Neu im Kino/Filmkritik: Sie ist „Black and Blue“ – und hat Ärger mit den lieben Kollegen

November 14, 2019

Alicia West (Naomie Harris) ist in ihrem Geburtsort New Orleans ein Rookie-Cop. Als Afroamerikanerin muss sie mit den Vorurteilen ihrer Kollegen und der afroamerikanischen Gemeinschaft kämpfen. Vor allem weil sie im Ninth Ward eingesetzt wird. Dort ist die Polizei der Feind. Auch Jugendfreunde wollen nicht mehr als nötig mit ihr reden oder behaupten gleich, sie würden sie nicht kennen. Jetzt sei, wie ihr ein Kollege sagt, ihre Hautfarbe egal. Sie sei nicht mehr ‚Black‘ (ihre Hautfarbe), sondern ‚Blue‘ (die Farbe der Uniform).

Regisseur Deon Taylor etabliert in seinem Copthriller „Black and Blue“ diese Konfliktlinie, die damit verbundenen Probleme für West und die damit zusammenhängenden größeren Fragen in den ersten Minuten.

Kurz darauf übernimmt die alleinstehende West spontan für ihren Partner eine Extraschicht. Zusammen mit dem altgedienten Polizisten Deacon Brown (James Moses Black) fährt sie los. Während der Schicht hält er vor einer verlassenen Fabrikhalle und sagt ihr, sie solle im Streifenwagen auf ihn warten. West hört einen Schuss. Sie schleicht sich in das Gebäude und beobachtet, wie andere Polizisten einen Drogenhändler erschießen. Weil für sie das Tragen und Einschalten der Bodycam im Einsatz normal ist, hat ihre Bodycam alles aufgezeichnet. Und als ehrliche Polizistin will sie die Aufnahme in den Polizeicomputer übertragen und ihre Kollegen anzeigen. Denn Mord ist Mord.

Die Täter, Drogenfahnder Terry Malone (Frank Grillo), seine Partner Smitty (Beau Knapp) und Brown, verfolgen sie durch das Viertel und hetzen dabei weitere Polizisten und den örtlichen Drogenboss gegen sie auf.

Ab diesem Moment ist „Black and Blue“ dann fest im Fahrwasser eines 08/15-Actionthrillers über einen ehrlichen Polizisten, der gegen seine korrupten Kollegen kämpft. Und wie es sich für so einen Thriller gehört, werden die damit verbundenen Fragen zugunsten von Action schnell ad acta gelegt. Es gibt auch keine genauere Analyse der Gemeinschaft und der Welt der Polizisten. Denn selbstverständlich sind die verbrecherischen Polizisten nur eine kleine Gruppe innerhalb der Polizei. Ihre Taten haben daher keine strukturellen, sondern individuelle Ursachen und mit ihrer Verhaftung ist das Problem gelöst.

Nachdem die Entscheidung gefallen ist, Action gegenüber einer Analyse zu bevorzugen, wird die störende Logik geopfert. Vor allem West muss sich in entscheidenden Momenten nicht plausibel verhalten.

Und weil Taylor die Geschichte zwischen den wenigen Actionszenen nicht flott genug erzählt, um darüber hinwegzutäuschen, fragte ich mich schon während des Films, warum sie nicht sofort das Viertel verlässt, warum sie nicht zur nächsten (oder übernächsten) Polizeistation geht und dort alles seinen vorschriftsmäßigen Gang gehen lässt (Schließlich hätten nicht alle Polizisten ihr das Überspielen der Datei von ihre Bodycam auf den Zentralcomputer verweigert), warum sie, anstatt sich möglichst schnell an einen sicheren Ort zu begehen, erst einmal Stunden in einem Apartment in unmittelbarer Nähe zu ihren Verfolgern verbringt (okay, das ist wichtig, damit die Bösewichter ihre Kräfte sammeln können) und warum sie sich im Finale in eine lebensgefährliche Situation begibt, in der ihre Überlebenschance im besten Fall Fifty/Fifty ist. Wobei sie das natürlich tun muss, damit es ordentlich knallige Action und eine „Training Day“-Hommage gibt.

So ist „Black and Blue“ ein austauschbarer, immer unter seinen Möglichkeiten bleibender Polizeithriller. Er ist nicht wirklich schlecht, aber er versucht auch nie, wirklich gut zu sein, während er die aus unzähligen Filmen bekannten Personen und Situationen noch einmal, ohne große Variationen präsentiert.

Miss Moneypenny hätte in ihrer ersten Hauptrolle einen besseren Film verdient gehabt. Immerhin zeigt sie, dass sie mühelos einen Film tragen kann.

Black and Blue (Black and Blue, USA 2019

Regie: Deon Taylor

Drehbuch: Peter A. Dowling

mit Naomie Harris, Tyrese Gibson, Frank Grillo, Mike Colter, Reid Scott, Nafessa Williams, James Moses Black, Beau Knapp, Kevin Johnson, Deneen Tyler

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Black and Blue“

Metacritic über „Black and Blue“

Rotten Tomatoes über „Black and Blue“

Wikipedia über „Black and Blue“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Die Sharon-Bolton-Verfilmung „Sacrifice – Todesopfer“

April 23, 2017

Nach einer Fehlgeburt zieht die Ärztin Dr. Tora Hamilton mit ihrem Mann Duncan Guthrie aus New York ans andere Ende der Welt und vom stressigen Großstadtleben in die menschenleere Einsamkeit und Ruhe der Shetlandinseln. Denn Duncan kommt von dort. Aus einer vermögenden, seit Ewigkeiten dort lebenden Familie. Und die Landschaft ist, wie die vielen Landschaftsaufnahmen in der Sharon-Bolton-Verfilmung „Sacrifice – Todesopfer“ beweisen, wirklich schön. Auch wenn der Film, wie der Abspann verrät, „Filmed on Location in Co. Wicklow and Co. Dublin, Ireland“.

Oh, well. Auch eine schöne Insel.

Tora beginnt im Krankenhaus zu arbeiten. Mit Duncans Familie versteht sie sich. Alles ist perfekt. Bis sie auf ihrem Grundstück im Torfboden eine Frauenleiche findet, die erst seit wenigen Jahren dort liegen kann und kurz vor ihrem Tod ein Kind bekam.

Und wie es sich für einen Krimi gehört, beginnt sie neugierig herumzuschnüffeln. Sie fragt sich, wer die kürzlich Ermordete ist. Sie will wissen, was die runenartigen Symbole bedeuten, die sie überall, auch bei der Leiche, entdeckt. Und was das alles mit den vielen in den vergangenen Jahren verschwundenen Frauen und adoptierten Kindern, via einer modernen Adoptionsklinik auf einer der Inseln, zu tun hat.

Im wirklichen Leben hätte das alles nichts miteinander zu tun. Aber in einem Kriminalfilm sind das selbstverständlich alles Teile eines riesigen Puzzle, das Regisseur Peter A. Dowling todernst präsentiert. So ist „Sacrifice – Todesopfer“ ein absurdes B-Picture, das sich seiner Absurdität nie bewusst ist. Zum Beispiel die unglaublich hohe Zahl verschwundener Frauen, die in der Kleinstadt (und das sind die Shetlandinseln) in einer menschenleeren Landschaft (die jedes Bild betont) niemandem auffallen oder kümmern. Denn dass das uralte Ritual, worauf die Runen aus der Wikinger-Zeit hindeuten, in der Gegenwart ungefähr bei jeder sich im gebärfähigen Alter befinden Shetland-Frau durchgeführt wird ohne dass die Frauen sich dagegen wehren, ist ziemlicher Quatsch. Immerhin adoptieren die mehr oder weniger allein stehenden Männer der Insel eifrig Kinder.

Ein weiteres großes Problem der Thriller-Verfilmung Krimis ist die fehlende Chemie zwischen Radha Mitchell, die Tora spielt, und Rupert Graves, der ihren Mann Duncan spielt. Nie glaubt man, dass sie verheiratet sind. Nie glaubt man, dass sie jemals ineinander verliebt waren. Deshalb ist es auch vollkommen rätselhaft, warum sie mit ihm in seine alte Heimat zieht.

Weil die Liebe zwischen ihnen nur eine Drehbuchbehauptung ist, funktioniert das Finale emotional nicht. Anstatt mit ihnen mitzufiebern, verfolgt man gelangweilt einen Schnelldurchlauf durch die bekannten Horrorfilm- und Thrillerklischees von Flucht, Verfolgung und Kloppereien, garniert mit hanebüchenen Erklärungen.

Sacrifice – Todesopfer“ ist ein in jeder Beziehung konventioneller und vernachlässigbarer Thriller, garniert mit vielen Bildern aus dem Tourismusprospekt. Als habe man über eine Pilcher/Lindström-Film etwas Krimisauce gegossen.

Regisseur Peter A. Dowling schrieb das Drehbuch zu Robert-Schwentkes-Flugzeugparanoiathriller „Flight Plan“ (mit Jodie Foster) und er inszenierte den Horrorfilm „Stag Night“.

Sacrifice – Todesopfer (Sacrifice, Irland 2016)

Regie: Peter A. Dowling

Drehbuch: Peter A. Dowling

LV: Sharon Bolton: Sacrifice, 2008 (Todesopfer)

mit Radha Mitchell, Rupert Graves, Ian McElhinney, Hilary Rose, David Robb, Joanne Crawford, Rachel Oliva

DVD

EuroVideo

Bild: 16:9 anamorph

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Romane von Sharon Bolton erscheinen bei Manhattan und Goldmann.

Hinweise

Moviepilot über „Sacrifice – Todesopfer“

Metascritic über „Sacrifice – Todesopfer“

Rotten Tomatoes über „Sacrifice – Todesopfer“

Wikipedia über „Sacrifice – Todesopfer“ und Sharon Bolton (deutsch, englisch)

Homepage von Sharon Bolton


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