Neu im Kino/Filmkritik: „Ray & Liz“, ein wundervolles Paar

Mai 13, 2019

Es gibt Feelgood-Filme.

Es gibt Feelbad-Filme.

Und dann gibt es noch „Ray & Liz“, ein Film, der ungefähr so vergnüglich wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung ist.

Richard Billingham, der bereits als Fotograf Preise erhielt und für den Turner-Preis nominiert war, erzählt in seinem Spielfilmdebüt die Geschichte seiner Kindheit und die seiner Eltern. Sie waren auch die Motive seiner ersten hochgelobten Bilder und Doku-Videos.

Dabei ist „Ray & Liz“ nicht offensichtlich platt autobiographisch, wie man es von anderen Erstlingswerken kennt, in denen die Debütanten ihre Geschichte und ihre Probleme mit sich, der Welt und ihren Eltern aufschreiben und sich als den Mittelpunkt der Welt sehen.

Im Gegenteil. Wenn man nicht wüsste, dass Billingham Szenen aus dem Leben seiner Eltern in den späten siebziger und achtziger Jahren, als er ein Kind war, und der Gegenwart nachinszeniert, würde man sie für dystopische Visionen aus einem anderen England halten. Ein England, das vollkommen aus der Zeit gefallen ist und aussieht, als habe man noch nicht den Schutt vom letzten Krieg weggeräumt. Nicht den vom II., sondern den vom I. Weltkrieg.

Es sind quälend langer Szenen aus einem deprimierendem Milieu. Es ist die untere Arbeiterklasse, die den Konsum von Alkohol für Bildung hält. Ray, Richard Billinghams Vater, hat eine Abfindung erhalten, die er in Alkohol umsetzt. Seine Frau Liz sitzt vor allem am Tisch, wo sie puzzelt und näht. Ob sie jemals etwas davon fertigstellt, wissen wir nicht. Sie raucht, schweigt und ist der fleischgewordene Inbegriff schlechter Laune. Ihre mütterliche Fürsorge besteht darin, ihre Kinder meistens nicht zu beachten. Den Alkoholvorrat bewacht sie dagegen mit Argusaugen.

In einer Rahmenhandlung begegnen wir einem älteren Ray, der immer noch billigen Schnaps in rauen Mengen trinkt und niemals sein Zimmer verlässt. Schließlich ist erhält er problemlos seine tägliche Dosis Fusel.

Billingham gestaltet diese Szenen wie detailgenaue Fotografien. Er beobachtet. Er erklärt nichts. Er verurteilt sie nicht. Er entschuldigt auch nichts. Er bemüht sich auch nicht, seine Figuren sympathisch zu gestalten. Und gerade das macht „Ray & Liz“ so großartig als absolut unsentimentaler Blick in das Leben in Armut, die hier keinen Glamour hat. Die Armen sind auch keine besseren Menschen. Sie sind Trinker. In jungen Jahren funktionierende Trinker. Später nur noch Trinker.

Ray & Liz“ ist ein wichtiger und sehenswerter Film. Als Filmkunst. Es ist auch ein Film, der nur wenige Zuschauer finden wird.

Daran ändern die Preise, die das Drama bis jetzt erhielt, nichts. „Ray & Liz“ erhielt unter anderem in Locarno den Spezialpreis der Jury und bei den British Independent Film Awards 2018 den Douglas Hickox Award (Best Debut Director).

Ray & Liz (Ray & Liz, Großbritannien 2018)

Regie: Richard Billingham

Drehbuch: Richard Billingham

mit Ella Smith, Justin Salinger, Patrick Romer, Deirdre Kelly, Tony Way, Sam Gittins, Joshua Millard-Lloyd

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ray & Liz“

Metacritic über „Ray & Liz“

Rotten Tomatoes über „Ray & Liz“

Wikipedia über „Ray & Liz“

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