Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Titel, neuer Versuch: „The Equalizer 2“

August 17, 2018

Die Idee mit der Zeitungsannonce, in der er Hilfesuchenden Hilfe anbietet, hat Robert McCall wohl schnell aufgegeben. Er bekommt auch so in Boston genug zu tun. Zum Beispiel wenn er als Lyft-Fahrer eine Kundin mitnimmt, die von einigen reichen Schnöseln schlecht behandelt wurde, und er anschließend den Jungs eine Lektion erteilt. Oder wenn in dem Mietshaus, in dem er wohnt, eine Wand mit Graffitis beschmiert wird und er einem anderen Mieter, einem künstlerisch begabtem Jungen, der am Scheideweg zwischen Verbrecher und Künstler steht, bei der Entscheidungsfindung hilft. Oder wenn er einem Holocaust-Überlebenden der immer noch nach seiner wahrscheinlich schon lange verstorbener Schwester sucht, hilft, indem er eine alte Freundin um einen Gefallen bittet. Er versucht ein guter Mensch zu sein und nicht aufzufallen. Für seine früheren Kollegen ist er tot.

Als ungefähr in der Filmmitte seine beim Geheimdienst arbeitende Freundin Susan Plummer (Melissa Leo) ermordet wird, will McCall herausfinden, wer dafür verantwortlich ist. Weil ihr Tod mit der Ermordung zweier Geheimagenten in Brüssel zusammenhängt, ist klar, wohin die Spur führt: in McCalls alte Welt. Denn er war, was Kenner des ersten „The Equalizer“-Films und der legendären TV-Serie „The Equalizer“ wissen, vorher ein Geheimagent. Während dieser Arbeit verübte er Verbrechen, die sein Gewissen immer noch belasten. Nach dem Ende seiner Agentenkarriere zog er sich deshalb zurück und versucht jetzt Menschen zu helfen. So will er, als sei Gott ein penibler Buchhalter, seine Schuld abzutragen. Der deutsche TV-Serientitel „Der Equalizer – Der Schutzengel von New York“ (gedreht in den Achtzigern, als Manhattan wahrlich einen Schutzengel benötigte) brachte das gut auf den Punkt. Im ersten „The Equalizer“-Film übernahm Denzel Washington die Rolle des Schutzengels und Antoine Fuqua inszenierte den ruhigen Thriller, in dem McCall eine Teenager-Prostituierte vor der Russenmafia rettet.

Vier Jahre später spielt Washington wieder McCall und Fuqua inszeniert wieder den Film. Für beide ist es in ihrer Karriere die erste Fortsetzung und in Interviews schloss Fuqua einen dritten Film nicht aus. Richard Wenk schrieb wieder das Drehbuch. Damit ist an wichtigen Positionen für eine hohe Kontinuität gesorgt und die Ankündigung, dass wir dieses Mal mehr über McCalls Vergangenheit erfahren, macht neugierig.

Aber viel Neues erfahren wir dann doch nicht und gerade die Suche nach Plummers Mörder wird von Fuqua als wenig überraschendes Tätersuchspiel in der altbekannten Rätselkrimitradition erzählt. Schon damals war das Motiv denkbar uninteressant. In „The Equalizer 2“ ist es nicht anders. Denn als Motiv für die Morde gibt es letztendlich nur ein „Es war ein Auftrag“. Dabei sparte die TV-Serie nicht mit politischen Anspielungen und politischen Geschichten, in denen östliche und westliche Geheimdienste involviert waren. In seinen früheren Filmen sprach Fuqua immer wieder politische Themen an. Hier verzichtet er im Hauptplot vollkommen darauf. Dafür darf McCall in den ausführlich geschilderten Nebenplots als Schutzengel und gute Seele des Viertels agieren, der die Welt zu einem besseren Ort machen will. Mit Worten und, wenn diese nicht helfen, Taten.

Das Ende ist dann durchaus spektakulär. In einem wegen eines Hurrikans menschenleerem Küstendorf treffen McCall und Plummers Mörder aufeinander und McCall schaltet sie der Reihe nach aus; – wobei sie ihm mehr oder weniger unfreiwillig helfen oder in seine Fallen tappen. Dabei sind sie ihm ebenbürtige Killer. In diesen Minuten demonstriert Fuqua, wieder einmal und wie zuletzt in „Die glorreichen Sieben“, sein Faible für Action.

The Equalizer 2“ ist ein ruhiger Thriller, der sich viel Zeit (eigentlich schon zu viel Zeit) für die vorhersehbaren Nebengeschichten nimmt, dabei den Hauptplot sträflich vernachlässigt und immer wieder zu pathetisch wird. Denn McCall ist der Gute Mensch des Arbeiterviertels.

The Equalizer 2 (The Equalizer 2, USA 2018)

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: Richard Wenk (basierend auf der von Michael Sloan und Richard Lindheim erfundenen TV-Serie)

mit Denzel Washington, Pedro Pascal, Ashton Sanders, Orson Bean, Bill Pullman, Melissa Leo, Jonathan Scarfe, Sakina Jaffrey, Kazy Tauginas, Garrett A. Golden

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Equalizer 2“

Metacritic über „The Equalizer 2“

Rotten Tomatoes über „The Equalizer 2“

Wikipedia über „The Equalizer 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Southpaw” (Southpaw, USA 2015)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (The Magnificent Seven, USA 2016)

Meine Besprechung von „The Equalizer – Der Schutzengel von New York: Staffel 1“ (The Equalizer, USA 1985/1986)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Agentin „Red Sparrow“ macht Jungs ganz wuschig

März 1, 2018

In der Realität die wir aus den Nachrichten kennen, sind russische Spione alte Männer mit dem Sex-Appeal einer vertrockneten Büropflanze.

In der Fiktion sehen Spione besser aus. Zum Beispiel wie Jennifer Lawrence. Und auch die Seite der Männer ist mit Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons und Ciarán Hinds sehr präsentabel besetzt. Sie spielen alle wichtige Rollen in der Verfilmung von Jason Matthews‘ Agententhriller „Red Sparrow“, der 2013 im Original erschien. 2015 gab es eine deutsche Übersetzung. Der Thriller erhielt den Edgar und den ITW Thriller Award als bester Debütroman. Die Filmrechte verkaufte er bereits vor der Publikation von „Red Sparrow“ für eine, so wird gesagt, siebenstellige Summe an Hollywood.

Der Thriller kann als eine Mischung aus Ian Fleming und John le Carré beschrieben werden. Wobei er von Fleming das Pulpige und den Sex, aber nicht das Mondäne und die Action übernommen hat. Im Roman gibt es keine Action und auch im Film muss man die Actionszenen mit der Lupe suchen. Von le Carré übernahm Matthews die komplizierten Spiegelfechtereien der Nachrichtendienste mit ihren Doppelagenten und Landesverrätern und das Wissen um die Arbeit von Geheimagenten, die er sehr akkurat beschreibt.

Das verwundert wenig. Denn vor seiner Karriere als Autor war Matthews 33 Jahre CIA-Agent.

Seit der Veröffentlichung von „Red Sparrow“ schrieb Matthews zwei weitere, bislang nicht übersetzte Agententhriller mit den Charakteren aus „Red Sparrow“; also, denen, die den Roman überleben. Damit ist genug Material für zwei weitere Filme vorhanden.

In „Red Sparrow“ geht es in schönster Agententhrillertradition um die Jagd nach einem Doppelagenten.

Die Geschichte beginnt in Moskau. Nachts trifft CIA-Agent Nate Nash (Joel Edgerton) MARBLE, einen hochrangigen SWR-Mann, der schon seit Jahren den Amerikanern brisantes Material übergibt. Zufällig werden sie bei ihrem Treffen durch eine Patrouille gestört. Nash gelingt es, die Flucht von MARBLE zu decken und mit dem brisanten Material vor seinen Verfolgern in die US-Botschaft zu flüchten.

In dem Moment weiß der russische Auslandsnachrichtendienst SWR, dass sie einen Verräter in den eigenen Reihen haben. Der Erste Stellvertretende Direktor Vanya Egorova (Matthias Schoenaerts) schlägt vor, seine Nichte auf Nash anzusetzen. Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) ist eine ehemalige Balletttänzerin, die er nach einem Tanzunfall mit einem Angebot erpresste, das sie nicht ablehnen konnte: wenn sie ihm hilft, kann ihre kranke Mutter weiterhin in der Wohnung leben und sie wird medizinisch versorgt werden. Dominika ist einverstanden. Auf einer abgelegenen Schule wird sie zu einem ‚Sparrow‘ ausgebildet. Das sind Spione, die Sex einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Im Buch gibt es etliche Sex-Szenen. Der Film ist da, trotz einiger für einen Hollywood-Mainstream-Film erstaunlich offenherziger Szenen, deutlich prüder geraten.

In Budapest (im Buch Helsinki) trifft sie Nash. Während sie versucht, von ihm Informationen über den Verräter zu erhalten, versucht Nash sie als Informantin zu gewinnen. Dabei, was ein Bruch mit allen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln ist, verlieben sie sich ineinander.

Justin Haythe hatte die undankbare Aufgabe, aus dem gut siebenhundertseitigem Roman eine Geschichte herauszudestillieren, die in zwei Stunden erzählt werden kann. In seinem Drehbuch ließ er vor allem einige Subplots und Episoden aus dem Agentenleben weg, kürzte und verdichtete sie. Das ist okay, weil der Roman sich teilweise wie die Vorlage für eine Mini-Agentenserie liest und daher teilweise arg vor sich hin plätschert. Da wird dann der Hauptplot mal links liegen gelassen, um ausführlich die Geschichte einer Senatorin, die den Russen Top-Secret-Informationen verkauft, zu erzählen. Im Film kommt sie als Komposition von zwei Buchcharakteren. Zwei Buchplots werden im Film zu einem Plot, der eigentlich nur aus einer Szene besteht, in der Mary-Luise Parker als Schnapsdrossel ihr komödiantisches Talent ausspielen kann. Eine andere Änderung ist, dass im Film die Identität von MARBLE viel später als im Buch enthüllt wird. Hier spielt Haythe, wie öfter, mit überraschenden Wendungen und Enthüllungen, während Matthews in seinem Roman für den Leser die Karten immer sehr früh aufdeckt. Die Spannung entsteht aus dem Wissen um die Pläne der verschiedenen Agenten, wie sie gegeneinanderprallen und was aus diesem Zusammenprall entsteht.

Am Filmende gibt es eine große Abweichung vom Buchende, die eine große Schwäche von Francis Lawrences Film offenlegt. Lawrence gelingt es nicht, sich zu entscheiden, welchen Konflikt er in den Mittelpunkt seiner Coming-of-Age-Geschichte stellen will. Über weite Strecken des Films folgt er der umfangreichen und verzweigten Romangeschichte, ohne den Mut zu finden, den Film auf schlanke zwei Stunden zu kürzen. So ist „Red Sparrow“ mit 140 Minuten länger als nötig geraten. Zu oft plätschert die Geschichte vor sich hin. Die Charaktere sind für einen Agententhriller der le-Carré-Schule zu eindimensional. Die sexy Spionin, die Sex und Kampfkunst miteinander verbindet, ist schön anzusehen, aber nicht abendfüllend. Die Doppelspiele der Spione mit ihren Landesverrätern, Doppelagenten und Intrigen sind dann doch nicht so reizvoll. Jedenfalls wenn unklar ist, ob eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Rachegeschichte, eine Liebesgeschichte oder eine traditionelle Agentengeschichte mit viel Verrat und Gegenverrat bei der Suche nach einem Verräter im Mittelpunkt stehen soll.

Am Ende ist „Red Sparrow“ die zu lang geratene, sehr gediegene Version eines Pulp-Agententhrillers, in der Lawrence nach drei „Tribute von Panem“-Filmen Jennifer Lawrence wieder sehr fotogen in Szene setzt.

Red Sparrow (Red Sparrow, USA 2018)

Regie: Francis Lawrence

Drehbuch: Justin Haythe

LV: Jason Matthews: Red Sparrow, 2013 (Operation Red Sparrow, Red Sparrow)

mit Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Charlotte Rampling, Mary-Louise Parker, Ciarán Hinds, Joely Richardson, Bill Camp, Jeremy Irons, Thekla Reuten, Sakina Jaffrey, Sebastian Hulk

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Jason Matthews: Red Sparrow

(übersetzt von Michael Benthack)

Goldmann, 2018

672 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Operation Red Sparrow

Goldmann, 2015

Originalausgabe

Red Sparrow

Scribner, Simon & Schuster, New York, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Red Sparrow“

Metacritic über „Red Sparrow“

Rotten Tomatoes über „Red Sparrow“

Wikipedia über „Red Sparrow“ (deutsch, englisch) und Jason Matthews

Meine Besprechung von Francis Lawrences „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ (The Hunger Games: Catching Fire, USA 2013)

 


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