Neu im Kino/Filmkritik: „La Gomera“, pfeifende Gangster, viel Geld und viele Fragezeichen

Februar 14, 2020

Beginnen wir mit der offiziellen Synopse:

Der Polizist Cristi (Vlad Ivanov) lässt sich mit der Mafia ein und fliegt auf. Nun folgen ihm verdeckte Ermittler auf Schritt und Tritt und hören seine Wohnung ab. Daher gibt sich die schöne Gilda (Catrinel Marlon) als seine Geliebte aus und drängt ihn zu einer Reise nach La Gomera. Cristi soll die geheime Pfeifsprache der Inselbewohner lernen, damit er trotz Überwachung mit der Gaunerbande kommunizieren kann. Pfeifend versuchen sie den Matratzenfabrikanten Zsolt (Sabin Tambrea) aus dem Gefängnis zu befreien, denn der ist der einzige, der weiß, wo die 30 Millionen des letzten Coups versteckt sind. Doch alle Beteiligten spielen ein doppeltes Spiel und bald geraten die Ereignisse außer Kontrolle.

Das klingt nach einem zünftigem Kriminalfilm und er beginnt auch schön atmosphärisch mit der Ankunft des korrupten Polizisten auf der Kanareninsel. Musikalisch knackig, aber auch etwas einfallslos mit Iggy Pops „The Passenger“ unterlegt.

Danach springt die Geschichte in zahllosen Kapiteln zwischen La Gomera und Bukarest, zwischen der Gegenwart und verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit hin und her, ohne dass eine nachvollziehbare Geschichte erkennbar wird. Die kann man sich erst nach dem Abspann mühsam zusammenpuzzeln. Bis zum Ende hinterlassen die willkürlich angeordneten Kapitel vor allem Fragezeichen. Die Motive, Interessen und Konflikte der einzelnen Figuren und in welcher Beziehung sie zueinander stehen, bleiben im Dunkeln.

Einzelne witzige Szenen, wie Polizist Cristi beim Lernen der Pfeifsprache, und die Anspielungen auf, vor allem, den Film Noir, mal in der Figurenzeichnung, mal bei den Konflikten und Handlungsmustern (was beim Sehen immerhin etwas interpretatorische Gewissheit verschafft), mal durch ein konspiratives Treffen in einem Kino, in dem der Westernklassiker „Der schwarze Falke“ läuft, erfreuen selbstverständlich das Herz des Cineasten. Aber sie ändern nichts daran, dass schnell der Eindruck entsteht, in „La Gomera“ werde durch eine fragmentierte Erzählweise von einer inhaltlichen Leere und nicht schlüssigen Figurenzeichnungen abgelenkt.

La Gomera (La Gomera, Rumänien/Frankreich/Deutschland 2019)

Regie: Corneliu Porumboiu

Drehbuch: Corneliu Porumboiu

mit Vlad Ivanov, Catrinel Marlon, Rodica Lazar, Sabin Tambrea, Antonio Buíl, Agustí Villaronga, George Pistereanu

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „La Gomera“

Moviepilot über „La Gomera“

Metacritic über „La Gomera“

Rotten Tomatoes über „Lo Gomera“

Wikipedia über „La Gomera“


TV-Tipp für den 16. Dezember: Der Mann aus dem Eis

Dezember 16, 2019

Arte, 22.20

Der Mann aus dem Eis (Deutschland/Italien/Österreich 2017)

Regie: Felix Randau

Drehbuch: Felix Randau

Die Welt, vor 5300 Jahren: Kelab will die Ermordung seiner Familie rächen. Er verfolgt die Mörder in die Alpen.

TV-Premiere. Zwiespältiger Quasi-Stummfilm, der eine mögliche Geschichte erzählt über Ötzi, den 1991 im Gletschereis der Ötztaler Alpen entdeckten erstaunlich gut erhaltenen Leichnam aus der Jungsteinzeit.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jürgen Vogel, André M. Hennicke, Susanne Wuest, Violetta Schurawlow, Sabin Tambrea, Martin Augustin Schneider, Axel Stein, Franco Nero

Das Buch zum Film

Albert Zink (Hrsg.): Der Mann aus dem Eis

Reclam, 2017

184 Seiten

12,95 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Mann aus dem Eis“

Moviepilot über „Der Mann aus dem Eis“

Rotten Tomatoes über „Der Mann aus dem Eis“

Wikipedia über „Der Mann aus dem Eis“ und Ötzi

Meine Besprechung von Felix Randaus „Der Mann aus dem Eis“ (Deutschland/Italien/Österreich 2017)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Fakten und Vermutungen über Ötzi, „Der Mann aus dem Eis“

Dezember 1, 2017

Am 19. September 1991 entdeckt das Ehepaar Simon bei einer Wandertour durch die Ötztaler Alpen im Gletschereis eine gefrorene Leiche. Schnell fanden Gerichtsmediziner heraus, dass die Leiche nicht einige Tage oder Jahre, sondern mindestens viertausend Jahre alt ist. Ötzi, wie der Mann aus dem Eis wegen des Fundorts schnell genannt wurde, war eine Sensation für die Wissenschaft. Denn die Leiche aus der Jungsteinzeit war gut erhalten, mumifiziert und damit ein wundervolles, noch nie dagewesenes und bisher einzigartiges Forschungsobjekt über unsere Frühgeschichte.

Auch Felix Randau war fasziniert von Europas ältester Mumie. Er fragte sich, wie viele andre Menschen, wie Ötzi vor 5300 Jahren gelebt hat und warum er in den Alpen, im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Österreich, ermordet wurde. Ausgehend von dieser Frage erzählt er in seinem Spielfilm „Der Mann aus dem Eis“ die Geschichte von Kelab, einem Dorfoberhaupt einer kleinen, in den Südtiroler Alpen lebenden Sippe. Als er auf der Jagd ist, wird sein Dorf von Krant und seinen beiden Söhnen Tasar und Gosar überfallen. Die drei Männer ermorden Kelabs Sippe und zerstören die Siedlung.

Kelab will sich an den Mördern rächen.

Randau erzählt in seinem Film eine gradlinige, ziemlich banale Rachegeschichte, deren größtes Problem ihre Behauptung ist, Ötzis Geschichte zu erzählen und er dann munter drauflos fantasiert. Denn obwohl die Forscher immer mehr über Ötzi wissen – über seine Verletzungen, seine Tätowierungen, seine Nahrung, seine Krankheiten, seine Werkzeuge und auch dass er ermordet wurde -, wissen sie sehr wenig. Sie können nur Vermutungen über den Grund für den Mord anstellen. Sie wissen auch, mangels schriftlicher Aufzeichnungen, nichts darüber, wie die Menschen zusammen lebten und wie sie sich verständigten. Hier werden im Film mehr oder weniger glaubhafte Vermutungen, die mehr oder weniger nah am Forschungsstand sind, angestellt.

Trotzdem wirkt Ötzis Welt nie glaubhaft als Reenactment. Die Alpenlandschaft, durch die Kelab streift, sieht aus, wie die Alpenlandschaften, die man mühelos jedes Wochenende besuchen kann. Keine Überhöhungen, keine Geheimnisse oder ein archaisches Gefühl, sondern nur Wiesen und Steine. Die benutzen Waffen und Kleider wirken wie gerade aus der Kostümkammer entnommen und nicht als ob sie in mühevoller Handarbeit hergestellt und lange benutzt wurden. Alles, und ich meine wirklich alles, wirkt wie aus dem Fundus für einen x-beliebigen Fantasy-Film zusammengestellt.

Verglichen mit Alejandro G. Iñárritus Rachewestern „The Revenant“, der einem als Referenz immer wieder einfällt, fällt das Scheitern von „Der Mann aus dem Eis“ noch deutlicher auf. Alles was in „The Revenant“ stimmt und ihn zu einem in jeder Beziehung überwältigendem Kinoerlebnis machte, fehlt in „Der Mann aus dem Eis“.

Der Mann aus dem Eis“ erinnert dagegen, auch weil der Film fast vollständig auf Dialoge verzichtet, an einen Stummfilm, der sich wenig um historische Genauigkeit bemüht.

Zum Filmstart erschien bei Reclam ein reichhaltig bebildertes „Buch zum Film“. Das von Albert Zink herausgegebene Buch enthält Interviews mit Hauptdarsteller Jürgen Vogel und Regisseur Felix Randau, Randaus Drehbuch und, in der zweiten Hälfte, eine von Zink geschriebene faktenreiche Bestandsaufnahme der Forschung zu dem Mann aus dem Eis. Zink ist der Leiter des Instituts für Mumienforschung der EURAC Research in Bozen und das merkt man. Denn dieser Teil ist im akademischen Tonfall eines Wissenschaftlers geschrieben, der die aus der Forschung bekannten Fakten präsentiert. Ein Journalist hätte daraus einen Wissenschaftskrimi gemacht.

Der Mann aus dem Eis (Deutschland/Italien/Österreich 2017)

Regie: Felix Randau

Drehbuch: Felix Randau

mit Jürgen Vogel, André M. Hennicke, Susanne Wuest, Violetta Schurawlow, Sabin Tambrea, Martin Augustin Schneider, Axel Stein, Franco Nero

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Albert Zink (Hrsg.): Der Mann aus dem Eis

Reclam, 2017

184 Seiten

12,95 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Mann aus dem Eis“

Moviepilot über „Der Mann aus dem Eis“

Rotten Tomatoes über „Der Mann aus dem Eis“

Wikipedia über „Der Mann aus dem Eis“ und Ötzi

 


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