TV-Tipp für den 10. September: Neruda

September 10, 2018

WDR, 23.20

Neruda (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón

Chile, 1948: Pablo Neruda, geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator, muss aufgrund der politischen Lage untertauchen. Ein Polizist, der direkt aus einem Noir-Roman entsprungen ist, sucht ihn – und doch ist es nicht ganz so einfach.

Man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Und: Schade, dass die TV-Premiere des „Anti-Biopics“ (Larrain) zu so einer arbeitnehmerfeindlichen Uhrzeit ist.

mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Diego Munoz, Pablo Derqui, Michael Silva

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Neruda“

Metacritic über „Neruda“

Rotten Tomatoes über „Neruda“

Wikipedia über „Neruda“ und Pablo Neruda (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Neruda“ (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Pablo Larraíns Biopic/Nicht-Biopic „Neruda“

Februar 24, 2017

Mit „Neruda“ ist natürlich der bekannte Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904 – 1973) gemeint – und man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.

Der Film beginnt 1948. Neruda ist geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator für die nordchilenischen Provinzen Tarapacá und Antotagasta.

Präsident González Videla ist Mitglied der Radikalen Partei und Diktator am Beginn seiner Karriere, der mit Sondergesetzen, willkürlichen Verhaftungen, Verfolgung missliebiger Personen und einem 1947 eingerichtetem Straflager für politische Gefangene in der Atacama-Wüste (geleitet von Augusto Pinochet) seine Herrschaft ausbaut. Er verbietet auch die Kommunistische Partei, für die Neruda im Kongress sitzt und lässt deren Mitglieder verfolgen.

Neruda hält vor dem Kongress eine flammende Anklagerede gegen Videla. Danach muss er, um nicht in das Straflager gesteckt zu werden, mit seiner Frau Delia del Carril untertauchen.

Im Untergrund schreibt er weiter an seiner epochalen Gedichtzyklus „Canto General“ und gegen die Machthaber. Und er denkt überhaupt nicht daran, sein Leben als Bonvivant aufzugeben. Auf gute Küche, Wein, Frauen, Literatur (wozu auch Krimis gehören) und die Auftritte in der Öffentlichkeit will er nicht mehr als nötig verzichten. So kann er auch Präsident Videla an der Nase herumführen.

Der Polizist Óscar Peluchonneau verfolgt ihn. Er ist eine Figur, die es so nur in einem Noir-Roman gibt, und die folgerichtig erfunden ist. Bei seiner Suche nach dem untergetauchtem Dichter ist Peluchonneau, ein an seiner eigenen Unzulänglichkeit leidender Konservativer, zunehmend von Nerudas Schriften fasziniert. Außerdem wird der Film mit seiner Stimme (im Voice-Over) erzählt.

Neruda“ ist ein großer, südländisch burlesker Spaß, in dem Neruda auch auf der Flucht, wie ein kleines Kind ist, das das Leben genießen will. Die Ausstattung und die Locations erinnern dann an Federico Fellini, auch weil „Neruda“ mit einem fellininesken Maskenball und einem dekadentem Fest der Sinne, bourgeois und kommunistisch gesättigt, beginnt. Denn Pablo Neruda war, was schon die ersten Minuten zeigen, eine schillernde Persönlichkeit, die in dem auf mehreren Ebenen funktionierendem und erzählten Film auch entsprechend vielschichtig porträtiert wird.

Alles das, was Pablo Larraín in seinem nächsten Film „Jackie“ (seit 26. Januar im Kino) über Jackie Kennedy und die Tage zwischen der Ermordung ihres Mannes und seiner Beerdigung, nicht gelang, gelingt ihm in „Neruda“, seinem durchgehend ironischen Neruda-Metafilm/fiktion über die Monate zwischen seinem Untertauchen und 1949 seiner Flucht über die südlichen Kordilleren nach Argentinien.

Unser Film ist wahrscheinlich weniger ein Film über Neruda als einer in seinem Geist – vielleicht ist er auch beides zusammen. Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.“ (Pablo Larraín)

Das „Anti-Biopic“ (Larraín) ist ein großer Spaß. Auch für Menschen, die nichts über Pablo Neruda wissen, nichts von ihm gelesen haben und auch nichts von ihm lesen wollen. Wobei: Was spricht gegen die Lektüre eines guten Buches? Außer der Angst, intelligenter zu werden?

neruda-plakat

Neruda (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón

mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Diego Munoz, Pablo Derqui, Michael Silva

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Neruda“

Metacritic über „Neruda“

Rotten Tomatoes über „Neruda“

Wikipedia über „Neruda“ und Pablo Neruda (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Jackie: Die First Lady“ und die Tage nach dem Tod ihres Mannes John F. Kennedy

Januar 30, 2017

Jacqueline ‚Jackie‘ Kennedy (Natalie Portman) lädt kurz nach dem Tod ihres Gemahls einen Journalisten (Billy Crudup) auf ihr Anwesen in Hyannisport, Massachusetts, ein. Die 34-jährige Witwe will ihm für eine Reportage ihre Sicht des Attentats auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas, und der Ereignisse bis zu seiner Beerdigung erzählen. Sie sagt dem Journalisten auch, dass sie vor einer Veröffentlichung den Bericht durchlesen und entsprechend ihren Wünschen korrigieren will. Sie will also eine Hofberichterstattung. Aber weil wir im Kino die unzensierte Version sehen, kann aus der Ausgangslage ein ungeschönter Einblick in die chaotischen Tage nach dem Attentat werden, die sich vor allem hinter verschlossenen Türen abspielten.

In seinem vorherigen Film „Neruda“ (ab 23. Februar in unseren Kinos) benutze Pablo Larrain eine ähnlich Konstruktion, indem er seine Geschichte auf mehreren Ebenen und verschiedenen Perspektiven erzählt. Allerdings mit einem ungleich befriedigenderem Ergebnis als in seinem fragmentarischen, bewusst immer wieder Erzählerwartungen und -konventionen brechendem US-Debüt „Jackie: Die First Lady“.

Dabei hätte man aus der Prämisse viel machen können: die auf wenige Tage und ein Ereignis kondensierte Geschichte einer Frau, die mit dem Tod ihres Mannes zurecht kommen muss und die Geschichte einer Frau, die versucht, das Erbe ihres Mannes zu bewahren. Dafür muss sie zuerst erklären, was sein Vermächtnis sein wird. Natürlich gegen Widerstände. Je mehr, desto besser.

In „Jackie“ wird allerdings genau diese Geschichte nicht erzählt. Schon die Konstruktion mit ihrer Erzählung gegenüber dem Reporter, der einfach nur ihre Worte niederschreibt und der daneben nur als schulbubenhafter Stichwortgeber fungiert, muss Jackie Kennedy (später Onassis, aber das ist ein anderer Film) gegen keine Widerstände kämpfen.

Das gleiche gilt für ihre Erzählung der Tage nach dem Tod ihres Mannes. Alle sind furchtbar besorgt. Alle versuchen, ihr zu helfen. Einige Staatsgeschäfte gehen weiter, weil sie weitergehen müssen. Wie, kurz nach dem Attentat, im Präsidentenflugzeug, die Vereidigung von Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) als Kennedys Nachfolger. Johnson zieht sich dann, mit zerknautschem Gesicht zurück, während Jackie die Trauerfeierlichkeiten ihres Mannes organisiert. Dabei wird sie von einer Entourage umlagert, die sie von der Öffentlichkeit abschirmt und ihr jeden Wunsch erfüllt. Ohne Widerworte. Sie sind letztendlich Dienstboten und Butler, die, wie in einem Nobelhotel, dem Gast jeden auch noch so absurden Wunsch erfüllen und sich auch durch Stimmungsschwankungen (und Jackie hat viele, sehr viele Stimmungsschwankungen) und Meinungsänderungen (dito) nicht irritieren lassen, sondern mit einem nonchalanten „Kein Problem, Madam.“ quittieren. Auch Johnson und Kennedys Familie lassen sie gewähren, wenn sie das Weiße Haus zum neuen Camelot verklärt.

Drama oder Interesse an den Zielen von Jackie Kennedy entsteht so nicht.

Und so erschöpft sich das Interesse an „Jackie“ schnell an einem Studium der Kleider (sie war für ihren Stil bekannt), der Innenausstattung und der bekannten Schauspieler. So ist der am 25. Januar 2017 verstorbene John Hurt als Priester und Vertrauter von Jackie Kennedy in einem seiner letzten Leinwandauftritte zu sehen.

Natalie Portman, die für ihre Interpretation von Jackie Kennedy viel Lob, Preise und Nominierungen (zuletzt für den Oscar) erhielt, überzeugt mich dagegen absolut nicht. Viel zu sprunghaft und erratisch ist ihr Verhalten zwischen verwöhnter Prinzessin auf der Erbse, von Trauer geschüttelter Witwe und eiskalter Nachlassverwalterin des Erbes ihres Mannes, wie sie es gerne hätte. Das scheint dann nicht eine, sondern drei vollkommen verschiedene Personen zu sein. Insofern ist Portmans Jackie Kennedy eine bewusst auf Distanz angelegte Interpretation der realen Person, die sich in den essayistisch-fragmentarischen Stil des Films einfügt.

Nach dem grandiosen „Neruda“ ist „Jackie“ eine ziemliche Enttäuschung.

jackie-plakat

Jackie: Die First Lady (Jackie, USA 2016)

Regie: Pablo Larrain

Drehbuch: Noah Oppenheim

mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt, John Carroll Lynch, Beth Grant, Richard E. Grant, Max Casaella, Caspar Phillipson

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Metacritic über „Jackie“

Rotten Tomatoes über „Jackie“

Wikipedia über „Jackie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Der gar nicht so ehrenwerte „El Club“

November 9, 2015

Vier Männer leben in einem unauffälligem Haus. Eine Hausdame umsorgt sie mit liebevoller Strenge und, als ein neuer Hausbewohner kommt, erklärt sie ihm erst einmal die Hausregeln, die, so kryptisch sie auch sind, verdeutlichen, dass die Bewohner katholische Geistliche sind und sie für verschiedene, weitgehend im Dunkeln bleibende Taten in diesem Haus sozusagen inhaftiert sind. Ausgang haben in den Morgen- und Abendstunden, wenn niemand auf der Straße ist und selbst wenn sie jemand begegnen, dürfen sie nicht mit ihm sprechen.

Solche Häuser gibt es wirklich und die katholische Kirche hat eine lange Tradition, Probleme auf ihre Art (und damit abseits jeglicher irdischen Justiz) zu beseitigen. Dass dieses Totschweigen von Problemen sie nicht löst, zeigt „El Club“ allerdings auch sehr deutlich. Denn kurz nachdem der neue Gast aufgenommen ist, beginnt vor dem Haus ein Mann zu pöbeln und wilde Anklagen auszustoßen. Der neue Gast sieht nur einen Ausweg: er bringt sich um. Gegenüber der Polizei wird eine geschönte Version der Tat erzählt und die Kirche schickt einen Inquisitor, der prüfen soll, ob das Haus weiter existieren oder geschlossen werden soll. Er unterhält sich mit den schweigsamen Bewohnern, die alle keine Einsicht in ihre Taten haben, sie leugnen oder verklären. Auch wenn es nicht immer um Missbrauch von Kindern geht, ist diese kollektive Vertuschung durch die Täter, denen von der Kirche nicht geholfen wird, und ihrer gesichtslosen Vorgesetzten, die nur an den guten Ruf der Kirche denken, der wirklich erschreckende Teil von „El Club“. An die Opfer wird nicht gedacht. Es wird auch nicht nach einer Lösung gesucht.

Weil Pablo Larrain („No“) in seinem neuen Film vieles in der Schwebe lässt und vieles nur andeutet, kann „El Club“ auch als Metapher auf jedes System mit Allmachtsanspruch und ohne externe Kontrolle gesehen werden. Das ist die Stärke und auch die Schwäche des kargen Films, der Fragen stellt, ohne Antworten zu geben, es noch nicht einmal versucht und der seine nur angedeutete Geschichte so allgemeingültig erzählt, dass die Anklage gegen die Kirche, – jedenfalls für uns Westeuropäer, die schon seit Jahrhunderten in säkularisierten Gesellschaften leben und in denen die Kirche in den vergangenen Jahrzehnten viel von ihrer Macht einbüßte -, so zahm ausfällt, dass sie reichlich zahnlos und deshalb fast schon ärgerlich ist.

Denn die Geistlichen sind wegen verschiedener Vergehen (vulgo Sünden) in dem Haus. Der eine wegen sexuellen Missbrauchs; der andere wegen krummer Geschäfte bei der Adoptionsvergabe von Säuglingen; der andere wegen seiner Arbeit als Militärgeistlicher während der Diktatur (und jetzt haben einige mächtige Leute Angst, dass er gegen das Beichtgeheimnis verstoßen könnte) und der Vierte, ein sprachloser, pflegebedürftiger Greis, ist aus inzwischen vollkommen unbekannten Gründen in dem Haus; – was in seinem Fall natürlich etwas kafkaesk anmutet. Diese nur in ein, zwei Halbsätzen vorgestellten Fälle sind dann zu unterschiedlich, um sie als gleichartig zu behandeln. Entsprechend abstrakt und stumpf fällt die Anklage gegen die Kirche aus. Es sind einfach zu viele verschiedene Themen und Probleme, die nur angedeutet werden und die sich nicht gegenseitig befruchten. Auch die Frage des kirchlichen Machtanspruchs und weshalb die Männer sich ihm während des gesamten Films so willig unterordnen, wird nur angedeutet.

Da war, zum Beispiel „Philomena“, der seine Geschichte an einem konkreten Fall entlang und aus der Sicht eines Opfers erzählte, wesentlich klarer in seiner Anklage gegen die katholische Kirche, die Mütter von ihren unehelichen Kindern trennte und in die USA verkaufte.

Auch der verquere deutsche Film „Verfehlung“ über einen pädophilen Geistlichen, bei dem, wie in „El Club“ die Täter und Vertuscher im Mittelpunkt stehen, wurde hier konkreter.

Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Pablo Larraíns Drama „El Club“ den Silbernen Bären.

El Club - Plakat - 4

El Club (El Club, Chile 2015)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón, Daniel Villalobos, Pablo Larraín

mit Alfredo Castro, Roberto Farías, Antonia Zegers, Jaime Vadell, Alejandro Goic, Alejandro Sieveking, Marcelo Alonso, José Soza, Francisco Reyes

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „El Club“

Moviepilot über „El Club“

Rotten Tomatoes über „El Club“

Wikipedia über „El Club“


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