Neu im Kino/Filmkritik: „Song to Song“, Terrence Malick to Terrence Malick

Mai 25, 2017

Seinen neuen Film drehte Terrence Malick in Austin, Texas. Unter anderem bei den dortigen Rockmusikfestivals und neben den Filmstars sind auch etliche Rockmusiker, wie Patti Smith, Iggy Pop und John Lydon (aka Johnny Rotten), dabei. Das macht „Song to Song“ allerdings nicht zu einem Film über die Musikszene von Austin oder die Rockmusik. Sie ist nur der beliebig austauschbare Hintergrund für Malickrismen, die in der richtigen Stimmung ihren Reiz entfalten können, meistens aber nur als Kunstkitsch nerven. Auch in seinem vorherigen Film „Knight of Cups“, in dem Christian Bale einen erfolgreichen Hollywood-Comedy-Drehbuchautor in einer Midlife-Crisis spielte, war es so. Da wurde im Presseheft zwar behauptet, dass Bale einen Autor spielte, aber man sah ihn nie bei der Arbeit und man erfuhr nichts, aber auch absolut nichts über Hollywood. Bale hätte genausogut jeden anderen Beruf ausüben können.

Im Gegensatz zu Malicks vorherigen Filmen ist in „Song to Song“ fast eine Geschichte erkennbar. Wenn man „Geschichte“ als eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Synopse, Film und Wahrnahme des Films sieht. Bei „Knight of Cups“ war die Synopse dagegen nur eine mögliche Zusammenfassung des Films. Bei „Song to Song“ geht es um eine junge Musikerin (Rooney Mara), die zwischen zwei Männern steht. Der eine ist ein erfolgreicher Musikproduzent (Michael Fassbender). Der andere ein aufstrebender Songwriter (Ryan Gosling). Sie ist mit beiden mal zusammen, mal getrennt. Mit einem gründet sie dann eine Familie.

An dieser „Geschichte“ hängt Terrence Malick seine Bilder auf, die sich nie um eine nachvollziehbare Chronologie kümmern und bei denen man auch überhaupt nicht versuchen sollte, sie in eine Chronologie zu pressen. Das war schon bei seinen vorherigen Filmen, die er seit 2011 mit „The Tree of Life“ in einem wahren Schaffensrausch heraushaute, so. Es geht Malick nicht um eine Geschichte, sondern nur um eine ästhetisch ansprechende Symphonie von Bildern und Tönen. Und genauso sehr, wie sich die Filme ähneln, könnte man einfach eine alte Besprechung recyclen. Denn wie in Malicks vorherigen Filmen ist der pompös herausgestellte Ort und das achsowichtige Milieu der Geschichte für die Handlung und die Charaktere vollkommen egal. So dürfen die Schauspieler in „Song to Song“ zwar, wie Groupies, im Backstage-Bereich der Bühne herumstehen und über das Festivalgelände streunen, aber sie könnten genausogut beliebige Festivalbesucher oder Freunde der Veranstalter sein. Am Ende der zwei Stunden wissen wir noch nicht einmal, welche Musik Faye, Cook und BV machen; außer dass es keine Klassik ist. Dann wären sie durch ein Opernhaus gestolpert.

Entsprechend beliebig ist der Soundtrack, den wahrscheinlich ein jüngerer Mitarbeiter von Malick als Mix-Tape zusammenstellen durfte, und die Auftritte der teils groß herausgestellten Rockmusiker. Bis auf Patti Smith beschränken sich ihre Auftritte auf Ein-Satz-Statements im Backstage-Bereich. Gedreht wurde während dem 2012er Austin City Limits Festival, dem South by Southwest Festival (SXSW) und dem Fun Fun Fun Fest. Im Film gibt es einige kurze Konzertausschnitte und Backstage-Impressionen mit mehr oder weniger bekannten Musikern und Bands.

Immerhin können die Austin-Festivalmacher sich über einen großen Werbefilm für Austin freuen. Die Weltpremiere des Films war dann auch am 10. März 2017 auf dem SXSW.

Fans der neuen Malick-Filme werden in „Song to Song“ all das finden, was ihnen an seinen in diesem Jahrzehnt gedrehten Filmen gefiel. Die schwebenden Bilder von Kameramann Emmanuel Lubezki; wobei die Festivalimpressionen sich nicht so wahnsinnig von anderen Konzertfilmen und Festivalberichten unterscheiden und sie auch nicht so schön wie Sonnenuntergänge in der Wüste sind. Die bedeutungsschwangeren Off-Texte, die dieses Mal von den verschiedenen Charakteren geflüstert werden und die die Liebesgeschichte etwas strukturieren. Über Kalenderweisheiten kommen sie allerdings nie hinaus. Und alles wird mit religiösem Kitsch zugekleistert.

Wobei es dieses Mal sehr lange dauert, bis der religiöse Kitsch in seiner ganzen Kraft zuschlägt. Dafür ist er am Ende des Films noch penetranter als in seinen vorherigen Filmen. Immerhin sorgte das Ende im Kinosaal für einen ungläubigen halbkollektiven Lacher und Oh-my-god-Stöhner. Denn Ironie, Witz, eine gewisse Doppeldeutigkeit oder ein Interpretationsspielraum bei der Botschaft kommen in Malicks Welt und im gesamten Film nicht vor. Dafür dürfen die Schauspieler, wie in seinen vorherigen Filmen, ohne Drehbuch improvisieren und so die Dreharbeiten als befreiende Selbsterfahrung erleben. Sie hatten sicher ihren Spaß. Für das Publikum ist das Ergebnis dann prätentiöser Quark mit banalreligiöser Beigabe, die immerhin schön aussieht.

Mit seinem grandiosen Frühwerk – „Badlands“ (1973), „In der Glut des Südens“ (Days of Heaven, 1978), „Der schmale Grad“ (The Thin Red Line, 1998) und, wenn auch sehr eingeschränkt, „The New World“ (2005) – hat „Song to Song“ nichts zu tun.

Song to Song (Song to Song, USA 2017)

Regie: Terrence Malick

Drehbuch: Terrence Malick

mit Ryan Gosling, Rooney Mara, Michael Fassbender, Natalie Portman, Cate Blanchett, Holly Hunter, Val Kilmer, Bérénice Marlohe, Lykke U, Tom Sturridge, Patti Smith, Iggy Pop, John Lydon, Florence Welch, The Black Lips, The Red Hot Chili Peppers (die meisten Auftritte bewegen sich im Cameo-Bereich)

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Aus der Freigabebegründung der FSK

Kindern im Grundschulalter bietet die Handlung praktisch keine Anknüpfungspunkte, weshalb sie eine große Distanz zu den Geschehnissen wahren können. Zugleich werden Kinder ab 6 Jahren von den teils mysteriös-poetischen Bilderwelten des Films nicht überfordert oder geängstigt.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Song to Song“

Metacritic über „Song to Song“

Rotten Tomatoes über „Song to Song“

Wikipedia über „Song to Song“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „To the Wonder“ (To the Wonder, USA 2012)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Knight of Cups“ (Knight of Cups, USA 2015)

Meine Besprechung von Dominik Kamalzadeh/Michael Peklers “Terrence Malick” (2013)

Terrence Malick in der Kriminalakte

Das Publikumsgespräch bei der Premiere mit Michael Fassbender und Terrence Malick (einer seiner sehr sehr, sehr seltenen öffentlichen Auftritte)

 

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Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Patti Smith!

Dezember 30, 2016

Unglaublich, aber wahr: Heute feiert Patti Smith ihren siebzigsten Geburtstag.

Unglaublich, weil sie schon seit Ewigkeiten in einem ganz eigenen Kosmos lebt, in dem sie vor vierzig Jahren deutlich älter wirkte und heute nur noch alterslos ist. Wahrscheinlich ist das bei Schamaninnen eben so.

Vor einigen Tagen vertrat sie in Stockholm den verhinderten Bob Dylan bei der Nobelpreisverleihung

Open Air im Juli 2016 in New York (Handy-Aufnahme, aber der Sound ist gut)

Und so klang sie 2005 in Montreux

Mehr über Patti Smith

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All Music über Patti Smith

Wikipedia über Patti Smith (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Station to Station“, Künstler zu Künstler, einmal durch die USA

Juli 16, 2015

Doug Aitken, der Regisseur von „Station to Station“, ist ein in Los Angeles und New York lebender Multimedia-Künstler, der vor allem für seine Kunstinstallationen bekannt ist und die jetzt, also seit dem 9. Juli und bis zum 27. September 2015, in Frankfurt am Main in der Schirn Kunsthalle ausgestellt werden. Es ist, auf 1400 m² Ausstellungsfläche, die erste große Einzelpräsentation von ihm in Deutschland. Mit Skulpturen, Film- und Soundinstallationen, wie – damit ihr etwas für die Suchmaschine eurer Wahl habt – „Black Mirror“, „diamond sea“, „migration (empire)“ und „Sonic Foundation“. Aitken, so das Presseheft knapp zusammenfassend, „stellt existenzielle Fragen des Lebens, liefert jedoch keine einfachen Antworten. Stattdessen bringt der Künstler ene fast naive Begeisterung für das Menschsein und das gemeinschaftliche Zusammenwirken zum Ausdruck. Seine Themenwelt kreist fortwährend um die menschliche Zivilisation.“
Eröffnet wurde die Ausstellung von dem Filmessay „Station to Station“, das jetzt auch regulär im Kino (also in einigen Kinos; in sehr wenigen Kinos; in Berlin in keinem Kino) läuft. In dem Film dokumentiert Doug Aitken eines seiner Kunstprojekte: die Fahrt mit einem Zug vom Atlantik zum Pazifik quer durch die USA. Die 4000 Meilen wurden innerhalb von 24 Tagen zurückgelegt. Im Zug waren Künstler, die, auch zusammen mit anderen Künstlern, an neuen Projekten arbeiteten, die im Zusammenhang mit der Reise und den Stationen, die sie währenddessen einlegten, standen. Bei den zehn Aufenthalten in großen, wie Los Angeles und Chicago, und kleinen Städten, wie Winslow, gab es dann verschiedene Kunstprojekte für und mit den ortsansässigen Bewohnern, wie Konzerte, Happenings und Installationen, die schon während der Fahrt ihre Fortsetzung im Internet und auf einer die Reise begleitenden Webseite fanden. Dabei herrschte bei den Stationen oft eine freigeistige Jahrmarktatmosphäre, in der einfach Dinge ausprobiert wurden, getanzt wurde, es Performances und Konzerte gab.
Aitken strukturierte den Film „Station to Station“ in 62 mehr oder weniger thematische Impressionen von jeweils einer Minute, die sich fast nie wie eine Minute anfühlen; was auch daran liegt, dass diese Einteilung in die verschiedenen Kapitel eher willkürlich ist. Denn „Station to Station“ ist eine fließende Musik-, Sound- und Bildcollage, in der immer wieder bekannte Gesichter kurz auftauchen. Einige, wie Jackson Browne und Patti Smith, haben nur einen Auftritt. Thurston Moore („Sonic Youth“) ist dagegen mehrmals zu sehen. Und Initiator Doug Aitken ist vor allem die graue Eminenz im Hintergrund. Die von ihm gewählte Struktur mit den 62 Kapiteln, wobei die Kapitel vor allem dazu dienen, den Film zu rhythmisieren, entwickelt im Kino, auch weil bestimmte Motive immer wieder aufgegriffen werden, einen tranceartigen Sog.
„Station to Station“ ist aufgrund seiner gewählten Form vor allem eine Sammlung von Reiseimpressionen, Gedankensplittern und liefert, ausgehend von den kurzen Statements der beteiligten Künstler, Anregungen zum Nachdenken. Über das Projekt selbst und seine Wirkung erfährt man dagegen nichts.

Station to Station - Plakat

Station to Station (Station to Station, USA 2014)
Regie: Doug Aitken
Drehbuch: Doug Aitken
mit Sun Araw, Ariel Pink’s Haunted Graffiti, Beck, Black Monks of Mississippi, Bloodbirds, Jackson Browne, Cat Power, Cold Cave, The Congos, The Conquerors, Dan Deacon, Thomas Demand, Destruction Unit, William Eggleston, Olafur Eliason, Sam Falls, Urs Fischer, Sasha Frere-Jones, Eleanor Friedberger, Liz Glynn, Cornbred Harris, Gary Indiana, Christian Jankowski, Aaron Koblin, Lucky Dragons, Mark Bradford, Giorgio Moroder, Thurston Moore, Ernesto Neto, No Age, Ed Ruscha, Savages, Patti Smith, Mavis Staples, Paolo Soleri, Stephen Shore, Suicide, Theesatisfaction, Lawrence Weiner, White Mystery, Yoshimio Trio (es sind immer nur Kurzauftritte, d. h. wer nur wegen einem der Künstler in den Film geht, wird enttäuscht sein.)
Länge: 67 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Amerikanische Homepage zum Film/Projekt
Film-Zeit über „Station to Station“
Moviepilot über „Station to Station“
Rotten Tomatoes über „Station to Station“
Wikipedia über Doug Aitken
Homepage von Doug Aitken
Homepage zur Ausstellung

Ein Gespräch mit Doug Aitken über „Station to Station“

und etwas Musik von Thurston Moore (mehr)


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