DVD-Kritik: Für „Fräuleins in Uniform“ ist der Krieg ein Spaß

Mai 7, 2014

Wir nehmen junge Frauen, gerne nackt, Nazi-Uniformen, Sex, Gewalt, viele Explosionen, Nazi-Symbole und -Plakate – und fertig ist der Film, der als „Fräuleins in Uniform“ oder „Eine Armee Gretchen“ vor über vierzig Jahren in die Kinos kam und weil er von Erwin C. Dietrich produziert wurde, der dieses Mal auch das Drehbuch schrieb und Regie führte, zielt er auf die primären Wünsche eines eher jugendlichen Publikums, das vor allem an nackten Tatsachen interessiert ist. Die gibt es – aus heutiger Perspektive – in eher überschaubaren Dimensionen mit einer deutlichen Konzentration auf nackte weibliche Oberkörper.
Daneben reiht der Film lieblos einige Episoden aus dem Leben der Blitzmädel aneinander, als sei der Krieg ein Aufenthalt im Landschulheim, bei dem es nur um Sex geht und dazwischen, ab und an, ein fröhliches „Heil Hitler“ geschmettert wird; – was subversiv sein könnte, wenn es nicht einfach so furchtbar gedankenlos wäre.
Es wurde auch keine Sekunde an so etwas wie Charakterentwicklung oder Dramaturgie gedacht. Entsprechend egal sind einem einem alle Charaktere und wer glaubt, irgendetwas über den Zweiten Weltkrieg zu erfahren, der ist definitiv im falschen Film. Sogar die Erinnerungen des Großvaters an den Krieg sind da tiefgründiger, strukturierter und auch kritischer.
Am Kassenerfolg änderte das nichts. Als „She-Devils of the S.S.“ lief der Film auch in den USA und, unter verschiedenen anderen Titeln, in unseren Nachbarländern. Damals war das Nazi-Exploitation- und Woman-in-Prison-Genre (wozu „Fräuleins in Uniform“ nur ganz am Rand gehört) ein an der Kinokasse erfolgreiches Subgenre innerhalb des Sexploitation-Genres. Was auch daran lag, dass die Filme für ein Butterbrot gedreht wurden und teilweise unter verschiedenen Titeln mit neuen vielversprechenden Plakaten in die Kinos kamen.
„Fräuleins in Uniform“ ist da mit einem Budget von einer Millionen DM, so Produzent Erwin C. Dietrich im Audiokommentar, sogar ungewöhnlich teuer geraten, was sich vor allem in den in Jugoslawien gedrehten Kampfszenen, mit einem Flugzeug und drei Panzern, vielen Statisten und Explosionen bis zum Abwinken, zeigt.
Außerdem war der Film, streng historisch betrachtet, vor den Nazi-Exploitation-Filmen im Kino. Er ist ein fast schon unschuldiger Vorläufer von wesentlich geschmackloseren Filmen, wie zum Beispiel Jess Francos von Dietrich produzierten Filme „Ilsa, the Mad Butcher“ oder „Frauen für Zellenblock 9“. „Fräuleins in Uniform“ ist dagegen ein verfilmtes Landserheft mit willigen Mädchen, Nazi-Symbolen und verklärten „Schön war die Zeit“-Kriegserinnerungen.
Georg Seeßlen schreibt in „Quentin Tarantino gegen die Nazis“ zu dem Werk, das er als einen Nachzügler des italienischen Trash-Kriegsfilms sieht: „Das Ganze wurde mehr oder weniger einhellig als die größte Geschmacksentgleisung des Genres jenseits des Nazi-Pornos gewertet.“
Als Film kann man „Fräuleins in Uniform“ getrost vergessen, aber das Bonusmaterial auf der jetzt erschienenen DVD (und Blu-ray) ist gelungen. Es gibt eine Bildergalerie, die noch einmal zeigt, mit welchen nackten Tatsachen der Film verkauft wurde, den Trailer, ein aktuelles Interview mit Birgit Bergen (kein Kommentar) und einen im Oktober 2013 aufgenommenen, durchaus informativen, vollkommen unkritischen, aber filmhistorisch interessanten Audiokommentar mit dem inzwischen 83-jährigem Erwin C. Dietrich und Filmhistoriker Uwe Huber, in dem man einige Hintergründe über die Dreharbeiten, den Verbleib der Darsteller und die Arbeit in Dietrichs Produktionsfirma, die damals zuverlässig mit Exploitation-Filmen die Kinos bediente, erfährt.

Fräuleins in Uniform - DVD

Fräuleins in Uniform (Schweiz 1973)
Regie: Erwin C. Dietrich
Drehbuch: Erwin C. Dietrich, Christine Lembach (Dialoge)
LV: Karl-Heinz Helms-Liesenhoff: Eine Armee Gretchen, 1948
mit Renate Kasche, Carl Möhner, Helmut Förnbacher, Alexander Allerson, Birgit Bergen
auch bekannt als „Eine Armee Gretchen“, „Eine Armee nackter Gretchen“, „Blitzmädchen an die Front“ und „Strafkommando Ost“

DVD
Ascot Elite (Cinema Treasures)
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch, Italienisch, Französisch (DD 2.0 Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Audiokommentar mit Erwin C. Dietrich und Filmhistoriker Uwe Huber, Interview mit Darstellerin Birgit Bergen, Bildergalerie, Trailer, Wendecover
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 18 Jahre

Das Werk ist auch auf Blu-ray erhältlich.

Hinweise

Homepage von/über Erwin C. Dietrich (schon etwas älter, aber mit vielen Bildern)

Wikipedia über Erwin C. Dietrich

Mundo Stumpo: Interview mit Erwin C. Dietrich (2003 – für die deutsche Fassung runterscrollen)

 

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