Neu im Kino/Filmkritik: „Master Cheng in Pohjanjoki“ gibt Nachhilfe im Kochen und entdeckt…

Juli 29, 2020

Pohjanjoki ist kein Dorf irgendwo in der chinesischen Provinz, sondern eine Ansammlung von einigen wenigen Häusern und einem Imbissrestaurant in Lappland. Die Stammgäste sind meist älter und sehr finnisch. Die Restaurantbesitzerin Sirkka ist deutlich jünger, etwas resolut und finnisch-blond. Das von ihr zubereitete, oder treffender angerichtete Essen soll finnisch sein, sieht aber wie einer meiner Kochversuch aus, die ich mir nur schön reden kann, weil ich sehr hungrig bin und es nichts anderes zu Essen gibt. Sirkkas Mahlzeiten sind von ausgewählter Lieblosigkeit.

An diesem Ort strandet Master Cheng mit seinem Sohn. Cheng sucht Fongtron. Ob es sich dabei um einen Namen für eine Person oder um etwas anderes handelt, wissen Sirkka und ihre Gäste nicht. Sie haben noch nie von einen Fongtron.

Trotzdem will Cheng in Pohjanjoki bleiben und Fongtron suchen.

Als eine chinesische Reisegruppe, deren Bus liegen blieb, Sirkkas Restaurant betritt und von dem Anblick des finnischen Essen (Diese Matsche soll Essen sein?) schockiert ist, bietet Cheng Sirkka seine Hilfe an. Denn er ist Koch und er kann, mit den richtigen Zutaten (die im Lebensmittelladen um die Ecke gekauft werden) feines chinesisches Essen herbeizaubern, das sättigt und die Seele heilt.

Die Chinesen sind begeistert. Sirkka ebenfalls – und spätestens jetzt kann sich jeder, der schon einmal einen Film gesehen hat, in dem die Zubereitung von Essen im Mittelpunkt steht, sich mühelos die weitere Geschichte mit ihre kulinarischen und amourösen Verwicklungen ausmalen.

Mika Kaurismäki macht in seinem neuesten Film selbstverständlich Malen nach Zahlen. Wenn das Ergebnis dann allerdings so warmherzig ist, hat man nichts dagegen. „Master Cheng in Pohjanjoki“ ist ein Feelgood-Movie, das absolut vorhersehbar seine Geschichte einer Völkerverständigung erzählt in einem Finnland, das mehr mit einer ZDF-Inga-Lindström-Schmonzette zu tun hat als mit einem Aki-Kaurismäki-Film. Im Gegensatz zu seinem Bruder Aki (der mal wieder einen neuen Film drehen könnte) ist bei Mika Kaurismäki dieses Mal nichts skandinavisch-deprimierend und es gibt auch keine lakonisch gepflegte Tristesse des Proletariats.

Stattdessen gibt es prächtige Landschaftsaufnahmen, lecker zubereitetes chinesisches Essen, gut aufgelegte Schauspieler, etwas Humor, etwas Drama, etwas Essensphilosophie, angenehm wenig Kitsch und eine positive und sehr begrüßenswerte Botschaft.

Kaurismäki erzählt die Geschichte von Cheng und Sirkka so warmherzig, dass man die Erklärung, wer Fongtron ist, am besten einfach als den Grund akzeptiert, der den chinesischen Meisterkoch in die Provinz verschlägt. Denn irgendeinen Grund muss es geben, warum ein Vater mit seinem Sohn die Heimat verlässt und um die halbe Welt reist. Länger nachdenken sollte man nicht über diese Erklärung. Sie war schon vor fünfzig Jahren weit hergeholt. Heute, mit dem Internet und allgegenwärtigen Smartphones, ist sie komplett unglaubwürdig.

Das ändert nichts daran, dass „Master Cheng in Pohjanjoki“ ein schöner Film für einen Kinobesuch ist.

Ein dickes Lob geht an den Verleih, der die deutsche Fassung nicht komplett eindeutschte. In der Originalfassung wird finnisch, englisch und chinesisch gesprochen. In der deutschen Fassung deutsch, englisch und chinesisch. Und damit dürfte der sprachliche Reiz der Originalfassung (die ich gesehen habe) erhalten bleiben.

Mika Kaurismäki über seinen Film: „In Zeiten, in denen mächtige Diktatoren die Welt zu entzweien versuchen, wollte ich einen Film machen, der die Menschen wieder zusammenbringt.

Die Globalisierung ist das Thema der Stunde und hinterlässt nicht selten einen unangenehmen Beigeschmack. Auch ‚Master Cheng in Pohjanjoki‘ ist in gewisser Weise ein Film über Globalisierung – jedoch im positiven Sinne: Eine zufällige Begegnung zwischen zwei gewöhnlichen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die sich und ihre Umwelt gegenseitig bereichern und anerkennen, spiegelt den eigentlichen Geist der Globalisierung wider.

Die Narration ist bewusst minimalistisch gehalten. Seine Einfachheit macht ihn universell begreifbar, seine bedingungslose Herzlichkeit hat eine mitreißende Energie.

Die Landschaft und Drehorte des Films machen einen essenziellen Teil seiner Atmosphäre aus.“

Master Cheng in Pohjanjoki (Master Cheng, Finnland/China/Großbritannien 2019

Regie: Mika Kaurismäki

Drehbuch: Hannu Oravisto, Mika Kaurismäki (Adaption), Sami Keksi-Vähälä (Adaption)

mit Pak Hon Chu, Anna-Maija Tuokko, Lucas Hsuan, Vesa-Matti Loiri, Anna-Maija Tuokko, Kari Väänänen

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Master Cheng in Pohjanjoki“

Rotten Tomatoes über „Master Cheng in Pohjanjoki“

Wikipedia über „Master Cheng in Pohjanjoki“

Meine Besprechung von Mika Kaurismäkis „The Girl King“ (The Girl King, Fnnland/Deutschland/Kanada/Schweden 2015)


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