Neu im Kino/Filmkritik: „Der seidene Faden“ der Liebe zwischen Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps, beobachtet von Lesley Manville

Februar 5, 2018

Das ist also der Film, mit dem Daniel Day-Lewis seine Schauspielerkarriere beenden will. Sagt in Interviews der am 29. April 1957 in London geborene, inzwischen zum irischen Staatsbürger gewordene hochgelobte Schauspieler. Er vertieft sich oft für Ewigkeiten in seine Rollen. Er war schon immer sehr wählerisch. Er legte deshalb immer wieder lange Pausen zwischen den Filmen ein, in denen er sich aus dem Filmgeschäft zurückzog. Entsprechend schmal ist seine Filmographie. Die IMDB listet gerade einmal dreißig Filmauftritte auf. Sie ist allerdings auch ungewöhnlich hochkarätig. Zu seinen Filmen gehören „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Zimmer mit Aussicht“, „Mein linker Fuß“, „Der letzte Mohikaner“, „Im Namen des Vaters“, „Gangs of New York“ und „Lincoln“. Mit Paul Thomas Anderson, dem Regisseur von „Der seidene Faden“, arbetete er bereits 2007 in „There will be Blood“ zusammen. Für sein Porträt eines skrupellosen Öl-Magnaten erhielt er seinen zweiten Oscar als bester Hauptdarsteller.

Er erhielt insgesamt drei Oscars und gewann weitere 140 Filmpreise, unter anderem zwei Golden Globes und vier Baftas.

Wenn die diesjährigen Preisverleihungen abgeschlossen sind, dürfte Day-Lewis, der selbstverständlich für „Der seidene Faden“ das Schneiderhandwerk erlernte, für sein Porträt des Modemachers Reynolds Woodcock einige weitere Trophäen erhalten haben.

Woodcock ist im London der fünfziger Jahre ein Schneider für die High Society. Er und seine Schwester Cyril (Lesley Manville) leben in einem für die Londoner Couturier-Szene typischen kleinem Modehaus in Mayfair. Es ist gleichzeitig Wohn- und Arbeitshaus und Produktionsstätte. Sie leben dort in einem von der Welt abgeschotteten Welt. Sie führt die Geschäfte, organisiert das tägliche Leben und achtet darauf, dass ihr Bruder die von ihm gewünschten Bedingungen für seine Kreativität hat. Sie achtet darauf, dass alle seine Regeln penibel eingehalten und seine Schrullen klaglos toleriert werden. So verlangt er beim Frühstück absolute Ruhe. Nur so kann er sich auf seinen Tag einstimmen und kreativ sein. Für Fremde ist das tägliche gemeinsame Frühstück eine Tortur, die in einem Mikrokosmos die Welt des „House of Woodcock“ zeigt.

Als Woodcock einen Wochenendauflug in ihr Landhaus Owlpen Manor unternimmt, trifft er in einem Fischerdorf in einem Restaurant die junge, etwas unbeholfene Kellnerin Alma (Vicky Krieps). Er ist von ihr fasziniert, lädt sie für den Abend ein, verführt sie (was angesichts seiner gesellschaftlichen Stellung leicht ist) und erwählt sie zu seiner neuen Muse.

Sie zieht bei ihm ein und muss als erstes die vielen Hausregeln lernen, wozu unter anderem die schon erwähnte absolute Stille beim gemeinsamen Frühstück gehört; – und wahrscheinlich wurde noch nie so ausdauernd und nervig ein Brötchen mit Butter bestrichen, bis auch der letzten Zuschauer im Saal verstanden hat, dass diese Art des Brötchenstreichens der Horror ist. Jedenfalls für einen Feingeist wie Woodcock, der in einer Zeit lebte, als Kreative wegen ihres Künstlertums jede Marotte und Neurose ausleben durften, weil sie nur so kreativ sein konnten.

Alma ist allerdings nicht bereit, sich klaglos den Hausregeln unterzuordnen.

Der seidene Faden“ ist eine Gothic Romance, die immer wieder an Alfred Hitchcocks Daphne-du-Maurier-Verfilmung „Rebecca“, die Urmutter aller Gothic Romances, erinnert. Schließlich ist Alma im Woodcock-Haus quasi gefangen und den Launen des Hausherrn und seiner strengen Schwester gnadenlos ausgesetzt. Jedenfalls bis Woodcock genug von ihr hat und sich seine nächste Muse sucht. Nur dass dieses Mal die Muse das nicht akzeptieren möchte. Sie kämpft um ihren Platz an Woodcocks Seite und um ihre Eigenständigkeit. Und wer will kann diesen Kampf auch als den Kampf der weitgehend unbekannten Luxemburgerin Vicky Krieps („Der junge Karl Marx“, „Colonia Dignidad“, „A most wanted Man“) gegen Daniel Day-Lewis interpretieren. In jedem Fall behauptet sie sich erfolgreich gegen den älteren Mann, der, das muss auch gesagt werden, in einer Welt voller Frauen lebt, die ihn bewundern, seine Kreationen wollen, aber auch über ihn bestimmen. Ob das seine Schneiderinnen sind, die in einer hierarchisch fein abgestuften Klassengesellschaft im House of Woodcock arbeiten, oder seine vermögenden Kundinnen oder seine verstorbene Mutter oder seine Schwester, die als Haushälterin alles so organisiert, dass er für seine Kundinnen seine beste Leistung erbringen kann.

Paul Thomas Anderson erzählt diese letztendlich sehr verquere, dunkle Liebesgeschichte mit grandiosen Schauspielern, der sich bewusst in den Vordergrund spielenden Musik von „Radiohead“-Musiker und Anderson Hauskomponist Jonny Greenwood, einer prächtigen Ausstattung und einem sehr präzisen Blick auf kleinste Details. Die zahlreichen Anspielungen, erzählerischen Verschränkungen und Doppeldeutigkeiten machen „Der seidene Faden“ zu einem sehr komplexen und bezugreichen Werk. Allerdings erzählt Anderson seine Geschichte sehr langsam. Am Ende dauert der Film über hundertdreißig Minuten, aus denen man mindestens dreißig Minuten hätte herausschneiden können.

Der seidene Faden (Phantom Thread, Großbritannien 2017)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

mit Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville, Brian Gleeson, Sue Clark, Harriet Sansom Harris, Lujza Richter

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der seidene Faden“

Metacritic über „Der seidene Faden“

Rotten Tomatoes über „Der seidene Faden“

Wikipedia über „Der seidene Faden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Zwei Gespräche mit Paul Thomas Anderson über den Film

Zwei Gespräche mit Vicky Krieps über den Film

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Neu im Kino/Filmkritik: „Altman“ porträtiert den „M. A. S. H.“-Regisseur

Februar 19, 2015

Ich wünsche dem Film viele Zuschauer. Im TV. Als Begleitprogramm einer umfangreichen Robert-Altman-Retrospektive, gerne auch mit weiteren Dokus über Robert Altman und seine Filme, die dann in die Tiefe gehen. Denn „Altman“ von Ron Mann ist eine ziemlich oberflächlich geratene Dokumentation über den Regisseur Robert Altman (20. Februar 1925 – 20. November 2006), in der einfach chronologisch sein Leben abgehandelt wird.
Dabei ist der Blick auf seine unbekannten Anfangsjahre als Industriefilmer und TV-Serienregisseur (unter anderem „Alfred Hitchcock präsentiert“ und „Bonanza“) interessant, weil man vor allem seine Spielfilme kennt, die oft Ensemblefilme sind. Einige seiner Filme, wie „M. A. S. H.“, „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, „Nashville“, „Buffalo Bill und die Indianer“, „The Player“ und „Short Cuts“, wurden zu Klassikern, die auch in „Altman“ mit kurzen Ausschnitten gezeigt werden und einen anregen, sich die Filme wieder anzusehen.
Altman-Fans werden sich auch über die bislang unveröffentlichten Privataufnahmen und die Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen, die während verschiedener Dreharbeiten entstanden, freuen.
Auch die vielen O-Töne von Robert Altman sind erfreulich. Sie entstanden bei TV-Sendungen, Publikumsgesprächen und Preisverleihungen, wie seine Rede als er 2006 den Ehrenoscar für sein Lebenswerk erhielt. Sie dürften weitgehend unbekannt sein.
Die vielen bekannten Schauspieler, die mit Robert Altman zusammenarbeiteten und in den Credits von „Altman“ genannt werden, haben im Film nur Kürzestauftritte, in denen sie mit einem Wort oder einem Satz „Altmanesque“ erklären. Das ist eine nette Spielerei, die vor allem eine vertanene Möglichkeit ist. Da hat man Größen wie Keith Carradine, Elliott Gould, Sally Kellerman und Lily Tomlin, die öfters mit Altman zusammen arbeiteten, und Stars wie James Caan und Robin Williams, die nur in einem seiner Filme mitspielten, vor der Kamera und lässt sich von ihnen nichts über ihre Erlebnisse mit Robert Altman erzählen.
Sowieso wagt „Altman“ nie einen kritischen Blick auf den Regisseur. Es kommen nur der Regisseur selbst in Auftritten vor einem Publikum, seine Familie und Mitarbeiter, die ihn bewundern, zu Wort. Aber nie wird Altmans Werk von Filmhistorikern eingeordnet. Ron Mann bildet auch keine thematische Schwerpunkte. Er beschränkt sich auf die nackte Chronologie und das Erwähnen der bekannten Filme.

Altman - Plakat

Altman (Altman, Kanada 2014)
Regie: Ron Mann
Drehbuch: Len Blum
mit Robert Altman, Kathryn Reed Altman, Matthew Seig, Paul Thomas Anderson, James Caan, Keith Carradine, Elliott Gould, Philip Baker Hall, Sally Kellerman, Lyle Lovett, Julianne Moore, Michael Murphy, Lily Tomlin, Robin Williams, Bruce Willis
Länge: 95 Minuten
FSK: ?

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Altman“
Moviepilot über „Altman“
Rotten Tomatoes über „Altman“
Wikipedia über Robert Altman
Robert Altman in der Kriminalakte

Robert Altman erhält den Ehrenoscar

Ein längeres Interview von Elvis Mitchell mit ihm


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Die Thomas-Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“

Februar 13, 2015

Die Banknoten mit dem Konterfei von Richard Nixon haben es leider nicht von Thomas Pynchons Roman „Natürliche Mängel“ in Paul Thomas Andersons Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ geschafft. Abgesehen von dieser Kleinigkeit folgt Anderson dem 480-seitigen Roman erstaunlich genau, verstärkt – vor allem am Anfang – etwas den erkennbaren Plot und suhlt sich ansonsten im Früh-Siebziger-Jahre-Feeling, während er Larry ‚Doc‘ Sportello (Joaquin Phoenix) als dauerbekifften Privatdetektiv durch einen labyrinthischen Plot schlurfen lässt, der nie auf eine irgendwie erkennbare Lösung angelegt ist.
Doc soll, beauftragt von einer Ex-Freundin Shasta, ihren Liebhaber, den spurlos verschwundenen Baumogul Mickey Wolfmann, der halb Los Angeles gentrifiziert, suchen. In Wolfmans Verschwinden sind auch seine Leibwächter und eine im Gefängnis entstandene Verbindung zwischen der Arischen Bruderschaft und der Black Guerilla Family, die im Gefängnis entdeckten, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, involviert.
Doc soll auch Coy Harlington, einen Saxophonisten einer Surf-Rock-Band, finden. Seine Frau glaubt nicht, dass er an einer Überdosis gestorben ist.
Und alle sind irgendwie mit der „Golden Fang“ verbunden.
Bei seinen zahlreichen Ermittlungen trifft Doc mehr als einmal auf LAPD-Detective Christian F. ‚Bigfoot‘ Bjornsen mit dem ihn eine wahre Haßliebe verbindet. Bigfoot ist ein überlebensgroßer Fünfziger-Jahre-Polizist, ein John-Wayne-Möchtegern und die archetypische Verkörperung des faschistoiden Polizisten, der auch im Fernsehen (Hey, wir sind in Hollywood!) nach Serienruhm giert und wenn er Doc besucht, normalerweise seine Tür eintritt.
Das klingt nicht nur, das ist im Buch und im Film, ein Megacut des bekannten Hardboiled- und Noir-Kanons: Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichten, James Ellroy, vor allem „L. A. Confidential“, die Verfilmungen dieser Romane, Roman Polanskis „Chinatown“, Joel und Ethan Coens „The Big Lebowski“ (aber nicht so witzig), gekreuzt mit der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Shea und Robert A. Wilson. Wobei gerade der erste Band „Illuminatus! – Das Auge in der Pyramide“ als absolut durchgeknallt Satire auf alle Verschwörungstheorien eigentlich das Ende aller Verschwörungstheorien ist.
Diese Vorbilder sind immer deutlich erkennbar. Im Buch noch mehr als im Film, der durch seine gute Besetzung und seine oft gewitzte Inszenierung punktet und die eben genannten Vorbilder in den Hintergrund rückt, während der Roman immer eine Pastiche bleibt, die vor allem die Filmbilder aus den bekannten Noirs heraufbeschwört. Auch weil Pynchon immer wieder filmische Vorbilder anspricht und Doc ein Fan des Schauspielers John Garfield ist.
Und beide Male ist die Geschichte viel zu lang geraten. Der Roman umfasst fast 480 Seiten. Der Film dauert gut 150 Minuten. Denn beide Male folgen wir einer weitgehend plotlosen Erzählung, die einfach so, wie ein Drogentraum, vor sich hin mäandert, bis Doc über die Lösungen seiner Fälle stolpert oder sich der Fall, in einem Nebensatz, in Luft auflöst. Und im Hintergrund gibt es eine große Verschwörung, die etwas mit der oder dem „Golden Fang“ zu tun hat und die alles und nichts sein kann. Also auch eine zufällige Namensgleichheit oder eine paranoide Hippie-Fantasie, die alles mit allem verknüpft.
Paul Thomas Anderson erzählt hier seine Geschichte Kaliforniens weiter. „There will be blood“ (über den Ölboom kurz nach der Jahrhundertwende) und „The Master“ (über einen Sektenführer in den Nachkriegsjahren) spielten vor und „Boogie Nights (über die Porno-Filmindustrie in den Siebzigern und Achtzigern) nach „Inherent Vice“. Jetzt geht es um die Flower-Power-Jahre und das damalige Geflecht von freier Liebe, Drogenexzessen, Kulten und der Wirtschaft. Das ist, auch dank der grandiosen Schauspieler, des Lokalkolorits, der pointierten Inszenierungen und archetypischer Bilder immer unterhaltsam und eine deutliche Einladung, sich noch einmal die Klassiker anzusehen.
Denn Anderson sagt hier nichts, was nicht schon Robert Altman in seiner grandiosen Raymond-Chandler-Verfilmung „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The long Goodbye, USA 1972) gesagt hat. Oder die Coens, einige Jahre später, in „The Big Lebowski“.

Inherent Vice - Plakat

Inherent Vice – Natürliche Mängel (Inherent Vice, USA 2015)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
LV: Thomas Pynchon: Inherent Vice, 2009 (Natürliche Mängel)
mit Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro, Martin Short, Jena Malone, Joanna Newson, Eric Roberts, Hong Chau, Michael Kenneth Williams, Martin Donovan, Sasha Pieterse
Länge: 149 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Pynchon - Natürliche Mängel - 4

Thomas Pynchon: Natürliche Mängel
(übersetzt von Nikolaus Stingl)
rororo, 2012
480 Seiten
11,99 Euro

Deutsche Erstausgabe/Gebundene Ausgabe
Rowohlt, 2010

Originalausgabe
Inherent Vice
The Penguin Press, 2009

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Moviepilot über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Metacritic über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Rotten Tomatoes über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Wikipedia über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (deutsch, englisch) und über Thomas Pynchon
Perlentaucher über Thomas Pynchons „Natürliche Mängel“

Ein Gespräch mit Paul Thomas Anderson über „Inherent Vice“

und die Pressekonferenz/Q&A beim NYFF

 


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