Neu im Kino/Filmkritik: „Zwischen den Zeilen“ steht bei Olivier Assayas viel

Juni 6, 2019

Um Liebe geht es auch in Olivier Assayas neuestem Film. Schließlich ist „Zwischen den Zeilen“ ein französischer Film und er ist sehr französisch. Es wird also viel geredet. Aber Alain und Léonard reden ohne Punkt und Komma über Literatur und wie die Neuen Medien die Kultur verändern. Alain ist ein Verleger, der E-Books gegenüber aufgeschlossen ist. Schließlich werde mehr gelesen und geschrieben. Léonard sieht das anders. Er ist ein von ihm seit Ewigkeiten verlegter, konsequent miesepetriger, angenehm verpeilter Autor, der wenig von dem neumodischen Kram hält. Bekannt ist er für seine autofiktiven Romanen, in denen er, kaum verhüllt, eigene Erlebnisse beschreibt. Mit abnehmenden Verkaufszahlen.

Dieses lange Gespräch, das damit endet, dass Alain Léonard sagt, er werde sein neues Buch niciht verlegen, ist der Auftakt für viele weitere Gespräche, in denen Alain, Léonard und ihre Freunde, die sich immer wieder gegenseitig einladen, redselig und in epischer Breite alle aktuelle Feuilleton-Themen abhandeln. Irgendwann zwischen all den gepflegten Gesprächen erfahren wir auch, dass einige, naja, fast alle, außereheliche Affären haben. So ist Alains Frau Selena, Hauptdarstellerin in einer erfolgreichen Krimiserie, seit Jahren die Geliebte von Léonard. Vielleicht gefällt ihr deshalb auch Léonards Buch, in dem er leicht verfremdet ihre Affäre schildert. Alain glaubt allerdings, dass Léonard eine andere Frau porträtiert und dass Selena treu ist. Zur gleichen Zeit beginnt er eine Affäre.

Munter betrügen sie sich gegenseitig. Teilweise wissen sie es auch. Oder glauben es, nach einem Blick in Léonards autofiktiven Romane, zu wissen. Ein übermäßig schlechtes Gewissen haben sie nicht. Außerdem gehört für richtige Pariser Intellektuelle eine Affäre einfach zum großstädtischen Leben dazu.

Assayas‘ Figuren reden in „Zwischen den Zeilen“ mindestens so viel, wie die Figuren in einem Eric-Rohmer-Film. Aber nicht über Liebe und Seitensprünge, sondern über Literatur, die neuen Medien, Veränderungen in der Buchbranche und Fernsehserien. Bahnbrechend neue Erkenntnisse gibt es bei diesen endlosen, rotweingesättigten Gesprächen nicht. Eher schon geben Assayas‘ Figuren kurzweilig den aktuellen Stand der Diskussion wieder. Denn Assayas‘ wie hingeworfen klingende Dialoge sind genau formuliert.

Gleichzeitig hält er dem Bildungsbürgertum gewitzt und durchaus versöhnlich im Ton, den Spiegel vor. Denn selbstverständlich reden die Intellektuellen auch immer über sich. Und bei allen Betrügereien sind sie doch mit sich selbst im Reinen.

Zwischen den Zeilen“ ist ein wunderschöner Redefilm, der im beständigen Fluss des Lebens überhaupt nicht an endgültigen Antworten und großen emotionalen Katastrophen interessiert ist.

Zwischen den Zeilen (Doubles Vies, Frankreich 2018)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas

mit Guillaume Canet, Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Christa Théret, Nora Hamzawi, Pascal Greggory

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Zwischen den Zeilen“

AlloCiné über „Zwischen den Zeilen“

Metacritic über „Zwischen den Zeilen“

Rotten Tomatoes über „Zwischen den Zeilen“

Wikipedia über „Zwischen den Zeilen“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen) und der DVD

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Personal Shopper“ (Personal Shopper, Frankreich/Deutschland 2016)


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