TV-Tipp für den 8. August: Die Welt der Wunderlichs

August 8, 2018

Arte, 20.15

Die Welt der Wunderlichs (Deutschland/Schweiz 2016)

Regie: Dani Levy

Drehbuch: Dani Levy

Allein unter Irren – das ist für Mimi der gelebte Normalzustand. Sie ist die einzige Normale in der Familie Wunderlich. Als sie bei einem Casting mitmachen will, möchte sie das ohne die Hilfe ihrer Familie tun…

Herrlich unaufgeräumte, gewollt dysfunktionale Komödie, die gerade deshalb gefällt. Auch wenn das Ende schwach ist.

Mehr in meiner ausführlichen Kritik der heutigen TV-Premiere.

mit Katharina Schüttler, Ewi Rodriguez, Peter Simonischek, Christiane Paul, Martin Feifel, Steffen Groth, Hannelore Elsner, Arabella Kiesbauer, Thomas Anders, Sabrina Setlur, Friedrich Liechtenstein

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Welt der Wunderlichs“

Moviepilot über „Die Welt der Wunderlichs“

Wikipedia über Dani Levy

Meine Besprechung von Dani Levys „Die Welt der Wunderlichs“ (Deutschland/Schweiz 2016)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Nur Gott kann mich richten“ und das wird er auch tun

Januar 26, 2018

Vor fünf Jahren bejubelten etliche Filmkritiker die „Lust am Genre“ im deutschen Film. Damals kamen parallel mehrere Kriminalfilme in unsere Kinos, die gelungen waren. Danach erlosch die Lust am Genre schneller als ein Strohfeuer. Der letzte deutsch(sprachig)e Kriminalfilm im Kino, der nicht Totalgrütze war, ist schon eine Weile her.

Özgür Yildirims „Chiko“ fällt einem ein. Inzwischen inszenierte er auch drei „Tatorte“ mit Wotan Wilke Möhring als Kommissar Thorsten Falke (Der Dritte wird dieses Jahr ausgestrahlt.). Bei seinem ersten „Tatort“ „Feuerteufel“ begann er auch an der Idee für seinen neuen Film „Nur Gott kann mich richten“ zu arbeiten. Es handelt sich dabei um ein waschechtes Gangsterdrama das Frankfurt am Main von einer sehr unglamourösen Seite zeigt. Es ist das Milieu der Klein- und Berufsverbrecher, die Stammgast im Knast sind, weil ihre Pläne größer als ihr Intellekt sind.

Ricky (Moritz Bleibtreu) ist so einer. Er wird nach fünf Jahren aus dem Knast entlassen. Bei einem grandios an der eigenen Unfähigkeit gescheitertem Überfall mit seinem Kumpel Latif (Kida Khord Ramadan) und seinem Bruder Rafael (Edin Hasanovic) nahm er die Hauptschuld auf sich. Jetzt will er ein ehrliches Leben führen. Er braucht dazu nur eine kleine Anschubfinanzierung für seinen Traum von einer Bar auf Cabrera.

Sein alter Kumpel Latif, inzwischen Besitzer einer schlecht gehenden Bar, vermittelt ihm einen Job. Er soll, mit einem zweiten Mann, die Albaner Branko und Fuad bei einem Drogendeal überfallen. Branko möchte nämlich die Drogen haben, ohne dafür zu bezahlen. Das ist ihm 50.000 Euro wert.

Vor dem fingierten Überfall wird Latif allerdings von der Polizei verhaftet. Ricky muss seinen nicht gerade zuverlässigen Bruder Rafael, der nichts mehr mit ihm zu tun haben will, um Hilfe bitten. Weil Rafael den ihn in Aussicht gestellten Teil des Geldes gut gebrauche kann, ist er einverdanden.

Der Überfall geht glatt über die Bühne, aber als Ricky und Rafael danach von der Polizei kontrolliert werden, gerät Rafael in Panik und es kommt zu einer Verfolgungsjagd durch Frankfurts Hinterhöfe, bei der Rafael die Beute verliert.

Die Tasche wird – wenn’s schon schiefgeht, dann geht alles schief – von einer Polizistin entdeckt, die die mit dem Heroin gefüllte Tasche nicht abgibt, sondern gewinnbringend verkaufen will. Sie könnte das Geld gut für ihre todkranke Tochter gebrauchen.

Weil der Albaner die spurlos verschwundenen Drogen haben will, erpresst er Ricky und Latif, der das Geschäft vermittelte. Also müssen sie die Drogen finden oder das nächste Verbrechen begehen, das nach Murphys Law nicht funktionieren kann.

Natürlich erfindet „Nur Gott kann mich richten“ das Genre nicht neu. Das will Özgür Yildirim auch nicht. Er will nur eine tief im Milieu verwurzelte Geschichte erzählen, in der ein Malheur dem nächsten folgt und alles etwas größer als das Leben ist. Natürlich mit den bekannten Klischees, Dialogen, Überhöhungen und wenigen Brechungen. So kümmert sich Ricky um seinen zunehmend dementen Vater (Peter Simonischek), der Rickys Bruder vergöttert.

Sowieso ist Ricky zwar der Vernünftigste unter den im Film agierenden Verbrechern. Aber Parkers Fußstapfen (der von Richard Stark erfundene eiskalte Profigangster) sind für ihn mehrere Nummern zu groß. Entsprechend wenig Illusionen hat man als Zuschauer über sein Schicksal. Das ist schon von der ersten Minute an vorgezeichnet.

Für Genrejunkies ist „Nur Gott kann mich richten“, trotz kleiner Schwächen, ein feiner Film.

Nur Gott kann mich richten (Deutschland 2017)

Regie: Özgür Yildirim

Drehbuch: Özgür Yildirim

mit Moritz Bleibtreu, Birgit Minichmayr, Edin Hasanovic, Kida Khodr Ramadan, Franziska Wulf, Peter Simonischek, Lilly Wagner, Cem Öztabakci, Blerim Destani, Marie-Lou Sellem, Alexandra Maria Lara

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Nur Gott kann mich richten“

Moviepilot über „Nur Gott kann mich richten“

Rotten Tomatoes über „Nur Gott kann mich richten“

Wikipedia über „Nur Gott kann mich richten“

Meine Besprechung von Özgür Yildirims „Boy 7“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Gar nicht so wunderlich, „Die Welt der Wunderlichs“

Oktober 14, 2016

Familie. Man kann sie sich nicht aussuchen und wenn man sich umhört, scheint es in jeder Familie mindestens eine verhaltensgestörte Person zu geben. Bei den Wunderlichs ist es etwas anders. Da ist Mimi die einzige normale Person. Die alleinerziehender Mutter arbeitet sogar ganz bürgerlich in einem Elektronikgeschäft (so Saturn/Media-Markt-mäßig), wenn sie nicht gerade von der Schuldirektorin angerufen wird, weil ihr hyperaktiver siebenjähriger Sohn mal wieder die Schule ins Chaos stürzte. Zum Beispiel indem Felix die Lehrerin in einen Schrank einsperrt und den Schlüssel in die Toilette wirft. Sie und ihre panischen „Ich will hier raus!“-Schreie sind auch das erste, was wir, während die Leinwand noch schwarz ist, in Dani Levys neuer Komödie „Die Welt der Wunderlichs“ hören.

Mimis Eltern sind für sie keine Hilfe. Ihr in einer Klinik lebender Vater ist manisch-depressiv. Er hat sich mal wieder selbst entlassen und verwettet Mimis Geld beim Pferderennen. Mimis Mutter pflegt dagegen im Bett schon seit Ewigkeiten ihre Depression über die durch ihre Töchter vergeigte Musikerinnenkarriere. Mimis Schwester Manuela führt tagsüber erfolgreich einen Frisörsalon, nachts stürzt sie sich in Sexabenteuer und Alkoholexzesse. Für ihre verkorkste Familie hat Manuela selbstverständlich keine Zeit.

Und dann gibt es noch Mimis Ex-Mann, der als Felix‘ Erzieher ausfällt. Denn er ist, in einem Hotelzimmer lebend, das wandelnde Klischee eines Rockmusikers irgendwo zwischen Udo Lindenberg und Keith Richards. Aber ohne deren gut gefüllte Bankkonten.

Kurz: die Wunderlichs sind ein Katastrophengebiet und Mimi kann höchstens Schadensbegrenzung betreiben.

Da erhält sie einen Anruf aus der Schweiz. Sie soll in der TV-Castingshow „Second Chance“ auftreten. Sie erinnert sich an ihre frühere, eher kurze Karriere als Musikerin und sie beschließt, in der TV-Sendung aufzutreten. Allein. Ohne ihre Familie, die immer alles kaputt macht.

Dass das nicht funktioniert, kann man sich denken. Denn Mimis Reise, zunächst allein, aber schon schnell mit ihrer Familie, die Mimi natürlich nicht im Stich lassen kann und ihr bestmöglich helfen will, und ihr Auftritt in der TV-Sendung stehen im Mittelpunkt von Dany Levys neuem Film.

Und die Schauspieler – Katharina Schüttler als Mimi, Ewi Rodriguez als ihr Sohn, Peter Simonischek als ihr Vater, Hannelore Elsner als ihre Mutter, Christiane Paul als ihre Schwester, Martin Feifel als ihr Ex-Mann und Steffen Groth als über beiden Ohren in sie verliebter Jüngling – hatten sichtbar ihren Spaß mit ihren durchgeknallten Leinwandcharaktere, die sie in einer demaskierenden, aber auch liebevollen Mischung aus Komödie und Tragödie spielen.

Ärgerlich ist dann, nachdem die Welt der Wunderlichs durchgehend als ein wunderschöner funktional-dysfunktionaler Gegenkosmos zur normal-bürgerlichen Welt gezeichnet wurde, Mimis Auftritt in der Castingshow, die sich überhaupt nicht von all den anderen Castingshows unterscheidet. Mit Arabella Kiesbauer als Moderatorin, Thomas Anders, Sabrina Setlur und Friedrich Liechtenstein als Juroren sind dann eigentlich schon die üblichen Verdächtigen versammelt und dass die Rockerbraut Mimi wirklich auch nur einen Cent auf die Meinung von „Modern Talking“-Schlagerfuzzi Thomas Anders gibt, das kann und will ich nicht glauben.

Bis dahin sieht man eine herrlich unaufgeräumte, sozusagen dysfunktionale Komödie über gesellschaftliche Außenseiter, die sich nicht als Außenseiter sehen und deren Leben von „Alles auf Zucker!“-Regisseur Dani Levy mit spürbarer Sympathie und, zwischen den leisen Momenten, einem Hang zum Klamauk und theatralischen Auftritt gezeichnet wird.

die-welt-der-wunderlichs-plakat

Die Welt der Wunderlichs (Deutschland/Schweiz 2016)

Regie: Dani Levy

Drehbuch: Dani Levy

mit Katharina Schüttler, Ewi Rodriguez, Peter Simonischek, Christiane Paul, Martin Feifel, Steffen Groth, Hannelore Elsner, Arabella Kiesbauer, Thomas Anders, Sabrina Setlur, Friedrich Liechtenstein

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Welt der Wunderlichs“

Moviepilot über „Die Welt der Wunderlichs“

Wikipedia über Dani Levy

und ein längeres Interview mit Dani Levy, von 2011


Neu im Kino/Filmkritik: Fremdschämen mit und über „Toni Erdmann“

Juli 14, 2016

Zuerst waren die Deutschen begeistert, dass nach acht Jahren wieder ein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes lief.

Dann waren die Kritiker begeistert. Sie hätten „Toni Erdmann“ gerne den Hauptpreis und alle möglichen und unmöglichen anderen Trophäen gegeben. Aber die Jury ignorierte den Film bei der Preisvergabe.

Und jetzt startet der mit vielen Vorschusslorbeeren und einhelligem Kritikerlob bedachte Film in unseren Kinos.

Toni Erdmann ist ein von dem Musiklehrer Winfried (Peter Simonischek) erfundene Kunstgestalt. Der desillusionierte, megaschlaffe 68er mit einem Hang zu abgestandenen und unwitzigen Witzen erfindet Toni Erdmann, als er in Bukarest seine Tochter Ines (Sandra Hüller) besucht. Sie ist eine taffe Unternehmensberaterin, die gerade einer Firma die Gründe für eine Massenentlassung liefern soll. Zu ihrem Vater, der das komplette Gegenteil von ihr ist, vermeidet sie schon seit Jahren den Kontakt.

Jetzt sitzt er in der Lobby ihrer Firma und sie muss ihn notgedrungen zu Empfängen mit Geschäftspartnern mitnehmen, auf denen er mit seinem unberechenbarem Verhalten, seiner Missachtung der Etikette und seinen lauen Scherzen die Anwesenden verzückt. Jedenfalls tun sie so.

Der große Krach zwischen Vater und Tochter ist vorgezeichnet. Aber anstatt Bukarest zu verlassen, kehrt er als Coach Toni Erdmann mit schlecht sitzender Perücke und Gebiss zurück. Ines geht, wie alle anderen, auf die Scharade ein.

Mit gut drei Stunden ist „Toni Erdmann“ sehr lang, ohne jemals wirklich zu langweilen. Das liegt an Maren Ades präzisem und unerbittlichem, aber die Charaktere nicht denunzierendem Blick für peinliche Situationen. Eigentlich reiht sich eine peinliche Situation an die nächste. Als Zuschauer denkt man ‚ja, genauso ist es‘, während die Kamera dran bleibt, bis auch wirklich die letzte Reaktion und der missglückte Versuch, die Peinlichkeit zu überspielen, gezeigt wurde. Die Fremdschäm-Grenze ist in diesem Moment schon lange überschritten. Denn kein Witz von Toni Erdmann ist witzig. Keine Verkleidung überzeugt.

Seine Tochter Ines ist als das komplette Gegenteil zu ihrem tiefenentspanntem Vater immer zu angespannt, zu gereizt, genervt und penibel, um als Mensch oder als Beraterin zu überzeugen.

Sie sind Kunstfiguren in einer Abfolge ausgedachter Situationen, die Teil einer gnadenlos durchgezogenen Versuchsanordnung sind, in denen es für die Charaktere keine Entwicklung, keine irgendwie geartete Erlösung und auch keine Veränderung gibt.

Dank der genauen Beobachtung und dem Talent von Peter Simonischek und Sandra Hüller geraten die absurden und peinlichen Szenen durchaus kurzweilig. Das häufige Lachen des wohlbehalten im dunklen Kinosaal sitzenden Publikums ist allerdings eher ein verzweifeltes Lachen, ein Ventil für das latente Unwohlsein, das fast jede Szene des Films hervorruft.

Es ist ein Feelbad-Film, den man nicht unbedingt ein zweites Mal sehen will und der keine große Geschichte erzählt, sondern nur Momente aneinanderreiht. Wobei Lehrer Winfried einmal meint, das Leben bestehe aus Erinnerungen an Momente.

Toni Erdmann - Plakat

Toni Erdmann (Deutschland/Österreich/Rumänien 2016)

Regie: Maren Ade

Drehbuch: Maren Ade

mit Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Witterborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Toni Erdmann“

Moviepilot über „Toni Erdmann“

Rotten Tomatoes über „Toni Erdmann“

Wikipedia über „Toni Erdmann“ (deutsch, englisch)

Die Cannes-Pressekonferenz (englisch und deutsch)


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