern finden sich einige aus den vorherigen Filmen bekannte Namen und einige prominente Neuzugänge; und wenn man deren Name nicht kennt, kennt man ihr Gesicht. Sie alle haben nur kurze, teilweise nur knapp über der Cameo-Länge liegende Auftritte und sie alle sind nur wegen des Geldes dabei. Es sind Mark Wahlberg, Josh Duhamel (ein „Transformers“-Veteran), Stanley Tucci (kurz, sehr kurz), John Turturro (dito), Anthony Hopkins, Glenn Morshower (als, reden wir über kreative Namenswahl, General Morshower) und die schon erwähnten Bay-Babes Isabelle Moner und Laura Haddock. In der Originalfassung werden die Roboter, unter anderem, von Peter Cullen (wieder als Optimus Prime), John Goodman, Ken Watanabe, Jim Carter (von „Downtown Abbey“) und Omar Sy gesprochen; falls jemand ihre Stimmen erkennt.

Wie die vier vorherigen, kommerziell sehr erfolgreichen „Transformers“-Filme ist „The Last Knight“ ein Film für Kinder. Mit hundertfünfzig Minuten ist er für sie allerdings zu lang geraten. Und auch sie verdienen gute Filme. Davon ist „Transformers: The Last Knight“ meilenweit entfernt.

Wirklich ärgerlich an dem Film ist die durchgehende Abwesenheit einer auch nur irgendwie erkennbaren Bemühung zu unterhalten. Michael Bays neueste CGI-Actionplotte ist das filmische Äquivalent zu einem Überfall, bei dem der Räuber, weil er weiß, dass er seine Beute erhalten wird, jegliches Engagement vermissen lässt.

In Interviews bekundeten Michael Bay und Mark Wahlberg, dass sie beim nächsten „Transformers“-Film nicht dabei sein wollen.

Aber auch ohne sie – wobei Michael Bay als Produzent involviert ist – wird es mit den Transformers weitergehen. Die nächsten Filme sind schon angekündigt.

Transformers: The Last Knight (Transformers: The Last Knight, USA 2017)

Regie: Michael Bay

Drehbuch: Matt Holloway, Art Marcum, Ken Nolan (nach einer Geschichte von Akiva Goldsman, Art Marcum, Matt Holloway und Ken Nolan)

mit Mark Wahlberg, Anthony Hopkins, Stanley Tucci, John Turturro, Josh Duhamel, Laura Haddock, Isabela Moner, Santiago Cabrera, Jerod Carmichael, Peter Cullen (Stimme), Frank Welker (Stimme), John Goodman (Stimme), Ken Watanabe (Stimme), Jim Carter (Stimme), Omar Sy (Stimme)

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Transformers: The Last Knight“

Metacritic über „Transformers: The Last Knight“

Rotten Tomatoes über „Transformers: The Last Knight“

Wikipedia über „Transformers: The Last Knight“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Bays „Pain & Gain“ (Pain & Gain, USA 2013)

Meine Besprechung von Michael Bays „Transformers: Ära des Untergangs (Transformers: Age of Extinction, USA 2014)

Meine Besprechung von Michael Bays „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi (13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi, USA 2016)


TV-Tipp für den 22. Dezember: Ziemlich beste Freunde

Dezember 22, 2016

ARD, 20.15
Ziemlich beste Freunde (Frankreich 2011, Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache)
Drehbuch: Eric Toledano, Olivier Nakache
Ein wohlhabender, körperlich schwerbehinderter Franzose engagiert einen jungen, gerade aus dem Gefängnis entlassenen Migranten als Pfleger. Dieser behandelt ihn nämlich ohne falschen Respekt.
Mit fast neun Millionen Besuchern war „Ziemlich beste Freunde“ 2012 der erfolgreichste Film in den deutschen Kinos. Jetzt können alle, die den Film im Kino verpassten, das Versäumte als Einstimmung für die Weihnachtstage nachholen.
„Charmantes Buddy-Movie (…) Konzipiert als schwungvoller Wohlfühlfilm, mangelt es ihm allerdings an Glaubwürdigkeit, zumal die Konflikte und Probleme recht naiv verharmlost werden.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Francois Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Audrey Fleurot, Clotilde Molllet
Widerholung: Freitag, 23. Dezember, 01.20 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Film-Zeit über „Ziemlich beste Freunde“
Moviepilot über „Ziemlich beste Freunde“
Rotten Tomatoes über „Ziemlich beste Freunde“
Wikipedia über „Ziemlich beste Freunde“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Inferno“ – Professor Langdon muss wieder die Welt retten

Oktober 13, 2016

Harvard-Professor Robert Langdon wacht in Florenz in einem Krankenhauszimmer auf. Der Symbologe kann sich an nichts erinnert. Auch nicht, wie er nach Italien gekommen ist. Als kurz darauf eine wild um sich schießende Polizistin auftaucht, weiß er, dass er flüchten sollte. Dabei hilft ihm seine Ärztin Sienna Brooks (Felicity Jones) – und ungefähr jetzt muss man sich als Zuschauer entscheiden, ob man die dritte Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ rational-kritisch begleiten möchte (und, ja, man wird seine helle Freude am Kritisieren haben) oder ob man „Inferno“ in erster Linie als eine Achter- und Geisterbahnfahrt genießen möchte. Denn selbstverständlich gibt es überhaupt keinen in diesem Moment nachvollziehbaren Grund, warum die hübsche Ärztin den verletzten und vollkommen erschöpften Patienten, nachdem sie ihn vor der schießwütigen Polizistin rettete, aus dem Krankenhaus in ihre Wohnung schleppt.

Dort kann Langdon in einen Anzug von ihrem Ex-Freund schlüpfen und schon tauchen Heerscharen bewaffneter Bösewichter und die schon aus dem Krankenhaus bekannte Polizistin auf. Sie gehören zu mehreren, eher verfeindeten und mächtigen Organisationen, die alle über eine gut gefüllte Kriegskasse verfügen. Anscheinend wollen sie alle Langdon mehr oder weniger schnell töten. Anscheinend verfügt Langdon über Informationen, die irgendetwas mit Dantes Prophezeiung zu tun haben und die die Menschheit vernichten könnten. Unklar ist nur, ob Langdons Wissen das titelgebende Inferno verhindern oder befördern soll.

Langdon reagiert rein instinktiv, während er mit Brooks eine sportliche Sightseeing-Tour durch die historischen Schönheiten von Florenz, Venedig und Istanbul veranstaltet, als sei er eine jugendliche Ausgabe von Jack Bauer. Dabei vermitteln sie uns, wahrscheinlich brav aus der Romanvorlage übernommen, in hölzernen Erklärungen zwischen Fremdenführerlatein, Proseminar und Lexikonartikel das nötige historische Wissen zum Verständnis der Geschichte.

Und wie Jack Bauer nur von Kiefer Sutherland gespielt werden kann, kann Robert Langdon, der Indiana Jones im Anzug, nur von Tom Hanks gespielt werden. Er übernahm, nach „The Da Vinci Code“ (USA 2006) und „Illuminati“ (Angels & Demons, USA 2009) zum dritten Mal die Rolle des Professors, der Dank seines Wissens über alte Symbole, Geheimbünde und Verschwörungen die Welt vor großem Unheil bewahren kann. Ron Howard übernahm wieder die Regie und David Koepp, der bei „Illuminati“ nur Co-Autor war, ist jetzt der einzige Drehbuchautor. Koepp schrieb auch die Bücher für „Jurassic Park“, „Mission: Impossible“, „Spiel auf Zeit“, „Panic Room“, „Spider-Man“ und „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“. Auch das Drehbuch für den nächsten Indiana-Jones-Film hat er geschrieben. Massentaugliche Action mit Hirn kann er. Auch wenn bei „Inferno“ das Hirn aus der Vorlage, dem gut siebenhundertseitigem Schmöker von Dan Brown stammt.

Mit seinem zweiten Langdon-Roman „Sakrileg“ (The Da Vinci Code) landete Brown 2003 einen internationalen Bestseller, der eine Geschichtsstunde mit viel Verschwörungstheorie, – mit sehr viel Verschwörungstheorie -, und Action verband. Ein Erfolgsrezept, das Dan Brown auch nicht für „Inferno“, seinen vierten Langdon-Roman, änderte. Sein nächster Langdon-Roman „Origin“, der für den 26. September 2017 angekündigt ist, wird sicher ebenfalls dem bewährtem Rezept folgen. Der Thriller erscheint gleichzeitig in den USA und in Deutschland. Natürlich wieder bei Bastei Lübbe.

Da bleibt Koepp, wie es sich heutzutage für eine Bestsellerverfilmung gehört, nur noch die Aufgabe, den Wälzer in ein Drehbuch zu übersetzen ohne allzu viel von der Romangeschichte zu ändern. Das gelang ihm, in dem er sich auf die Action konzentriert, die Erklärungen knapp hält, etwas dringend notwendigen Humor integriert und mit knapp zwei Stunden (ohne Abspann) die kürzeste Brown-Verfilmung ablieferte. Angesichts der abstrusen Geschichte, die mehr Wendungen als zwei Sebastian-Fitzek-Romane hat, eine kluge Entscheidung. Denn im Gegensatz zu den Auflösungen in den Fitzek-Romanen ist in „Inferno“ der Plan des Bösewichts größenwahnsinnig, unglaublich kompliziert und vollkommen bescheuert. Er trägt das eigene Scheitern schon in seiner DNA.

Inferno“ ist eine durchgeknallte, aber auch, wenn man in der richtigen Stimmung ist, äußerst unterhaltsame Räuberpistole, die mit den Schauwerten der historischen Gebäude und Gärten, guten Schauspielern, etwas Humor und einem flotten Erzähltempo punkten kann. Es ist auch die bislang beste Dan-Brown-Verfilmung. Allerdings waren „The Da Vinci Code“ und „Illuminati“ überlange, vor Ehrfurcht gegenüber der Vorlage erstarrte, betuliche Verfilmungen, in denen sich viel zu viel Zeit für die Erklärungen der historischen Hintergründe genommen wurde.

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Inferno (Inferno, USA 2016)

Regie: Ron Howard

Drehbuch: David Koepp

LV: Dan Brown: Inferno, 2013 (Inferno)

mit Tom Hanks, Felicity Jones, Irrfan Khan, Omar Sy, Ben Foster, Sidse Babett Knudsen, Anna Ularu

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Metacritic über „Inferno“

Rotten Tomatoes über „Inferno“

Wikipedia über „Inferno“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ron Howards „Rush – Alles für den Sieg“ (Rush, USA/Großbritannien/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Ron Howards „Im Herzen der See“ (In the Heart of the Sea, USA 2015)

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Krimi-Couch über Dan Brown

Perlentaucher über Dan Brown

Die Vorlage

Leider ohne Filmfotos (das gab es früher öfter in den Filmausgaben), aber mit einem neuen Cover und selbstverständlich nur kurze Zeit im Handel

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Dan Brown: Inferno

(übersetzt von Axel Merz und Rainer Schumacher)

Bastei Lübbe, 2016

688 Seiten

11 Euro

Deutsche Erstausgabe

Lübbe, 2013

Originalausgabe

Inferno

Doubleday, 2013

Das Teaserplakat, das mir besser gefällt

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Neu im Kino/Filmkritik: „Monsieur Chocolat“ ist der dumme August

Mai 20, 2016

Als George Footit vor 120 Jahren die Idee hatte, einen Schwarzen den schwarzen Clown spielen zu lassen, war das unvorstellbar. Nicht wegen der Idee von einem schwarzen und einem weißen Clown. Den dummen August gab es schon länger und in den USA waren Minstrel-Shows, in denen Weiße sich schwarz anmalten und einem weißen Publikum die Klischees über Neger präsentierten, sehr beliebt. Sondern dass ein Schwarzer wirklich in der Lage sein könnte, eine so schwierige künstlerische Leistung zu vollbringen.

Heute ist der dem Konzept innewohnende Rassismus unübersehbar. Denn der Schwarze ist der dumme August, der Trottel, der Dummkopf und der Weiße ist ihm, auch als weißer Clown, in jeder Beziehung überlegen.

In seinem vierten Spielfilm erzählt der Schauspieler Roschdy Zem die auf Tatsachen basierende Geschichte von George Footit (James Thiérée), einem Clown am Ende seiner Karriere, und Rafael Padilla dit Chocolat (Omar Sy), einen aus der Sklaverei geflüchteten Afrikaners, der in einem Zirkus ein kärgliches Gehalt erhält, indem er den furchterregenden, Urlaute ausstoßenden Negerkönig Kananga spielt.

Footit kann Chocolat und den Zirkusdirektor überzeugen, dass sie vor dem Publikum in einer gemeinsamen Clownsnummer auftreten sollen. Sie sind ein voller Erfolg. Denn bislang hat das Publikum in der Provinz noch nie einen echten schwarzen Mann gesehen, der sogar fehlerfrei französisch spricht.

Schnell erhalten sie ein Angebot aus Paris. Sie sollen, für eine für sie astronomisch hohe Gage im Noveau Circque auftreten. Sie werden zum Liebling des Publikums, aber Chocolat, der erste Schwarze als Clown, möchte auch als Künstler anerkannt werden.

Monsieur Chocolat“ ist ein prächtig ausgestatteter Kostümfilm, gut gespielt, aber auch etwas bieder in seiner chronologischen Nacherzählung der Beziehung dieses Künstlerpaares. Es ist, im Guten wie im Schlechten, altmodisches Erzählkino, das gerade bei seiner politischen Aussage merkwürdig diffus bleibt. Denn selbstverständlich soll man über die Clownsnummern lachen und das gelingt ihnen auch, weil es gute Clownsnummern sind.

Monsieur Chocolat - Plakat

Monsieur Chocolat (Chocolat, Frankreich 2015)

Regie: Roschdy Zem

Drehbuch: Cyril Gely, Olivier Gorce, Gérard Noiriel (Adaption), Roschdy Zem (Adaption)

mit Omar Sy, James Thiérée, Clotilde Hesme, Olivier Gourmet, Frédéric Pierrot, Noémie Lvovsky, Alice de Lencquesaing

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Monsieur Chocolat“

AlloCiné über „Monsieur Chocolat“

Rotten Tomatoes über „Monsieur Chocolat“

Wikipedia über „Monsieur Chocolat“ (englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Bradley Cooper ist „Im Rausch der Sterne“

Dezember 4, 2015


Seitdem es immer mehr Fertiggerichte gibt, die immer mehr gekauft werden und wir immer weniger Zeit in der Küche und beim Essen verbringen, gibt es im Fernsehen immer mehr Kochsendungen und im Kino Kochfilme, in denen Essen hungrig machend präsentiert wird. Es gibt auch einen Kult um die Ein-, Zwei- und Drei-Sterne-Michelin-Küche, die auch in Berlin (wo die Sterne-Küche sehr günstig sein soll) eigentlich erst im dreistelligen Euro-Bereich beginnt. Ohne Getränke.
Auch in „Im Rausch der Sterne“, der neue Film von John Wells („Im August in Osage County“), nach einem Drehbuch von Steven Knight („Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „Peaky Blinders“), der schon in „Madame Mallory und der Duft von Curry“ zeigte, dass er die geschriebene Vorlage für einen kulinarischen Film liefern kann, dreht sich alles um das richtige Zubereiten von teuren Gerichten.
Adam Jones (Bradley Cooper) war in Paris ein Starkoch, bis einige Dinge geschahen, die für uns niemals vollständig aufgeklärt werden, die aber etwas mit Frauen, Drogen, Schulden und Kontakten zur Mafia zu tun haben und die seine Karriere ruinierten. Nachdem er in Louisiana eine selbst auferlegte Bußzeit absolvierte und dem Frauen- und Drogenkonsum abschwor, kehrt er mit seinem gewohnt großen Ego zurück in die Welt der Spitzenköche. In London will er im Nobelhotel Langham, das von Tony (Daniel Brühl, gewohnt überzeugend) geführt wird, wieder als Koch arbeiten und möglichst schnell seinen dritten Stern bekommen.
Also versammelt er eine Mannschaft begnadeter Köche, die er teils von früher kennt, um sich herum, es gibt etwas Liebestrouble mit der Köchin Helene (Sienna Miller als alleinerziehende Mutter) und es wird viel gekocht. Weshalb John Wells immer wieder hübsch drapierte kleine Portionen auf großen Tellern zeigt und die Schauspieler fluchend Essen durch den Raum werfen lässt. Sowieso herrscht ein rechter Kasernenhofton in der Nobelküche.
„Im Rausch der Sterne“ erfindet das Genre des Kochfilms nicht neu und ohne die durchgehend liebenswerten Schauspieler, die öfter nur kleinste Auftritte haben, wäre Wells‘ Film eine arg beliebige und unkritische Geschichte über das Leben eines ehrgeizigen und arroganten Sternekochs und seiner Sucht nach dem nächsten Michelin-Stern, den er vor allem deshalb verdient hat, weil er glaubt, dass er ihm zusteht. Wobei Bradley Cooper, der den Koch spielt, immer sympathisch ist. Deshalb wirkt der von ihm gespielte Adam Jones auch sympathischer als er ist. Trotz Kuchen-Backen für Helenes kleine Tochter, die gerade Geburtstag hat und diesen notgedrungen in dem Nobelrestaurant verbringen muss. Jones ist nämlich ein egozentrischer Stinkstiefel, der Brüllen mit Autorität verwechselt.
Da waren zuletzt „Madame Mallory und der Duft von Curry“ und „Kiss the Cook“ schon weiter, weil sie auch ernste Themen behandelten und in „Madame Mallory und der Duft von Curry“ das Kochen auch verschiedene Lebensphilosophien präsentierte.

Im Rausch der Sterne - Plakat

Im Rausch der Sterne (Burnt, USA 2015)
Regie: John Wells
Drehbuch: Steven Knight
mit Bradley Cooper, Sienna Miller, Daniel Brühl, Emma Thompson, Omar Sy, Matthew Rhys, Uma Thurman, Alicia Vikander, Lily James, Sarah Greene, Sam Keeley, Riccardo Scamarcio, Henry Goodman
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „Im Rausch der Sterne“
Moviepilot über „Im Rausch der Sterne“
Metacritic über „Im Rausch der Sterne“
Rotten Tomatoes über „Im Rausch der Sterne“
Wikipedia über „Im Rausch der Sterne“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Herzlich willkommen in der „Jurassic World“

Juni 11, 2015

In „Jurassic Park“ hatte Dr. John Hammond die Vision eines gewaltigen Themenparks, in dem wir uns echte Dinosaurier ansehen können. Er zeigte einigen Wissenschaftlern seine Vision – und die Dinos jagten auf der Insel die Menschen.
Der Film, inszeniert von Steven Spielberg, nach einem Bestseller von Michael Crichton, war 1993 ein Welterfolg. Es folgte „Vergessene Welt: Jurassic Park“, in dem Dinos auf der Insel Menschen jagten und ein Dino sogar – Erinnert ich euch an King Kong? – halb San Diego zertrampeln durfte. In „Jurassic Park III“ jagten die Dinos dann wieder nur auf einer Insel Menschen und, wie schon in den vorherigen Teilen, mussten Erwachsene einige Kinder vor den gefräßigen Tieren retten.
In „Jurassic World“ gibt es jetzt den von Hammond erträumten Themenpark, der auch von Menschenmassen besucht wird. Der zweite und dritte „Jurassic Park“-Film fanden anscheinend in einer anderen Galaxis statt. Denn dass jemand einen Vergnügungspark einrichtet mit Tieren, die Vorstädte verwüsten und die auf einer militärisch abgeschotteten Insel leben, ist, auch wenn wir den Menschen jede Blödigkeit zutrauen, unvorstellbar. Immerhin sind in „Jurassic World“ die Menschen, also vor allem der Genetiker Dr. Henry Wu (BD Wong, bekannt aus dem ersten Film), munter dabei, in der Dinosaurier-DNA herumzupfuschen. Ihre neueste Züchtung ist ein Indominus Rex, eine Kreuzung aus T. Rex, Carnotaurus, Majungasaurus, Rugops, Gigantosaurus undsoweiter; – halt alles, was für Menschen gefährlich und tödlich ist. Er ist besonders stark, blutrünstig und intelligent. Die Macher glauben, dass er bald eine große Attraktion im Dino-Themenpark wird.
Er bricht aus seinem Gehege aus und macht sich auf den Weg zur Vergnügungsmeile des Themenparks. Dabei tötet er alles, was ihm über den Weg läuft.
Der Verhaltensforscher und Ex-Soldat Owen (Chris Pratt), sozusagen der Dino-verstehende Jäger, der es geschafft hat, als Alphatier einiger Velociraptoren anerkannt zu werden, und Claire (Bryce Dallas Howard), eine anfangs ziemlich zickige, nur auf Zahlen fixierte Managerin, jagen ihm hinterher. Denn der Indominus Rex verfolgt Claires Neffen Zach (Nick Robinson) und Gray (Ty Simkins), die nur ein schönes Wochenende auf der Insel verbringen sollten.
Während Masrani (Irrfan Khan), ein Milliardär und Besitzer des Themenparks, die Sache gerne unauffällig bereinigen möchte, sieht InGen-Vertreter Vic Hoskins (Vincent D’Onofrio) die Chance für eine militärische Leistungsschau, inclusive intelligenter, von Owen im Kampf angeführter Dinos.
Und die Themenpark-Besucher dürfen schreiend vor den Dinos davonlaufen.
Gut, wegen der besonders tiefschürenden Geschichte geht niemand in einen „Jurassic Park“-Film. Sondern wegen der Tricks. Und die sind, wieder einmal, beeindruckend.
Auch die Geschichte ist, für einen Blockbusterfilm, gut. Die Spannung wird kontinuierlich aufgebaut und am Anfang nehmen die Macher sich viel Zeit, um in die Welt des Themenparks einzuführen und die wichtigen Charaktere vorzustellen. Diese sind durchweg sparsam skizzierte Klischeefiguren: der Tierversteher mit leichter Macho-Attitüde, der egozentrische Kapitalist, der skrupellose Forscher, der das Recht des Stärkeren propagierende Privat-Militär, der sarkastische Witzbold (yeah, die Jeff-Goldblum-Rolle). Die wenigen Frauenrollen sind besonders sparsam skizziert. Eigentlich hat nur Claire eine etwas größere Rolle, die sich letztendlich darauf beschränkt, den strammen Naturburschen Owen zu bewundern und ihrem Chef hinterherzulaufen und ihm Ideen zur Steigerung der Rendite zu präsentieren. Aber dank der guten Schauspieler werden aus ihnen glaubwürdige Charaktere, wobei gerade die beiden Hauptdarsteller Chris Pratt und Bryce Dallas Howard wenig aus ihren Charakteren herausholen können.
Es werden auch – nicht besonders tiefschürend, aber immerhin – einige ethische Fragen gestellt. Es geht um den Kapitalismus (immerhin muss der Vergnügungspark jedes Jahr neue Attraktionen haben, um sein Publikum zu halten und einen größeren Gewinn abzuwerfen), den Machbarkeitswahn des Menschen, den ungeplanten Folgen von Eingriffen in das Erbgut und dem Umgang mit Tieren.
Es gibt viele Hinweise auf „Jurassic Park“ und, auch wenn der Film von Colin Trevorrow (Journey of Love – Das wahre Abenteuer ist die Liebe) inszeniert wurde, steht überall Steven Spielberg. In jedem Charakter, vor allem den Kindern, der Kameraführung, der Musik, der Inszenierung und natürlich der Suche nach der heilen Welt, verstanden als die funktionierende Kernfamilie aus beiden Eltern und ihren Kindern. Claire hat am Filmanfang noch keine Mann. Zach und Gray befürchten am Anfang, dass ihre Eltern sich scheiden lassen.
„Jurassic World“ ist gelungenes, angenehm altmodisches und storyzentriertes Blockbuster-Kino, das für Ältere selbstverständlich „Westworld“ mit Dinos ist. Michael Crichton, der Autor des Romans, der die Grundlage für den ersten „Jurassic Park“-Film (ja, und den zweiten „Jurassic Park“-Film „Vergessene Welt“) war, erfand auch „Westworld“; ein Themenpark, in dem menschenähnliche Roboter entgegen ihrer Programmierung Menschen töteten.
P. S.: Ich habe den Film in 3D im IMAX gesehen – und dieses Mal lohnt es sich wirklich.
Hier in Berlin wird der Film, so die Planung, bis zum 9. Juli, dem Start des neuen „Terminator“-Films „Terminator: Genisys“, im IMAX gezeigt.

Jurassic World - Plakat

Jurassic World (Jurassic World, USA 2015)
Regie: Colin Trevorrow
Drehbuch: Rick Jaffa, Amanda Silver, Derek Connolly, Colin Trevorrow
LV: Charaktere von Michael Crichton
mit Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Ty Simpkins, Nick Robinson, Vincent D’Onofrio, Judy Greer, BD Wong, Omar Sy, Jake Johnson, Irrfan Khan, Katie McGrath
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Andere deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Jurassic World“
Moviepilot über „Jurassic World“
Metacritic über „Jurassic World“
Rotten Tomatoes über „Jurassic World“
Wikipedia über „Jurassic World“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 7. Juli: Ziemlich beste Freunde

Juli 6, 2014

ARD, 20.15
Ziemlich beste Freunde (Frankreich 2011, Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache)
Drehbuch: Eric Toledano, Olivier Nakache
Ein wohlhabender, körperlich schwerbehinderter Franzose engagiert einen jungen, gerade aus dem Gefängnis entlassenen Migranten als Pfleger. Dieser behandelt ihn nämlich ohne falschen Respekt.
Mit fast neun Millionen Besuchern war „Ziemlich beste Freunde“ 2012 der erfolgreichste Film in den deutschen Kinos. Jetzt können alle, die den Film im Kino verpassten, das Versäumte nachholen.
„Charmantes Buddy-Movie (…) Konzipiert als schwungvoller Wohlfühlfilm, mangelt es ihm allerdings an Glaubwürdigkeit, zumal die Konflikte und Probleme recht naiv verharmlost werden.“ (Lexikon des internationalen Films)
Auftakt vom ARD-Sommerkino, das uns in den kommenden Wochen noch einige gute Filme ins heimische Kino bringt.
mit Francois Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Audrey Fleurot, Clotilde Molllet
Widerholung: Dienstag, 8. Juli, 02.25 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Film-Zeit über „Ziemlich beste Freunde“
Moviepilot über „Ziemlich beste Freunde“
Rotten Tomatoes über „Ziemlich beste Freunde“
Wikipedia über „Ziemlich beste Freunde“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ – und die Gegenwart?

Mai 22, 2014

Großes Familientreffen im „X-Men“-Kosmos: in der nahen Zukunft, die mächtig an die ersten Minuten von James Camerons „Terminator“ erinnert, kämpfen die letzten Mutanten gegen die Sentinel, mächtige sechs Meter große Roboter, die sie reihenweise umbringen. Ihre letzte Chance ist, in der Zeit zurückzuspringen und diese für Mutanten extrem ungastliche Zukunft zu korrigieren. Zum Glück kennen die X-Men das auslösende Ereignis für das ihr Überleben bedrohende Sentinel-Programm. 1973 tötete Raven Darkholme, aka Mystique (bzw., wer Lücken in seinem „X-Men“-Wissen hat: das blaue Wesen, das ständig ihr Aussehen ändern kann), Dr. Bolivar Trask, der die Mutanten als Bedrohung für die Menschheit ansah. Bei der US-Regierung warb der Unternehmer um Geld für ein entsprechendes Forschungsprogramm. Nach seinem Tod – immerhin wurde er von einer Mutantin ermordet – wurde das Geld bewilligt.
Die einzige Person, die den Zeitsprung überleben kann, ist Logan, aka der unsterbliche Wolverine, dessen Zellen sich wahnsinnig schnell regenerieren. Er springt zurück und versucht Professor Charles Xavier, den Gründer der X-Men, zu überzeugen, zusammen mit seinem Erzfeind Erik Lehnsherr, aka Magneto, gegen die Bedrohung für ihr Überleben zu kämpfen. Es gibt nur zwei Probleme: Professor X gefällt sich drogenkonsumierend im Selbstmitleid und Magneto sitzt als John-F.-Kennedy-Attentäter, in einem Hochsicherheitsgefängnis.
Und in den folgenden Minuten sehen wir in der nahen Zukunft die X-Men aus den ersten drei „X-Men“-Filmen, also Patrick Stewart, Ian McKellen, Halle Berry und Hugh Jackman, plus einige vernachlässigbare Cameos und Neuzugänge, und in der schön stylischen Siebziger-Jahre-Vergangenheit die X-Men aus dem vorherigem „X-Men“-Film „Erste Entscheidung“, also James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence und Nicholas Hoult, gegen böswillige Menschen kämpfen.
Inszeniert wurde die Geschichte von Bryan Singer, der die ersten beiden „X-Men“-Filme inszenierte. Brett Ratner inszenierte den dritten „X-Men: Der letzte Widerstand“, der allgemein wenig gemocht wird. Den grandiosen Neustart „X-Men: Erste Entscheidung“ inszenierte „Kick-Ass“-Regisseur Matthew Vaughn, der seinen Film in eine alternative Zeitlinie verlegte, weshalb er dann auch die Dinge, die ihn bei den vorherigen „X-Men“-Filmen störten, ignorieren konnten und mit seiner alternativen Interpretation der Kuba-Krise lieferte er, auch dank des überzeugenden Bösewichts Sebastian Shaw (Kevin Bacon), einen tollen Film ab, der natürlich die Erwartungen für den fünften „X-Men“-Film steigerte.
Allerdings funktioniert in „Zukunft ist Vergangenheit“ die gesamte Geschichte nicht mehr. Denn durch das Spiel mit alternativen Zeitlinien und Zeitreisen ist alles egal, weil letztendlich jeder Fehler berichtigt werden kann. Damit hat nichs endgültige Konsequenzen. So hat Magneto, der am Ende von „Der letzte Widerstand“ seiner Mutantenkräfte beraubt wurde, diese wieder – oder, immerhin sind wir ja schon in einer alternativen Zeitlinie, diese immer noch. Professor Xavier ist wieder lebendig, obwohl er in „Der letzte Widerstand“ starb (jaja, nach dem Abspann gab es eine Szene, die schon auf sein Überleben hindeutete). Aber vielleicht hat in der Zeitlinie, in der „Zukunft ist Vergangenheit“ spielt, „Der letzte Widerstand“ einfach nicht stattgefunden. Und als wir den jüngeren Professor zum ersten Mal in „Zukunft ist Vergangenheit“ sehen, kann er gehen, weshalb wir zunächst vermuten, dass auch die zehn Jahre früher spielende „Erste Entscheidung“ nicht oder anders stattfand.
Denn jetzt kann im „X-Men“-Kosmos alles korrigiert werden. Wenn nicht beim ersten Mal, dann beim zweiten oder dritten Versuch. Damit hat aber auch keine Tat mehr endgültige Konsequenzen. Kein Tod ist endgültig. Entsprechend spannungslos plätschert der Film vor sich hin. Denn warum soll ich mein Taschentuch zücken, wenn der Tote in wenigen Minuten wieder quicklebendig durch das Bild läuft?
Da hilft auch nicht die Größe, mit der die Shakespeare-Minen Patrick Stewart und Ian McKellen den größten Unfug todernst deklamieren, als seien sie gerade bei „Sein oder Nichtsein“; – was natürlich besonders in der Originalfassung spaßig ist.
Sowieso gibt es, wie auch bei den vorherigen „X-Men“-Filmen an der Besetzung nichts zu mäkeln. Es zahlt sich halt aus, wenn echte Schauspieler engagiert werden.
Der sechste „X-Men“-Film ist schon angekündigt. Derzeit heißt er „Apocalypse“, er soll Ende Mai 2016 starten und in den Achtzigern spielen. Dann erfahren wir sicher, wie der Kalte Krieg beendet wurde.

X-Men Zukunft ist Vergangenheit - Plakat

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (X-Men: Days of Future Past, USA 2014)
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Simon Kinberg (nach einer Geschichte von Jane Goldman, Simon Kinberg und Matthew Vaughn)
LV (inspiriert): Chris Claremont, John Byrne: The Uncanny X-Men: Days of Future Past, 1981
mit Hugh Jackman, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, James McAvoy, Patrick Stewart, Ian McKellen, Halle Berry, Ellen Page, Nicholas Hoult, Anna Paquin, Peter Dinklage, Shawn Ashmore, Omar Sy, Evan Peters, Josh Helman
Länge: 132 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Moviepilot über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Metacritic über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Rotten Tomatoes über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Wikipedia über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ (deutsch, englisch)

Die „X-Men“-Filme
X-Men (X-Men – Der Film, USA 2000, Regie: Bryan Singer, Drehbuch: David Hayter)
X-Men 2 (X-Men 2, USA 2003, Regie: Bryan Singer, Drehbuch: Michael Dougherty, Dan Harris, David Hayter)
X-Men: The last Stand (X-Men – Der letzte Widerstand, USA 2006, Regie: Brett Ratner, Drehbuch: Simon Kinberg, Zak Penn)
X-Men: First Class (X-Men: Erste Entscheidung, USA 2011, Regie: Matthew Vaughn, Drehbuch: Ashley Miller, Zack Stentz, Jane Goldman, Matthew Vaughn)


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