Neu im Kino/Filmkritik: „Hail, Caesar!“ Hail, Joel Coen! Hail, Ethan Coen!

Februar 20, 2016

Nach „A serious Man“, „True Grit“ und „Inside Llewyn Davis“ gönnen sich Joel und Ethan Coen mit „Hail, Caesar!“ eine Auszeit von den schweren und ernsten Stoffen. Ihr neuer Film ist eine leichte Komödie bar jeglichen gesellschaftlichen und auch weitergehenden künstlerischen Anspruchs, der weiter oder tiefer als die glänzende Oberfläche geht. Genau wie für Pedro Almodóvar „Fliegende Liebende“ nach mehreren ernsten Filmen auch nur ein Intermezzo, ein Spaß, eine Entspannungsübung war, in dem er seine altbekannten Themen in altbekannter Weise hübsch aufbereitete, ist auch „Hail, Caesar!“ für die Coens nicht mehr als eine Fingerübung voller Stars und Zitate, die glaubt, auf eine Geschichte verzichten zu können.
Der neue Film der Coen-Brüder entführt in das Hollywood der frühen fünfziger Jahre und erzählt einige Stunden aus dem Leben von Eddie Mannix (Josh Brolin), dem Problemlöser von Capitol Pictures. Nach seiner Beichte, in der der reuige Sünder erzählt, dass er, obwohl er mit dem Rauchen aufgehört hat, geraucht hat, kümmert er sich mitten in der Nacht um ein Starlet, das für verfängliche Fotos posiert. In diesem Moment erscheint Mannix als Bruder von Phil Marlowe. Aber er ist nur der allzuständige Manager, der sich auch um den täglichen Kleinkram kümmert, dabei von den Zwillingsschwestern Thora und Thessaly Thacker (Tilda Swinton in einer Doppelrolle und damit auch mit der doppelten Leinwandpräsenz) als aasige Gesellschaftsreporterinnen (mit realem Vorbild) wegen exklusiver Informationen belästigt wird und die verschiedenen Sets besucht, an denen gerade Filme gedreht werden: ein großes Bibelepos mit Christen und Römern als die Prestigeproduktion des Studios, ein Musical mit einer singenden Wassernixe (keine badende Venus), ein Musical mit stepptanzenden Matrosen, ein Serial-Western mit einem sehr akrobatischen Cowboy und einem Drama, das wie eine missglückte Screwball-Comedy aussieht.
Da verschwindet Baird Whitlock (George Clooney), der Star des Bibelfilms, plötzlich, in einer kurzen Drehpause, spurlos. Mannix glaubt zuerst, dass Whitlock einfach nur eine weitere seiner Kneipentouren unternimmt. Als er die Lösegeldforderung von einer sich „Die Zukunft“ nennenden Gruppe erhält, die behauptet, Whitlock entführt zu haben, beginnt er Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um das Problem zu lösen. Natürlich ohne dass irgendjemand etwas davon erfährt und ohne dass ein Drehtag verloren geht.
Whitlocks Entführer, eine Gruppe kommunistischer Drehbuchautoren und Statisten, sind allerdings gar nicht so schlimm. Sie parlieren mit Whitlock, der ein wahrer Trottel ist und der seine römische Uniform mit unverkennbarem Glauben an seine eigene Herrlichkeit trägt, über den ausbeuterischen Kapitalismus und die kommunistischen Ideen und reichen Häppchen.
„Hail, Caesar!“ ist eine Aneinanderreihung von Episoden, Anekdoten, Liebeserklärungen an Stars, Filme und Genres und eine einzige große Hommage an das Hollywood-Kino der fünfziger Jahre. Das Kino, das die Coen-Brüder in ihrer Kindheit gerade noch genießen konnten und das während ihrer Jugendjahre endgültig aus den Kinos verschwand und in dem sie jetzt wie in einem Bilderbuch blättern. Für jede Szene, jede Figur, jedes Bild kann mindestens eine filmische oder reale Referenz genannt werden. Was allerdings fehlt, ist eine Geschichte, die dieser Nummernrevue pompös eingeführter und oft lieblos fallengelassener Figuren irgendeine Tiefe oder Bedeutung verleihen könnte.
Denn die fünfziger Jahre waren auch die Jahre des Kommunistenhassers McCarthy und der Berufsverbote für echte und vermeintliche Kommunisten. In „Trumbo“, der am 10. März bei uns anläuft, erzählt Jay Roach, ausgehend von der Biographie des erfolgreichen Drehbuchautoren Dalton Trumbo, davon. Sein sehenswerter Film ist der ernste Gegenentwurf zum eskapistischen „Hail, Caesar!“. Dieser Unterschied fällt besonders bei den Figuren auf, die in beiden Filmen auftreten. In „Hail, Caesar!“ unter falschen Namen. In „Trumbo“ unter ihrem echten Namen, als Kolumnistin Hedda Hopper, Drehbuchautor Dalton Trumbo und seine Freunde, die anderen Autoren und Schauspieler, die sich in ihren Häusern trafen und über sozialistische Ideen und den real existierenden Kapitalismus sprachen, während John Wayne und Ronald Reagan die amerikanischen Werte hochhielten.
Aber diese düstere Realität interessiert die Coen-Brüder überhaupt nicht. „Hail, Caesar!“ ist kein zweiter „Barton Fink“ oder „The Big Lebowski“, sondern eher ein zweites „Burn after Reading“, das dieses Mal in einer Traumwelt spielt, die sich Traumfabrik nennt und in der alles nach einer einzigen großen Inszenierung aussieht und nichts von wirklich existenzieller Bedeutung ist.
Auch wenn die Drehbuchautoren philosophisch über den Kapitalismus und die Religionsgelehrten über die Darstellung von Jesus in „Hail, Caesar!“ parlieren dürfen.

Hail Caesar - Plakat

Hail, Caesar! (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
mit Josh Brolin, Alden Ehrenreich, George Clooney, Max Baker, Ralph Fiennes, Heather Goldenhersh, Ian Blackman, Veronica Osorio, Tom Musgrave, David Krumholtz, Tilda Swinton, Fisher Stevens, Patrick Fischler, Fred Melamed, Channing Tatum, Jonah Hill, Frances McDormand, Michael Gambon (Erzähler im Original; in der deutschen Fassung ist Christian Rode der mit pathetischem Ernst die Anekdoten einordnende Erzähler)
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Hail, Caesar!“
Metacritic über „Hail, Caesar!“
Rotten Tomatoes über „Hail, Caesar!“
Wikipedia über „Hail, Caesar!“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte

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Neu im Kino/Filmkritik: „2 Guns“ ballern sich durch das mexikanisch-amerikanische Grenzgebiet

September 27, 2013

 

Als sich Bobby Trench (Denzel Washington) und Michael ‚Stig‘ Stigman (Mark Wahlberg) kennen lernen, halten sie sich für Gangster. Aber sie sind beide Undercover-Agenten. Trench für die DEA (Drug Enforcement Agency), Stigman für das Office of Naval Intelligence, also den Marinenachrichtendienst – und als sie das erfahren, sitzen sie bereits gewaltig in der Scheiße. Denn ihre Vorgesetzten, die CIA und ein mexikanisches Drogensyndikat wollen die 43 Millionen US-Dollar, die sie aus einer kleinen Provinzbank klauten. Gerechnet hatten sie mit drei Millionen, die dem Drogenbaron gehören, den sie überführen sollen. Notgedrungen arbeiten die beiden gegensätzlichen Männer zusammen.

Viel mehr muss man über die Geschichte von „2 Guns“, dem neuen Action-Vehikel von Denzel Washington und Mark Wahlberg nicht wissen. Denn die beiden stürzen sich lustvoll in die leicht chaotische Story von Verrat, Gegenverrat und Gegengegenverrat, die sie nie so richtig überblicken. Aber alle wollen die Millionen haben. Mit allen Mitteln.

Baltasar Kormákur, der mit Mark Wahlberg bereits den gelungenen Gangsterkrimi „Contraband“ inszenierte, erzählt diese Geschichte mit reichlich Action und Humor. „2 Guns“ ist halt ein kurzweiliges Action-Buddymovie irgendwo zwischen Western und „Lethal Weapon“, das an viele andere Filme erinnert. John Flynns düsterer „Der Mann mit der Stahlkralle“ (Rolling Thunder) und Christopher McQuarries „The Way of the Gun“, die ebenfalls mit einer blutigen Schießerei in Mexiko enden, oder John Herzfelds unterschätzte Don-Winslow-Verfilmung „Kill Bobby Z“, in dem Polizisten und Drogenschmuggler sich gegenseitig aufs Kreuz legen, fallen einem spontan ein. Der wichtigste Einfluss sind unübersehbar die Filme von Sam Peckinpah und Walter Hill, vor allem „The Wild Bunch“ und „Ausgelöscht“ (Extreme Prejudice), dessen Shoutout am Ende eine Hommage an das Ende von „The Wild Bunch“ ist.

2 Guns“ könnte fast, auch wegen der vielen Ähnlichkeiten in der Geschichte, eine Hommage an „Ausgelöscht“, gekreuzt mit „Der große Coup“ (Charley Varrick), sein. Aber dafür ist das bleihaltige und explosive Ende in Mexiko dann doch zu hastig zusammengeschnitten und Kormákur verzichtet auf den bitter-melancholischen Subtext und auf die ruhigen Momente, die die Filme von Sam Peckinpah und Walter Hill zu etwas Besonderem machen. So ging Peckinpahs „The Wild Bunch“ zwar wegen seiner Gewalttätigkeit in die Filmgeschichte ein, aber zum Kultfilm wurde er wegen seiner ruhigen Momente, in denen wir die Charaktere kennen lernen, die wissen, dass ihr Ethos aus dem vorherigen Jahrhundert ist. Deshalb fühlen wir mit ihnen, wenn diese Dinosaurier am Ende in ihr letzte Gefecht ziehen.

2 Guns“ hat, im Gegensatz zu „Contraband“, genau diese ruhigen Momente nicht. Es ist nur noch actionhaltige Große-Jungs-Unterhaltung mit einer ordentlichen Portion One-Liner. Das macht Spaß, ist auch kurzweilig, aber letztendlich auch langweilig. Denn Trench und Stig vermitteln nie den Eindruck, dass für sie wirklich etwas auf dem Spiel steht und dass sie Angst haben, etwas zu verlieren.

Außerdem erzählt Kormákur die gesamte Geschichte in dem immergleichen lauten Ton, der seinen Charakteren und der Geschichte nie die Luft zum Atmen lässt. Denn anstatt die vielen Fragen und Themen, wie Loyalität, Freundschaft, Verrat, Korruption und Regierungskriminalität, die in „2 Guns“ angesprochen werden, auch nur halbwegs zu vertiefen, gibt es einfach den nächsten dummen Spruch von Plappermaul Stig und den nächsten Schusswechsel. Wie in „Lethal Weapon“. Allerdings dieses Mal im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet.

Aber während die „Lethal Weapon“-Filme niemals mehr als laute Actionkomödien sein wollten, hätte „2 Guns“ mehr als ein vergnüglicher Mix aus den Actionfilmen der letzten Jahrzehnte sein können.

2 Guns - Plakat

2 Guns (2 Guns, USA 2013)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Blake Masters

LV: Steven Grant/Mateus Santolouco: 2 Guns, 2008 (Comic)

mit Denzel Washington, Mark Wahlberg, Paula Patton, Bill Paxton, James Marsden, Fred Ward, Edward James Olmos, Robert John Burke, Patrick Fischler

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „2 Guns“

Moviepilot über „2 Guns“

Metacritic über „2 Guns“

Rotten Tomatoes über „2 Guns“

Wikipedia über „2 Guns“

Homepage von Steven Grant

Huffington Post: Interview mit Baltasar Kormakur über „2 Guns“ (31. Juli 2013)

Man Cave Daily: Steven Grant über die Filme, die seinen Comic „2 Guns“ beeinflussten (29. Juli 2013 – bis auf „Der große Coup“ [Charley Varrick] eine eher erstaunliche Liste)

Meine Besprechung von Baltasár Kormakurs „Contraband“ (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Grants „CSI: Geheimidentität“ (Secret Identity, 2005 – Comic)

 

 

 


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