Neu im Kino/Filmkritik: „Continuity“ – das neue Werk von Omer Fast

November 20, 2016

In seinem Spielfilmdebüt „Remainder“ war der Protagonist in einer Zeitschleife gefangen. In seinem zweiten Spielfilm „Continuity“, in dem Videokünstler Omer Fast seinen gleichnamigen 41-minütigen Kurzfilm von 2012 zu einem Spielfilm erweiterte, sind seine Protagonisten in einer anderen Schleife gefangen.

Schon in den ersten Minuten, wenn Torsten (André M. Hennicke) und Katja Fiedler (Iris Böhm) sich durch ihr austauschbares Einfamilienhaus bewegen, wird deutlich, dass etwas nicht stimmt. Auch die Fahrt zum Bahnhof und die Begegnung mit ihrem aus dem Afghanistan-Einsatz heimkehrendem Sohn am Bahnhof gestaltet sich gezwungen. Ebenso das Abendessen. Ohne dass wir wissen, warum sich alle so seltsam benehmen, was sie uns verschweigen und woher die seltsame sexuelle Spannung kommt.

Kurz darauf wiederholt sich das gleiche Spiel zweimal. Mit minimalen Variationen, aber immer mit einem anderen Daniel, den sie abholen und mit dem sie zu Abend essen.

Währenddessen zeigt Fast Szenen aus Afghanistan, in denen bekannte Gesichter wieder auftauchen, einen versuchten Mord in der örtlichen Bäckerei an Daniel (Fiedler?), die auch mit illegalen Drogen handelt und es gibt Bruchstücke von Erklärungen, die immer offen für Interpretationen bleiben. So sind einige (oder alle) Söhne Stricher, die von den Böhms bezahlt werden, ihren Sohn zu spielen. So hat sich ein Sohn (der echte?) bei der Bundeswehr für den Afghanistan-Einsatz beworben und in Afghanistan kam es zu sexuellen und gewalttätigen Handlungen. Oder fantasieren Daniels Eltern sich das nur herbei, aus den Erzählungen der Stricher, die dafür bezahlt werden ihren Sohn, der vielleicht tot ist, zu spielen?.

Das schöne an Omer Fasts zweitem Spielfilm „Continuity“ ist, neben der formalen Strenge, die an die Berliner Schule erinnert, dass er bis zur letzten Minute viele seiner Geheimnisse bewahrt und somit offen für Interpretationen bleibt, ohne jemals beliebig zu werden.

Wie bei seinem ersten Spielfilm „Remainder“ gibt es am Ende von „Continuity“ immer noch einige lose Fäden und nicht alles fügt sich zu einer widerspruchsfreien und plausiblen Erzählung zusammen. Wie in der Realität, in der auch nicht immer alles restlos aufgeklärt und eindeutig ist.

Continity“ ist ein spannendes, vielschichtiges erzählerisches Experiment. Sehr, sehr sehenswert.

continuity-plakat

Continuity (Continuity, Deutschland 2016)

Regie: Omer Fast

Drehbuch: Omer Fast

mit André M. Hennicke, Iris Böhm, Constantin von Jascheroff, Bruno Alexander, Josef Mattes, Lukas Steltner, Niklas Kohrt, Anne Ratte-Polle

Länge: 85 Minuten

FSK: –

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film (mit den Kinos, die den Film zeigen)

Berlinale über „Continuity“

Filmportal über „Continuity“

Moviepilot über „Continuity“

Rotten Tomatoes über „Continuity“

Wikipedia über Omer Fast (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Omer Fasts „Remainder“ (Remainder, Großbritannien/Deutschland 2016)

Bonushinweis

Im Martin-Gropius-Bau wird bis zum 12. März 2017 die erste große Berlin-Werkschau von Omer Fast gezeigt.

Omer Fast spricht mit Sergio Fant bei der Art Basel im Juni 2016 über den Film (und verrät natürlich einiges)


Neu im Kino/Filmkritik: „Remainder“ – Erinnerungsreste, oder was?

Mai 12, 2016

Was für ein Debüt. Omer Fast, der schon seit Jahren als Videokünstler bekannt ist, verfilmt einen Roman von Tom McCarthy, nimmt sich dabei einige Freiheiten und er gewinnt auf ganzer Linie.

Im Mittelpunkt des schön zwischen den Kategorien und Erwartungen stehenden Films steht Tom (Tom Sturridge). An einem sonnigen Tag fällt mitten in der Stadt ein Glasdach auf ihn. Er überlebt den Unfall schwerverletzt. Nach einer längeren Genesungsphase kann er wieder halbwegs laufen, erinnert sich an Nichts und hat mit einer Entschädigungssumme von 8,5 Millionen Pfund finanziell ausgesorgt. Er hat keine Familie, die ihn unterstützt, aber immerhin zwei Freunde, Catherine (Cush Jumbo) und Greg (Ed Speleers), die ihm aber auch nicht seine drängendsten Fragen beantworten können oder wollen.

Tom versucht zunehmend fanatisch seine Vergangenheit zu erkunden. Er will den Erinnerungsfetzen einen Sinn geben und er will wissen, warum er am Unfallort war und warum damals für ihn ein Koffer wichtig war.

Er engagiert Naz (Arsher Ali), der für ihn Recherchen erledigt und ihm bei seinen seltsamen Reenactments hilft. Zuerst indem sie ein Haus entmieten und es mit Menschen bevölkern, die Erinnerungen von Tom verkörpern sollen und die sich in einer bestimmten Art und Weise bewegen müssen. Später indem ein Banküberfall nachgestellt wird. Dabei will Tom den Banküberfall zunehmend realistisch gestalten. Er erhofft sich so einen Aufschluss über seine Vergangenheit.

Gleichzeitig wird er von zwei Männern verfolgt.

Remainder“ ist, wie Christopher Nolans „Inception“, allerdings mit einem deutlich geringerem Budget, ein Film der sich in den Kopf seines Protagonisten einschleust, einer wundervoll verschachtelten Konstruktion folgt – Fast sagt er habe die Handlung formal als eine 8 aufgebaut; man könnte auch von einem Möbiusband reden – und Tom am Ende wieder an genau dem Ort steht, an dem er am Anfang stand. Aber jetzt wissen wir, wer die geheimnisvolle Frau ist und was in dem Koffer ist. Einerseits. Andererseits kann, in einer streng realistischen Betrachtung, der Anfang nicht das Ende sein und damit kann die Lösung nicht die Lösung sein.

Omer Fast kann seine mit Schwarzem Humor gewürzte, unterkühlt erzählte Geschichte durchgehend abstrakt und mehrdeutig erzählen und auf eine eindeutige Interpretation verzichten, weil er Toms Suche nach seinem früheren Leben konsequent als Thriller erzählt. Damit ist eine Grundspannung und ein Interesse an dem Ende gewährleistet.

Remainder“ ist ein köstlicher Mindfuck-Film, der sich vor dem schon erwähnten „Inception“ nicht verstecken muss. Im Gegenteil. Gerade wegen seiner weniger fantastischen Geschichte und dem klugen Umgang mit seinen beschränkten Mitteln regt er viel mehr zum Nachdenken an.

Remainder - Plakat 4

Remainder (Remainder, Großbritannien/Deutschland 2016)

Regie: Omer Fast

Drehbuch: Omer Fast

LV: Tom McCarthy: Remainder, 2005 (8 ½ Millionen)

mit Tom Sturridge, Cush Jumbo, Ed Speleers, Arsher Ali, Shaun Prendergast

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Remainder“

Rotten Tomatoes über „Remainder“

Wikipedia überRemainder“ und Omer Fast (deutsch, englisch)

Omer Fast auf der diesjährigen Berlinale (Bild- und Tonqualität sind nicht gut; also nur für Fans)

Omer Fast auf der New Directors/New Films 2016 – in einer richtig guten Bild- und Tonqualität


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