TV-Tipp für den 13. Oktober (+ Buchtipp): In the Electric Mist – Mord in Louisiana

Oktober 12, 2019

Arte, 21.10

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: James Lee Burke: In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven)

Polizeichef Dave Robicheaux will den Mord an einer neunzehnjährigen Prostituierten aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen trifft er auch auf eine Filmcrew, die einen historischen Film dreht, den lokalen Paten, seinen alten Freund Julie ‘Baby Feet’ Balboni, dessen Geld auch in dem Film steckt und den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Grandios besetzte, sehr atmosphärische und sehr gelungene Verfilmung eines Robicheaux-Krimis. Feiner Stoff für Krimifans.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

Lektürehinweis

Brandneu aus der Druckerei: der neue Dave-Robicheaux-Roman mit dem superunspektakulärem Titel „Mein Name ist Robicheaux“. Im Original ist der Titel des 21. Robicheaux-Krimis noch unspektakulärer.

Bei jedem anderen Roman würde ich bei dieser Ausgangslage von einem persönlichen Fall sprechen. Aber alle Dave-Robicheaux-Fälle sind persönlich. Dieses Mal geht es um einen Mord. Der Mann, der Robicheauxs Frau überfahren hat, wurde ermordet. Robicheaux kann sich nicht an die Mordnacht erinnern. Aber seine Hände sind zerschunden und selbstverständlich wird man ihn, wegen seines Motivs, verdächtigen. Also beginnt Robicheaux in eigener Sache zu ermitteln. Und langjährige Robicheaux-Fans wissen, dass das keine normale, streng den Dienstvorschriften gehorchende Ermittlung wird.

James Lee Burke: Mein Name ist Robicheaux

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2019

600 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Robicheaux – You know my name

Simon & Schuster, 2018

Hinweise

Rotten Tomatoes über „In the Electric Mist“

Wikipedia über „In the Electric Mist“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sumpffieber“ (Sunset Limited, 1998)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Flucht nach Mexiko – Ein Dave-Robicheaux-Krimi“ (Crusader’s Cross, 2005 )

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)


TV-Tipp für den 23. Februar: Mord in Louisiana

Februar 23, 2018

3sat, 22.35

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: James Lee Burke: In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven)

Polizeichef Dave Robicheaux will den Mord an einer neunzehnjährigen Prostituierten aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen trifft er auch auf eine Filmcrew, die einen historischen Film dreht, den lokalen Paten, seinen alten Freund Julie ‘Baby Feet’ Balboni, dessen Geld auch in dem Film steckt und den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Grandios besetzte, sehr atmosphärische und sehr gelungene Verfilmung eines Robicheaux-Krimis. Feiner Stoff für Krimifans.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von Bertrant Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)


TV-Tipp für den 21. November: Blue Jasmine

November 21, 2017

ZDF, 00.35

Blue Jasmine (Blue Jasmine, USA 2013)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

Weil Jasmine es unerträglich fände, von ihren Freundinnen aus der New Yorker Oberschicht an der Kasse gesehen zu werden, quartiert sie sich nach der Totalpleite ihres Mannes in San Francisco bei ihrer Schwester Ginger ein. Die bodenständige Ginger will Jasmine helfen, aber sie lebt in ihrer eigenen Traumwelt.

TV-Premiere eines von der Kritik abgefeierten Woody-Allen-Films vier Jahre nach dem Kinostart zu einer unmöglichen Uhrzeit.

Zum Kinostart meinte ich zu diesem um eine quirlige Schwester und etwas Wirtschaftskrimi angereichertes Quasi-Remake von Amos Kolleks „Sue – Eine Frau in New York“: „ein etwas zwiespältiges Vergnügen, trotz der gewohnt grandiosen Schauspieler und der gut gespielten Szenen, die mal mehr auf die Mike-Leigh-Schule, mal mehr in Richtung Ingmar Bergman, auch etwas in Richtung High-Society-Satire schielen und alle im Woody-Allen-Kosmos grundiert sind.“

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Peter Sarsgaard, Louis C. K., Bobby Cannavale, Michael Stuhlbarg, Andrew Dice Clay, Max Casella, Alden Ehrenreich, Tammy Blanchard

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Blue Jasmine“

Moviepilot über „Blue Jasmine“

Metacritic über „Blue Jasmine“

Rotten Tomatoes über „Blue Jasmine“

Wikipedia über „Blue Jasmine“

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens “Irrational Man” (Irrational Man, USA 2015)

Meine Besprechung von Woody Allens „Café Society“ (Café Society, USA 2016)

Woody Allen in der Kriminalakte  


TV-Tipp für den 7. Oktober: Night Moves

Oktober 6, 2017

One, 21.45
Night Moves (Night Moves, USA 2013)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt
Drei junge Öko-Aktivisten wollen einen Staudamm sprengen.
Insgesamt sehenswerter Arthaus-Thriller, der gelungen die gängigen Thrillerkonventionen unterläuft und ein Nicht-Hollywood-Bild von den USA zeichnet.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros

Wiederholung: Montag, 9. Oktober, 03.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Night Moves“

Moviepilot über „Night Moves“

Metacritic über „Night Moves“

Rotten Tomatoes über „Night Moves“

Wikipedia über „Night Moves“ 

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Certain Women“ (Certain Women, USA 2016)


TV-Tipp für den 31. Januar: Machtlos

Januar 31, 2017

Vielleicht sollte ich mir den Film mal wieder ansehen. Und weil mal wieder ein US-Präsident von Folter schwafelt, ist Hoods Film jetzt wieder brennend aktuell.

Pro 7 Maxx, 20.15

Machtlos (USA 2007, Regie: Gavin Hood)

Drehbuch: Kelley Sane

Der arabischstämmige, in den USA lebender, glücklich verheiratete Ingenieur Anwar El-Ibrahimi verschwindet auf einem Flug spurlos. Seine schwangere Frau sucht ihn. Er wird währenddessen in einem nordafrikanischem Land, unter der Aufsicht eines jungen Geheimdienstlers, gefoltert. Denn die Amis glauben, dass er Kontakt zu einem gefährlichen Terroristen hat.

Die Besetzung ist hochkarätig. Das Anliegen, auf die menschenrechtsverachtende Praxis der Extraordinary Renditions und die damit verbundene Folterpraxis aufmerksam zu machen, ist ehrenwert.

Aber dennoch enttäuscht „Machtlos“. Denn Hood verirrt sich in diversen Subplots, nie wird das Verhältnis zwischen den einzelnen Plots geklärt (Was ist Hauptplot? Was ist Subplot?) und das Ende ist lächerlich. Jedenfalls das Ende für den Gefolterten. Die „geniale Konstruktion“ (jedenfalls dachten die Macher das, als sie uns die Auflösung der Geschichte des jungen Liebespaares präsentieren) ist eine ziemliche Verarschung des Zuschauer.

Auf der Habenseite kann „Machtlos“ letztendlich nur das Ensemble und die Bilder verbuchen. Oh, die Musik ist auch nicht schlecht.

Ansonsten, wenn man keine Doku sehen will, sollte man sich besser noch einmal einen der legendären Politthriller von Constantin Costa-Gavras ansehen. Zum Beispiel „Das Geständnis“ mit Yves Montand in der Hauptrolle.

Oder einen der neuen und wesentlich gelungeneren Politthriller wie „Sturm“, „Green Zone“, „Operation Kingdom“ und „Syriana“. Bei denen ist Folter allerdings, falls überhaupt, nur ein Randthema.

Wahrscheinlich läuft um 20.15 Uhr eine heftig gekürzte Version des FSK-16-Streifens.

mit Jake Gyllenhaal, Reese Witherspoon, Peter Sarsgaard, Omar Metwally, Yigal Naor, Alan Arkin, Meryl Streep, J. K. Simmons

Wiederholung: Mittwoch, 1. Februar, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Machtlos“

Wikipedia über „Machtlos“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Machtlos“

Variety über Kelley Sane (Ten Screenwriters to watch, 22. Juni 2006)

Coming Soon: Interview mit Kelley Sane (18. Oktober 2007)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Ender’s Game – Das große Spiel“ (Ender’s Game, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Jackie: Die First Lady“ und die Tage nach dem Tod ihres Mannes John F. Kennedy

Januar 30, 2017

Jacqueline ‚Jackie‘ Kennedy (Natalie Portman) lädt kurz nach dem Tod ihres Gemahls einen Journalisten (Billy Crudup) auf ihr Anwesen in Hyannisport, Massachusetts, ein. Die 34-jährige Witwe will ihm für eine Reportage ihre Sicht des Attentats auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas, und der Ereignisse bis zu seiner Beerdigung erzählen. Sie sagt dem Journalisten auch, dass sie vor einer Veröffentlichung den Bericht durchlesen und entsprechend ihren Wünschen korrigieren will. Sie will also eine Hofberichterstattung. Aber weil wir im Kino die unzensierte Version sehen, kann aus der Ausgangslage ein ungeschönter Einblick in die chaotischen Tage nach dem Attentat werden, die sich vor allem hinter verschlossenen Türen abspielten.

In seinem vorherigen Film „Neruda“ (ab 23. Februar in unseren Kinos) benutze Pablo Larrain eine ähnlich Konstruktion, indem er seine Geschichte auf mehreren Ebenen und verschiedenen Perspektiven erzählt. Allerdings mit einem ungleich befriedigenderem Ergebnis als in seinem fragmentarischen, bewusst immer wieder Erzählerwartungen und -konventionen brechendem US-Debüt „Jackie: Die First Lady“.

Dabei hätte man aus der Prämisse viel machen können: die auf wenige Tage und ein Ereignis kondensierte Geschichte einer Frau, die mit dem Tod ihres Mannes zurecht kommen muss und die Geschichte einer Frau, die versucht, das Erbe ihres Mannes zu bewahren. Dafür muss sie zuerst erklären, was sein Vermächtnis sein wird. Natürlich gegen Widerstände. Je mehr, desto besser.

In „Jackie“ wird allerdings genau diese Geschichte nicht erzählt. Schon die Konstruktion mit ihrer Erzählung gegenüber dem Reporter, der einfach nur ihre Worte niederschreibt und der daneben nur als schulbubenhafter Stichwortgeber fungiert, muss Jackie Kennedy (später Onassis, aber das ist ein anderer Film) gegen keine Widerstände kämpfen.

Das gleiche gilt für ihre Erzählung der Tage nach dem Tod ihres Mannes. Alle sind furchtbar besorgt. Alle versuchen, ihr zu helfen. Einige Staatsgeschäfte gehen weiter, weil sie weitergehen müssen. Wie, kurz nach dem Attentat, im Präsidentenflugzeug, die Vereidigung von Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) als Kennedys Nachfolger. Johnson zieht sich dann, mit zerknautschem Gesicht zurück, während Jackie die Trauerfeierlichkeiten ihres Mannes organisiert. Dabei wird sie von einer Entourage umlagert, die sie von der Öffentlichkeit abschirmt und ihr jeden Wunsch erfüllt. Ohne Widerworte. Sie sind letztendlich Dienstboten und Butler, die, wie in einem Nobelhotel, dem Gast jeden auch noch so absurden Wunsch erfüllen und sich auch durch Stimmungsschwankungen (und Jackie hat viele, sehr viele Stimmungsschwankungen) und Meinungsänderungen (dito) nicht irritieren lassen, sondern mit einem nonchalanten „Kein Problem, Madam.“ quittieren. Auch Johnson und Kennedys Familie lassen sie gewähren, wenn sie das Weiße Haus zum neuen Camelot verklärt.

Drama oder Interesse an den Zielen von Jackie Kennedy entsteht so nicht.

Und so erschöpft sich das Interesse an „Jackie“ schnell an einem Studium der Kleider (sie war für ihren Stil bekannt), der Innenausstattung und der bekannten Schauspieler. So ist der am 25. Januar 2017 verstorbene John Hurt als Priester und Vertrauter von Jackie Kennedy in einem seiner letzten Leinwandauftritte zu sehen.

Natalie Portman, die für ihre Interpretation von Jackie Kennedy viel Lob, Preise und Nominierungen (zuletzt für den Oscar) erhielt, überzeugt mich dagegen absolut nicht. Viel zu sprunghaft und erratisch ist ihr Verhalten zwischen verwöhnter Prinzessin auf der Erbse, von Trauer geschüttelter Witwe und eiskalter Nachlassverwalterin des Erbes ihres Mannes, wie sie es gerne hätte. Das scheint dann nicht eine, sondern drei vollkommen verschiedene Personen zu sein. Insofern ist Portmans Jackie Kennedy eine bewusst auf Distanz angelegte Interpretation der realen Person, die sich in den essayistisch-fragmentarischen Stil des Films einfügt.

Nach dem grandiosen „Neruda“ ist „Jackie“ eine ziemliche Enttäuschung.

jackie-plakat

Jackie: Die First Lady (Jackie, USA 2016)

Regie: Pablo Larrain

Drehbuch: Noah Oppenheim

mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt, John Carroll Lynch, Beth Grant, Richard E. Grant, Max Casaella, Caspar Phillipson

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Jackie“

Metacritic über „Jackie“

Rotten Tomatoes über „Jackie“

Wikipedia über „Jackie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die glorreichen Sieben“ reiten wieder im Wilden Westen

September 22, 2016

Einige Tage vor der Pressevorführung von Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ habe ich mir noch einmal das Original, also den Westernklassiker von John Sturges, angesehen. Schließlich wollte ich kundig das Original mit dem Remake vergleichen, auf die kleinsten Unterschiede hinweisen (zum Beispiel wenn aus einem Links- ein Rechtshänder wird) und, vielleicht, über die großen Unterschiede jammern.

Außerdem wollte ich mein ursprüngliches Urteil überprüfen. Damals, als Jugendlicher, empfand ich Sturges‘ „Die glorreichen Sieben“ als einen unglaublich langweiligen, prätentiösen und steifen Film, der zu sehr von seiner eigenen Bedeutung überzeugt ist. Die zweite Sichtung bestätigte meinen ersten Eindruck – und damit gehöre ich zu der Minderheit, die den Film nicht mag.

Im Kino stellte ich dann fest, dass ich mir das Original nicht hätte ansehen müssen. Fuqua drehte kein mehr oder weniger werkgetreues Remake von „Die glorreichen Sieben“ (1960). Seine „glorreichen Sieben“ sind bestenfalls eine sehr freie Neuinterpretation, die weiter von dem Original entfernt ist, als einige der unzähligen Fortsetzungen und Rip-Offs, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden. Bis auf einige fast schon willkürlich eingestreute Zitate, die man erkennt, wenn man kurz vorher das Original gesehen hat, und Elmer Bernsteins klassisches Filmthema, das erstmals während des Abspanns erklingt, hat Fuquas Film nichts mit Sturges‘ Film zu tun. Sein Film ist ein wie ein Großstadtthriller inszenierter Western mit viel Action und einer ordentlichen Portion Robert B. Parker, der mit seinen auch verfilmten Virgil-Cole-und-Everett-Hitch-Romanen ja einige Western schrieb, in denen zwei Gesetzeshüter ordentlich in gesetzlosen Orten aufräumen (und der echte Parker-Fan hat vielleicht auch „Potshot“, die noch nicht übersetzte Spenser-Version der glorreichen Sieben, gelesen).

Die Filmgeschichte – sieben Gesetzlose helfen einem Dorf gegen einen übermächtigen Bösewicht – wurde, wenn man sie auf einen Satz verkürzt, übernommen. Außerdem klaute Sturges die Geschichte von Akira Kurosawa. Er erzählte sie in „Die sieben Samurai“, einem grandiosen Film, der seinen Klassikerstatus zu recht hat und immer noch beeindruckt. Vor allem wenn man den Film auf der großen Leinwand sehen kann.

Anführer der siebenköpfigen Gruppe ist in Fuquas Ensemblefilm Sam Chisolm (Denzel Washington). Er ist ein Gesetzeshüter, der immer wieder betont, dass er „a duty sworn warrant officer from Wichita, Kansas and a licensed peace officer in Arkansas,Indian Territory, Nebraska, and seven other states“ ist. Als er 1879 von der Witwe Emma Cullen (Haley Bennett) gebeten wird, in Rose Creek gegen Barholomew Bogue (Peters Sarsgaard) vorzugehen, ist er einverstanden. Bogue ist der Besitzer der örtlichen Mine, er unterdrückt die Bevölkerung, seine Minenarbeiter und die ehrlichen Bauern, und er ermordete Cullens gottesfürchtigen Mann auf offener Straße.

Chisolm sucht sich eine Gruppe tapferer, mehr oder weniger gesetzloser Revolvermänner zusammen, die er teilweise von früher kennt und die alle ziemlich eindrucksvolle Charaktere sind: Josh Farraday (Chris Pratt), Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke), Jack Horne (Vincent D’Onofrio, kaum erkennbar und mit bärigem Kampfstil), Billy Rocks (Byung-Hun Lee), Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo) und der Komantsche Red Harvest (Martin Sensmeier).

Nachdem die extrem multikulturelle Männertruppe in Rose Creek eintrifft, kommt es kurz darauf zur epischen Schlacht zwischen ihnen und Bogue, auf die wir Zuschauer von Anfang an gewartet haben. Und wir werden nicht enttäuscht.

Jedenfalls wenn wir einen ordentlichen Western wollen. Gerne mit einigen nie besonders vertieften Bezügen zur Gegenwart.

Und jetzt will ich mir mal wieder Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ ansehen. Den fand ich schon beim ersten Ansehen grandios.

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Die glorreichen Sieben (The Magnificent Seven, USA 2016)

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: Richard Wenk, Nic Pizzolatto (basierend auf dem Drehbuch von Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto und Hideo Oguni)

mit Denzel Washington, Chris Pratt, Ethan Hawke, Vincent D’Onofrio, Byung-hun Lee, Manuel Garcia-Rulfo, Martin Sensmeier, Haley Bennett, Peter Sarsgaard, Luke Grimes, Matt Bomer

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die glorreichen Sieben“

Metacritic über „Die glorreichen Sieben“

Rotten Tomatoes über „Die glorreichen Sieben“

Wikipedia über „Die glorreichen Sieben“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Southpaw” (Southpaw, USA 2015)

Die TIFF-Pressekonferenz

und noch eine Gesprächsrunde mit den glorreichen Jungs

 

 


DVD-Kritik: „Bauernopfer – Spiel der Könige“ zwischen Bobby Fisher und Boris Spassky

September 18, 2016

Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert unter der Überschrift „’Bauernopfer – Spiel der Könige‘, Kampf der Systeme 1972 in Island“, die ich deshalb jetzt nicht wieder verwenden konnte:

Schach im Fernsehen? Heute gibt es so etwas vielleicht in irgendeinem Sportkanal, der halt sein Programm füllen muss. Früher war Schach auch nicht das Material für die samstägliche Sportschau. Aber 1972 gab es das Schachduell zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky, das auch im Fernsehen übertragen wurde und eine weltweite Schachbegeisterung auslöste.

Bauernopfer – Spiel der Könige“ von Edward Zwick („Blood Diamond“), nach einem straffen Drehbuch von Steven Knight („Eastern Promises“, „Madama Mallory und der Duft von Curry“), erzählt jetzt, nah an den Fakten, die Geschichte von diesem Schachduell, das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, auch ein Kampf der Systeme war. Und es ist ein Biopic über Bobby Fischer (1943 – 2008), das sich auf die 1972er Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik, Island, und die Jahre davor konzentriert. Das spätere Leben von Bobby Fischer, das, höflich formuliert, nicht unproblematisch war, wird dann in einigen Texttafeln abgehandelt, während wir Bobby Fischer auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn verlassen.

Bis dahin erleben wir einen spannenden Film über einen hochintelligenten Menschen, der schon früh ein erfolgreicher Schachspieler war und der sein ganzes Leben auf das Spiel konzentrierte, weshalb er auch gegen jede Ablenkung, egal ob echt oder nur gefühlt, harsch vorging. Schon in den Sechzigern war er in den USA als Schachgenie bekannt. Seine Anti-Establishment-Haltung half. Er wird, nachdem seine Mutter als Teil der jüdisch-kommunistischen Gemeinschaft in Brooklyn in den Fünfzigern vom FBI überwacht wurde, zunehmend paranoid. Er fühlt sich ständig beobachtet. Er fühlt sich von Kameras, die damals lauter als heute waren, und dem Publikum in seiner Konzentration gestört und er setzte bei den Turnieren seine Wünsche nach Ruhe und einer entsprechenden Gestaltung der Räume gnadenlos durch.

Gleichzeitig wird das Spiel und die 1972er Schach-Weltmeister zu einem Duell der Systeme hochgejazzt. So als könnte der Kalte Krieg am Schachbrett besiegt werden (Sylvester Stallone tat es einige Jahre später in „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ im Boxring). Damals war Fischer gut genug, um die jahrzehntelange Dominanz der Sowjetunion im Schach brechen zu können. Außerdem waren, nach einem erzürnten Artikel von Fischer, die Regeln, die von der Sowjetunion zu ihrem Vorteil ausgelegt wurden, geändert worden. Jetzt hatte Fischer eine Chance, den Titel zu gewinnen.

Edward Zwick inszenierte diese Geschichte als Schauspielerkino, das sich auf das Drehbuch und sein Ensemble verlässt. „Spider Man“ Tobey Maguire überzeugt als zunehmend paranoides Schachgenie Bobby Fischer. Liev Schreiber als von der Sowjetunion geförderter Schachspieler Boris Spassky, der am Schachbrett die Überlegenheit des Kommunismus demonstrieren soll, ist ein ebenbürtiger Gegner, der fast während des gesamten Film nichts sagt. Gerade dadurch wirkt er noch bedrohlicher.

Am Ende der faszinierenden Charakterstudie hat man zwar nichts gelernt, was einem beim nächsten Schachspiel hilft (soweit man überhaupt die Bedeutung der Schachfiguren kennt), aber man hat einen ebenso spannenden, wie lehrreichen Ausflug in die Vergangenheit gemacht, als jeder wusste, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Die DVD-Ausgabe enthält, wie die Blu-ray, als Bonusmaterial lediglich ein dreiminütiges 08/15-Werbebeaturette. Für ein Biopic ist das arg wenig. Denn neben dem normalen Making-of zum Film hätte sich natürlich auch eine Doku zu den wahren Hintergründen angeboten.

Bauernopfer – Spiel der Könige“ ist ein Topfilm.

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Bauernopfer – Spiel der Könige (Pawn Sacrifice, USA 2014)

Regie: Edward Zwick

Drehbuch: Steven Knight

mit Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Edward Zinoviev, Alexandre Gorchkov, Lily Rabe, Robin Weigert, Seamus Davey-Fitzpatrick, Aiden Lovekamp, Sophie Nelisse

DVD

Studiocanal

Technische Angaben

Bild: 2,40:1 anamorph

Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Featurette: Bobby Fischer: Der Kalte Krieg und das Schachspiel des Jahrhunderts, Wendecover

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Bauernopfer“

Metacritic über „Bauernopfer“

Rotten Tomatoes über „Bauernopfer“

Wikipedia über „Bauernopfer“ (englisch)

History vs. Hollywood über „Bauernopfer“ (der Faktencheck)

Meine Besprechung von Edward Zwicks „Bauernopfer – Spiel der Könige“ (Pawn Sacrifice, USA 2014)


TV-Tipp für den 16. September: Mord in Louisiana

September 16, 2016

3sat, 22.35

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: James Lee Burke: In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven)

Polizeichef Dave Robicheaux will den Mord an einer neunzehnjährigen Prostituierten aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen trifft er auch auf eine Filmcrew, die einen historischen Film dreht, den lokalen Paten, seinen alten Freund Julie ‘Baby Feet’ Balboni, dessen Geld auch in dem Film steckt und den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Grandios besetzte, sehr atmosphärische und sehr gelungene Verfilmung eines Robicheaux-Krimis. Feiner Stoff für Krimifans.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

Wiederholung: Sonntag, 18. September, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul“

Meine Besprechung von Bertrant Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)


Neu im Kino/Filmkritik: „Bauernopfer – Spiel der Könige“, Kampf der Systeme 1972 in Island

April 29, 2016

Schach im Fernsehen? Heute gibt es so etwas vielleicht in irgendeinem Sportkanal, der halt sein Programm füllen muss. Früher war Schach auch nicht das Material für die samstägliche Sportschau. Aber 1972 gab es das Schachduell zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky, das auch im Fernsehen übertragen wurde und eine weltweite Schachbegeisterung auslöste.

Bauernopfer – Spiel der Könige“ von Edward Zwick („Blood Diamond“), nach einem straffen Drehbuch von Steven Knight („Eastern Promises“, „Madama Mallory und der Duft von Curry“), erzählt jetzt, nah an den Fakten, die Geschichte von diesem Schachduell, das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, auch ein Kampf der Systeme war. Und es ist ein Biopic über Bobby Fischer (1943 – 2008), das sich auf die 1972er Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik, Island, und die Jahre davor konzentriert. Das spätere Leben von Bobby Fischer, das, höflich formuliert, nicht unproblematisch war, wird dann in einigen Texttafeln abgehandelt, während wir Bobby Fischer auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn verlassen.

Bis dahin erleben wir einen spannenden Film über einen hochintelligenten Menschen, der schon früh ein erfolgreicher Schachspieler war und der sein ganzes Leben auf das Spiel konzentrierte, weshalb er auch gegen jede Ablenkung, egal ob echt oder nur gefühlt, harsch vorging. Schon in den Sechzigern war er in den USA als Schachgenie bekannt. Seine Anti-Establishment-Haltung half. Er wird, nachdem seine Mutter als Teil der jüdisch-kommunistischen Gemeinschaft in Brooklyn in den Fünfzigern vom FBI überwacht wurde, zunehmend paranoid. Er fühlt sich ständig beobachtet. Er fühlt sich von Kameras, die damals lauter als heute waren, und dem Publikum in seiner Konzentration gestört und er setzte bei den Turnieren seine Wünsche nach Ruhe und einer entsprechenden Gestaltung der Räume gnadenlos durch.

Gleichzeitig wird das Spiel und die 1972er Schach-Weltmeister zu einem Duell der Systeme hochgejazzt. So als könnte der Kalte Krieg am Schachbrett besiegt werden (Sylvester Stallone tat es einige Jahre später in „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ im Boxring). Damals war Fischer gut genug, um die jahrzehntelange Dominanz der Sowjetunion im Schach brechen zu können. Außerdem waren, nach einem erzürnten Artikel von Fischer, die Regeln, die von der Sowjetunion zu ihrem Vorteil ausgelegt wurden, geändert worden. Jetzt hatte Fischer eine Chance, den Titel zu gewinnen.

Edward Zwick inszenierte diese Geschichte als Schauspielerkino, das sich auf das Drehbuch und sein Ensemble verlässt. „Spider Man“ Tobey Maguire überzeugt als zunehmend paranoides Schachgenie Bobby Fischer. Liev Schreiber als von der Sowjetunion geförderter Schachspieler Boris Spassky, der am Schachbrett die Überlegenheit des Kommunismus demonstrieren soll, ist ein ebenbürtiger Gegner, der fast während des gesamten Film nichts sagt. Gerade dadurch wirkt er noch bedrohlicher.

Am Ende der faszinierenden Charakterstudie hat man zwar nichts gelernt, was einem beim nächsten Schachspiel hilft (soweit man überhaupt die Bedeutung der Schachfiguren kennt), aber man hat einen ebenso spannenden, wie lehrreichen Ausflug in die Vergangenheit gemacht, als jeder wusste, wer die Guten und wer die Bösen sind.

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Bauernopfer – Spiel der Könige (Pawn Sacrifice, USA 2014)

Regie: Edward Zwick

Drehbuch: Steven Knight

mit Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Edward Zinoviev, Alexandre Gorchkov, Lily Rabe, Robin Weigert, Seamus Davey-Fitzpatrick, Aiden Lovekamp, Sophie Nelisse

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bauernopfer“

Metacritic über „Bauernopfer“

Rotten Tomatoes über „Bauernopfer“

Wikipedia über „Bauernopfer“ (englisch)

History vs. Hollywood über „Bauernopfer“ (der Faktencheck)


Die ersten 73 Minuten der 93-minütigen Doku „Zug um Zug in den Wahnsinn“ (The World against Bobby Fischer, 2011) von Liz Garbus über Bobby Fischer


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Black Mass“ – ein Sachbuch und ein Film über Bostons Gangsterboss Whitey Bulger

Oktober 15, 2015

Was für ein Stoff! Die Geschichte eines Gangsterbosses, der auch jahrelang FBI-Informant war. Sein FBI-Führungsoffizier ist auch aus South Boston und kennt ihn seit Kindertagen. Sein Bruder, ein Demokrat, ist ein geachteter und einflussreicher Politiker, der von 1978 bis 1996 der Präsident des Repräsentantenhaus von Massachusetts war und damit immer noch der Politiker ist, der das Amt am längsten inne hatte. Entsprechend einflussreich und beliebt war er bei der Bevölkerung. Und dann ist das keine Hollywood-Fiktion, sondern Wahrheit. Der irischstämmige James ‚Whitey‘ Bulger war auf dem Höhepunkt seiner Karriere der unantastbare Gangsterboss von Boston. 1975 wurde der 1929 geborene Verbrecher FBI-Informant. Ende 1994 tauchte er unter, weil seine Tätigkeit für das FBI kurz vor der Enthüllung stand und er Anklagen für seine vielen Verbrechen befürchten musste.
Im Film, der mit der öffentlichen Enthüllung von Bulgers jahrzehntelanger Informantentätigkeit endet, wird Bulger von Johnny Depp gespielt und Depp lässt seine in den letzten Jahren gepflegten Komödien-Manierismen links liegen. Neben ihm sind Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Rory Cochrane und Corey Stoll dabei. Das Drehbuch ist von Mark Mallouk (sein erstes verfilmtes Drehbuch, aber als Produzent war er involviert in „Rush“, „Ruhet in Frieden“ und „Everest“) und Jez Butterworth (u. a. „Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit“, „Edge of Tomorrow“, „Get on up“ und „Spectre“, der neue Bond), also Jungs, die eine wahre, spannende und auch komplexe Geschichte erzählen können.
Die Regie übernahm Scott Cooper, dessen Debüt „Crazy Heart“ von der Kritik abgefeiert wurde und dessen zweiter Film „Auge um Auge – Out of the Furnace“ ein etwas schleppend erzähltes düsteres Drama ist.
Das klingt doch vielversprechend.
Und doch ist „Black Mass“ eine große Enttäuschung. Es ist ein Gangsterfilm, der so eifrig bemüht ist, alles zu ignorieren, was einen Gangsterfilm ausmacht, was natürlich ein etwas unsinniges Unterfangen ist (als würde man ein Musical ohne Gesangsnummern inszenieren), aber gelingen könnte, wenn die Macher gewusst hätten, was sie erzählen wollen. Geht es um den Aufstieg und Abstieg von Bulger? Geht es um seine Beziehung zu dem FBI-Agenten John Connolly? Geht es um Vertrauen, Verrat und Verhaltensregeln? Den Ehrenkodex des Gangsters?
Wahrscheinlich geht es darum. Immerhin beginnt der Film mit einem Verhör bei der Polizei; wobei der Vernehmungsbeamte für den Film egal ist. Der Gangster, der betont, dass er aussagen werde, aber kein Verräter sei, gehört zwar zur Bande von Whitey Bulger, aber der Film wird nicht aus seiner Perspektive erzählt. Denn wir sehen hier und nach den folgenden Verhörszenen immer wieder Szenen, in denen Dinge gezeigt werden, die die Verhörten nicht wissen können. Sowieso sind die eher willkürlich eingestreuten Verhörszenen mit verschiedenen Bandenmitglieder nur ein Gimmick, der die sprunghafte Handlung nur mühsam kaschiert. Denn mit jedem neuen Verhör wird einfach ein weiteres Kapitel aufgeschlagen und manchmal auch ein längerer Zeitraum überbrückt. Wer dann von Bulger und seinen Jungs umgebracht wird, ist uns egal, weil wir zu dem Opfer keine emotioale Verbindung aufbauen konnten. Sowieso scheinen die Opfer vor allem Mitglieder aus Bulgers Bande zu sein, was zu einem weiteren Problem führt. In einem Gangsterfilm kämpfen Gangster gegeneinander und gegen die Polizei. In „Black Mass“ nicht. Immerhin schützt das FBI Bulger. Über seinen Aufstieg vom das Viertel beherrschenden zum die Stadt beherrschenden Gangster erfahren wir nichts, außer dass einmal gesagt wird, dass er dank des Schutzes des FBIs vom Southie-Kleingangster zum Paten von Boston aufsteigen konnte. Dass es auch andere Gangsterbanden in Boston gibt, vor allem natürlich die italienische Mafia, gegen die das FBI in den Siebzigern einen Feldzug führte, bleibt daher letztendlich eine Behauptung, die wir dem FBI glauben müssen.
Und warum Bulger irgendwann mit der IRA Geschäfte macht, können wir uns aus unserem, sofern vorhandenem, historischen Wissen über die IRA und ihre Unterstützer in den USA zusammenreimen. Aus dem Film erfahren wir es nicht. Dort ist es nur eine Episode, in der plötzlich ein Schiff beladen wird.
Entspechend eindimensional bleiben alle Charaktere. Sie sind Stichwortgeber für eine nicht vorhandene Geschichte. Vor allem Bulger bleibt blass. Er ist immer ein etwas älterer Mann mit schütteren Haaren und schlechten Kleidern. Er sieht immer aus, wie ein älterer Arbeiter aus der nächsten Eckkneipe. Dass er kaltblütig mehrere Menschen erdrosselt und erschießt, erscheint da fast wie eine seltsame Marotte. Aber besonders furchterregend wird er dadurch nicht. In den Momenten versprüht er bestenfalls die Aura eines Mafia-Handlangers, der in der nächsten Filmszene stirbt.
Auch alle anderen Charaktere agieren wie in einem Korsett. Leblos und steif hängen die Staatsdiener in ihren Anzügen. Natürlich immer in unauffällig zeitlos-seriösen Farben, mit Schlips und Weste, wie es sich schon damals seit Jahrzehnten für den gut gekleideten Mann gehörte. Die Gangster pflegen dagegen die ebenso zeitlos funktionale Hafenarbeiterkluft, die sich schon damals seit Jahrzehnten nicht änderte. So verstärkt die Kleidung das Gefühl, dass in „Black Mass“ alles, aber auch wirklich alles, seit Jahrzehnten schon fest zementiert ist. Und niemand es ändern will.
Dass die Filmgeschichte sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, erfahren wir nicht über die Bilder. Egal ob 1975, das Jahr in dem „Black Mass“ beginnt, oder die achtziger Jahre oder die frühen neunziger Jahre bis, Mitte der Neunziger, als Bulger als FBI-Spitzel enttarnt wird, immer sehen wir die gleichen abgeranzten Sechziger-Jahre-Arme-Leute-Küchen, South-Boston-Hinterhöfe, Hafenansichten, FBI-Büros (die nie durch Hippnes glänzten) und, selten, gehobene Restaurants, in denen ohne Schlips und Anzug niemand hineingelassen wird. Es sind Orte, an denen jede Modernisierung vorbei ging.
Die Dialoge stehen zwar in der George-V.-Higgins- und Elmore-Leonard-Schule, aber in „Black Mass“ bleiben sie nur folgenloses Gebabbel. Das ist in den ersten Minuten, wegen der vermeintlichen Authenzität noch toll, aber es wird zunehmend zu einem Problem. Denn die Dialoge drehen sich mehr im Kreis, als dass sie die Handlung vorantreiben. Die ist sowieso nur locker an Bulgers verschiedenen Morden aufgehängt. Morde, die für die Handlung keine erkennbare Bedeutung haben.
So wird der gesamte Film ziemlich schnell zu einer reinen Geduldsprobe, die gefühlt mindestens doppelt so lange ist wie der zweistündige Film.
Wieviel besser und kurzweiliger ist dagegen David O. Russells 138-minütiger „American Hustle“, der die gleichen Themen behandelte und ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert.
Und was hätte Martin Scorsese nur aus dieser Geschichte gemacht?
Uh, ähem, hat er schon. Vor neun Jahren. „Departed – Unter Feinden“ heißt der Film, Jack Nicholson spielt den Gangsterboss, der im Film Frank Costello heißt und der von Whitey Bulger inspiriert ist. Ein grandioser Film, der Scott Coopers Scheitern umso schmerzhafter zeigt.

Black Mass - Plakat

Black Mass (Black Mass, USA 2015)
Regie: Scott Cooper
Drehbuch: Mark Mallouk, Jez Butterworth
LV: Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal, PublicAffairs, 2000 (Black Mass – Der Pate von Boston)
mit Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Dakota Johnson, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Jesse Plemons, Rory Cochrane, David Harbour, Adam Scott, Corey Stoll, Juno Temple, Julianne Nicholson
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage: ein Lesebefehl für den True-Crime-Fan

Lehr - O Neill - Black Mass - 4

Pünktlich zum Filmstart erschien das von den „Boston Globe“-Journalisten geschriebene und mit dem Edgar ausgezeichnete Sachbuch „Black Mass“, das als Vorlage für den Film diente und schon auf den ersten Seiten fragte ich mich, wie es den Filmmachern gelang, all die auf dem Präsentierteller liegenden erzählerischen Goldstücke zu ignorieren. Vieles wird zwar im Film auch angesprochen oder angedeutet, aber erst beim Lesen des Buches versteht man die Hintergründe und damit auch die Handlungen der Beteiligten. Deshalb ist das Buch eine so ungemein spannende Lektüre, die einem so viel von der US-Kriminalitätsgeschichte erzählt und, im Gegensatz zum Film, den Wunsch weckt, South Boston zu besuchen.

Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass – Der Pate von Boston
(übersetzt von Joachim Körber)
Goldmann, 2015
512 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal
PublicAffairs, 2000

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Black Mass“
Moviepilot über „Black Mass“
Metacritic über „Black Mass“
Rotten Tomatoes über „Black Mass“
Wikipedia über „Black Mass“ (deutsch, englisch) und Whitey Bulger (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe von „Black Mass“

Die „Black Mass“-Pressekonferenz beim Filmfest in Venedig

Nachtrag (20. Oktober 2015)

„French Connection“ William Friedkin unterhält sich mit Scott Cooper über den Film

 

 


TV-Tipp für den 23. Juni: Ein neuer Tag im Paradies

Juni 23, 2015

ZDFkultur, 21.50

Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)

Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin

LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)

Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtes Gangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.

Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.

Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)

Wiederholung: Mittwoch, 24. Juni, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Ein neuer Tag im Paradies”

Wikipedia über “Ein neuer Tag im Paradies”

L. A. Weekly (Johnny Angel): Paradise Lost (über den Film, Little und Clark; 24. Dezember 1998)

Los Angeles Times (Mary Rourke): Nachruf auf Eddie Little (23. Mai 2003)


TV-Tipp für den 28. Mai: Night Moves

Mai 28, 2015

WDR, 23.30
Night Moves (Night Moves, USA 2013)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt
Drei junge Öko-Aktivisten wollen einen Staudamm sprengen.
Insgesamt sehenswerter Arthaus-Thriller, der gelungen die gängigen Thrillerkonventionen unterläuft und ein Nicht-Hollywood-Bild von den USA zeichnet.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Night Moves“

Moviepilot über „Night Moves“

Metacritic über „Night Moves“

Rotten Tomatoes über „Night Moves“

Wikipedia über „Night Moves“ 

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)


TV-Tipp für den 3. März: Ein neuer Tag im Paradies

März 3, 2015

ZDFkultur, 22.10

Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)

Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin

LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)

Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtes Gangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.

Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.

Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)

Wiederholung: Mittwoch, 4. März, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Ein neuer Tag im Paradies”

Wikipedia über “Ein neuer Tag im Paradies”

L. A. Weekly (Johnny Angel): Paradise Lost (über den Film, Little und Clark; 24. Dezember 1998)

Los Angeles Times (Mary Rourke): Nachruf auf Eddie Little (23. Mai 2003)


DVD-Kritik: „Night Moves“ mit den Öko-Terroristen von nebenan

Februar 20, 2015

Die DVD-Veröffentlichung von Kelly Reichardts hochgelobtem Thriller „Night Moves“ ist natürlich eine gute Gelegenheit, sich diesen Film noch einmal anzusehen. Zum Kinostart schrieb ich:

Leichte Koste ist „Night Moves“ definitiv nicht und gerade zwischen den vielen schreiend bunten Blockbustern und Feelgood-Movies fällt Kelly Reichardts neuer Film, nach dem Anti-Western „Meek’s Cutoff“, wie ein verschrummelter Bio-Apfel in einem prächtig hergerichteten Buffet auf. Denn in ihrem Film wird kaum geredet, die Farben sind fahl, die Bilder meistens sehr dunkel und schon von der ersten Sekunde schwebt ein Hauch von Fatalismus und Verzweiflung über dem Film. In dem Moment stehen Josh Stamos (Jesse Eisenberg) und Dena Brauer (Dakota Fanning) auf einem Staudamm irgendwo in South Oregon. Es ist nicht unbedingt, die Gegend, die man sich für seinen nächsten Sommerurlaub aussucht. Beide haben ein ökologisches Bewusstsein und sie haben einen Plan; – wobei es lange unklar ist, warum sie das Motorboot „Night Moves“ (nicht benannt nach dem Klassiker von Arthur Penn) kaufen und sich im Wald mit Harmon (Peter Sarsgaard) treffen, der überhaupt nicht von Denas Anwesenheit begeistert ist. Er kennt sie nicht und Josh hat ihm nichts über sie gesagt.
Gemeinsam wollen sie mit dem Boot, das sie mit explosiven Düngermischung präparieren, einen Staudamm in die Luft jagen.
In der ersten Stunde, in der die Vorbereitungen des Trios und der Anschlag (den wir nicht sehen) gezeigt werden, herrscht eine atemlose Thrillerspannung, die in der zweiten Stunde nicht durchgehalten wird. Dann zeigt Reichardts die Rückkehr der drei Feierabend-Terroristen, über die wir fast nichts erfahren, in ihren Alltag und wie das Bündnis zerbricht, weil bei dem Anschlag auch ein unterhalb des Staudamms campierender Mann getötet wurde und damit aus dem politischen Fanal etwas anderes wurde. Wobei wir nicht wirklich erfahren, warum Josh, Dena und Harmon den Anschlag verübten und warum Josh und Dena von Jugendlichen mit Öko-Bewusstsein zu Terroristen wurden. Denn während des gesamten Films sehen wir sie nicht einmal bei einer politischen Handlung, wie beispeilsweise bei einer Demonstration oder einer Diskussion. Über den Anschlag diskutieren sie auch nicht untereinander, weil sie das bereits vor längerem getan haben und nach dem Anschlag können sie mit anderen nicht darüber reden. Stattdessen wird viel geschwiegen.
Wir sehen auch nicht, wie der Staudamm zerstört wird (in dem Moment befinden wir uns mit dem Trio auf der Flucht vom Tatort), welche Zerstörung sie an der Umwelt anrichten und die Ermittlungen der Polizei finden ebenfalls vollkommen im Off statt, weshalb nach der Tat für Josh, Dena und Harmon nur eine abstrakte Entdeckungsgefahr besteht, die auch nicht dadurch größer wird, dass Dena sich der Polizei stellen will. Denn das Hören wir nur von Harmon, der das gegenüber Josh behauptet, damit Josh sich um seine Freundin kümmert.
„Night Moves“ ist ein ziemlich düsteres, pessimistisches, minimalistisches Drama mit eher unsympathischen, introvertierten und schweigsamen Charakteren das aufgeschlossene Zuschauer verlangt, die gerne die Lücken ausfüllen.

Beim zweiten Ansehen fällt dieser erzählerische Bruch zwischen den Vorbereitungen und dem Anschlag und den Auswirkungen des Anschlags wieder negativ auf. Denn während die erste Stunde zielgerichtet auf ein Ende zusteuert, ist die zweite Stunde (die keine volle Stunde ist) von der Leere, der Paranoia und auch dem Stillstand nach dem Anschlag geprägt. Vor allem der schweigsame Josh, der hier eindeutig der zentrale Charakter ist, schweigt fast die ganze Zeit. Über seine Tat kann er mit niemandem reden. In seinem bürgerlichen Leben auf dem Bauernhof, das wir jetzt zum ersten Mal sehen, wartet er auf die Polizei, die vielleicht kommt. Oder auch nicht. Diese bleierne Stimmung wird durch die ambientartige Musik von Jeff Grace, der konsequent jede akustische Zuspitzung vermeidet, noch verstärkt.
Und, auch wenn wir in der zweiten Stunde etwas mehr über Josh erfahren, bleibt er, wie Dena und Harmon, ein Enigma. Sowieso besteht das Trio aus drei Menschen, die keine nennenswerte Vergangenheit und einer Zukunft im Untergrund.
„Night Moves“ ist ein sehenswerter Anti-Thriller, dessen zweite Hälfte nicht die Qualität der ersten Hälfte hat und der sich zu sehr auf eine rein beobachtende Position und Andeutungen zurückzieht, was natürlich bei den Vorbereitungen und der Durchführung eines Anschlags kein Problem ist, aber insgesamt zu einem Problem wird. Denn am Ende hat man mehr Fragen als Antworten über die Charaktere.
Nennenswertes Bonusmaterial gibt es nicht.

Night Moves - Plakat - 4

Night Moves (Night Moves, USA 2013)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt
mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros

DVD
MFA Film/Ascot Elite
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer, Wendecover
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Night Moves“

Moviepilot über „Night Moves“

Metacritic über „Night Moves“

Rotten Tomatoes über „Night Moves“

Wikipedia über „Night Moves“ 

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)


Neu im Kino/Filmkritik: Der düster-dunkle Anti-Thriller „Night Moves“

August 14, 2014

Leichte Koste ist „Night Moves“ definitiv nicht und gerade zwischen den vielen schreiend bunten Blockbustern und Feelgood-Movies fällt Kelly Reichardts neuer Film, nach dem Anti-Western „Meek’s Cutoff“, wie ein verschrummelter Bio-Apfel in einem prächtig hergerichteten Buffet auf. Denn in ihrem Film wird kaum geredet, die Farben sind fahl, die Bilder meistens sehr dunkel und schon von der ersten Sekunde schwebt ein Hauch von Fatalismus und Verzweiflung über dem Film. In dem Moment stehen Josh Stamos (Jesse Eisenberg) und Dena Brauer (Dakota Fanning) auf einem Staudamm irgendwo in South Oregon. Es ist nicht unbedingt, die Gegend, die man sich für seinen nächsten Sommerurlaub aussucht. Beide haben ein ökologisches Bewusstsein und sie haben einen Plan; – wobei es lange unklar ist, warum sie das Motorboot „Night Moves“ (nicht benannt nach dem Klassiker von Arthur Penn) kaufen und sich im Wald mit Harmon (Peter Sarsgaard) treffen, der überhaupt nicht von Denas Anwesenheit begeistert ist. Er kennt sie nicht und Josh hat ihm nichts über sie gesagt.

Gemeinsam wollen sie mit dem Boot, das sie mit explosiven Düngermischung präparieren, einen Staudamm in die Luft jagen.

In der ersten Stunde, in der die Vorbereitungen des Trios und der Anschlag (den wir nicht sehen) gezeigt werden, herrscht eine atemlose Thrillerspannung, die in der zweiten Stunde nicht durchgehalten wird. Dann zeigt Reichardts die Rückkehr der drei Feierabend-Terroristen, über die wir fast nichts erfahren, in ihren Alltag und wie das Bündnis zerbricht, weil bei dem Anschlag auch ein unterhalb des Staudamms campierender Mann getötet wurde und damit aus dem politischen Fanal etwas anderes wurde. Wobei wir nicht wirklich erfahren, warum Josh, Dena und Harmon den Anschlag verübten und warum Josh und Dena von Jugendlichen mit Öko-Bewusstsein zu Terroristen wurden. Denn während des gesamten Films sehen wir sie nicht einmal bei einer politischen Handlung, wie beispeilsweise bei einer Demonstration oder einer Diskussion. Über den Anschlag diskutieren sie auch nicht untereinander, weil sie das bereits vor längerem getan haben und nach dem Anschlag können sie mit anderen nicht darüber reden. Stattdessen wird viel geschwiegen.

Wir sehen auch nicht, wie der Staudamm zerstört wird (in dem Moment befinden wir uns mit dem Trio auf der Flucht vom Tatort), welche Zerstörung sie an der Umwelt anrichten und die Ermittlungen der Polizei finden ebenfalls vollkommen im Off statt, weshalb nach der Tat für Josh, Dena und Harmon nur eine abstrakte Entdeckungsgefahr besteht, die auch nicht dadurch größer wird, dass Dena sich der Polizei stellen will. Denn das Hören wir nur von Harmon, der das gegenüber Josh behauptet, damit Josh sich um seine Freundin kümmert.

Night Moves“ ist ein ziemlich düsteres, pessimistisches, minimalistisches Drama mit eher unsympathischen, introvertierten und schweigsamen Charakteren das aufgeschlossene Zuschauer verlangt, die gerne die Lücken ausfüllen.

Night Moves - Plakat - 4

 

Night Moves (Night Moves, USA 2013)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt

mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Night Moves“

Moviepilot über „Night Moves“

Metacritic über „Night Moves“

Rotten Tomatoes über „Night Moves“

Wikipedia über „Night Moves“ 

Kelly Reichardt spricht bei der Film Society des Lincoln Centers über ihren Film

Andrew Klevan (Universität Oxford) unterhält sich mit Kelly Reichardt (Mai 2014)

Und ein kurzes Q&A mit Kelly Reichardt, Jesse Eisenberg und Dakota Fanning auf dem Toronto Film Festival


TV-Tipp für den 5. August: Ein neuer Tag im Paradies

August 4, 2014

ZDFkultur, 22.00

Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)

Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin

LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)

Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtes Gangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.

Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.

Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)

Wiederholung: Mittwoch, 6. August, 02.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein neuer Tag im Paradies“

Wikipedia über „Ein neuer Tag im Paradies“

L. A. Weekly (Johnny Angel): Paradise Lost (über den Film, Little und Clark; 24. Dezember 1998)

Los Angeles Times (Mary Rourke): Nachruf auf Eddie Little (23. Mai 2003)


DVD-Kritik: „Lovelace“ kann sich nicht entscheiden

Februar 8, 2014

Na, das ist doch eine geschickte Strategie. Anstatt sich für eine Version der Geschichte zu entscheiden, zeigen die Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman und Drehbuchautor Andy Bellin einfach zwei sich diametral entgegenstehende Versionen, die jeweils eine Hälfte des Films „Lovelace“ beanspruchen.

In der ersten Version erzählen sie im Stil eines Kitschfilms, wie Linda Lovelace (eigentlich Linda Boreman) sich in Chuck Traynor verliebt, sie naiv in den Dreh von „Deep Throat“ hineinstolpert, den Dreh des Pornos genießt und danach zum beliebten Star aufsteigt, der fröhlich und ungehemmt ihren Beitrag zur sexuellen Befreiung leistet. Denn der Porno „Deep Throat“ war, als er 1972 in die US-Kinos kam und gleich in einigen Bundesstaaten verboten wurde, ein gigantischer kommerzieller Erfolg, über den alle redeten. Es war plötzlich chic, sich einen Porno in einem Kino anzusehen, dabei gesehen zu werden und, bei entsprechender Prominenz, anschließend ein Interview zu geben.

In Deutschland kam „Deep Throat“ 1975 in die Kinos.

Nach 43 Minuten gibt es im erstaunlich züchtigen Biopic „Lovelace“ einen Zeitsprung von sechs Jahren. Lovelace will endlich ihre Geschichte erzählen und die ist dann ganz anders als die vorher gezeigte Halli-Galli-Friede-Freude-Eierkuchenwelt. Jetzt sehen wir die gleichen Ereignisse noch einmal, aber aus einer anderen Perspektive. Lovelace wurde von ihren puritanischen Eltern unterdrückt. Ihr Mann schlug und vergewaltigte sie. Drogen, Gewalt und Unterdrückung waren ein integraler Teil ihres Lebens, das ein einziger Horrortrip war. Auch die Mafia war bei den Dreharbeiten und der späteren Auswertung des Films beteiligt. Roger Ebert sagte, dass der Profit von „Deep Throat“ mit 600 Millionen US-Dollar bei Herstellungskosten von 25.000 Dollar auch deshalb so hoch war, weil der Film in Pornokinos gezeigt wurde, die damals der Geldwäsche dientenLINK.

Kurz: Linda Lovelace wurde von allen ausgebeutet und benutzt.

Auch wenn die zweite Version wahrscheinlich viel näher an der Wirklichkeit ist, bricht eben die Entscheidung der Macher, gleichberechtigt zwei Versionen der Geschichte von Linda Lovelace und „Deep Throat“ anzubieten, dem Film als Spielfilm das Genick. Denn sie drücken sich damit vor der Frage, welche Geschichte sie erzählen und welche Version der Ereignisse sie für wahr halten. Sie erzählen in ihrem Biopic die Disney- und die Noir-Variante, wobei die Disney-Variante mit Witzen punktet.

Das Bonusmaterial ist erfreulich umfangreich und informativ in Bezug auf den Film ausgefallen. Über die echte Linda Lovelace und „Deep Throat“ erfährt man eher wenig. Aber dafür gibt es ja die Dokumentation „Inside Deep Throat“.

Lovelace - DVD-Cover

Lovelace (Lovelace, USA 2012)

Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman

Drehbuch: Andy Bellin

mit Amanda Seyfried, Peter Sarsgaard, Wes Bentley, James Franco, Chris Noth, Eric Roberts, Chloe Sevigny, Sharon Stone, Robert Patrick, Adam Brody

DVD

Planet Media/Studiocanal

Bild: 1.85:1

Sprache: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making Of, Hinter den Kulissen, Featurette, Interviews, Pressekonferenz Berlinale 2013, Trailer (Deutsch, US), Leseprobe „Linda Lovelace: Ich packe aus“, Wendecover

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Lovelace“

Metacritic über „Lovelace“

Rotten Tomatoes über „Lovelace“

Wikipedia über „Lovelace“ (deutsch, englisch), „Deep Throat“ (deutsch, englisch) und Linda Lovelace (deutsch, englisch)

Berlinale über „Lovelace“


Neu im Kino/Filmkritik: Woody Allen und „Blue Jasmine“ Cate Blanchett

November 8, 2013

 

Unseren jährlichen Woody Allen gib uns heute. Nach der Ansichtskarte „To Rome with Love“ geht es heuer nach San Francisco, aber außer dem sonnigen Wetter ist nichts sonnig in seinem neuen Film „Blue Jasmine“. Denn es geht wieder, mit einer Protagonistin, in Richtung Ingmar Bergman; also düster, existenzialistisch, introvertiert, aber dank des dieses Mal ebenfalls vorhandenen Woody-Allen-Humors, nicht so bleiern wie in seinen ersten Bergman-Verehrungen „Innenleben“ (Interiors) und „September“.

Im Mittelpunkt von „Blue Jasmine“ steht die fast ohne Unterbrechung redende traurige Jasmine (Cate Blanchett), die nach San Francisco zu ihrer Schwester (also nicht biologisch, sie wurden beide adoptiert und von der gleichen Mutter groß gezogen) in deren kleine Wohnung zieht. Denn in New York war Jasmine an das mondäne Leben der Upper Class gewöhnt, bis die Polizei die Geschäfte ihres Mannes Hal (Alec Baldwin) überprüfte und ihn als Betrüger (Remember Bernard Madoff?) entlarvte. Jasmine verlor dabei ebenfalls alles und weil sie es für unerträglich hält, wenn ihre früheren Freundinnen sie jetzt als Verkäuferin sehen müssen, zog sie zu Ginger (Sally Hawkins). Die Schwester nimmt sie auf, auch wenn sie und ihr Ex-Mann Augie (Andrew Dice Clay) von Jasmines Mann um ihr gesamtes Vermögen betrogen wurden. Sie versucht Jasmine zu helfen, stellt sie ihren Freunden vor, die Jasmine alle für unerträglich primitiv hält, und verschafft ihr eine Arbeit, die Jasmine, die noch nicht einmal einen Studienabschluss hat, für vollkommen unter ihrer Würde hält. Die lebensuntüchtige Jasmine kann und will ihre Situation einfach nicht wahrhaben. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, in der der schöne Schein und damit verbundene Selbsttäuschung alles sind.

Außerdem ist sie seelisch labil, führt Selbstgespräche und erinnert sich immer wieder an ihr besseres Leben, das von Woody Allen bruchlos in die in San Francisco spielende Geschichte hineingeschnitten wird. Das Stilmittel illustriert anfangs schön Jasmines Geisteszustand, aber mit der Zeit – auch weil die Erinnerungen scheinbar beliebig kommen – nervt es. Denn wir müssen nicht zehnmal auf die gleiche Weise demonstriert bekommen, dass Jasmine ein Realitätsproblem hat.

Gleichzeitig wirkt Jasmines Abstieg wie ein Eins-zu-Eins-Remake von Amos Kolleks „Sue – Eine Frau in New York“, ergänzt um Allenismen und, als Spiegelbild zu Jasmines Selbstverleugnung, die Geschichte der sehr bodenständigen Schwester Ginger, ihres bodenständigen Freundes, seiner bodenständigen Freunde und ihres bodenständigen Ex-Mannes, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit erwähnt, dass Hal ein Betrüger sei, der sie um ihr Geld brachte; was man allerdings schon nach dem zweiten Mal begriffen hat. Und einer Abrechnung mit dem Finanzkapitalismus, der von Hal, einem Betrüger und Schlawiner, dessen Vermögen auf Lug, Trug und Blendwerk aufgebaut ist, verkörpert wird.

Und so ist „Blue Jasmine“ dann doch ein etwas zwiespältiges Vergnügen, trotz der gewohnt grandiosen Schauspieler und der gut gespielten Szenen, die mal mehr auf die Mike-Leigh-Schule, mal mehr in Richtung Ingmar Bergman, auch etwas in Richtung High-Society-Satire schielen und alle im Woody-Allen-Kosmos grundiert sind.

Blue Jasmine - Plakat

Blue Jasmine (Blue Jasmine, USA 2013)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

mit Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Peter Sarsgaard, Louis C. K., Bobby Cannavale, Michael Stuhlbarg, Andrew Dice Clay, Max Casella, Alden Ehrenreich, Tammy Blanchard

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Blue Jasmine“

Moviepilot über „Blue Jasmine“

Metacritic über „Blue Jasmine“

Rotten Tomatoes über „Blue Jasmine“

Wikipedia über „Blue Jasmine“

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Woody Allen in der Kriminalakte  

 


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