Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“

November 21, 2019

Keine Ahnung, wie es der Werbeabteilung gelang, den Verleih von dem Titel „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ zu überzeugen. Denn der Originaltitel ist, wie der Buchtitel „Doctor Sleep“ und unter diesem Titel erschien auch die deutsche Ausgabe von Stephen Kings Roman. An der Kinokasse wird wahrscheinlich immer nach „Doctor Sleep“ gefragt werden und so werde ich den Horrorfilm fortan nennen.

Doctor Sleep“ ist die jetzt von Mike Flanagan verfilmte, 2013 erschienene Fortsetzung von „Shining“ und es hilft, sich vor dem Kinobesuch noch einmal Stephen Kings Roman und Stanley Kubricks Verfilmung ins Gedächtnis zu rufen. Der Roman bezieht sich, weil King Kubricks Verfilmung nicht gefällt, nur auf den Roman. Flanagans Verfilmung auf den Roman und auf Kubricks Film. Denn er bewundert den Roman und die Verfilmung und er will in seinem Film beide Visionen miteinander vereinigen und in seinen Film einfließen lassen.

In „Shining“ nimmt Jack Torrance über den Winter eine Stelle als Hausmeister des abgelegen in den Bergen liegenden Overlook Hotels an. In diesen Monaten sind nur er, seine Frau Wendy und sein fünfjähriger Sohn Danny im Hotel. Jack will in dieser Zeit ein Theaterstück schreiben. Kurz darauf verliert Jack, ein Alkoholiker, den Verstand in dem von Geistern bevölkerten Hotel. Er will seine Familie töten. Wendy und Danny gelingt die Flucht. Jack verbrennt im Hotel.

1980 verfilmte Stanley Kubrick Stephen Kings Roman. Der Film mit Jack Nicholson als schon von der ersten Minute an verrücktem Jack Torrance war ein Hit und gilt als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten. Stephen King war mit den von Kubrick vorgenommenen Änderungen und der Verfilmung allerdings immer unzufrieden. Vor allem gefiel ihm nicht, dass der Film-Jack-Torrance von Anfang an verrückt ist und er daher keine emotionale Entwicklung hat.

2013 veröffentlichte King „Doctor Sleep“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Dan ‚Danny‘ Torrance weiter und in all den Flashbacks und Erinnerungen, die Dan an seine Eltern und das Overlook Hotel hat, bezieht er sich auf die Ereignisse aus dem Roman. Flanagan auf die Ereignisse aus dem Roman und dem Film.

King und Flanagan erzählen in „Doctor Sleep“ zuerst in epischer Breite, was Dan Torrance (Ewan McGregor) in den Jahren nach den Ereignissen im Overlook Hotel zustieß, wie er Alkoholiker wurde und in der New-Hampshire-Kleinstadt Frazier eine Heimat fand. Dort arbeitet er in einem Hospiz und hilft den Menschen beim Sterben. Deshalb wird er auch ‚Doctor Sleep‘ genannt.

Zur gleichen Zeit fährt der „Wahre Knoten“ durch die USA. Sie sind, angeführt von Rose the Hat (Rebecca Ferguson, charismatisch), eine vampirähnliche Gruppe, die durch das Steam, was der letzte Atemzug von Menschen mit dem Shining ist, ewig leben können. Der Steam ist bei jungen Menschen besonders stark. Als sie den ‚Baseball-Jungen‘ töten, werden sie von der mehrere hundert Meilen entfernt lebenden Abra Stone (Kyliegh Curran) beobachtet. Abra verfügt über ein besonders starkes Shining und sie will nicht, dass der Wahre Knoten weitere Kinder tötet, foltert (das verstärkt den Steam) und ihren Steam einatmet. Sie trifft sich mit Dan. Mit ihm unterhielt sie sich bislang nur mental. Aber er ist der einzige Mensch, den sie kennt, der ihre Fähigkeiten versteht und der ihr helfen kann, damit umzugehen.

Gemeinsam beschließen sie und ein, zwei Freunde, gegen Rose the Hat und ihre Bande vorzugehen.

An diesem Punkt ist man ungefähr in der Mitte des siebenhundertseitigen Romans, der über viele Seiten Dan Torrances Lebensgeschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht, wie er zum Alkoholiker und Ex-Alkoholiker wird und über viele Jahre das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker absolviert. „Doctor Sleep“ ist vor allem die Geschichte eines Kampfes gegen die Sucht (was vor allem ein Kampf gegen verschiedene innere Dämonen ist) und vom Finden des Sinn des Lebens. Die Horrorgeschichte verdeckt das kaum. Für eine Verfilmung ist diese epische Struktur denkbar ungeeignet. Zu viele Episoden sind schon auf den ersten Blick für die Hauptgeschichte (den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat) vollkommen unwichtig. Die wenigen Informationen, die wirklich wichtig sind, um den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat und den Wahren Knoten zu verstehen, könnten auch mühelos in die Hauptgeschichte eingefügt werden.

Der Roman ist ein langes, sich langsam entwickelndes sinfonisches Werk, in dem bestimmte Motive immer wieder auftauchen und wichtiger werden. Dank Stephen Kings Schreibstil liest man das gerne, aber auch etwas desinteressiert auf der Suche nach dem schon im Klappentext angekündigtem Plot.

In seiner Verfilmung behielt Flanagan die Struktur des Romans bei. Auch wenn er einige Figuren strich und einige Ereignisse in der Chronologie etwas verschob. Einige Figuren und Orte, die im Roman wichtig sind, werden auch im Film groß eingeführt und dann nicht weiter beachtet. Das gilt für eine Drogensüchtige und ihr Kleinkind und, in Frazier, Dr. John Dalton (Bruce Greenwood) und Orte, wie die Teenytown Railway in Frazier. Einige Personen und mit ihnen verbundene Handlungsstränge, wie Abras Urgroßmutter, fehlen.

Das ändert aber nichts daran, dass die ersten 75 Minuten des 150-minütigen Films reichlich spannungsfrei vor sich hin plätschern. Wer den Roman nicht kennt, wird diese Hälfte vor allem als eine Abfolge aus weitgehend zusammenhanglos aufeinander folgenden Szenen wahrnehmen und sich fragen, wann endlich die Geschichte beginnt.

In der zweiten Hälfte wird es dann spannender und beim Finale setzt Flanagan dann eigene Akzente. Im Roman ist die finale Konfrontation in der Overlook Lodge. Im Film treffen sie im immer noch stehenden Overlook Hotel aufeinander. Das seit Jahrzehnten verlassene Hotel sieht noch genauso aus wie in Kubricks Film. Flanagan verbindet hier Kings Roman mit Kubricks Film zu einem eigenständigem Ende, das deutlich Kubricks Film zitiert. Dan stellt sich seinen Dämonen, tritt in die Fußstapfen seines Vaters (ohne nach der nächsten Schnapsflasche zu greifen) und versucht mit seinem Shining und den Dämonen, die er in den vergangenen Jahrzehnten in seinem Gehirn in Kassetten einschloss, und den im Hotel lebenden Geistern Rose the Hat zu besiegen.

Dieses Finale ist dann vielleicht nicht hundertprozentig gelungen und das Ende ist, nun, diskussionswürdig. Mir gefällt das aus meiner Sicht positivere Romanende besser. Aber immerhin hört Flanagan in diesen Minuten endlich auf, den Roman zu bebildern.

Von genau dieser Eigenständigkeit hätte ich mir während des gesamten Films mehr gewünscht. So ist der Film eine gekürzte Version des Romans, bei der immer unklar ist, worum es ihm eigentlich geht. Er findet nie die richtige Balance zwischen Alkoholikerdrama, Horrorgeschichte und Coming-of-Age-Geschichte.

Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen (Doctor Sleep, USA 2019)

Regie: Mike Flanagan

Drehbuch: Mike Flanagan

LV: Stephen King: Doctor Sleep, 2013 (Doctor Sleep)

mit Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Emily Alyn Lind, Selena Anduze, Robert Longstreet, Carl Lumbly, Bruce Greenwood, Jacob Tremblay, Henry Thomas

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage, jetzt mit dem Filmcover

Stephen King: Doctor Sleep

(übersetzt Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2019 (Filmausgabe)

720 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2013

Originalausgabe

Doctor Sleep

Scribner, New York, 2013

Die Vorgeschichte, wieder erhältlich mit neuem Cover

Stephen King: Shining

(übersetzt von Harro Christensen)

Bastei-Lübbe, 2019

624 Seiten

11 Euro

Deutsche Erstausgabe 1980, seitdem unzählige Neuauflagen.

Originalausgabe

The Shining

Doubleday & Co, 1977

Stephen Kings neuer Roman, geeignet für lange Herbst- und Winterabende am Kaminfeuer

Seit einigen Tagen käuflich erhältlich: In „Das Institut“ werden paranormal begabte Kinder in einem hermetisch abgeschirmten Institut in Maine (Wo sonst?) gefangen gehalten. Als der zwölfjährige Luke Ellis dorthin entführt wird, beginnt er seine Flucht zu planen. Das einzige Problem ist, dass das bislang noch niemandem gelungen ist.

Die ersten Kritiken über diesen Thriller sind weitgehend positiv, auch wenn Kirkus Reviews meint, „Das Institut“ sei nicht so furchteinflößend wie „Shining“ oder „Es“. Der Boston Globe schreibt, „Das Institut“ lese teilweise wie eine Neu-Interpretation von „Feuerkind“ für die Gegenwart.

Im Moment ist eine Verfilmung als TV-Miniserie geplant. Aber weil von ungefähr jedem King-Werk eine Verfilmung geplant ist, sagt das wenig.

Stephen King: Das Institut

(deutsch von Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2019

768 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

The Institut

Scribner, New York, 2019

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Doctor Sleep“

Metacritic über „Doctor Sleep“

Rotten Tomatoes über „Doctor Sleep“

Wikipedia über „Doctor Sleep“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis Stephen-King-Verfilmung „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Meine Besprechung von Andy Muschietti Stephen-King-Verfilmung „Es Kapitel 2″ (It Chapter 2, USA 2019)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Ouija: Ursprung des Bösen“ (Ouija: Origin of Evil, USA 2016)

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Before I wake“ (Before I wake, USA 2015)


TV-Tipp für den 2. Juni: Girl on the Train

Juni 1, 2019

Pro7, 20.15

Girl on the Train (Girl on the Train, USA 2016)

Regie: Tate Taylor

Drehbuch: Erin Cressida Wilson

LV: Paula Hawkins: Girl on the Train, 2015 (Girl on the Train)

Auf ihren täglichen Zugfahrten beobachtet Rachel ein junges Liebespaar. Eines Tages ist die Frau verschwunden. Rachel befürchtet das Schlimmste und sie will herausfinden, was geschah.

TV-Premiere der auf einem Bestseller basierenden Thrillerschmonzette von Tate Taylor. Sein neuester Film „Ma“ läuft seit Donnerstag im Kino.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett, Justin Theroux, Luke Evans, Allison Janney, Edgar Ramírez, Lisa Kudrow, Laura Prepon, Darren Goldstein

Wiederholung: Montag, 3. Juni, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage mit Filmcover

Girl on the TrainDu kennst sie nicht aber sie kennt dich von Paula Hawkins

Paula Hawkins: Girl on the Train

(übersetzt von Christoph Göhler)

Blanvalet, 2016

448 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Blanvalet, 2015

Originalausgabe

Girl on the Train

Doubleday, 2015

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Girl on the Train“

Metacritic über „Girl on the Train“

Rotten Tomatoes über „Girl on the Train“

Wikipedia über „Girl on the Train“ (deutsch, englisch)

Homepage von Paula Hawkins

Perlentaucher über „Girl on the Train“

Meine Besprechung von Tate Taylors „The Help“ (The Help, USA 2010)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Get on Up“ (Get on Up, USA 2014)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Girl on the Train“ (Girl on the Train, USA 2016)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Ma“ (Ma, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Mission: Impossible – Fallout“ überzeugt

August 2, 2018

Einerseits: Wow!

Andererseits: Angesichts des überschwänglichen Kritikerlobs in Richtung „bester Actionfilm des Jahres“ und des 97-prozentigen Frischegrades bei „Rotten Tomatoes“ muss ich jetzt die Erwartungen dämpfen. „Mission: Impossible – Fallout“ ist kein das Genre verändernder Film und auch kein künftiger Klassiker. Aber es ist eine zweieinhalbstündige Actionsause, in der sich, fast ohne Verschnaufpausen, eine spektakuläre Actionszene an die nächste spektakuläre Actionszene anschließt. Diese Actionszenen sind in der alten James-Bond-Tradition zwar unglaublich und unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Das unterscheidet sie von den Actionszenen in den unzähligen Superheldenfilmen, die nur mit viel Computerhilfe entstehen können und die deshalb letztendlich auch nicht so beeindruckend wie handgemachte Actionszenen sind. Die beiden „John Wick“-Filme und „Atomic Blonde“ zeigten in den letzten Jahren den Hunger der Actionfans nach solchen Old-School-Actionszenen.

Ein zweiter sehr wichtiger Unterschied zur Action in Superheldenfilmen ist, dass Tom Cruise die Stunts selbst macht. Soweit wie möglich. Er kann sich da, wie ein Kind im Wunderland, austoben. Er darf all die Dinge machen, die ein normaler Mensch nicht machen darf, wie durch Paris zu rasen, über Dächer laufen, an Hubschraubern hängen, Hubschrauber durch Berge fliegen und aus Flugzeugen zu springen. Für diese HALO-Sprung aus über 8000 Meter Höhe wurde ein besonderer Helm entworfen, damit man sieht, dass er und nicht irgendein Stuntman durch die Luft fliegt. Manchmal geht auch etwas schief, wie bei dem Sprung in London, bei dem Cruise sich den Knöchel brach. Die ungeschnittene Szene ist inzwischen online. Geplant war, dass er läuft, zum gegenüberliegenden Haus springt, gegen die Hauswand prallt (Autsch!), sich hochzieht und weiterläuft.

Regisseur Christopher McQuarrie sagt zu den Stunts: „Tom ist immer bereit, bei allem mitzumachen, was wir uns einfallen lassen. Man muss nur immer zusätzlich noch einen Weg finden, die Kameras so zu platzieren, dass man sieht, dass es tatsächlich der Star des Films ist, der diese Stunts absolviert.“

Und die Action ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Teil der Handlung. Sie treibt die Geschichte voran, die in ihren großen Linien nicht so wahnsinnig aufregend ist. Hunt muss gestohlenes Plutonium finden, bevor es in die Hände von einer Terrorgruppe fällt. Die brauchen es für drei Atombomben, die einen großen Teil der Menschheit vernichten sollen. Das ist ein typischer „Mission: Impossible“/“James Bond“-Plot, bei dem meistens auch schnell die Bösewichter und ihre Helfer bekannt sind. In diesem Fall steckt der aus dem vorherigen „Mission: Impossible“-Film „Rogue Nation“ bekannte Solomon Lane (Sean Harris) dahinter.

Aber in den Details wird dieser Plot sehr interessant ausgemalt. Gleichzeitig gibt es einige Verbindungen zu den früheren „Mission: Impossible“-Filmen, die das Herz des fanatischen Fans erfreuen, ohne dass das Verständnis des aktuellen Films darunter leidet. So ist die Waffenhändlerin Alana, genannt „Die weiße Witwe“ (Vanessa Kirby), die Tochter der Waffenhändlerin Max (Vanessa Redgrave) aus dem ersten „Mission: Impossible“-Film. Hunts Frau Julia (Michelle Monaghan) ist wieder dabei. Ihr Auftritt ist zwar kurz, aber wichtig für diese Geschichte. Ebenso sind Luther Stickell (Ving Rhames, von Anfang an dabei), Benji Dunn (Simon Pegg), ihr Chef Alan Hunley (Alec Baldwin) und die MI6-Agentin Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) wieder dabei. Ihre Rolle in dem Spiel ist allerdings zunächst unklar.

Es gibt auf der Seite der Guten auch zwei wichtige Neuzugänge: Erika Sloane (Angela Bassett, hoffnungslos unterfordert) ist die neue CIA-Chefin, die ein natürliches Misstrauen gegen Hunts unkontrollierbare Einheit hat. August Walker (Henry Cavill) ist der von ihr beauftragte schlagkräftige CIA-Aufpasser für Hunt und seine globetrottende Rasselbande.

Hunt lehnt die brachialen und oft letalen Methoden des CIA-Killers ab und würde den aktuellen Auftrag auch lieber ohne den Aufpasser absolvieren. Walker ist dabei von der ersten Minute an so over the top inszeniert und, wenn er Hunts Arbeit bewusst oder unbewusst sabotiert, so intrigant, dass unklar ist, ob er wirklich in Hunts Team spielt. In jedem Fall steht Hunt immer wieder wie ein von der Situation hoffnungslos überforderter Trottel da. Die Dynamik zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren, die notgedrungen zusammenarbeiten müssen (wobei Walker auch ordentlich gegen Hunt arbeitet) verleiht den Actionszenen eine zusätzliche Dynamik, weil sie mit Problemen anders umgehen. Und dann kommt noch Faust und Lane dazu, die ebenfalls einen anderen Umgang mit Problemen haben.

McQuarrie, der, im Gegensatz zur „Mission: Impossible“-Tradition, einen zweiten „Mission: Impossible“-Film inszenieren durfte, setzt eine andere Tradition fort, die vorher durch die Regisseure Brian De Palma, John Woo, J. J. Abrams und Brad Bird garantiert wurde. Nämlich dass sich jeder „Mission: Impossible“-Film stilistisch von dem anderen unterscheidet.

Während McQuarries erster „Mission: Impossible“-Film „Rouge Nation“ sich stilistisch bei den Bond-Filmen und den britischen Agentenfilmen bediente, geht es jetzt hemmungslos in Richtung Breitwand-Actionepos. Mit 150 Minuten ist es der längste „Mission: Impossible“-Film. Es ist auch der erste in 3D. Leider. Denn die 3D-Effekte sehen gruselig aus, nerven oft und stören die Komposition der Actionszenen so sehr, dass ich unbedingt die 2D-Fassung empfehle. Oder die IMAX-Fassung.

Wie gesagt: „Mission: Impossible – Fallout“ ist eine feine und, trotz der Laufzeit, enorm kurzweilige und effiziente Actionsause, die bei den aktuellen Temperaturen in einem gut gekühlten Kinosaal einen zusätzlichen Reiz entfaltet.

Der sich schon jetzt abzeichnende Kassenerfolg und die Möglichkeiten, die das Ende von „Fallout“ für weitere „Mission: Impossible“-Filme eröffnet, sprechen für einen weiteren „Mission: Impossible“-Film. In den USA hat der sechste Film der Serie mit über sechzig Millionen Dollar das beste Einspielergebnis der „Mission: Impossible“-Filme am Startwochenende. Und das bisherige weltweite Einspielergebnis übertrifft schon jetzt sein Budget von gut 180 Millionen Dollar..

Mission: Impossible – Fallout (Mission: Impossible – Fallout, USA 2018)

Regie: Christopher McQuarrie

Drehbuch: Christopher McQuarrie (basierend auf der TV-Serie von Bruce Geller)

mit Tom Cruise, Henry Cavill, Ving Rhames, Simon Pegg, Rebecca Ferguson, Sean Harris, Angela Bassett, Vanessa Kirby, Wes Bentley, Frederick Schmidt, Michelle Monaghan, Alec Baldwin

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Mission: Impossible – Fallout“

Metacritic über „Mission: Impossible – Fallout“

Rotten Tomatoes über „Mission: Impossible – Fallout“

Wikipedia über „Mission: Impossible – Fallout“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Phantom Protocoll, USA 2011)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Mission: Impossible – Rouge Nation“ (Mission Impossible: Rouge Nation, USA 2015)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Jo-Nesbø-Verfilmung „Schneemann“

Oktober 19, 2017

Als Vorbild taugt Harry Hole nicht. Der Osloer Mordermittler ist ein Trinker, der nur nüchtern wird, wenn er einen neuen Mordfall hat. Je gruseliger, vertrackter und mysteriöser, umso besser. Deshalb ist er auch von seinem neuen, sich langsam, aus einigen eher zufälligen Ereignissen entwickelnden Fall begeistert: junge Mütter verschwinden spurlos, ein Schneemann (ja, ein richtiger, echter Schneemann, weil in Oslo im Winter meterhoher Schnee liegt) steht vor der Tür der Verschwundenen und Harry Hole erhält per Post eine seltsame Nachricht von dem Mörder, nach der er Hole alle Informationen gegeben habe, um die Morde zu verhindern.

Holes Ermittlungen, mit einer jungen, überengagierten Kollegin, führen ihn in die Vergangenheit. Anscheinend hat der Killer in Bergen schon einmal mehrere Frauen ermordet. Der damalige Ermittler, ebenfalls ein Alkoholiker, soll Suizid begangen haben.

Und, – was wäre ein skandinavischer Krimi ohne die Politik? -, Norwegen bewirbt sich gerade als Ausrichter für die olympischen Winterspiele. Die Bewerbung wird von einem Unternehmer vorangetrieben, der während der früheren Morde in Bergen lebte.

Krimifans, vor allem Fans von skandinavischen Krimis, kennen den von Jo Nesbø erfundenen Harry Hole bereits seit zwanzig Jahren. Damals erschien in Norwegen sein erster Harry-Hole-Roman „Der Fledermausmann“. 1999 erschien bei Ullstein die deutsche Ausgabe. Ullstein ist immer noch sein deutscher Verlag.

Damit gehört Nesbø zu den ersten Autoren der immer noch anhaltenden Welle skandinavischer Krimis, von denen auch etliche verfilmt wurden. Manchmal fürs Kino, öfter fürs Fernsehen und, im Fall von Kommissar Wallander, mit vielen verschiedenen Darstellern.

Nur die Fans von Harry Hole mussten sich gedulden.

Mit „Schneeman“ kommt jetzt die erste Harry-Hole-Verfilmung in unsere Kinos und der Blick auf die Credits weckt hohe Erwartungen. Martin Scorsese ist einer der Produzenten. Er war auch einmal als Regisseur im Gespräch. Das Drehbuch ist von Peter Straughan („Eine offene Rechnung“, „Dame König, As, Spion“), Hossein Amini („Drive“, „Verräter wie wir“, „Die zwei Gesichter des Januar“ [auch Regie]) und Søren Sveistrup („Kommissarin Lund“). Tomas Alfredson („So finster die Nacht“, „Dame, König, As, Spion“) übernahm die Regie und Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny und Sofia Helin haben mehr oder weniger große Rollen übernommen. Marco Beltrami schrieb die Musik. Thelma Schoonmaker (alle Scorsese-Filme seit „Wie ein wilder Stier“) und Claire Simpson (Oscar für „Platoon“) waren für den Schnitt zuständig.

Das geht schon auf den ersten Blick eindeutig in Richtung Hollywood-Prestigeprodukt. Wie David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“.

Alfredsons „Schneemann“ ist trotz seines Potentials aber nie die intendierte große Hollywood-Verfilmung, sondern der typische düstere, humorlose skandinavische TV-Krimi, der sich nur durch die Besetzung von einem TV-Krimi unterscheidet. Er hat auch mit all den Problemen zu kämpfen, die wir aus den skandinavischen Krimis kennen. Es geht um einen Serienmörder. Das Motiv für seine Taten liegt in seiner Kindheit. Die Morde sind bestialisch. Die Ermittler haben mehr persönliche Probleme, als gestandene Hypochonder. Ihr Privatleben nimmt einen großen Teil der Geschichte ein. Meistens ohne den Fall irgendwie voranzubringen Sie sind persönlich in den Fall verwickelt. Es gibt etwas Kapitalismuskritik. In „Schneemann“ ist sie milder als man es von skandinavischen Krimis gewohnt ist. Und der Plot ist so labyrinthisch, dass man besser nicht darüber nachdenkt, ob das alles irgendwie logisch zusammenpasst. Manchmal ist die Identität des Mörders bekannt. Öfter nicht. Dann wird der Serienmörderfall als Whodunit erzählt. Gerne mit Rückblenden zu einem älteren Fall, weil die Morde in der Gegenwart weit in die Vergangenheit zurückreichen. Es gibt einige Verdächtige. In „Schneemann“ sind das vor allem ein vermögender Unternehmer, der eine Kampagne für olympische Spiele in Norwegen organisiert und ein Arzt mit unseriösen Nebeneinkünften.

Deshalb könnte ich auch eine alte Besprechung einer Henning-Mankell/Stieg-Larsson/Arne-Dahl/Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung (um nur Einige zu nennen) hervorholen, die Namen anpassen und sie als „Schneemann“-Kritik veröffentlichen. Alfredsons Film wirkt immer wie eine x-beliebige Episode aus einer x-beliebigen Krimiserie.

Angesichts des in diesem Fall versammelten Talents ist dieser durch und durch durschnittliche, niemals beeindruckende Kriminalfilm eine herbe Enttäuschung.

Schneemann (The Snowman, USA 2017)

Regie: Tomas Alfredson

Drehbuch: Peter Straughan, Hossein Amini, Søren Sveistrup

LV: Jo Nesbø: Snømannen, 2007 (Schneemann)

mit Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, Jonas Karlsson, Michael Yates, Ronan Vibert, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, Genevieve O’Reilly, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny, Leonard Heinemann, Sofia Helin

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Schneemann“

Metacritic über „Schneemann“

Rotten Tomatoes über „Schneemann“

Wikipedia über „Schneemann“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tomas Alfredsons John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Bonushinweis

Vor wenigen Tagen erschien bei Ullstein Jo Nesbøs neuer Harry-Hole-Roman „Durst“. In seinem elften Fall sucht Harry Hole, der inzwischen an der Polizeihochschule unterrichtet, einen Serienkiller, der seine Opfer über die Dating-App Tinder findet. Unter den Opfern ist eine Kellnerin aus seinem Stammlokal – und der Mörder ist für ihn kein Unbekannter.

Jo Nesbø: Durst

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Ullstein, 2017

624 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Tørst

Aschehoug, Oslo, 2017

Hinweise

Deutsche Homepage von Jo Nesbø

Englische Homepage von Jo Nesbø

Meine Besprechung von Morten Tyldums Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“ (Hodejegerne, Norwegen/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Magnus Martens‘ „Jackpot – Vier Nieten landen einen Treffer“ (Arme Riddere, Norwegen 2011) (nach einer Geschichte von Jo Nesbø)


TV-Tipp für den 18. Juni: Mission: Impossible – Rogue Nation

Juni 18, 2017

Pro7, 20.15

Mission: Impossible – Rouge Nation (Mission Impossible: Rouge Nation, USA 2015)

Regie: Christopher McQuarrie

Drehbuch: Christopher McQuarrie (nach einer Geschichte von Christopher McQuarrie und Drew Pearce) (basierend auf der von Bruce Geller erfundenen TV-Serie)

IMF-Agent Ethan Hunt kämpft gegen die Verbrecherorganisation Das Syndikat und gegen seine Vorgesetzten, die die IMF auflösen wollen, weil deren vorherige Aktionen spektakulär aus dem Ruder liefen. Oder will Das Syndikat die IMF auflösen, weil sie ihnen gefährlich wird?

Feiner Actionfilm, dieses Mal mit einer ordentlichen Portion James Bond, gelungenen Anspielungen, viel Humor und atemberaubender Action.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung über den fünften Einsatz von Tom Cruise als Ethan Hunt.

mit Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Rebecca Ferguson, Ving Rhames, Sean Harris, Alec Baldwin

Wiederholung: Montag, 19. Juni, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
„Mission: Impossible – Rouge Nation“-YouTube-Kanal
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Moviepilot über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Metacritic über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Rotten Tomatoes über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Wikipedia über „Mission: Impossible – Rouge Nation“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Phantom Protocoll, USA 2011)
Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Mission: Impossible – Rouge Nation“ (Mission Impossible: Rouge Nation, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Das Alien ist „Life“

März 23, 2017

In naher Zukunft: die ISS-Raumstation im Erdorbit: ein sechsköpfiges internationales Forscherteam sucht nach außerirdischem Leben und findet es in einem Einzeller vom Mars. Er wächst. Er stirbt und wird mit Stromstößen wieder zum Leben erweckt. Als er sich dagegen wehrt, soll er flambiert werden, was dem Ding aus einer anderen Welt nicht gefällt.

Ab diesem Moment kämpft die Mannschaft des Raumschiffs um ihr Überleben und es hilft, wenn man sich nicht zu genau an Ridley Scotts SF-Horrorfilmklassiker „Alien“ erinnert. Denn Daniel Espinosa liefert letztendlich nur eine Variation des Films ab, die deshalb selten wirklich überrascht, aber dank der Schauspieler, dem Drehbuch, den Spezialeffekte und der ruhig schwebende Kamera gefällt, die in langen Einstellungen die schwerelos durch die Raumstation schwebenden Wissenschaftler begleitet.

Nachdem Espinosa in früheren Filmen, wie „Safe House“, die Wackelkamera und Sekundenschnitte zum nervigen Stilprinzip erhoben hatte, kehrt er in „Life“ endgültig zur traditionellen Inszenierung zurück. Es ist auch eine Inszenierung, die die Schauspieler, die Tricks und die Geschichte in den Mittelpunkt stellt.

Beginnen wir mit den Schauspielern: Ryan Reynolds, Jake Gyllenhaal und Rebecca Ferguson sind die bekannten Namen, die genau deshalb eine größere Chance haben, das Filmende zu erleben. Olga Dihovichnaya, Ariyon Bakare und Hiroyuki Sanada ergänzen die Raumschiffbesatzung, die aus der ganzen Welt stammt. Und nachdem das Alien, von den Wissenschaftlern Calvin genannt, das erste Besatzungsmitglied tötete, ist klar, dass nur ein Narr auf das Überleben einer bestimmten Person wetten würde. Aber jeder bekommt seine große Sterbeszene, in der er tapfer gegen Calvin kämpft. „Life“ ist halt ein Shocker, in dem die Besatzungsmitglieder nur zum Sterben auf der Station sind. Deshalb erfahren wir auch, abgesehen von einem Mitglied, nichts über sie, was über ihre Aufgabe an Bord hinausgeht.

Die Tricks konzentrieren sich auf das Alien und, im Gegensatz zu älteren SF-Filmen, in denen die Astronauten sich normal durch ihr Schiff bewegen, auf die Darstellung der Schwerelosigkeit. Von der ersten bis zur letzten Minute schweben die ISS-Besatzungsmitglieder schwerelos durch das Schiff, wenn sie nicht gerade in einer auf der Erde unmöglichen Position an den Computern arbeiten oder miteinander reden. Anfangs, wenn die Besatzungsmitglieder während einer Besprechung an der Wand und Decke der Station schweben, irritiert das noch etwas. Später nimmt man kaum noch wahr, dass in „Life“ durchgängig auf die traditionelle Zuweisung von ‚oben‘ und ‚unten‘ verzichtet wird.

Das Monster ist ein fast durchsichtiges, glibberiges Quallenwesen, das seine Opfer mit seinen Tentakeln umarmt, umhüllt, erstickt, penetriert und gerade wegen seiner Gestaltlosigkeit Urängste weckt. Es ist nicht die einen zerfetzende „Alien“-Kreatur, sondern mehr ein Nebel des Grauens, der überall und nirgends ist. Und der Reihe nach die Besatzung dezimiert, die sich entsprechend den Genrekonventionen verhalten.

Denn die hochintelligenten Wissenschaftler der ISS-Raumstation versuchen das Wesen genauso wie die Arbeiter auf der Nostromo in „Alien“ oder die Antarktisforscher in „Das Ding aus einer anderen Welt“ zu bekämpfen: mit nackter Gewalt und dem Ziel, das fremde, sie bedrohende, scheinbar unbesiegbare Wesen zu töten. Wobei in „Life“ die sechs Besatzungsmitglieder alle eine lakonischen Todesakzeptanz haben, in der jedes Mitglied in Gefahr und größter Not nicht an sich, sondern an die anderen denkt.

Diese Vorhersehbarkeit des Skripts ist dann auch das größte Problem von „Life“. Wir wissen zwar nicht, wer wann wie stirbt, aber wir wissen, dass die Besatzungsmitglieder der Reihe nach dezimiert werden. Inclusive einiger logischer Brüche (Wo ist das Alien? Wie kam es jetzt an diesen Ort?). Die „Deadpool“-Autoren Paul Wernick und Rhett Reese belassen es in ihrer Geschichte dann auch beim kunstvollen Ausfüllen der bekannten Formel, ohne ihr noch eine zusätzliche Dimension zu geben.

Life (Life, USA 2017)

Regie: Daniel Espinosa

Drehbuch: Paul Wernick, Rhett Reese

mit Jake Gyllenhaal, Ryan Reynolds, Rebecca Ferguson, Olga Dihovichnaya, Ariyon Bakare, Hiroyuki Sanada

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Life“

Metacritic über „Life“

Rotten Tomatoes über „Life“

Wikipedia über „Life“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Sebastian Bergman – Spuren des Todes 1“

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Safe House“ (Safe House, USA 2012)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Kind 44“ (Child 44, CZ/GB/RO/USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Meryl Streep ist „Florence Foster Jenkins“

November 26, 2016

Florence Foster Jenkins ist eine begeisterte Sängerin, die glaubt eine große Sängerin zu sein. Heute würde man sie vielleicht zu „Deutschland sucht den Superstar“ schicken und nach zwei Minuten, nachdem die Jury etwas über ihr mangelndes Gesangstalent ätzte, wäre der Traum der Sangeskarriere wie eine Seifenblase zerplatzt.

Vielleicht würde man ihr auch raten, eine Punk-Band zu gründen. Die müssen ja nicht unbedingt singen können.

Aber Florence Foster Jenkins lebte in der ersten Hälfte des letzten Jahrhundert an der Ostküste der USA und eine Karriere als Sängerin bedeutete, dass sie Opernarien singt und in der Carnegie Hall auftreten will. Weil sie reich ist und ihr Mann St. Clair Bayfield, ein englischer Schauspieler von Adel (aber ohne Geld), sie (oder ihr Geld) abgöttisch liebt, sorgt er dafür, dass sie in ihrer Scheinwelt leben kann. Vor allem im exquisiten, von ihr gegründeten Verdi Club, in dem sich die New Yorker High Society trifft und St. Clair Bayfield als Schauspieler und leicht öliger Ansager brillieren kann, während er seine Frau bei ihren Auftritten unterstützt und anpreist. Wenn sie in der Öffentlichkeit auftritt, besorgt er auch das richtige Publikum aus wahren „Musikliebhabern“, die dann brav applaudieren. Denn Florence kann überhaupt nicht singen – und Meryl Streep, die letztes Jahr in „Ricki – Wie Familie so ist“ als Rockröhre eine gute Figur machte (sie sang auch), trifft hier zielsicher bei den während des Drehs live aufgenommenen Musikstücken keinen einzigen Ton. Was ihren neuen Pianisten Cosmé McMoon (Simon Helberg), nachdem ihm von St. Clair wahre Elogen über ihr Talent erzählt wurden, erst einmal fassungslos zurücklässt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen Welten. Angesichts der fürstlichen Bezahlung beteiligt er sich an der Charade.

Dummerweise will Florence in der Carnegie Hall vor tausend Weltkrieg-II-Kriegsveteranen, die dafür Freikarten bekommen, singen. Das öffentliche Konzert soll ihr Beitrag zum zur Landesverteidigung sein.

St. Clair fragt sich, wie er die absehbare Katastrophe für seine geliebte und verletzliche Frau verhindern kann. Cosmé fragt sich, ob er als ernsthafter Pianist auf das Engagement verzichten soll oder ob er mit ihr auftreten soll. Denn wann wird er jemals wieder in der Carnegie Hall spielen können?

Florence Foster Jenkins gab es wirklich und ihr Konzert in der Carnegie Hall ist eine der gefragtesten Darbietungen aus dem Archiv des Konzertsaals. Ihre Aufnahmen für Melotone, die sie vor dem Konzert einspielte, waren der größte Verkaufshit der Firma; und dabei bekommen wir immer erzählt, dass erst mit Punk der Dilettantismus in die Musik einzog.

Florence Foster Jenkins wurde 1868 in Pennsylvania als Tochter eines vermögenden Anwalts und Bankiers geboren. Als Kind trat sie als Pianistin auf. Das von ihr gewünschte Gesangsstudium finanzierte ihr ihr Vater nicht. Als er 1909 starb vererbte er ihr ein beträchtliches Vermögen, das es ihr ermöglichte, ihre künstlerischen Ambitionen in jeder Beziehung zu frönen. 1909 lernte sie auch St. Clair Bayfield, den unehelichen Enkel eines englischen Grafen und erfolglosen Schauspieler, kennen. Sie blieben bis zu ihrem Tod am 26. November 1944 zusammen.

Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ ist der vorläufige (?) Höhepunkt einer kleine Wiederentdeckung der schlechtesten Opernsängerin der Welt. Letztes Jahr war sie die Inspiration für Xavier Giannolis Spielfilm „Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne“. Er verlegte die Geschichte in das Paris der 1920er Jahre. Vor zwei Wochen lief Ralf Pflegers „Die Florence Foster Jenkins Story“ an. In einer Mischung aus Spielszenen und Experteninterviews nähert er sich der Sängerin.

Frears verfilmte die Geschichte als herrlich altmodisches Schauspielerkino, in dem allen Charakteren bis zum Ende eine gewisse Doppelbödigkeit bewahren. So ist nie ganz klar, ob St. Clair Bayfield seine Frau oder ihr Geld abgöttisch liebt. Hugh Grant hatte jedenfalls schon lange nicht mehr so viel Spaß an einer Rolle. Bei Florence Foster Jenkins ist unklar, wie sehr sie sich selbst täuscht. Also wie sehr sie ihr Talent grotesk falsch einschätzt, oder aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation, wie ein kleines Kind, ihren Traum bewahren will. Sie hat auch das Geld, um komfortabel in ihrer Seifenblase zu leben. Jedenfalls geht sie für ihren Traum auf die Bühne und sie, eine durch und durch gutherzige Person, will den Menschen etwas geben. Und ob sie die Affäre ihres Mannes, auch als sie – einer der vielen komödiantischen Höhepunkte des Films – in St. Clairs Junggesellenbude vor ihr steht, ignoriert oder überhaupt nicht wahrnimmt, weil sie in ihrer eigenen Welt lebt, bleibt dem Urteil des Zuschauers überlassen.

Der witzige Feelgood-Film „Florene Foster Jenkins““ überzeugt, wie Peter Bergs „Deepwater Horizon“ und, ab nächstem Donnerstag, Clint Eastwoods „Sully“ (über Chesley B. Sullenberger und seine Notlandung einer Passagiermaschine auf dem Hudson River), bei allen Unterschieden zwischen den drei Filmen, trotz bekannter Geschichte und bekanntem Ende, weil wir neue Hintergründe erfahren, die Drehbücher gut geschrieben sind und Schauspieler und Regie engagiert bei der Sache sind. Bei „Florence Foster Jenkins“, diesem nostalgischen Rückblick in eine andere Zeit, kann auch öfter herzlich gelacht werden.

florence-foster-jenkins-plakat

Florence Foster Jenkins (Florence Foster Jenkins, Großbritannien 2016)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Nicholas Martin

mit Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg, Rebecca Ferguson, Nina Arianda

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Florence Foster Jenkins“

Metacritc über „Florence Foster Jenkins“

Rotten Tomatoes über „Florence Foster Jenkins“

Wikipedia über „Florence Foster Jenkins“ (deutsch, englisch) und Florence Foster Jenkins (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Florence Foster Jenkins“

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)


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