Neu im Kino/Filmkritik: „Loro – Die Verführten“ in Berlusconis Reich

November 17, 2018

Diese Fassung des Films wurde zum Regisseur geschnitten.

Natürlich ist das ist fast immer so. Aber in diesem Fall muss extra darauf hingewiesen werden. Denn in Italien lief „Loro – Die Verführten“ im Frühjahr im Kino in zwei Teilen. Insgesamt 204 Minuten Filmzeit. Für die internationale Auswertung setzte Paolo Sorrentino sich noch einmal in den Schneideraum und er entfernte ungefähr eine Stunde. Jetzt dauert der Film immer noch etwas über 150 Minuten, aber es ist ein Torso, auf den man gut verzichten kann.

Weil Sorrentino immer wieder lange, in sich geschlossene Szenen inszeniert und es immer wieder lange Kamerafahrten gibt, ist es schwierig, innerhalb einer Szene zu kürzen. Vor allem ohne die Stimmung und den Rhythmus der Szene zu zerstören. Also wurden wahrscheinlich ganze Szenen entfernt. Mit dem Ergebnis, dass auch der Rhythmus und die Geschlossenheit des Films zerstört wurden.

Dabei sind die übriggebliebenen Teile durchaus sehenswert. Sorrentino liefert ein Porträt Italiens von 2006 bis 2010. Im Mittelpunkt stehen Sergio Morra, ein junger, sehr aufstiegsgieriger, skrupelloser apulinischer Kommunalpolitiker (dass er mich an Innenminister Matteo Salvini erinnert, liegt sicher an meinem schlechten Wissen über Italiens politische Kaste) und der allseits bekannte, von Hofschranzen und vollbusigen Frauen umgebene und vergötterte Partymeister Silvio Berlusconi. Der Machtmensch wird von Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo gespielt und er verkörpert den Charakter mit sardonischer Freude. Wie schon 2008 Giulio Andreotti in „Il Divo“. Andreotti war ein für das Italien der letzten Jahrzehnte ähnlich einflussreicher, aber in der Art seines öffentlichen Auftretens vollkommen entgegengesetzter Charakter. Skrupellose Machtmenschen mit mehr als halbseidenen Verbindungen zur Mafia und Stehaufmännchen waren beide.

Wie in „Il Divo“ und „La Grande Belleza“ ist Sorrentino nicht an einem nach bekannten Biopic-Formeln durchdekliniertem Drama interessiert. Aus vielen Episoden entsteht ein Sittengemälde, ein Porträt einer Zeit, das durchaus immer satirisch zugespitzt, melancholisch an die Vergangenheit erinnernd (so hat Berlusconi das Gefühl, den Höhepunkt seiner Macht bereits hinter sich zu haben) und offen für Interpretationen ist. Sorrentino hat zwar einen Blick auf seine Figuren, aber er schreibt diesen Blick dem Zuschauer nicht vor.

Trotz der episodischen Struktur, bewegt sich die Filmgeschichte immer wieder zu elliptisch vorwärts und die Gewichtung zwischen den beiden Hauptcharakteren stimmt in der internationalen Fassung nicht. So verschwindet der am Filmanfang episch eingeführte Morra, nachdem sein Heranwanzen an den mächtigen Lebemann Silvio Berlusconi detailliert gezeigt wurde, irgendwann und ohne Erklärung fast vollständig aus dem Film.

Man könnte den Torso von „Loro – Die Verführten“ als einen schwachen Film von Paolo Sorrentino akzeptieren, wenn man nicht wüsste, dass in Italien ein anderer, ein längerer und sehr wahrscheinlich auch viel besserer Film gezeigt wurde. Hoffentlich wird diese Version bei uns wenigstens auf DVD veröffentlicht.

Loro – Die Verführten (Loro, Italien/Frankreich 2018)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello

mit Toni Servillo, Elena Sofia Ricci, Riccardo Scamarcio, Kasia Smutniak, Euridice Axen, Fabricio Bentivoglio, Roberto de Francesco, Dario Cantarelli

Länge: 157 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Loro“

Rotten Tomatoes über „Loro“

Wikipedia über „Loro“ (deutsch, englisch, italienisch) und über Paolo Sorrentino (deutsch, englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Cheyenne – This must be the Place“ (This must be the Place, Italien/Frankreich/Irland 2011)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „La grande Bellezza – Die große Schönheit“ (La grande Bellezza, Italien/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von „Paolo Sorrentino – Director’s Collection“

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