Neu im Kino/Filmkritik: „Free Fire“ oder eine wenig intelligente Art der Konfliktlösung

April 7, 2017

Eine Nacht in Boston in den siebziger Jahren: in einer Lagerhalle im Hafen wollen einige Iren von einigen Amerikanern Schusswaffen kaufen. Natürlich illegal, weil die Waffen in Irland gegen die verhassten Briten eingesetzt werden sollen. Doch bevor der Handel abgeschlossen wird, gibt es ein kleines Missverständnis, etwas gekränkte Eitelkeit und die Waffen werden exzessiv in der verlassenen, abgelegenen Lagerhalle ausprobiert.

Nach der SF-Sozialsatire „High-Rise“ ist Ben Wheatleys neuer Film „Free Fire“ eine mit Einzeilern garnierte Ballerorgie ohne Sinn und Verstand, in der die Schauspieler – immerhin bekannte Namen und gestandene Schauspieler wie Brie Larson (die einzige Frau unter Jungs), Armie Hammer, Cillian Murphy, Sam Riley, Jack Reynor, Michael Smiley und Patrick Bergin – die meiste Zeit auf dem Boden liegen und durch den Dreck kriechen –, etwas eingeschränkt von diversen Schussverletzungen, die sie nicht daran hindern, munter weiter in Richtung Feind zu ballern. Und alle beweisen eine erstaunliche Überlebensfähigkeit.

Das ist durchaus vergnüglich, aber auch etwas blutleer geraten. Denn abgesehen von dem reichlich vorhandenen zeit- und popkulturellen Anspielungen (Die Kleider. Die Frisuren. Die herzliche Abneigung zwischen den verschiedenen Gruppen.) ist „Free Fire“ vor allem eine selbstgenügsame Übung im Schusswaffengebrauch. Auch wenn später noch andere, ähem, Waffen zum Einsatz kommen, ändert sich nichts an dem gnadenlos bis zur letzten Minute durchgezogenen Prinzip des gegenseitigen Tötens.

Die nicht besonders intelligenten Schießbudenfiguren stehen sich während des gesamten Films in zwei klar abgegrenzten Gruppen unversöhnlich gegenüber. Wechselnde Koalitionen oder Loyalitäten, vulgo Überraschungen, gibt es nicht. Nur kurz, als plötzlich eine dritte Partei sie erschießen will, arbeiten sie zusammen. Um die Störung zu beseitigen.

Da waren, weil „Free Fire“ sicher öfter mit Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“ verglichen wird, die Charaktere in „Reservoir Dogs“ deutlich vielschichtiger. Tarantinos mehr redselige als bleihaltige Geschichte ebenso. Die Charaktere hatten keine Einzeiler, sondern Monologe und durch die zahlreichen Rückblenden wurde auch die Einheit von Handlungsort und -zeit aufgebrochen. In „Free Fire“ spielt die gesamte Geschichte in der Lagerhalle, es gibt keine Rückblende, es gibt keinen Versuch, den Charakteren eine größere Tiefe zu verteilen und Einzeiler haben eine begrenzte Halbwertzeit. Vor allem wenn die Loyalitäten betonhart feststehen.

Free Fire“ ist eine hirnlose Retro-Ballerorgie, die nur aus einer Idee besteht. Das ist okay, aber bei Ben Wheatley, dem Regisseur von „Sightseers“, „A Field in England“ und „High-Rise“, hätte ich noch eine zweite Ebene, einen Subtext, erwartet. Der geht hier im Kugelhagel unter.

Free Fire (Free Fire, Großbritannien/Frankreich 2016)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Ben Wheatley, Amy Jump

mit Armie Hammer, Brie Larson, Cillian Murphy, Sam Riley, Sharlto Copley, Jack Reynor, Babou Ceesay, Enzo Cilenti, Michael Smiley, Noah Taylor, Patrick Bergin, Mark Monero

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Free Fire“

Metacritic über „Free Fire“

Rotten Tomatoes über „Free Fire“

Wikipedia über „Free Fire“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015) und der DVD

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DVD-Kritik: „Gallowwalkers“ und Wesley Snipes im Wilden Westen

Oktober 3, 2013

Ein Western mit Untoten. Warum nicht? Immerhin spielen viele Geschichten mit Vampiren im Europa des neunzehnten Jahrhunderts. Da können sich einige Vampire auch in die USA verirrt haben. Trotzdem ist die Idee, abgesehen von einigen obskuren Filmen, eher neu. Joe R. Lansdale schrieb mehrere Weird-Western-Geschichten mit Reverend Jebediah Mercer, der in Dirty-Harry-Manier gegen verschiedene mehr oder weniger übersinnliche Wesen kämpft. Scott Snyder erfand mit „American Vampire“ eine grandiose Comicsaga über europäische Vampire, die im Wilden Westen den amerikanischen Vampir ersaugten. Im Film herrscht da bislang eine gewisse Dürre. Auch weil der Western derzeit, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eher ein Untoten-Dasein führt. „True Grit“ war erfolgreich. „Appaloosa“ kam überhaupt nicht in die deutschen Kinos. TV-Western und Westernserien, wie „Deadwood“ und „Hell on Wheels“, laufen in den USA ziemlich gut, erscheinen hier nur, falls überhaupt, auf DVD. Crossover-Western, wie „Cowboys & Aliens“ (gefiel mir), „Jonah Hex“ (einfach nur katastrophal) und „Lone Range“ (kein Kommentar), waren definitiv keine Kassenhits.

Gallowwalkers“ wird daran nichts ändern. In dem bereits im Oktober 2005 in Namibia gedrehtem Film spielt Wesley Snipes, der die letzten Jahre, wenn er nicht wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis saß, in obskuren Filmen mitspielte, Aman. Er ist auf einem Rachefeldzug gegen die Männer, die seine verstorbene Frau vergewaltigten und schwängerten. Weil sie durch seine verfluchten Kugel nicht sterben, sondern zu einer Mischung aus Zombie und Vampir werden (also: nicht tot, aber beweglich und unempfindlich gegenüber dem Tageslicht), muss er ihnen auch noch den Kopf abschlagen. Auf seiner Farm kommt es zu einer Konfrontation zwischen Aman und Kansa, dem Anführer der Vampire, und seiner Frau Kisscut.

Regisseur Andrew Goth benutzt den Racheplot zu einer in der Wüste spielenden pseudo-existentialistischen Fabel irgendwo zwischen Italo-Western, europäischem Kunstfilm, surrealistischer „El Topo“Fantasie und Drogentrip, die mit erhöhtem Drogenkonsum immerhin davon ablenkt, nach Sinn und Logik der Geschichte zu fragen. Denn hier wurden einfach, ohne großen Zusammenhang, mehr oder weniger gut aussehende Bilder zu einem einzigen kruden Kladderatdatsch aneinandergereiht.

Der gescheiterte Versuch eines surrealistischen Vampir-Westerns taugt noch nicht einmal als Trash-Vergnügen.

Gallowwalkers - DVD-Cover

Gallowwalkers (Gallowwalkers, USA/UK 2012)

Regie: Andrew Goth

Drehbuc: Andrew Goth, Joanne Reay

mit Wesley Snipes, Kevin Howarth, Riley Smith, Tanit Phoenix, Simona Brhlíková, Steven Elder, Patrick Bergin

DVD

Ascot Elite

Bild: 1,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews, B-Roll, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Gallowwalkers“

Wikipedia über „Gallowwalkers“ (deutsch, englisch)


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