Neu im Kino/Filmkritik: „Bohemian Rhapsody“ – ein Band-Biopic ohne Tiefgang

Oktober 31, 2018

Muss „Queen“ groß vorgestellt werden? Die Band, die uns so Perlen des Stadionrocks wie „We are the Champions“ (ungefähr bei jedem Fußballspiel zu hören) und „We will rock you“ (ungefähr bei jeder Party zu hören) bescherte und das als „A Kind of Magic“ bezeichnete?

Wahrscheinlich nicht.

Aber wahrscheinlich kennen die meisten nur den charismatischen Leadsänger der Band und einige ihrer Hits.

Da kann, wenn man nicht einige Lexika-Artikel, Reportagen oder sogar ein Buch über die Band lesen will, ein Dokumentarfilm oder ein Biopic, wie „Bohemian Rhapsody“, Bildungslücken schließen. Wobei man bei den Biopics vor dem angeberischen Gespräch in der Kneipe wenigstens der Wikipedia-Artikel durchlesen sollte. Denn auch in Bryan Singers „Queen“-Biopic triumphiert im Zweifelsfall die gut erzählte Anekdote und die bildgewaltige Verknappung über der historischen Genauigkeit.

In „Bohemian Rhapsody“ erzählt Singer die Geschichte von Freddie Mercury und „Queen“ von ihrer ersten Begegnung 1970 bis zu ihrem weltweit ausgestrahltem Live-Aid-Auftritt am 13. Juli 1985 im Londoner Wembley Stadion. Dieses inzwischen legendäre Kurzkonzert bildet den erzählerischen Rahmen des Films, der in den Gängen des Stadions beginnt, in das London von 1970 springt, chronologisch die Geschichte von „Queen“ erzählt und mit dem Live-Auftritt endet. „Bohemian Rhapsody“ zeigt in diesem ausführlich nachgestelltem Moment die Rockband auf dem Höhepunkt ihres globalen Ruhms.

Der Film konzentriert sich dabei auf Freddie Mercury (grandios gespielt von Rami Malek), der als begnadeter Entertainer und visionärer Bandleader gezeigt wird. Die anderen Musiker von „Queen“ – Gitarrist Brian May, Bassist John Deacon und Schlagzeuger Roger Taylor – sind nur die Staffage für die als alles bestimmende Rampensau Mercury.

Dabei überschreitet der Film immer wieder die Grenze zur Parodie. Denn in dem Biopic sind die bekannten „Queen“-Songs von Anfang an perfekt. Das Publikum ist konstant begeistert. Und die Band ist eine ultra-harmonische Familie sympathischer und akademisch gebildeter Zeitgenossen. Brian May promovierte sogar in Astrophysik.

Über etwaige Probleme und unangenehme Punkte wird hinweggegangen. Das gilt vor allem für Mercurys Sexualpartner und seine HIV-Infektion, von der er erst nach dem Live-Aid-Konzert erfuhr. Beides wird im Film nur gestreift, während in jeder Minute die passende Zeile aus einem „Queen“-Song ertönt. Bei der Songauswahl wird konsequent nach dem Prinzip „Wenn der Song zur Szene passt, wird er genommen.“ vorgegangen. Schließlich werden in einem Konzert die Songs auch nicht nach ihrer Entstehung gespielt.

Viele Songs werden auch auf der Bühne gespielt und der zwanzigminütige, sorgfältig geprobte Live-Aid-Auftritt wird, als Höhepunkt des Films, fast vollständig nachgespielt. Der Auftritt war auch ein Best-of-Queen-Medley.

Als Konzertfilm mit einigen mehr oder weniger wahren biographischen Informationen über die Band und etlichen witzig pointierten Szenen, funktioniert „Bohemian Rhapsody“ daher ausgezeichnet.

Das ist alles allerdings durchgehend reichlich oberflächlich. Es ist eine Heldenverklärung, die auch damit erklärt werden kann, dass Mercurys frühere Mitmusiker Brian May und Roger Taylor, die noch heute als „Queen“ auftreten, als Berater stark in den Film involviert waren und die Macher einen Film machen wollten, der ihnen und den anderen in die Geschichte von „Queen“ involvierten Menschen gefällt. Immerhin hätten sie mit ihrem Veto den Film stoppen können..

Für eine auch nur ansatzweise kritische Sicht ist das tödlich. Damit fällt Singers Musikfilm deutlich, um nur die neueren Musiker-Biopics zu nennen, hinter Tate Taylors „Get on Up“ (über James Brown), F. Gary Grays „Straight Outta Compton“ (über N. W. A.), Robert Budreaus „Born to be Blue“ (über Chet Baker) und Bill Pohlads „Love & Mercy“ (über „Beach Boys“-Mastermind Brian Wilson) zurück.

Er hat auch kein Interesse an der Schlüssellochperspektive, die es zuletzt in Dokus wie Brett Morgens „Cobain: Montage Of Heck“ und Asif Kapadias „Amy“ (über Amy Winehouse) gab.

Bohemian Rhapsody“ ist auch als Bryan-Singer-Film enttäuschend. Nicht auf der formalen Ebene. Da rockt der Film. Sondern, obwohl Singer immer vor allem ein Mainstream-Regisseur für ein Mainstream-Publikum ist, auf der persönlichen Ebene. In seinen vorherigen Filmen, wie „Der Musterschüler“ und vor allem den „X-Men“-Filmen, ging es immer um Außenseiter, ihre Rolle in der Gesellschaft und wie die Gesellschaft sie sieht und die Auswirkungen und der Umgang mit der Nazi-Zeit.

Das waren immer auch und leicht erkennbar, persönliche Filme. Singer wurde als Kind adoptiert, wuchs in einer jüdischen Familie auf und ist bisexuell. Die Parallelen zwischen seinem und Freddy Mercurys Leben sind offensichtlich.

Mercury wurde am 5. September 1946 in Sansibar (heute Tansania) als Farrokh Bulsara geboren. Seine Eltern kamen aus Indien und zogen später mit ihm und seiner Schwester nach London. Mercury war ebenfalls bisexuell und erst einen Tag vor seinem Tod am 24. November 1991 machte er seine bereits 1987 diagnostizierte AIDS-Erkrankung publik. Das alles wird im Musikfilm erwähnt, aber nie weiter vertieft. Es sind Dinge, die man gerne verschwiegen hätte, aber nicht verschweigen konnte. Also begräbt man sie unter einem Berg von Band-Kameradie und Rockmusik.

So ist der Film „Bohemian Rhapsody“ wie der Song „Bohemian Rhapsody“: laut, oberflächlich und auf eine primitive Art mitreisend. Am Ende ist Singers Biopic 135 Minuten Fanservice mit einem Best-of-Soundtrack und verklärenden Zwischenszenen. .

Bohemian Rhapsody (Bohemian Rhapsody, USA 2018)

Regie: Bryan Singer, Dexter Fletcher (ungenannt)

Drehbuch: Anthony McCarten (nach einer Geschichte von Anthony McCarten und Peter Morgan)

mit Rami Malek, Lucy Boynton, Ben Hardy, Joseph Mazzello, Mike Myers, Gwilym Lee, Aidan Gillen, Allen Leech, Tom Hollander, Aaron McCusker

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bohemian Rhapsody“

Metacritic über „Bohemian Rhapsody“

Rotten Tomatoes über „Bohemian Rhapsody“

Wikipedia über „Bohemian Rhapsody“ (deutsch, englisch) und Queen (deutsch, englisch)

Hollywood vs. History stellt die böhmische Wahrheitsfrage

AllMusic über Queen

Meine Besprechung von Bryan Singers „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ (X-Men: Days of Future Past, USA 2014)

Meine Besprechung von Bryan Singers „X-Men: Apocalypse“ (X-Men: Apocalypse, USA 2016)

Und hier das „Live Aid“-Konzert

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Neu im Kino/Filmkritik: „Papillon“ will raus aus dem Knast

Juli 27, 2018

Beginnen wir mit den Fußstapfen, in die „Nordvest – Der Nordwesten“-Regisseur Michael Noer mit seiner Verfilmung von Henri Charrières autobiographischem Romanbestseller „Papillon“ hineintritt: die erste Verfilmung des Romans. Das damalige Drehbuch wird in den Credits, neben dem Roman, explizit als eine Quelle genannt.

In der 1973er Verfilmung spielen die Kinostars Steve McQueen und Dustin Hoffman die Hauptrollen. McQueen als Charrière, Hoffman als ihm helfender und freundschaftlich verbundener Fälscher Louis Dega. Das Drehbuch ist von Dalton Trumbo („Spartacus“) und Lorenzo Semple Jr. („Zeuge einer Verschwörung“). Regisseur ist Franklin J. Schaffner („Planet der Affen“). Allein schon diese Namen verraten, dass „Papillon“ ein Hollywood-A-Produkt ist. Inzwischen ist der Gefängnisfilm ein immer wieder gern gesehener und immer noch packender Klassiker. Schaffner erzählt eine ebenso einfache, wie universelle und zeitlos gültige Geschichte: ein unschuldig verurteilter Mann versucht aus einem Gefängnis auszubrechen. Der Mann ist der Pariser Tresorknacker Henri ‚Papillon‘ Charrière (1906 – 1973). Ihm wird 1931 der Mord an einem Zuhälter angehängt. Er wird zu lebenslanger Haft in der Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana verurteilt. Von dort ist eine Flucht unmöglich. Aber Papillon versucht es trotzdem. Immer wieder, während die Strafen immer härter werden.

In seinem Remake erzählt Michael Noer diese Geschichte mit Charlie Hunnam als Steve-McQueen-Ersatz und Rami Malek als Dustin-Hoffman-Ersatz noch einmal, ohne dass klar wird, warum. Denn in dem Buch „Papillon“ und in Schaffners Verfilmung geht es nur um ein Thema: den Drang nach Freiheit und welche Qualen jemand auf sich nimmt, um einem repressiven System zu entfliehen. Diese Geschichte spielt in einer traumhaften Landschaft. In dem Remake wird ein real existierendes, unmenschliches, nur an Bestrafung und Erniedrigung interessiertes mittelalterliches System schön ausgeleuchtet museal ausgestell, aber niemals wirklich erfahrbar gemacht; – wobei, zugegeben, die Erinnerung an Charrières Buch und Schaffners Verfilmung, die ich beide als Jugendlicher genossen hatte, diese Werke etwas verklären können. Außerdem lässt man sich als Jugendlicher leichter beeindrucken. In „Banco“, auf dem Noers Film aus mir vollkommen rätselhaften Gründen ebenfalls basieren soll, erzählt Charrière dann, was er nach seinem erfolgreichen Gefängnisausbruch erlebte. Diese Sammlung von Abenteuern ist erheblich schwächer als „Papillon“ und auch deutlich unbekannter.

Es sind große Fußstapfen, in die Noer hineintritt mit seiner nicht wirklich dringenden Neuverfilmung, die einfach noch einmal die bekannte Ausbruchsgeschichte erzählt. Trotzdem hätte er in seiner Neuverfilmung nur von dem unbändigen Drang nach Freiheit erzählen müssen. Viele Regiseure taten das bereits erfolgreich in unzähligen Knast- und Ausbruchsfilmen, wie „Das Loch“, „Gesprengte Ketten“, „Flucht von Alcatraz“, „Midnight Express“ und „Die Verurteilten“. Bei Noer plätschert die Geschichte die er, im Gegensatz zum 150-minütigem Original in unter zwei Stunden erzählt, vor sich hin. Gefühlt dauert der Film dann doppelt so lang.

Ein weiterer großer Unterschied zwischen den beiden Filmen ist der Anfang. Schaffners Film beginnt mit der Deportation der Verurteilten in die Kolonie. Noer erzählt noch die Vorgeschichte. Wir erfahren also einiges über Charrières Leben in Paris als vergnügungssüchtiger Verbrecher und von seiner Verurteilung. Das ist nicht sonderlich interessant und nicht wichtig für die Filmgeschichte. Es verwässert sogar die Anklage gegen das damalige inhumane französische Strafsystem.

Für Charlie Hunnam, der mit der TV-Serie „Sons of Anarchy“ bekannt wurde, ist „Papillon“ ein weiterer glückloser Versuch, seine TV-Karriere zu einer erfolgreichen Kinokarriere auszubauen. Seine bisherigen Kinofilme, wie „King Arthur“, „Die versunkene Stadt Z“, „Crimson Peak“ und „Pacific Firm“, überzeugten alle an der Kinokasse nicht sonderlich. In keinem der Filme hinterließ er einen nachhaltigen Eindruck.

P. S.: Gesehen wurde die knapp zweistündige deutsche Fassung. Die Originalfassung ist eine viertel Stunde länger und könnte bei uns später auf DVD veröffentlicht werden.

Papillon (Papillon, USA 2017)

Regie: Michael Noer

Drehbuch: Aaron Guzikowski

LV: Henri Charrière: Papillon, 1969 (Papillon), Banco, 1973 (Banco)

mit Charlie Hunnam, Rami Malek, Roland Møller, Joel Basman, Yorick Van Wageningen, Tommy Flanagan, Eve Hewson

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Papillon“

Metacritic über „Papillon“

Rotten Tomatoes über „Papillon“

Wikipedia über „Papillon“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Protzkarren mit „Need for Speed“

März 21, 2014

 

Need for Speed“ basiert auf einem Videospiel und wie bei vielen Spieleverfilmungen fragte ich mich, ob Spieleverfilmungen wirklich so komplett logikentkernt sein müssen. Allerdings erreicht „Need for Speed“ hier ganz neue Qualitäten, die dazu führen, dass ich mich die ganze Zeit fragte, warum ich auch nur den Funken eines Gefühls in diese Pappkameraden investieren sollte, die sich durchgängig vollkommen idiotisch verhalten.

Also, es geht um Tobey Marshall, einen begnadeten, herzensguten Automechaniker, der in illegalen Straßenrennen Geld verdient, und der mit dem stinkreichen und daher arroganten Ex-NASCAR-Rennfahrer Dino Brewster verfeindet ist. Um seinen Schuldenberg abzubezahlen, motzt er für Dino einen Mustang Shelby auf. Das drei Millionen Dollar teure Auto wird nach England verkauft und bei einem kleinen Rennen, tagsüber auf der gut befahreren Autobahn, zwischen Dino, Tobey und Tobeys Kumpel Little Pete bringt Dino Little Pete um und haut ab. Tobey wandert in den Knast – und wir fragen uns, ob es im Staat New York keine Forensiker mehr gibt, die einen Blick auf fehlende Bremsspuren, demolierte Autos und Videoaufnahmen werfen und Zeugen befragen. Auch alle Anwälte waren nach dem Unfall anscheinend anderweitig beschäftigt.

Jedenfalls wandert Tobey als Mörder von Little Pete in den Knast. Zwei Jahre später wird er entlassen, will sich rächen, kriegt als Leihwagen den superteuren Mustang Shelby (aus Great Britain mit blonder Aufpasserin eingeflogen) und macht sich, natürlich im Auto, auf den Weg zum nächsten illegalen Autorennen, das irgendwo in der Nähe von San Francisco stattfindet. Denn die optimale Vorbereitung für ein Rennen ist nun einmal eine 48-stündige Überlandfahrt von New York nach Kalifornien.

Need for Speed“ klont weitgehend humorfrei „Auf dem Highway ist die Hölle los“ ohne das Autorennen von Küste zu Küste und ohne die Stars, mit der „Fast & Furious“-Serie; wobei nach „Need for Speed“ sogar der grottige „The Fast and the Furious: Tokyo Drift“ wie ein filmisches Meisterwerk wirkt. Immerhin sind Tobeys brave Kumpels ähnlich multiethnisch wie Doms wesentlich unterhaltsamere Gangsterposse.

Bis auf die erfrischende Mißachtung von Geld, wenn immer wieder innerhalb von Sekunden Autos, die mehrere Millionen wert sind, geschrottet oder auch mal mit einem Hubschrauber abtransportiert werden und den handgemachten Actionszenen, inclusive einiger spektakulärer Bilder von Stunts und Crashs, gibt es nichts, was die Klischeeparade „Need for Speed“ auch nur irgendwie sehenswert macht.

Ach ja, im Gegensatz zu „Alarm für Cobra 11“ wird hier sogar im 3D-Modus geschrottet.

Need for Speed - Plakat

Need for Speed (Need for Speed, USA 2013)

Regie: Scott Waugh

Drehbuch: George Gatins (nach einer Idee von George Gatins und John Gatins)

mit Aaron Paul, Dominic Cooper, Imogen Pots, Ramon Rodriguez, Michael Keaton, Rami Malek, Scott Mescudi, Dakota Johnson, Harrison Gilbertson

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homeapge zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Need for Speed“

Moviepilot über „Need for Speed“

Metacritic über „Need for Speed“

Rotten Tomatoes über „Need for Speed“

Wikipedia über „Need for Speed“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Scott Waughs „Act of Valor“ (Act of Valor, USA 2012)


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