Neu im Kino/Filmkritik: „Mile 22“ – der neue Film von Peter Berg und Mark Wahlberg

September 14, 2018

Nach drei auf wahren Ereignissen basierenden Filmen – „Lone Survivor“, „Deepwater Horizon“ und „Boston“ – erzählen Regisseur Peter Berg und Schauspieler Mark Wahlberg in ihrer vierten Zusammenarbeit eine erfundene Geschichte. Berg ist inzwischen bekannt für intelligente Actionfilme. In „Mile 22“ gibt es weder das eine, noch das andere. Dafür gibt es ein veritables Desaster.

Mile 22“ ist ein Actionfilm, der seine Geschichte niemals in den Griff bekommt. Dabei ist der Hauptplot denkbar einfach: in dem südostasiatischen Fantasiestaat Indocarr sollen James Silva (Mark Wahlberg) und sein Overwatch-Team einen Mann von der US-Botschaft zum nächsten Flughafen bringen. Es handelt sich um Li Noor (Iko Uwais), einen lokalen Special-Forces-Soldaten, der auch als Informant für die Amerikaner arbeitet. Er hat hoch sensible Informationen, die er den Amerikanern übergeben wird, wenn sie ihn aus dem Land befördern.

Schon in der Botschaft, wenige Minuten nachdem Noor sie betreten hat, wird ein Mordanschlag auf ihn verübt. Er kann die Attentäter töten. Silva weiß jetzt, dass Noor mächtige Feinde hat und dass die Informationen, die Noor ihnen geben will, wichtig sind. Auf der 22 Meilen langen Strecke werden weitere Anschläge auf sie verübt. Denn anscheinend will jeder, der gerade auf der Straße ist, sie umbringen.

Was, so fragt sich der Genrejunkie, kann bei so einer Geschichte schon schief gehen? In diesem Fall so ungefähr alles. Anstatt die Geschichte einfach chronologisch zu erzählen und Silvas Team mit Noor möglichst schnell auf die Reise zu schicken, springt Berg zwischen den Ereignissen in Indocarr, der temporären Overwatch-Zentrale an einem anderem Ort und einem Verhör (Nachbesprechung?), in dem Silva seine Sicht der Ereignisse erzählt, hin und her. Dieses Springen zwischen den verschiedenen Orten und Zeiten verdeckt, dass unglaublich viel Filmzeit vergeht, bis Silva mit Noor die Botschaft verlässt. In dem Moment ist schon der halbe Film mit etwas Action, viel Set-Up-Geplänkel und vielen, vielen, sehr vielen Wiederholungen des F-Wortes vorbei. Dummerweise ersetzt ständiges Fluchen kein intelligentes Drehbuch.

Und dann ist noch ein russisches Spionageflugzeug unterwegs. In dem Flugzeug ist eine Hightech-Überwachungseinheit und eine hochrangige Kreml-Offizierin, die Overwatch und die Jagd auf Silva, sein Team und Noor beobachtet. Warum wird erst am Ende der 22 Meilen enthüllt. Bis dahin ist vollkommen rätselhaft, warum aus dem Flugzeug die Aktion beobachtet wird. Wenn man dann dummerweise über die Schlusspointe nachdenkt, fragt man sich, ob sie ihr Ziel nicht auch einfacher hätte erreichen können.

Das gilt für den gesamten Film. Anstatt im Rahmen eines Actionfilms eine politische Analyse zu liefern, über die man diskutieren kann, gibt es ein kopfloses Themenshopping, das sich für nichts interessiert und über das man nicht ernsthaft diskutieren kann.

Dieses erzählerische Chaos, unter dem einige interessante Ideen vergraben sind, könnte man vergessen, wenn wenigstens die Action gut inszeniert wäre. Das war in Bergs vorherigen Filmen eine der Stärken: mitreisend inszenierte Action, die einen in das Geschehen hineinversetzt und bei der man, bei all dem Chaos, niemals den Überblick verliert. In „Mile 22“ bleibt dann nur noch das Chaos übrig, aus dem man sich mühsam die Abläufe zusammenreimen muss. Schon die erste Actionszene – ein Überfall auf ein russisches Safe-House in den USA – ist so schlecht geschnitten, dass es nicht nach Peter Berg, sondern nach einem Möchtegern-Peter-Berg aussieht.

Bei den Actionszenen von und mit Iko Uwais möchte man schreien. Uwais wurde durch die „The Raid“-Filme bekannt. Er kann schauspielern und kämpfen. Auch in „Mile 22“ choreographierte er seine Kämpfe. Aber anstatt ihn im Film möglichst ungeschnitten kämpfen zu lassen, gehen auch Uwais‘ Kämpfe im Schnittgewitter unter.

Mile 22“ ist ein vollkommen vermurkster Film.

Mile 22 (Mile 22, USA 2018)

Regie: Peter Berg

Drehbuch: Lea Carpenter (nach einer Geschichte von Graham Roland und Lea Carpenter)

mit Mark Wahlberg, Lauren Cohan, Iko Uwais, Ronda Rousey, Terry Kinney, John Malkovich, Emily Skeggs, Carlo Alban, Sam Medina, Poorna Jagannathan, Chae Rin Lee, Natasha Goubskaya, Peter Berg (Cameo)

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mile 22“

Metacritic über „Mile 22“

Rotten Tomatoes über „Mile 22“

Wikipedia über „Mile 22“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Battleship“ (Battleship, USA 2012)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Lone Survivor“ (Lone Survivor, USA 2013)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Deepwater Horizon“ (Deepwater Horizon, USA 2016)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Boston“ (Patriots Day, USA 2016) und der DVD

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Neu im Kino/Filmkritik: „Fast & Furious 7“ – die Abschiedsvorstellung von Paul Walker

April 2, 2015

Als Paul Walker am 30. November 2013 tödlich verunglückte, gab es viele Gerüchte und Meldungen über „Fast & Furious 7“ und wie sein Tod die Dreharbeiten, die Filmgeschichte und damit auch den Film beeinflusste. Denn es waren noch nicht alle Szenen mit ihm gedreht. Seine Brüder Caleb und Cody würden und wurden als Doubles eingesetzt. Es sollte auch mit CGI gearbeitet werden. Es wurde über Veränderungen am Drehbuch gesprochen und gesagt, dass dieser Film, der sein letzter Film ist, ein würdiger Abschied von ihm sein solle. Immerhin wurde er mit der „The Fast and the Furious“-Serie zum Star.
Jetzt, wo der Film in den Kinos anläuft, kann man nachvollziehen, wie groß die nötigen Umarbeiten waren und, ohne jetzt etwas über die Handlung zu verraten, Paul Walker hat etliche beeindruckende Actionszenen, die an Spannung gewinnen, weil er dieses Mal jederzeit sterben kann.
Die Story von „Fast & Furious 7“ knüpft unmittelbar an den vorherigen Film an: Deckard Shaw (Jason Statham) will seinen schwer verletzt im Krankenhaus liegenden Bruder Owen rächen. Als großer Bruder will er sich die Männer vorknöpfen, die seinen Bruder umbringen wollten. Als ersten bringt er in Tokio Han (Sung Kang) um. Zur gleichen Zeit platziert er vor Dominic Torettos Haus eine Bombe. In letzter Sekunde können sich Dominic ‚Dom‘ Toretto (Vin Diesel), sein bester Freund Brian O’Conner (Paul Walker), Brians Frau und sein Sohn retten.
Durch ihren FBI-Freund Luke Hobbs (Dwayne Johnson), der nach einer Begegnung mit Shaw mit einigen gebrochenen Knochen im Krankenhaus liegt, erfährt Dom, wer sie jagt – und die Jagd über den halben Globus ist eröffnet.
Überraschende Hilfe erhält die Toretto-Verbrecherbande mit einem Faible für schnelle Autos, die inzwischen fast im Staatsdienst ist (naja, ihr kennt ja die vorherigen Filme), von Mr. Nobody (Kurt Russell), einem Geheimagenten der sehr geheimen Sorte. Sozusagen Nick Fury von S. H. I. E. L. D., aber ohne dessen Avengers-Superheldenteam. Deshalb bittet Mr. Nobody Dom und seine verbrecherischen Freunde um Hilfe bei bei der Jagd nach dem Computergenie Ramsey. Ramsey hat einen Supercode entwickelt, mit dem man alle Computer auf der Welt gleichzeitig ansteuern kann. Neben dem guten Mr. Nobody will auch der skrupellose Terrorist Jakande (Djimon Hounsou, der nur sein Gesicht präsentieren durfte) den Code haben.
Und viel mehr muss man über die Story nicht wissen. Denn sie ist erschreckend vernachlässigbar, absolut unlogisch und wird mit jedem Nachdenken noch abstruser. Aber James Wan erzählt dieses Best-of von Action- und Agentenfilmtopoi ziemlich flott über alle Unwahrscheinlichkeiten hinweg mit einem Blick auf das, was die Ticketkäufer wollen: eine leinwandsprengende Version von „Alarm für Cobra 11“.
Es gibt spärlich bekleidete Schönheiten, getunte Autos, atemberaubende Autostunts, Faustkämpfe, Explosionen, einige Witzeleien, viel Kameradie in der Familie Toretto und fotogene Schauplätze. Angeordnet wurden die Elemente, die den Erfolg der „Fast & Furious“-Serie ausmachen, dann in einer Comic-Manier, in der es nur auf das nächste Panel, das nächste Episödchen in einer scheinbar furchtbar komplexen Mythologie (die Toretto-Familie, ihre Beziehungen, die früheren Filme), ankommt.
Am Ende von „Fast & Furious 7“ sind dann erstaunlich wenige Menschen gestorben. Also von den Helden und den Hauptbösewichtern. Kollateralschäden gibt es dann einige. Wenn irgendwo im aserbaidschanischen Gebirge ein Militärkonvoi überfallen wird, in Abu Dhabi ein teurer Flitzer von einem Hochhaus zum nächsten fliegen darf und in Los Angeles die halbe Innenstadt zerstört wird, dann sterben etliche größtenteils gesichtslose Bösewichter und es gehen etliche Autos zu Bruch, während auch nach den längsten Faustkämpfen Dominics weißes Langarm-Shirt immer noch blütenweiß ist und Hobbs‘ überdimensionale Muskeln auch nach einem Krankenhausaufenthalt jungfräulich glänzen.
Allerdings ist die Action unglaublich konfus geschnitten. Damit steht Horrorfilm-Regisseur James Wan in der neuen Actionfilm-Tradition, in der die Abläufe der Kämpfe und Stunts kaum noch erahnbar sind. Viel zu oft wird geschnitten. Die Kamera ist zu nah. Wan wählt auch oft so ungewöhnliche Perspektiven, dass die Orientierung schwerfällt, sie aber wie Comic-Panels aussehen. Er setzt die Zeitlupe immer wieder falsch ein und immer wieder, zum Beispiel bei den zahlreichen Explosionen, verschenkt er potentielle Schauwerte. Sowieso hinterlässt kein Action-Set-Pieces bleibenden Eindruck und die besten Momente sind, wie das Umsteigen von einem Auto zum anderen Auto bei voller Fahrt und die legendär-unmöglichen Sprüngen, fast immer Reminiszensen an frühere „Fast & Furious“-Filme. Am Ende des über zweistündigen Comic-Films ist man geschüttelt, aber nicht gerührt.

Fast and Furious 7 - Plakat

Fast & Furious 7 (Furious 7, USA 2015)
Regie: James Wan
Drehbuch: Chris Morgan
mit Vin Diesel, Paul Walker, Dwayne Johnson, Michelle Rodriguez, Djimon Hounsou, Kurt Russell, Jason Statham, Jordana Brewster, Tyrese Gibson, Ludacris, Kurt Russell, Nathalie Emmanuel, Elsa Pataky, Gal Gadot, John Brotherton, Lucas Black, Luke Evans, Sung Kang, Ronda Rousey
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Fast & Furios 7“
Moviepilot über „Fast & Furios 7“
Metacritic über „Fast & Furios 7“
Rotten Tomatoes über „Fast & Furios 7“
Wikipedia über „Fast & Furious 7“ (deutsch, englisch) – Achtung: Das Ende wird verraten!

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furious Five“ (Fast Five, USA 2011)

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furios 6“ (Furios Six; Fast & Furious Six, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring“ (The Conjuring, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „Insidious: Chapter 2 (Insidious: Chapter 2, USA 2013)

Kurz nachgesehen: zwei Teile aus der legendären Safe-Szene aus „Fast & Furious Five“, die auch eine gute Action-Szene ist:

 


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