Neu im Kino/Filmkritik: „Die Wache“, ein absurdes Verhör und viele Überraschungen

Dezember 13, 2019

Es beginnt mit einem bis auf eine Badehose nacktem Mann, der stolz seinen gewöhnlichen Körper präsentiert. Langsam bewegt die Kamera sich von ihm weg und wir sehen, dass er, auf einem Heuballen stehend, auf einem Feld ein Orchester dirigiert. Als die Polizei kommt, läuft er weg. Die Beamten verfolgen ihn in den Wald.

Wer diese absurde Szene für witzig hält, wird sich über den neuen Film von Quentin Dupieux freuen. Denn „Die Wache“ ist wieder ein sehr absurdes und höchst vergnügliches Stück abseitiges Kino. Damit schließt er nahtlos an seine vorherigen Filme „Reality“, „Wrong Cops“, „Wrong“ und, sein Durchbruch, „Rubber“ an. In der Komödie erzählt er die Geschichte eines Serienkillerreifens auf seinem Weg durch die USA.

In seinem neuen Film konzentriert Dupieux sich auf ein abgeranztes Büro in einer abgeranzten Polizeistation, die den Charme der siebziger Jahre verströmt. Dort will Kommissar Buron (Benoît Poelvoorde) in seinem fensterlosen Büro nur noch einige Punkte in Fugains Aussage klären. Louis Fugain (Grégoire Ludig) hatte in der Nacht vor dem anonymen Mietshaus, in dem er mit seiner Frau lebt, eine Leiche gefunden und die Polizei darüber informiert.

Buron führt diese Zeugenbefragung so penetrant durch, dass Fugain mit jeder Erklärung für sein auf den ersten Blick vorbildlich staatsbürgerliches Verhalten immer schuldiger wirkt. Abgelenkt wird Buron bei seiner Befragung durch ständige Telefonate, abschweifende Überlegungen und eine überbordende Lustlosigkeit. Buron verkörpert den unhöflich-nervigen Beamten, der seine Stellung für schlechtes Benehmen ausnutzt. Deshalb versucht der hungrige Fugain alle Fragen sehr höflich zu beantworten. Das scheint die beste Möglichkeit zu sein, möglichst schnell das Revier verlassen zu können und irgendwo etwas zu essen.

Als Buron mal kurz sein Büro verlassen muss, lernen wir Burons einäugigen Kollegen Philippe (Marc Fraize) kennen. Er ist so dumm, dass Buron ihm gegenüber wie eine wahre Geistesgröße wirkt. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände bringt Philippe sich um. Ein Geodreieck spielte eine wichtige Rolle bei seinem Tod. Verzweifelt versteckt Fugain die Leiche in einem der Büroschränke.

Als Buron zurückkehrt, geht das Verhör weiter. Immer noch will Buron jedes Detail mindestens fünfmal erklärt bekommen. Und Buron erklärt ihm alles mit einer Engelsgeduld, die ihn noch verdächtiger macht. Vor allem weil Buron immer wieder einen kleinen Widerspruch findet. Oder zu finden glaubt.

Die Wache“ ist ein herrlicher Witz, glänzend gespielt von gut aufgelegten Darstellern. Dabei ist die Befragung von der ersten Minute an so absurd, dass immer die triste Realität von missgünstigen, immer hart an der Grenze von Dummheit zu Debilität entlangschrammenden Beamten durchscheint. Sie hassen alle Menschen und sie lassen sie das spüren.

Das wundervoll absurde Theater strapaziert seinen Witz nicht über Gebühr. Nach etwas über einer Stunde ist der Spaß vorbei mit einer überraschend aus dem Hut gezauberten und nicht besonders überzeugenden Schlusspointe.

Ach ja: der Dirigent taucht, vollkommen unerwartet, kurz nach seiner Flucht noch einmal auf: als Gefangener in der Polizeistation. Danach verschwindet er aus dem Film und Kommissar Buron stellt Fugain seine erste Frage.

Die Wache (Au poste!, Frankreich 2018)

Regie: Quentin Dupieux

Drehbuch: Quentin Dupieux

mit Benoît Poelvoorde, Grégoire Ludig, Marc Fraize, Anais Demoustier, Orelsan, Philippe Duquesne, Jacky Lambert, Jeanne Rosa, Vicnent Grass, Juliy Messéan

Länge: 71 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Wache“

AlloCiné über „Die Wache“

Rotten Tomatoes über „Die Wache“

Wikipedia über „Die Wache“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Quentin Dupieux‘ „Wrong“ (Wrong, Frankreich/USA 2012)

Meine Besprechung von Quentin Dupieux‘ „Wrong Cops – Von Bullen und Biestern“ (Wrong Cops, Frankreich/USA/Russland 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Andrei Konchalovskys meisterhaftes Alterswerk „Paradies“

Juli 31, 2017

Cineasten kennen Andrei Konchalovsky für Werke wie seine Tschingis-Aitmatov-Verfilmung „Der erste Lehrer“ (1965), sein Debüt, „Ein Adelsnest“ (1969) und seine Anton-Tschechow-Verfilmung „Onkel Wanja“ (1971), der einer der besten russischen Filme sein soll.

Ab 1984 drehte Konchalovsky mehrere Filme in Hollywood. „Maria’s Lovers“, mit Nastassja Kinski, war sein Hollywood-Debüt. Bekannter sind „Runaway Train“ (1985), ein veritabler Klassiker, und „Tango & Cash“ (1989), ein veritables Desaster, das wegen der beiden Hauptdarsteller Sylvester Stallone und Kurt Russell und weil es eine dumme Actionplotte ist, öfter im Fernsehen läuft.

Das ist genau die Art Film, die der am 20. August 1937 in Moskau geborene Regisseur normalerweise nicht inszeniert. Auch sein neuester Film „Paradies“ ist in jeder Beziehung das absolute Gegenteil von „Tango & Cash“.

Im Mittelpunkt des Films steht die adlige Exilrussin Olga (Julia Vysotskaya). In Paris schreibt sie während des Zweiten Weltkriegs für eine Modezeitschrift über Mode und engagiert sich heimlich in der Widerstandsbewegung. Bei einer Razzia werden in ihrer Wohnung zwei jüdische Kinder entdeckt. Sie wird verhaftet und von Jules (Philippe Duquesne), einem verheirateten, jovialen Familienvater und Kollaborateur verhört. Sie versucht ihn mit ihrem Habitus als Adlige, ihrem Äußeren und sexuellen Avancen zu überzeugen, ihr zu helfen.

Trotzdem wird sie in ein Konzentrationslager gebracht. Dort trifft sie wieder auf Helmut (Christian Clauß), der jetzt ein glühender Hitler-Bewunderer und SS-Offizier ist. Im Lager soll er nach Unregelmäßigkeiten. Olga kennt ihn von früher, als sie und ihre schöngeistigen Freunde einen Sommer in der Toskana verbrachten. Jetzt versucht sie an seine damaligen Gefühle anzuknüpfen.

Wie die immer wieder in den Film eingestreuten Monologe aus Verhören von Olga, Jules und Helmut zeigen, muss allerdings irgendetwas furchtbar schief gegangen sein. Dabei ist immer unklar, wann und vor wem die drei ihr Handeln erklären und sich rechtfertigen. Bzw.: je nachdem, wen man als Fragesteller annimmt, verändert sich die Interpretation des Films.

Konchalovsky erzählt seine Geschichte betont undramatisch aus einer scheinbar unberührten Beobachterperspektive in SW im Stil eines Vierziger-Jahre-Films. Die atmosphärische SW-Kamera (Aleksander Simonov) und die grandiosen, weitgehend unbekannten Schauspieler tragen erheblich zum Gelingen des Films bei. Um einen maximalen dokumentarischen Charakter zu erreichen, besetzte Konchalovsky alle Rollen mit möglichst unbekannten russischen, deutschen und französischen Schauspieler, die in ihrer Muttersprache reden. Gerade wegen dieser Mehrsprachigkeit sollte „Paradies“, falls es eine deutsche Synchronisation gibt, unbedingt in der Originalfassung gesehen werden. In einem der wenigen Kinos, die den Film zeigen.

Paradies“ ist kein angenehmer Film, den man sich als Feierabendvergnügen ansieht. Es ist ein Film, bei dem in jeder Sekunde sein Anspruch sichtbar ist und der auch wegen des gewählten Bildformats im dunklen Kinosaal unbestritten eine klaustrophobische Wirkung hat. Ein anderer Grund ist zu sehen, wie Olga um ihr Überleben kämpft und durch äußere Umstände zu Handlungen gezwungen wird, die sie wenige Jahre vorher noch für undenkbar gehalten hätte.

Paradies“ ist ein Meisterwerk, das letztes Jahr beim Venedig Filmfest den Silbernen Löwen für die beste Regie erhielt. Später wurde das Drama von Russland – erfolglos – als Oscar-Anwärter für den besten fremdsprachigen Film eingereicht

Paradies (Ray, Russland/Deutschland 2016)

Regie: Andrei Konchalovsky

Drehbuch: Andrei Konchalovsky, Elena Kiseleva

mit Julia Vysotskaya, Christian Clauss, Philippe Duquesne, Victor Sukhorukov, Peter Kurth, Jakob Diehl

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paradies“

Rotten Tomatoes über „Paradies“

Wikipedia über „Paradies“ 


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