DVD-Kritik: „Ein Sarg aus Hongkong“ und Heinz Drache als Privatdetektiv

Oktober 7, 2014

Ach, das waren noch Zeiten, als ein Privatdetektiv in einem mondänen Junggessellenloft lebte, nur Morde aufklärte (wofür die Polizei ja zu doof ist) und, wenn er eine erschossene Schönheit in seiner Wohnung entdeckt, erst einmal mit einem Kumpel telefoniert und dann, als es klingelt, die Leiche auf sein Bett wirft. So ein Gespräch mit einem Klienten ist ja auch wichtiger, als etwaige Spuren; – wobei in der Prä-C.S.I.-Zeit, als Erschossene noch nicht ganze Wohnungen vollbluteten, die Forensik ja in einem so erbärmlichem Zustand war, dass ein juveniler Detektiv die Sache besser aufklärte.
Sie haben es erkannt. „Ein Sarg aus Hongkong“ beansprucht keine Preise für Plausibilität. Es ist ein deutscher Krimi irgendwo zwischen Edgar Wallace und Kommissar X. Dieses Mal produziert von Wolf C. Hartwig und Erwin C. Dietrich, zwei ziemlich legendären Produzenten, die sich später im gleichen Kinosegment tummelten. Wobei hier zuerst Dietrich produzierte, beim Dreh in Hongkong aber Probleme mit der arbeitsunwilligen Crew und dem Regisseur hatte, und dann Hartwig übernahm.
Als Inspiratio wurde ein Privatdetektiv-Krimi des enorm produktiven James Hadley Chase verwurstet. Denn Manfred R. Köhler, der auch das Drehbuch für sein Regiedebüt schrieb, übernahm von dem Roman anscheinend nur den Namen des Helden und den fotogenen Schauplatz Hongkong.
Jedenfalls erhält Privatdetektiv Nelson Ryan (Heinz Drache) von seinen Klienten Willam Jefferson, dem Schwiegervater der schon erwähnten toten Schönheit, den Auftrag, herauszufinden, was mit seinem Sohn George geschah.
Die Tote ist Jo Ann Jefferson. Sie war in London, um die Leiche ihres Mannes George Jefferson von Hongkong nach London zu überführen. Er verbrannte vor fünf Tagen bei einem Autounfall in Hongkong. Seine Leiche konnte nur anhand einiger persönlicher Habseligkeiten identifiziert werden.
Ryan fliegt nach Hongkong und muss sich dort mit Rauschgifthändlern, Mörderbanden und einem maskierten Mann, dem Oberbösewicht, herumschlagen.
Sonderlich spannend ist das nicht und auch, trotz der ständigen Action, reichlich träge inszeniert. Edgar-Wallace-Fans werden schnell und zutreffend die Identität des Oberbösewichts erraten. Es gibt aber einige touristische Aufnahmen aus Hongkong vor fünfzig Jahren und eine Erinnerung an eine längst vergessene Kinozeit, als im Rahmen der beginnenden James-Bond-Manie plötzlich an exotischen Orten gedreht wurde, Einzelkämpfer mit guten Beziehungen (Privatdetektive oder Geheimagenten oder reiche Müßiggänger) und einem Schlag bei Frauen, im Handumdrehen ganze Verbrechersyndikate besiegten.
Manfred R. Köhler schrieb später die Dialoge für den Jerry-Cotton-Film „Der Mörderclub von Brooklyn“, die Drehbücher für „Kommissar X – Drei goldene Schlangen“, „Der Todeskuss des Dr. Fu Manchu“ und „Die Schlangengrube und das Pendel“ und führte Regie bei „Der Fluch des schwarzen Rubin“ (auch Drehbuch) und „Wie tötet man eine Dame?/Das Geheimnis der gelben Mönche“. Alles keine Perlen der Filmkunst, sondern heute zu recht weitgehend vergessener Trash, der die deprimierende Qualität des deutschen Kriminalfilms in den sechziger Jahren beschreibt und der vor allem eine Flucht aus der Wirklichkeit war. Denn über Deutschland und die Probleme Deutschlands erfährt man in diesen Filmen nichts. Stattdessen wird in Fantasielandschaften, wie die Edgar-Wallace-Landsitze, und in die Fremde geflüchtet. Hier und in einigen anderen fast zeitgleich entstandenen Filmen war es Hongkong.
Die DVD-Ausgabe des Films, der bisher noch nie auf DVD veröffentlicht wurde und anscheinend nie im TV lief, im Rahmen der „Cinema Treasures“-Reihe von Ascot Elite ist gewohnt gelungen. Der Film wurde neu abgetastet vom Originalnegativ. Ensprechend beeindruckend ist das Bild des fünfzig Jahre alten Films. Das Bonusmaterial ist okay. Immerhin ist das Buch „Mädchen, Machos und Moneten“ über Erwin C. Dietrich bereits auf anderen DVDs von Ascot Elite erschienen. Neu ist das Splatting-Image-Interview von 1991/1992 mit Erwin C. Dietrich. Außerdem gibt es, zum Durchklicken für das Cineastenauge, die Plakate der Urania Film und eine Bildergalerie zum Film.

Ein Sarg aus Hongkong - DVD-Cover Innen

Ein Sarg aus Hongkong (Schweiz/Deutschland/Frankreich 1964)
Regie: Manfred R. Köhler
Drehbuch: Manfred R. Köhler
LV: James Hadley Chase: A Coffin from Hongkong, 1962 (Ein Sarg aus Hongkong)
mit Heinz Drache, Elga Andersen, Ralf Wolter, Sabina Sesselmann, Willy Birgel Monika John, Greta Chi, Pierre Richard (nicht „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“, sondern eine Namenspate)

DVD
Ascot Elite (Cinema Treasures)
Bild:2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Trailer, Bildergalerie zum Film, Bildergalerie: Die Plakate der Urania Film, „Mädchen, Machos und Moneten“ (Buch als pdf), „Interview mit Erwin C. Dietrich“ (Splatting-Image-Interview als pdf), Wendecover, 12-seitiges Booklet (Teil-Nachdruck der „Illustrierte Film-Bühne“, wobei das Booklet den Täter verrät und die Absätze falsch angeordnet sind)
Länge: 82 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Ein Sarg aus Hongkong“

Krimi-Couch über James Hadley Chase

Mordlust über James Hadley Chase

Crimetime über James Hadley Chase

Kirjasto über James Hadley Chase

Wikipedia über James Hadley Chase (deutsch, englisch)

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TV-Tipp für den 30. April: Die Schlange

April 29, 2013

ZDF, 00.35

 

Die Schlange (F 2006, R.: Eric Barbier)

 

Drehbuch: Eric Barbier, Nam Tran-minh

 

LV: Ted Lewis: Plender, 1971

 

Plender verdient sein Geld, indem er wohlhabende Männer mit kompromittierenden Fotos erpresst. Sein neuestes Opfer ist der Modefotograf Vincent Mandel, den er noch aus der gemeinsamen Schulzeit kennt.

 

Tolle Ted-Lewis-Verfilmung, die bei uns nur eine ziemlich unbeachtete DVD-Premiere erlebte. Die Story kann zwar nicht verhehlen, dass sie von Ted Lewis bereits in den Siebzigern geschrieben wurde und sich daher in inzwischen bekannten Bahnen bewegt. Aber das ist auch der einzige Nachteil; – hm, eigentlich auch kein richtiger Nachteil, sondern nur ein wohliges Gefühl von Vertrautheit.

 

Noir-Thriller nach klassischen Vorbildern” (Lexikon des internationalen Films)

 

Die größte Entdeckung ist sicher Pierre Richard, der als “Der große Blonde mit schwarzen Schuh” und ähnliche klamaukige Komödien bekannt wurde und hier eine dramatische Rolle spielt.

 

Oh, und Frau Kurylenko, die danach bei “Hitman”, “Max Payne” und “James Bond: Quantum of Solace” durch die Kulisse stolpern durfte, spielt auch mit. Zuletzt spielte sie in „To the Wonder“ (hat mir nicht gefallen, mehr zum Kinostart), „7 Psychos“ und „Oblivion“ mit.

 

Mit Yvan Attal, Clovis Comillac, Olga Kurylenko, Pierre Richard

 

auch bekannt als “The Snake” (DVD-Titel)

 

Hinweise

 

Französische Homepage zum Film

 

Wikipedia über Ted Lewis

 

Mordlust über Ted Lewis

 

Noir Originals über Ted Lewis

 

Martin Compart über Ted Lewis und den Brit Noir


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