Neu im Kino/Filmkritik: „Leid und Herrlichkeit“ des Herrn Pedro Almodóvar

Juli 25, 2019

Salvador Mallo ist ein Filmregisseur, der vor der Wiederaufführung eines seiner Filme, auf sein Leben zurückblickt – und weil Pedro Almodóvar „Leid und Herrlichkeit“ nach seinem Drehbuch inszenierte und weil Almodóvar und Mallo so ungefähr im gleichen Alter sind, wird in vielen Kritiken sicher über den unbestritten vorhandenen autobiographischen Gehalt des Films geschrieben werden. Immerhin sagt Almodóvar über Mallo: „Sein Charakter war nicht ich, aber er war in mir.“

Das könnte er allerdings über jede seiner Figuren sagen. Schließlich schreibt er für seine Filme immer das Drehbuch. Außerdem erzählt er in jedem Film in jeder Figur über sich und er arbeitet nicht so autofiktiv platt. Vielleicht ist „Leid und Herrlichkeit“ deshalb sogar der Film, der am wenigsten über ihn verrät. Ein wundervoller intellektueller Spaß ist er trotzdem.

Wegen seiner körperlichen Verfassung, die weit über die üblichen Zipperlein des Alters hinausgeht, kann Mallo schon lange keine Filme mehr drehen. Er dämmert, seine Wehwehchen zelebrierend, weitgehend vor sich hin. Seine Begeisterung öffentlich über einen seiner alten Filme, der inzwischen für ein Meisterwerk gehalten wird, zu reden, hält sich in überschaubaren Grenzen. Einerseits, weil er trotz allem lieber einen neuen Film drehen würde, andererseits und vor allem, weil er das Gespräch mit seinem Hauptdarsteller Alberto Crespo bestreiten soll. Im Streit trennten sie sich damals.

Jetzt besucht Mallo Crespo, um sich zu versöhnen und mit ihm über das Filmgespräch zu reden. Aber zuerst hängen sie gemeinsam bei einem Joint ab und Mallo erinnert sich an ihre gemeinsame Zeit in den achtziger Jahren in Madrid.

Almodóvar springt noch weiter in Mallos Vergangenheit zurück. Er erzählt von seiner ärmlichen Kindheit in einer Höhle in Paterna, einem Dorf an der Levante, bei der schon die prächtigen Farben und Penélope Cruz irritieren. Die Farben sind so prächtig, dass man sofort mit Mallo tauschen möchte. Der gesamte Film sieht, wie immer bei Almodóvar, sehr prächtig und sehr farbenprächtig aus. Seine Filme sind die wohltuende Antithese zu den vielen neuen Filmen, in denen es nur blasse Braun- und Grautöne gibt. Und Penélope Cruz sieht einfach viel zu gut aus, um eine in ärmlichen Verhältnissen, von der schweren körperlichen Arbeit und dem Ärger mit dem Ehemann gebeugte Hausfrau zu sein. Aber das konnte auch über Silvana Mangano („Bitterer Reis“) und Sophia Loren gesagt werden. Außerdem ist Penélope Cruz eine von Almodóvars Stammschauspielern.

Antonio Banderas, der Mallo spielt, gehört ebenfalls zu Almodóvars Stammschauspielern. Für sein Spiel in diesem Film wurde er, zu Recht, dieses Jahr in Cannes ausgezeichnet.

Wie in seinen vorherigen Filmen verknüpft Almodóvar äußert elegant die verschiedenen Zeitebenen. Langsam erfahren wir, wo Mallo herkommt, wie er in den achtziger Jahren in Madrid als Regisseur Erfolg hat, seine große Liebe trifft und wie es zu dem Zerwürfnis zwischen ihm und Crespo gekommen ist.

Diese Rückblicke und die teils von abenteuerlichen Zufällen ausgehenden Begegnungen, aus denen Mallos Biographie entsteht, führen allerdings nicht zu einem dieser altersmilden Werke, in denen der von der Welt bewunderte Regisseur noch einmal all seine Themen und stilistischen Eigenheiten archivarisch zu einem Best-of bündelt. In dem Alter ist Almodóvar noch nicht. Insofern ist „Leid und Herrlichkeit“ sein neuer Film nach dem ebenfalls ein Leben erzählendem „Julieta“.

Almodóvar sieht „Leid und Herrlichkeit“ als ungeplanten Abschluss einer Trilogie, die er 1987 mit „Das Gesetz der Begierde“ (La ley del deseo, ebenfalls mit Banderas) begann und 2004 mit „La Mala Educacion – Schlechte Erziehung“ (La mala education) fortführte. In allen Filmen ist der Protagonist ein Filmregisseur und es gehe, so Almodóvar, um Begierde und filmisches Erzählen. In „Das Gesetz der Begierde“ geht es um ein tragisch endendes Dreiecksverhältnis. In „La Mala Educacion – Schlechte Erziehung“ erinnert sich ein Regisseur, nach einer Begegnung mit einem Schulfreund, an ihre gemeinsame Schulzeit in einem streng katholischen Internat. Da ist der von Almodóvar hergestellte Zusammenhang vor allem eine Gelegenheit, sich wieder seine älteren Filme anzusehen.

Leid und Herrlichkeit (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

mit Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Nora Navas, Julieta Serrano, César Vicente, Asier Flores, Penélope Cruz, Cecilia Roth, Susi Sánchez, Raúl Arévalo, Pedro Casablanc, Julián López, Rosalía

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Leid und Herrlichkeit“

Metacritic über „Leid und Herrlichkeit“

Rotten Tomatoes über „Leid und Herrlichkeit“

Wikipedia über „Leid und Herrlichkeit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte

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TV-Tipp für den 15. Mai: Julieta

Mai 15, 2019

Arte, 20.15

Julieta (Julieta, Spanien 2016)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

LV: Alice Munro: Runaway, 2004 (Tricks)

Als Julieta in Madrid zufällig eine Jugendfreundin ihrer Tochter, die vor zwölf Jahren gruß- und spurlos aus ihrem Leben verschwand, trifft, erinnert sie sich an ihr Leben und die Entscheidungen, die sie getroffen hat.

Ruhiges, komplexes Drama von Almodóvar, das er bescheiden eine Hommage an die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro nennt. Die Grundlage für Julietas Geschichte sind die in „Tricks“ veröffentlichten Erzählungen „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Emma Suárez, Adriana Ugarte, Daniel Grao, Inma Cuesta, Darío Grandinetti, Rossy de Palma, Michelle Jenner, Pilar Castro

Die Vorlage

Munro - Tricks - Taschenbuch

Alice Munro: Tricks – Acht Erzählungen

(übersetzt von Heidi Zerning)

Fischer Taschenbuch Verlag

384 Seiten

9,95 Euro (Taschenbuch)

21,99 Euro (gebundene Ausgabe)

Deutsche Erstausgabe

Fischer, 2006

Originalausgabe

Runaway

Alfred A. Knopf, 2004

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Spanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Julieta“

Metacritic über „Julieta“

Rotten Tomatoes über „Julieta“

Wikipedia über „Julieta“ (englisch, spanisch) und Alice Munro (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 29. September: What have I done to deserve this?

September 29, 2018

Heute mit englischem Titel und nach  Almodóvers „Mein blühendes Geheimnis“ (um 20.15 Uhr)

Ric, 22.05

Womit habe ich das verdient? (¿Qué he hecho yo para merecer esto?, Spanien 1984)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Gloria hat es nicht leicht mit ihrem despotischen Ehemann und ihren missratenen Kindern. Als ihr Mann für einen Besuch bei seiner Ex-Geliebten ein gebügeltes Hemd verlangt, reicht es ihr. Sie erschlägt ihn mit einer Schinkenkeule…

Das Ensemblestück ist ein Frühwerk von Almodóvar, das bei uns sogar 1991 im Kino lief und dann in der Versenkung verschwand. Im Fernsehen wurde die Komödie nach einer gut zwanzigjährigen Pause erst im Juni 2018 wieder gezeigt.

„Obwohl die vorliegende Proletarierstudie von 1984 weder in Tempo noch in satirischer Schärfe mit den neueren Filmen mithalten kann, lässt sie doch schon Almodóvars eigenwillige Handschrift erkennen, so seinen Hang zu schrillen Farben und sexuellen Extravaganzen. Der beste Einfall in dieser lahmen Außenseitergroteske, die ihre Ideenarmut mit zahlreichen Nebenhandlungen zu kaschieren sucht, ist der absurde Plan, gefälschte Hitler-Tagebücher herzustellen.“ (Fischer Film Almanach 1992)

mit Carmen Maura, Angel de Andrés López, Chus Lampreave, Verónica Forqué, Kiti Manver

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Womit habe ich das verdient?“

Wikipedia über „Womit habe ich das verdient?“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 22. Juni: Zerrissene Umarmungen

Juni 22, 2018

One, 22.30

Zerrissene Umarmungen (Spanien 2009, Regie: Pedro Almodóvar)

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Die Erinnerungen eines erblindeten Drehbuchautoren an eine nicht fertig gestellte Komödie, seine große Liebe und einen für sie tödlichen Autounfall dienen Almodóvar als Ausgangspunkt für einen Film im Film im Film – und wir Zuschauer sind nie verwirrt, sondern verzaubert, wenn flugs und zitatreich die Zeitebenen und Genres gewechselt werden.

Für das „Lexikon des internationalen Films“ gehört „Zerrissene Umarmungen“ „zum Anrührendsten und Schönsten, was das europäische Kino aktuell zu bieten hat“.

mit Penélope Cruz, Lluís Homar, Blanca Portillo, José Luis Gómez, Rubén Ochandiano, Tamar Novas

Hinweise

Film-Zeit über „Zerrissene Umarmungen“

Rotten Tomatoes über „Zerrissene Umarmungen“

Wikipedia über „Zerrissene Umarmungen“ (deutschenglisch)

Noir of the Week über „Zerrisse Umarmungen“

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 16. Juni: Live Flesh – Mit Haut und Haar

Juni 15, 2018

RIC, 22.10

Live Flesh – Mit Haut und Haar (Carne Trémula, Spanien/Frankreich 1997)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar, Ray Loriga, Jorge Guerricaechevarria

LV: Ruth Rendell: Live Flesh, 1986 (In blinder Panik)

Sechs Jahre nachdem Victor einen Polizisten zum Krüppel schoss, kreuzen sich wieder ihre Wege.

Ein typischer Almodóvar-Film. „Almodóvar pendelt in überraschenden Wendungen geschickt zwischen Pathos und Ironie, ohne völlig in den schrillen Erzählton früherer Werke zu kippen.“ (Zoom 8/98)

mit Liberto Rabal, Javier Bardem, Francesca Neri, Angela Molina

Wiederholung: Freitag, 22. Juni, 22.25 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Live Flesh“

Wikipedia über „Live Flesh“ (deutsch, englisch) und Ruth Rendell (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Ruth Rendell

Contemporary Writers über Ruth Rendell

Womankind: Interview mit Ruth Rendell (1994)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 15. Juni: Womit habe ich das verdient?

Juni 15, 2018

Ric, 22.25

Womit habe ich das verdient? (¿Qué he hecho yo para merecer esto?, Spanien 1984)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Gloria hat es nicht leicht mit ihrem despotischen Ehemann und ihren missratenen Kindern. Als ihr Mann für einen Besuch bei seiner Ex-Geliebten ein gebügeltes Hemd verlangt, reicht es ihr. Sie erschlägt ihn mit einer Schinkenkeule…

Das Ensemblestück ist ein Frühwerk von Almodóvar, das bei uns sogar 1991 im Kino lief und dann in der Versenkung verschwand. Im Fernsehen wurde die Komödie gut zwanzig Jahre nicht ausgestrahlt.

Obwohl die vorliegende Proletarierstudie von 1984 weder in Tempo noch in satirischer Schärfe mit den neueren Filmen mithalten kann, lässt sie doch schon Almodóvars eigenwillige Handschrift erkennen, so seinen Hang zu schrillen Farben und sexuellen Extravaganzen. Der beste Einfall in dieser lahmen Außenseitergroteske, die ihre Ideenarmut mit zahlreichen Nebenhandlungen zu kaschieren sucht, ist der absurde Plan, gefälschte Hitler-Tagebücher herzustellen.“ (Fischer Film Almanach 1992)

mit Carmen Maura, Angel de Andrés López, Chus Lampreave, Verónica Forqué, Kiti Manver

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Womit habe ich das verdient?“

Wikipedia über „Womit habe ich das verdient?“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 21. März: High Heels – Die Waffen einer Frau

März 21, 2018

Arte, 20.15 Uhr

High Heels – Die Waffen einer Frau (Tacones Lejnanos, Spanien/Frankreich 1991)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Ein alter, gewohnt vergnüglicher Almodóvar: Nach fünfzehn Jahren begegnen Mutter (erfolgreiche Sängerin) und Tochter (TV-Nachrichtensprecherin) sich wieder und kurz darauf ist der Mann der Tochter, der auch Ex-Liebhaber der Mutter ist, ermordet. Da kann nur ein Untersuchungsrichter, der auch Transvestit ist, helfen.

Auch in seinem neuen Rührstück dominieren wieder die Frauen, notfalls mit Gewalt (…) Im Vergleich zu den bisherigen virtuosen Farcen sind die Charaktere in ‚High Heels‘ tiefgründiger und die Handlung komplizierter geworden.“ (Fischer Film Almanach 1993)

mit Victoria Abril, Marisa Paredes, Miguel Bosé, Pedro Diez de Corral, Feodor Atkine

Hinweise

Rotten Tomatoes über „High Heels“

Wikipedia über „High Heels“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


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