Neu im Kino/Filmkritik: „Robin Hood“ mit Hood im Hood

Januar 11, 2019

Historisch akkurat war wahrscheinlich keiner der unzähligen Filme mit Robin Hood, die wir in den vergangenen Jahrzehnten sehen konnten. Außerdem können sogar Historiker kaum die spärlichen Fakten von den zahlreichen Erzählungen über Robin Hood trennen. Das ist aber auch nicht wichtig. Denn letztendlich wollen wir nur eine zünftige Abenteuergeschichte sehen, in der Robin Hood mit Little John, Bruder Tuck und seiner geliebten Marian gegen den bösen Sheriff von Nottingham kämpft. Und in Deutschland ist, dank der Synchronisation, auch die Frage, ob er jetzt den richtigen Akzent hat, vollkommen unerheblich. Im angloamerikanischen Raum ist das ja bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ein abendfüllendes Thema.

Der neue „Robin Hood“-Film kümmert sich dann auch wenig um historische Genauigkeit. Stattdessen wird das vertraute mittelalterliche Nottingham zu einem Steampunk-England, das, auch von der Story, näher an „V wie Vendetta“ als an allen anderen Robin-Hood-Filmen ist. Jedenfalls den bekannten.

Nachdem Robin von Locksley (Taron Egerton) in Syrien war, kehrt er zurück nach Nottingham. Dort hat man geglaubt, er sei gestorben. Sein Schloss ist zerfallen. Seine Geliebte Lady Marian (Eve Hewson) ist in den Armen eines anderen Mannes. Will Scarlet ist auch der Anführer der geknechteten Bevölkerung, die in den Minen schuften muss. Er will das System ändern. Aber nicht mit einer Revolution, sondern durch einen friedlichen Ausgleich mit den Mächtigen. Ihr Vertreter ist der skrupellose, machtgierige und überaus fiese Sheriff von Nottingham (Ben Mendelsohn).

Ben Mendelsohn spielt den Sheriff vollkommen over the top. Als habe der Regisseur ihm gesagt, er solle einfach noch einmal seine Rolle als Bösewicht aus „Rogue One: A Star Wars Story“ wiederholen. Nur nicht so subtil. Mendelsohn tat es und einen lustvoller in seiner Bosheit aalenden Bösewicht werden wir dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr im Kino sehen.

Während er die Bevölkerung ausbeutet, nimmt Robin den Kampf gegen ihn auf. Mit Pfeil und Bogen (dank morgenländischer Technik im MP-Schnellfeuermodus) und einer Mütze.

Little John (Jamie Foxx), der ihm aus Syrien folgte, hilft ihm. Als top ausgebildeter Sarazenenkrieger gibt er Robin von Locksley zuerst einmal körperlichen und geistigen Kampfunterricht. Danach beginnen sie, die Mächtigen zu bestehlen.

Der verdiente TV-Regisseur Otto Bathurst („Peaky Blinders“, „Hustle“) inszenierte sein Spielfilmdebüt als modernen Actionfilm mit Pfeil und Bogen und Pferden.

Schon der erste Kampf von Robin und den anderen englischen Soldaten in Syrien in den engen Gassen einer Stadt könnte mit seinen schnellen Schnitten, den Nahaufnahmen und der Wackelkamera, direkt aus einem modernem Kriegsfilm stammen. Nur der Einsatz von Pfeil und Bogen passt nicht in das moderne Bild. Zurück in Nottingham geht es bei den Actionszenen ähnlich modern weiter. Zwischen all den Schnitten bleibt dann auch jegliche Originalität auf der Strecke.

Die Story wirkt, als habe man mehrere Drehbücher einfach zusammengefügt ohne darauf zu achten, ob das dann als Film zwischen den Actionszenen funktioniert. Durchgehend werden wichtige und interessante Themen, von den Kreuzzügen über die Zusammenarbeit von Kirche, Kapital und Politik, dem Arbeiterkampf und dem Kampf gegen ein faschistisches Regime, angesprochen, aber niemals vertieft. Mit der nächsten Szene ist man dann beim nächsten Thema. Oder es gibt schnell einen Diebstahl von Robin Hood, dem netten Dieb aus der Nachbarschaft.

In Bathursts „Robin Hood“ ist niemals ersichtlich, warum er ausgerechnet diese Geschichte in dieser Welt erzählen wollten. Seinem Film fehlt durchgehend der erzählerische Fokus, der Druck und die Notwendigkeit, die aus seiner Neuinterpretation der altbekannten Legende mehr als einen letztendlich austauschbaren, in einer Fantasy-Welt spielenden, künstlich hochgepushten Abenteuerfilm macht.

Robin Hood (Robin Hood, USA 2018)

Regie: Otto Bathurst

Drehbuch: Ben Chandler, David James Kelly

mit Taron Egerton, Jamie Foxx, Jamie Dornan, Eve Hewson, Ben Mendelsohn, Tim Minchin, Paul Anderson, F. Murray Abraham

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Robin Hood“

Metacritic über „Robin Hood“

Rotten Tomatoes über „Robin Hood“

Wikipedia über „Robin Hood“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 12. März: Peaky Blinders – Gangs of Birmingham: Geschenk des Teufels/Waffenpoker

März 12, 2015

Arte, 20.15
Peaky Blinders – Gangs of Birmingham: Geschenk des Todes/Waffenpoker (Großbritannien 2013, Regie: Otto Bathurst)
Drehbuch: Steven Knight
Birmingham, 1919: Tommy Shelby und seine Straßengang, die Peaky Blinders, sind die ungekrönten Herrscher in ihrem Viertel. Als seine Männer durch Zufall eine Waffenlieferung des Militärs erbeuten, glauben sie, das große Los gezogen zu haben. Aber der skrupellose Chief Inspektor Chester Campbell von der Royal Irish Constabulary wird aus London in die Industriestadt geschickt. Er soll die Waffen finden. Egal wie. Und dabei gleichzeitig unter den Verbrecherbanden, Gewerkschaften, den Linken, der IRA und allen Feinden der Krone aufräumen.
Ab heute zeigt Arte in Doppelfolgen die erste Staffel von „Peaky Blinders“, einer aufwenig produzierten Gangstersaga, die zwar vor gut hundert Jahren spielt, aber in der Wahl ihrer filmischen Mittel und der Musik ist die Serie absolut zeitgenössisch. Der Titelsong „Red Right Hand“ ist von Nick Cave and The Bad Seeds und es gibt noch mehr Alternative Rockmusik. Auch die starke Rolle der Frauen, die während des Krieges die Verbrecherbanden führten, wäre so in älteren Filmen nicht vorgekommen.
Die Story selbst zitiert immer wieder lustvoll Gangsterfilmklassiker und Steven Knight („Eastern Promises“) entwirft ein reichhaltiges Bild der damaligen Zeit und der politischen Wirren, die in den kommenden Jahrzehnten die Geschichte Englands bestimmten. Ich sage nur: IRA.
Und so ist „Peaky Blinders“ gleichzeitig mitreisendes Gangsterepos und Sozialstudie.
Die dritte Staffel ist bereits bestellt.
mit Cillian Murphy, Sam Neill, Helen McCrory, Paul Anderson, Joe Cole, Sophie Rundle, Eric Campbell, Ned Dennehy, Annabelle Wallis, Tony Pitts

Die DVD ist bei Koch Media erschienen
Peaky Blinders - Staffel 1 - DVD-Cover
Koch Media
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of
Länge: 322 Minuten (3 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
BBC Two über „Peaky Blinders“
Moviepilot über „Peaky Blinders“
Arte über „Peaky Blinders“
Wikipedia über „Peaky Blinders“ (deutsch, englisch)


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