Neu im Kino/Filmkritik: „Den Sternen so nah“, der Liebe so fern

Februar 10, 2017

Zugegeben, besonders plausibel ist die Geschichte nicht. Da sollen wir zuerst glauben, dass bei der ersten bemannten Mission zum Mars eine schwangere Frau mitfliegen darf, weil bei all den Untersuchungen vor dem Abflug genau das nicht bemerkt wurde. Dann sollen wir glauben, dass in einer Marsstation ein Junge aufwächst, ohne dass das über sechzehn Jahre herauskommt. Er wird von Wissenschaftlern, die auf verschiedenen Missionen auf der Station eine mehr oder weniger lange Zeit verbringen, erzogen. Und niemand, absolut niemand, von den Astronauten und dem Personal auf der Erde redet darüber. Das ist absolut unrealistisch. Wem es nicht gelingt, über diese Punkte hinwegzusehen, der wird „Den Sternen so nah“, den neuen Film von Peter Chelsom („Funny Bones“), hassen. Dabei ist die Frage, wie sich eine Schwangerschaft und Geburt im Weltraum und ein Leben auf dem Mars auf den menschlichen Körper auswirken, durchaus faszinierend. In dem Film bleibt es dann dabei, dass der Junge ein zu schwaches Herz für die Erde hat.

Gardner Elliot (Asa Butterfield), der Marsjunge, genießt auf dem Mars zwar eine gute Ausbildung mit Wissenschaftlern, seinem Roboter Centaur und Computern, aber er sehnt sich auch nach dem Kontakt zu Gleichaltrigen. Im Internet lernt er Tulsa (Brit Robertson) kennen. Sie lebt in einer Kleinstadt in Colorado, wurde in den vergangenen Jahren von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht und freut sich auf ihren achtzehnten Geburtstag. Dann ist die Outsiderin endlich frei und kann tun und lassen, was sie will. Sie skypen ohne Zeitverzögerung (scheint in knapp zwanzig Jahren zu gehen), aber sonst trennen sie Welten.

Als die Mediziner der privaten Gesellschaft Genesis Space Technologies, die für die Marsmission verantwortlich ist, eine Methode entdecken, Gardners Körper so zu verändern, dass er auf der Erde überleben kann, ist eine Rückkehr möglich.

Auf der Erde gelingt ihm schnell die Flucht aus dem Kennedy Space Center in Florida. Er will zu Tulsa und mit ihr zu seinem Vater, von dem er nur ein Bild hat. Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Dabei entdeckt Gardner eine für ihn fremde Welt, durch die er wie David Bowie in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ stakst und sich über den Regen freut.

Allerdings werden er und seine ‚Maude‚ Tulsa von Nathaniel Shepherd (Gary Oldman, der mehr als eine Nebenrolle hat), dem herzschwachen Gründer von Genesis Space Technologies, und seiner Marsmutter Kendra Wyndham (Carla Gugino), einer kinderlosen Ingenieurin, verfolgt. Beide haben, aus unterschiedlichen Gründen, Angst um Gardner und dass er von der Polizei und der Öffentlichkeit entdeckt wird, während er von Florida über Colorado, New Mexico, Arizona und Nevada in Richtung Kalifornien reist.

In diesen Momenten ist dann die Science-Fiction-Welt ganz weit weg. Man muss sich nicht mehr mit den Unglaubwürdigkeiten der Ausgangslage beschäftigen, sondern kann (und sollte) „Den Sternen so nah“ als eine Geschichte von zwei Outsidern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die zusammen finden, sehen. Es ist eine Geschichte zweier Jugendlicher, die sich nach dem Sinn ihres Leben fragen und dabei ein wildes Abenteuer erleben. Gewürzt mit etwas Humor, einem zutiefst freundlichen Blick auf die Menschen, ihre Fehler, Bedürfnisse und Wünsche, schönen Bildern aus dem Hinterland (gedreht wurde vor allem in der Gegend von Albuquerque, New Mexico) und Schauspielern, die man immer gerne sieht, wie Gary Oldman, der sich in den vergangenen Jahren etwas rar machte und vor allem Nebenrollen übernahm.

Das ist immer etwas banal, nicht allzu tiefschürfend und eher für Teenager, aber mit der begrüßenswerten Botschaft.

den-sternen-so-nah-plakat

Den Sternen so nah (The Space between us, USA 2017)

Regie: Peter Chelsom

Drehbuch: Allan Loeb (nach einer Geschichte von Stewart Schill, Richart Barton Lewis und Allan Loeb)

mit Britt Robertson, Asa Butterfield, Gary Oldman, Carla Gugino, BD Wong, Janet Montgomery

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Den Sternen so nah“

Metacritic über „Den Sternen so nah“

Rotten Tomatoes über „Den Sternen so nah“

Wikipedia über „Den Sternen so nah“

Meine Besprechung von Peter Chelsoms „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ (Hector and the Search for Happiness, Kanada/Deutschland 2014)

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ oder Die Suche nach tiefschürenden Erkenntnissen

August 14, 2014

Hector ist ein erfolgreicher Psychiater in London, glücklich verheiratet und in einer ausgewachsenen Sinnkrise. Denn er glaubt, dass er seine Patienten nicht wirklich glücklich macht. Aber was ist „Glück“? Um das Herauszufinden, macht sich Hector auf den Weg um den Globus. Seine Gattin lässt er in London zurück. Seine Erkenntnisse notiert er in einer Kladde. Gerne mit einer niedlichen Zeichnung.

Na, das ist doch eine hübsche Idee, die schon als Roman ein Bestseller war und als Feelgood-Movie nur dann funktioniert, wenn man keine Fragen stellt, sich naiver als ein Fünfjähriger gibt und sich nicht an den Klischees und Kalendersprüchen stört, die noch nicht einmal ein vulgärphilosophisches Niveau erreichen. Denn Hectors ekletische Erkenntnisse über das Glück passen auf alles und nichts, regen höchstens zum zustimmenden Nicken, aber nie zum Nachdenken, geschweige denn zum Widerspruch oder zu einer Diskussion über den Begriff „Glück“ ein.

Und die Erlebnisse, die der für einen erfolgreichen Psychiater arg naive Hector hat und die ihn zu Glückskeks-Erkenntnissen wie „Unglück vermeiden ist nicht der Weg zum Glück“ oder „Glück ist, wenn man sich rundum lebendig fühlt“ führen, sind keine netten kleine Episoden, sondern eine einzige Klischeeparade, die man sich aus banalen Komödien der fünfziger und sechziger Jahre zusammensuchte und die wohlig vertraut, aber doch ziemlich antiquiert sind.

So trifft der vollkommen lebensuntüchtig wirkende Hector (Simon Pegg, liebenswert) auf dem Flug nach Shanghai Edward, einen Investmentbanker, der nur ans Geldverdienen denkt und Hector (was im wirklichen Leben nie passiert) großmütig durch das pulsierende Nachtleben führt. In der Nacht bandelt Hector mit Ying Li an, verliebt sich sofort in diese junge, überaus willige Schönheit und muss am nächsten Tag – Überraschung! – feststellen, dass sie eine Prostituierte ist. Seine Erkenntnis aus diesem Erlebnis: „Manchmal bedeutet Glück, etwas nicht zu wissen.“

Dann wandert Hector zu tibetanischen Mönchen, die den Errungenschaften der Moderne nicht abgeneigt sind. In Südafrika trifft er einem befreundeten Arzt, der jetzt Bedürftigen hilft und mit seinem Freund zusammen lebt. Unser Hans im Glück gerät in typisch afrikanische Kriegswirren und er befreundet sich mit einem gefürchteten kolumbianischen Drogenhändler. Auf seiner letzten Reisestation, in Los Angeles, trifft Hector seine großer Liebe wieder, zu der er seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hatte und die jetzt eine glücklich verheiratete Mutter ist.

Aber diese Ortswechsel führen nie zu tieferen Erkenntnissen oder einer sich auf ein bestimmtes Ende hin bewegenden Geschichte. Sie sind nur die weitgehend austauschbare Kulisse für die Auftritte bekannter Schauspieler wie Veronica Ferres (im Original mit einem schönen deutsch-englischem Sprachmischmasch), Stellan Skarsgard, Jean Reno, Toni Colette und Christopher Plummer.

Man kann dem Film nicht wirklich böse sein, weil er so harmlos, nett und gefällig wie ein Heinz-Erhardt-Film ist. Aber gerade diese durchaus gut präsentierte durchgehende Ambitionslosigkeit verärgert auch. Immerhin drehte Regisseur Peter Chelsom unter anderem „Hear my Song“ und „Funny Bones“.

Dagegen ist „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ nur das filmische Äquivalent zu einem Buch, das man jemand schenkt, den man nicht kennt.

Mein Tipp: Besser noch einmal Ben Stillers fantastisches „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ über dessen Suche nach der Essenz des Lebens ansehen.

Hectors Reise - Plakat

 

Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück (Hector and the Search for Happiness, Kanada/Deutschland 2014)

Regie: Peter Chelsom

Drehbuch: Maria von Heland, Peter Chelsom, Tinker Lindsay

LV: Francois Lelord: Le voyage d’Hector ou la recherche du bonheur, 2002 (Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück)

mit Simon Pegg, Toni Collette, Rosamund Pike, Stellan Skarsgard, Jean Reno, Veronica Ferres, Christopher Plummer, Ming Zhao, Barry Atsma

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (keine Ahnung warum es keine FSK-6 wurde)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hectors Reise“

Moviepilot über „Hectors Reise“

Metacritic über „Hectors Reise“

Rotten Tomatoes über „Hectors Reise“

Wikipedia über „Hectors Reise“ 

Perlentaucher über den Roman „Hectors Reise“

 


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