TV-Tipp für den 17. August: Midnight Special

August 17, 2018

Pro7, 22.55

Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)

Regie: Jeff Nichols

Drehbuch: Jeff Nichols

In Texas sind zwei Männer mit einem Jungen, der eine Schutzbrille trägt, auf dem Weg zu einem geheimnisvollen Treffpunkt. Wenn sie nicht vorher von ihren Häschern geschnappt werden.

Ein Film mit einer geheimnisvollen Atmosphäre, texanischen Sonnenauf- und Untergängen, guten Schauspielern und einer „Twilight Zone“-würdigen Prämisse. Trotzdem war ich letztendlich enttäuscht.

Warum verrate ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp

Wiederholung: Samstag, 18. August, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Midnight Special“
Metacritic über „Midnight Special“
Rotten Tomatoes über „Midnight Special“
Wikipedia über „Midnight Special“
Berlinale über „Midnight Special“

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Midnight Special“ (Midnight Special, USA 2015)

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Loving“ (Loving, USA/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Vollblüter“ sind ziemliche Biester. Auch für Anton Yelchin

August 11, 2018

Es ist schon über zwei Jahre her, als Anton Yelchin am 19. Juni 2016 durch einen dummen Autounfall starb. Und erst jetzt kommt sein letzter Spielfilm in unsere Kinos. Nach den Dreharbeiten, die wenige Tage vor Yelchins Tod endeten, nahm Cory Finley sich viel Zeit für den Schnitt und im letzten Jahr tourte er, beginnend mit dem Sundance Film Festival, über etliche Festivals. In der Hoffnung auf eine gute Mundpropaganda für einen nicht gerade einfach zu bewerbenden Film.

Im Mittelpunkt von „Vollblüter“ stehen zwei in gut situierten Verhältnissen lebende Teenager, die einen Mordplan aushecken. Amanda (Olivia Cooke) ist mit einer genauen Beobachtungsgabe und einem präzisen Verstand gesegnet. Mit ihrem Verhalten irritiert sie allerdings viele Menschen. Denn sie fühlt nichts. Sie spielt Gefühle nur vor. Jetzt soll sie ihrer alten Schulfreundin Lily (Anya Taylor-Joy), die sie in den vergangene Jahren aus den Augen verlor, dringend nötigen Nachhilfeunterricht geben. Lily soll auch zu ihrer Freundin werden. Das ist jedenfalls der Plan von Amandas Mutter, die Lily dafür bezahlt. Amanda hat den Plan allerdings schon vor der ersten Nachhilfestunde durchschaut. Trotzdem hängen die beiden Außenseiterinnen miteinander ab.

Weil Lilys Stiefvater Mark (Paul Sparks) ein rechtes Arschloch ist, schlägt Amanda ihrer neuen Freundin vor, ihn umzubringen. Natürlich wollen sie für den Mord nicht bestraft werden. Da könnte ihnen der Kleingauner Tim (Anton Yelchin) helfen. Er sieht sich als künftigen Paten von Connecticut, während er mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs seinen Lebensunterhalt bestreitet. Der Trottel ist damit der ideale Täter; – wenn er den nicht übermäßig komplizierten Plan der beiden ebenso jungen wie moralbefreiten Schönheiten fehlerfrei ausführen kann.

Zum Vorbild taugt kein Charakter in „Vollblüter“. Aber das ist in einem Noir auch nicht nötig und auf ein traditionelles Happy End hofft in einem Noir auch niemand. Entsprechend spaßig ist es, zu beobachten, wie Amanda und Lily sich miteinander befreunden und den Mordplan fassen. Denn der Stiefvater ist so unsympathisch, dass er den Tod wirklich verdient hat. Jedenfalls aus Lilys Sicht.

Cory Finley inszeniert diese Geschichte in seinem Regiedebüt erstaunlich souverän als sich für seine Charaktere und Lilys Haus Zeit nehmendes Kammerspiel. Weil er seine Noir-Geschichte sehr langsam erzählt, hat sie einige Wendungen weniger, als man es heute gewöhnt ist. Das ist dann näher an alten Noirs, die Finley beim Schreiben seines Drehbuchs als Inspiration benutzte, als an Neo-Noirs wie John McNaughtons „Wild Things“. Gleichzeitig ist Finleys düsteres Sittengemälde des weißen Vorstadtamerikas näher an „Funny Games“ Michael Haneke als an einer knalligen Satire nach bekanntem US-amerikanischen Muster, in der es immer auch einige Schenkelklopfer gibt. In „Vollblüter“ ist das dann doch eher ein verzweifeltes Lachen.

In „Vollblüter“ entwickelt die Geschichte einen verführerisch-langsamen Sog ins Verderben. Die Inszenierung ist sehr ruhig und präzise in der Komposition ihrer Bilder. Die die Szenen anreichernden, klug gewählten Details und die präzisen Beobachtungen veranschaulichen das Gefühlsleben der beiden Möchtegernmörderinnen und ihren Blick auf die Welt. Zum Beispiel wenn Amanda durch Lilys Haus streift und sich umsieht, dann wirkt sie nicht wie eine von dem riesigen, Wohlstand ausstrahlendem Anwesen eingeschüchterte Schulfreundin, die auf ihre Freundin wartet, sondern wie ein Raubtier beim Erkunden des Terrains. Oder wenn die Hand eines Dienstmädchens, das wir nie sehen, unauffällig und stumm hinter Lily aufräumt, dann verrät uns diese kurze Szene viel über Lilys Weltsicht und die Welt, in der sie lebt. Die Schauspieler sind gut. Die Musik von Avantgarde-Jazzer Erik Friedlander konstant beunruhigend.

Dummerweise verspielt Finley im Finale grundlos viel von dem positiven Eindruck. Dann führen Amanda und Lily einen schlampig geplanten Mord durch und tischen der Polizei eine vollkommen unglaubwürdige Geschichte auf, die von den CSI-Jungs schon nach einer flüchtigen Besichtigung des Tatorts zerfetzt würde. Denn die Diskrepanz zwischen ihren Aussagen und dem Tatort ist einfach zu groß, um auch nur den flüchtigsten Kontakt mit der Realität auszuhalten.

Vollblüter (Thoroughbreds, USA 2017)

Regie: Cory Finley

Drehbuch: Cory Finley

mit Olivia Cooke, Anna Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift, Kailie Vernoff

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Vollblüter“

Metacritic über „Vollblüter“

Rotten Tomatoes über „Vollblüter“

Wikipedia über „Vollblüter“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Jeff Nichols‘ „Midnight Special“

Februar 19, 2016

„Midnight Special“ – ein Titel wie ein Joe-R.-Lansdale-Roman oder für eine Anthologie im Geist von „The Twilight Zone“ oder für einen herrlich abgeranzten Südstaaten-Blues voller Sex und Gewalt.
Nun, das ist Jeff Nichols‘ neuer Film nicht. Auch wenn er in den Südstaaten spielt. Zwei schwerbewaffnete Männer fahren mit einem Kind durch Texas, das gewohnt fotogen mit Sonnenauf- und -untergängen in Szene gesetzt wird. Sie werden verfolgt. Von einer Sekte und von der Polizei, die sie sogar über eine öffentliche Fahndung im Fernsehen im Fernsehen sucht. Die beiden Männer wollen den Jungen zu einem Ort bringen, an dem es in wenigen Tagen zu einem wichtigen Ereignis kommen soll. Sie glauben, dass es der Tag des Jüngsten Gerichts ist und der Junge irgendetwas damit zu tun hat.
Aus dieser Ausgangssituation entfaltet Nichols („Take Shelter“, „Mud“) über lange Zeit eine beträchtliche Spannung. Denn nur langsam enthüllen sich für den Zuschauer die Hintergründe und damit auch die Handlungsmotive der verschiedenen Figuren. Der Junge ist ein Medium, das Signale und Botschaften empfängt, und der übernatürliche Fähigkeiten hat, die auch schon einmal ein halbes Haus zerstören können. Oder mehr. Das ist so sehr Stephen-King-Land, dass es erstaunt, dass „Midnight Special“ nicht auf einer seiner Geschichten basiert, sondern eine Originalgeschichte von Nichols ist. Eine andere, ebenso offensichtliche, Inspiration ist natürlich Steven Spielbergs freundlicher Alien-Begegnungs-Science-Fiction-Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“.
Begleitet wird der Junge Alton (Jaeden Lieberher) von seinem Vater Roy (Michael Shannon), der ihn aus der Sekte entführte, und Lucas (Joel Edgerton), einem Schulfreund von Roy, der inzwischen ein State Trooper mit besonderen Fähigkeiten ist. Er hilft ihnen, weil er gesehen hat, wozu Alton fähig ist. Dafür übertritt er auch einige Gesetze und schießt auf Polizisten.
Verfolgt werden die drei von zwei Handlangern der Sekte, die den Jungen zurückbringen sollen, weil er für ihre Gemeinde wichtig ist. Er ist, nun, ihr Heiland. Ihr Jesus-Kind.
Und dann gibt es noch den gesamten Staatsapparat, der Roy, Lucas und Alton, der die meiste Zeit unbeeindruckt „Superman“-Comics liest, einträchtig und ohne irgendein Kompetenzgerangel verfolgt. Die Polizei, das FBI, das helfende Militär und die NSA setzen alles ein, was sie haben. Die wichtigste Person der Verfolger ist der sehr nerdige und schusselige NSA-Analyst Sevier (Adam Driver), der herausfinden will, wie es Alton gelang, an die geheimen, nur über verschlüsselte Leitungen gesendete Informationen zu kommen. Oh, diese Informationen, Koordinaten meist, bildeten den Grundstock der Sekten-Gottesdienste; was ihnen, bis sie vom FBI gestört werden, einen besonderen Touch verleiht.
Das klingt ziemlich krude. Ist es auch. Aber die Geschichte wird von Nichols mit viel Sinn für Atmosphäre und einem Hang zum Siebziger-Jahre-Kino (was uns mit dem Anblick vieler Charakterköpfe und älterer Schauspieler belohnt) konsequent entschleunigt erzählt bis hin zu einem ziemlich hirnrissigen „A world beyond“-Finale. Dabei leben solche Geschichten, in denen sich mehrere Gruppen, mehr oder weniger unabhängig voneinander, auf den Weg zu einem bestimmten Ort, an dem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein besonderes Ereignis erwarten, ohne zu wissen was sie dort erwartet, von ihrer Auflösung. Also ob die Enthüllung des vorher immer wieder beschworenen Mysteriums so gut ist, wie die davor erzeugten Erwartungen. In „Midnight Special“ werden sie enttäuscht.
Weil Nichols seine Geschichte so unglaublich langsam erzählt und sie sich absolut gradlinig auf ihr Finale hin entwickelt, bleibt schon beim Ansehen des Films viel Zeit, sich mehr oder weniger wichtige Fragen zu stellen, die alle dazu führen, dass die Geschichte insgesamt immer unglaubwürdiger wird.
Letztendlich ist „Midnight Special“ eine große Enttäuschung. Da helfen auch nicht die engagiert spielenden Schauspieler, die Bilder, die über weite Strecken des Films vorhandene latente Spannung, die lässig eingestreuten Witze (vor allem Adam Driver hat die besten Dialogzeilen und Sam Shepard überzeugt in seinem kurzen Auftritt als Sektenführer) und die Anspielungen auf andere Werke.
Stephen King und Joe R. Lansdale hätten aus der Grundidee von „Midnight Special“ ein echtes Midnight Special für die nächste Mitternachtsvorstellung gemacht. Bei Jeff Nichols endet der Ausflug ins Hinterland, in religiösen Wahn, Paranoia und kaputte Familien im strahlenden Sonnenlicht in einer deplatzierten, nichts sinnvoll erklärenden Special-Effects-Orgie.

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Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)
Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
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Moviepilot über „Midnight Special“
Metacritic über „Midnight Special“
Rotten Tomatoes über „Midnight Special“
Wikipedia über „Midnight Special“
Berlinale über „Midnight Special“


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