Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“

November 21, 2019

Keine Ahnung, wie es der Werbeabteilung gelang, den Verleih von dem Titel „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ zu überzeugen. Denn der Originaltitel ist, wie der Buchtitel „Doctor Sleep“ und unter diesem Titel erschien auch die deutsche Ausgabe von Stephen Kings Roman. An der Kinokasse wird wahrscheinlich immer nach „Doctor Sleep“ gefragt werden und so werde ich den Horrorfilm fortan nennen.

Doctor Sleep“ ist die jetzt von Mike Flanagan verfilmte, 2013 erschienene Fortsetzung von „Shining“ und es hilft, sich vor dem Kinobesuch noch einmal Stephen Kings Roman und Stanley Kubricks Verfilmung ins Gedächtnis zu rufen. Der Roman bezieht sich, weil King Kubricks Verfilmung nicht gefällt, nur auf den Roman. Flanagans Verfilmung auf den Roman und auf Kubricks Film. Denn er bewundert den Roman und die Verfilmung und er will in seinem Film beide Visionen miteinander vereinigen und in seinen Film einfließen lassen.

In „Shining“ nimmt Jack Torrance über den Winter eine Stelle als Hausmeister des abgelegen in den Bergen liegenden Overlook Hotels an. In diesen Monaten sind nur er, seine Frau Wendy und sein fünfjähriger Sohn Danny im Hotel. Jack will in dieser Zeit ein Theaterstück schreiben. Kurz darauf verliert Jack, ein Alkoholiker, den Verstand in dem von Geistern bevölkerten Hotel. Er will seine Familie töten. Wendy und Danny gelingt die Flucht. Jack verbrennt im Hotel.

1980 verfilmte Stanley Kubrick Stephen Kings Roman. Der Film mit Jack Nicholson als schon von der ersten Minute an verrücktem Jack Torrance war ein Hit und gilt als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten. Stephen King war mit den von Kubrick vorgenommenen Änderungen und der Verfilmung allerdings immer unzufrieden. Vor allem gefiel ihm nicht, dass der Film-Jack-Torrance von Anfang an verrückt ist und er daher keine emotionale Entwicklung hat.

2013 veröffentlichte King „Doctor Sleep“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Dan ‚Danny‘ Torrance weiter und in all den Flashbacks und Erinnerungen, die Dan an seine Eltern und das Overlook Hotel hat, bezieht er sich auf die Ereignisse aus dem Roman. Flanagan auf die Ereignisse aus dem Roman und dem Film.

King und Flanagan erzählen in „Doctor Sleep“ zuerst in epischer Breite, was Dan Torrance (Ewan McGregor) in den Jahren nach den Ereignissen im Overlook Hotel zustieß, wie er Alkoholiker wurde und in der New-Hampshire-Kleinstadt Frazier eine Heimat fand. Dort arbeitet er in einem Hospiz und hilft den Menschen beim Sterben. Deshalb wird er auch ‚Doctor Sleep‘ genannt.

Zur gleichen Zeit fährt der „Wahre Knoten“ durch die USA. Sie sind, angeführt von Rose the Hat (Rebecca Ferguson, charismatisch), eine vampirähnliche Gruppe, die durch das Steam, was der letzte Atemzug von Menschen mit dem Shining ist, ewig leben können. Der Steam ist bei jungen Menschen besonders stark. Als sie den ‚Baseball-Jungen‘ töten, werden sie von der mehrere hundert Meilen entfernt lebenden Abra Stone (Kyliegh Curran) beobachtet. Abra verfügt über ein besonders starkes Shining und sie will nicht, dass der Wahre Knoten weitere Kinder tötet, foltert (das verstärkt den Steam) und ihren Steam einatmet. Sie trifft sich mit Dan. Mit ihm unterhielt sie sich bislang nur mental. Aber er ist der einzige Mensch, den sie kennt, der ihre Fähigkeiten versteht und der ihr helfen kann, damit umzugehen.

Gemeinsam beschließen sie und ein, zwei Freunde, gegen Rose the Hat und ihre Bande vorzugehen.

An diesem Punkt ist man ungefähr in der Mitte des siebenhundertseitigen Romans, der über viele Seiten Dan Torrances Lebensgeschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht, wie er zum Alkoholiker und Ex-Alkoholiker wird und über viele Jahre das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker absolviert. „Doctor Sleep“ ist vor allem die Geschichte eines Kampfes gegen die Sucht (was vor allem ein Kampf gegen verschiedene innere Dämonen ist) und vom Finden des Sinn des Lebens. Die Horrorgeschichte verdeckt das kaum. Für eine Verfilmung ist diese epische Struktur denkbar ungeeignet. Zu viele Episoden sind schon auf den ersten Blick für die Hauptgeschichte (den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat) vollkommen unwichtig. Die wenigen Informationen, die wirklich wichtig sind, um den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat und den Wahren Knoten zu verstehen, könnten auch mühelos in die Hauptgeschichte eingefügt werden.

Der Roman ist ein langes, sich langsam entwickelndes sinfonisches Werk, in dem bestimmte Motive immer wieder auftauchen und wichtiger werden. Dank Stephen Kings Schreibstil liest man das gerne, aber auch etwas desinteressiert auf der Suche nach dem schon im Klappentext angekündigtem Plot.

In seiner Verfilmung behielt Flanagan die Struktur des Romans bei. Auch wenn er einige Figuren strich und einige Ereignisse in der Chronologie etwas verschob. Einige Figuren und Orte, die im Roman wichtig sind, werden auch im Film groß eingeführt und dann nicht weiter beachtet. Das gilt für eine Drogensüchtige und ihr Kleinkind und, in Frazier, Dr. John Dalton (Bruce Greenwood) und Orte, wie die Teenytown Railway in Frazier. Einige Personen und mit ihnen verbundene Handlungsstränge, wie Abras Urgroßmutter, fehlen.

Das ändert aber nichts daran, dass die ersten 75 Minuten des 150-minütigen Films reichlich spannungsfrei vor sich hin plätschern. Wer den Roman nicht kennt, wird diese Hälfte vor allem als eine Abfolge aus weitgehend zusammenhanglos aufeinander folgenden Szenen wahrnehmen und sich fragen, wann endlich die Geschichte beginnt.

In der zweiten Hälfte wird es dann spannender und beim Finale setzt Flanagan dann eigene Akzente. Im Roman ist die finale Konfrontation in der Overlook Lodge. Im Film treffen sie im immer noch stehenden Overlook Hotel aufeinander. Das seit Jahrzehnten verlassene Hotel sieht noch genauso aus wie in Kubricks Film. Flanagan verbindet hier Kings Roman mit Kubricks Film zu einem eigenständigem Ende, das deutlich Kubricks Film zitiert. Dan stellt sich seinen Dämonen, tritt in die Fußstapfen seines Vaters (ohne nach der nächsten Schnapsflasche zu greifen) und versucht mit seinem Shining und den Dämonen, die er in den vergangenen Jahrzehnten in seinem Gehirn in Kassetten einschloss, und den im Hotel lebenden Geistern Rose the Hat zu besiegen.

Dieses Finale ist dann vielleicht nicht hundertprozentig gelungen und das Ende ist, nun, diskussionswürdig. Mir gefällt das aus meiner Sicht positivere Romanende besser. Aber immerhin hört Flanagan in diesen Minuten endlich auf, den Roman zu bebildern.

Von genau dieser Eigenständigkeit hätte ich mir während des gesamten Films mehr gewünscht. So ist der Film eine gekürzte Version des Romans, bei der immer unklar ist, worum es ihm eigentlich geht. Er findet nie die richtige Balance zwischen Alkoholikerdrama, Horrorgeschichte und Coming-of-Age-Geschichte.

Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen (Doctor Sleep, USA 2019)

Regie: Mike Flanagan

Drehbuch: Mike Flanagan

LV: Stephen King: Doctor Sleep, 2013 (Doctor Sleep)

mit Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Emily Alyn Lind, Selena Anduze, Robert Longstreet, Carl Lumbly, Bruce Greenwood, Jacob Tremblay, Henry Thomas

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage, jetzt mit dem Filmcover

Stephen King: Doctor Sleep

(übersetzt Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2019 (Filmausgabe)

720 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2013

Originalausgabe

Doctor Sleep

Scribner, New York, 2013

Die Vorgeschichte, wieder erhältlich mit neuem Cover

Stephen King: Shining

(übersetzt von Harro Christensen)

Bastei-Lübbe, 2019

624 Seiten

11 Euro

Deutsche Erstausgabe 1980, seitdem unzählige Neuauflagen.

Originalausgabe

The Shining

Doubleday & Co, 1977

Stephen Kings neuer Roman, geeignet für lange Herbst- und Winterabende am Kaminfeuer

Seit einigen Tagen käuflich erhältlich: In „Das Institut“ werden paranormal begabte Kinder in einem hermetisch abgeschirmten Institut in Maine (Wo sonst?) gefangen gehalten. Als der zwölfjährige Luke Ellis dorthin entführt wird, beginnt er seine Flucht zu planen. Das einzige Problem ist, dass das bislang noch niemandem gelungen ist.

Die ersten Kritiken über diesen Thriller sind weitgehend positiv, auch wenn Kirkus Reviews meint, „Das Institut“ sei nicht so furchteinflößend wie „Shining“ oder „Es“. Der Boston Globe schreibt, „Das Institut“ lese teilweise wie eine Neu-Interpretation von „Feuerkind“ für die Gegenwart.

Im Moment ist eine Verfilmung als TV-Miniserie geplant. Aber weil von ungefähr jedem King-Werk eine Verfilmung geplant ist, sagt das wenig.

Stephen King: Das Institut

(deutsch von Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2019

768 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

The Institut

Scribner, New York, 2019

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Doctor Sleep“

Metacritic über „Doctor Sleep“

Rotten Tomatoes über „Doctor Sleep“

Wikipedia über „Doctor Sleep“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis Stephen-King-Verfilmung „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Meine Besprechung von Andy Muschietti Stephen-King-Verfilmung „Es Kapitel 2″ (It Chapter 2, USA 2019)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Ouija: Ursprung des Bösen“ (Ouija: Origin of Evil, USA 2016)

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Before I wake“ (Before I wake, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Science-Fiction-Film „The Signal“

Juli 10, 2014

Dass man für einen guten Science-Fiction-Film nicht unbedingt Unsummen ausgeben muss, haben zuletzt, um nur drei neuere Filme zu nennen, unter anderem „Moon“, „District 9“ und „Looper“ bewiesen.
Auch „The Signal“ könnte daher ein guter Science-Fiction-Film und ein guter Paranoia-Thriller sein. Das Plakat weckt Interesse und auch der Stilwechsel nach dem etwas zähen Filmanfang, der sich etwas zu viel Zeit für die Reise- und Beziehungsprobleme von Nic (Brenton Thwaites), seiner Freundin Haley (Olivia Cooke) und seinem Freund Jonah (Beau Knapp) nimmt, ist interessant.
Die drei Collegestudenten Nic, Jonah und Haley fahren durch die USA in Richtung Kalifornien zu Haleys neuer Universität. Mitten im ländlichen Nevada wollen sie Nomad, einem rivalisierendem Hacker, den die Computernerds Nic und Jonah nur über das Netz kennen, besuchen. Dafür verfolgen sie sein Signal zurück – und landen, natürlich mitten in der Nacht, in der Einöde in einem verlassenem Haus.
Da geschieht etwas, das wir im schönsten „The Blair Witch Project“-Found-Footage-Stil sehen, und als Nic aufwacht, ist er in einem etwas altmodischem Hochsicherheitskrankenhaus in Quarantäne isoliert von anderen Menschen und seinen beiden Freunden. Haley sieht er einmal bewußtlos in einem Krankenbett liegend. Das Personal, immer in Schutzanzügen, redet nicht mit ihm.
Dr. Wallace Damon (Laurence Fishburne), der Laborleiter, sagt ihm, dass er und seine beiden Freunde Kontakt mit einem Alien gehabt hätten, jetzt überprüft werden müsse, ob er noch gesund sei und er unbedingt bei den kindisch wirkenden Tests kooperieren solle. Nur so könne festgestellt werden, ob er kontaminiert sei.
Spätestens jetzt fragt sich der versierte Genrefan, was Damon vor Nic verheimlicht und welches miese Spiel der Vertreter der Staatsmacht mit ihm treibt.
Aus dieser Frage zieht Regisseur William Eubank, obwohl „The Signal“ fast ein Zwei-Personen-Film ist, auch eine Zeit lang eine durchaus beträchtliche Spannung. Aber anstatt irgendwann mit dem Beantworten der Fragen zu beginnen, türmt er Rätsel auf Rätsel, was dazu führt, dass das Interesse schnell erlahmt und schon früh der Eindruck entsteht, dass die Macher die Lösung selbst nicht kennen, aber munter die Stile wechseln und sich durch die halbe Filmgeschichte plündern.
In den letzten Minuten, wenn wir die Wahrheit erfahren, bestätigt sich das. Denn „The Signal“ hat eines dieser überraschenden Enden irgendwo zwischen Verzweiflungstat und Verlegenheitslösung, das vor allem deshalb überraschend ist, weil es mit dem vorherigen Film nichts zu tun hat und aus der Logik der Geschichte heraus nicht stimmt.
Genausogut hätte Regisseur Eubank Nic am Ende in einem Krankenbett aus einem Alptraum erwachen lassen können.
Dass man für einen guten Science-Fiction-Film ein gutes Drehbuch braucht, zeigt „The Signal“; – wie viele andere schlechte Science-Fiction-Filme.

The Signal - Plakat

The Signal (The Signal, USA 2014)
Regie: William Eubank
Drehbuch: William Eubank, Carlyle Eubank, David Frigerio
mit Brenton Thwaites, Olivia Cooke, Beau Knapp, Laurence Fishburne, Lin Shaye, Robert Longstreet
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Signal“
Moviepilot über „The Signal“
Metacritic über „The Signal“
Rotten Tomatoes über „The Signal“
Wikipedia über „The Signal“

 


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