„Das Science Fiction Jahr 2015“ auf dem „Weg zum Mars“

Dezember 2, 2015

Das Science Fiction Jahr 2015 - 2Mamczak - Pirling - Der Weg zum Mars

Dass Science-Fiction oft mehr mit Fiction als mit Science zu tun hat, wissen Science-Fiction-Fans natürlich auch ohne den äußerst beliebten Krieg der Sterne. Dennoch interessiert sie immer auch der wissenschaftliche Teil und zwischen Erfindungen aus Science-Fiction-Welten (wie der grandiosen „Raumschiff Enterprise“-Idee mit dem Beamen) und den wissenschaftlichen Entdeckungen und Erfindungen besteht, wie bei kommunizierenden Röhren, ein Zusammenhang. So tummelten sich früher auf dem Mars viele Lebewesen und es gab sogar Invasionen vom Mars, während wir heute wissen, dass der Mars ein ziemlich toter Planet ist. Dennoch übt er spätestens seit Ridley Scotts erfolgreicher, vor wenigen Wochen in unseren Kinos gestarteter Verfilmung von Andy Weirs Roman „Der Marsianer“, der ebenfalls ein Bestseller ist, eine große Faszination aus, die sich dieses Jahr auch im seit 1986 erscheinendem Jahrbuch „Das Science Fiction Jahr“ und dem populärwissenschaftlichem Sachbuch „Der Weg zum Mars – Aufbruch in eine neue Welt“ niederschlägt.
Dieses Jahr erschien „Das Science Fiction Jahr“ erstmals nicht mehr bei Heyne, sondern bei Golkonda. Aber die Macher, die Herausgeber (jetzt Hannes Riffel und Sascha Mamczak) und die Autoren, veränderten sich kaum und die bewährte Struktur wurde auch in der dreißigsten Ausgabe beibehalten, außer dass dieses Mal die Essays zwischen den Blöcke mit den Rezensionen von Bücher (unter anderem Weirs „Der Marsianer“), Comics, Games, Filmen und Hörspielen sind und dass es in den Rezensionsblöcken neben den Einzelrezensionen auch Sammelbesprechungen gibt. Bei den Essays gibt es den gewohnten Mix aus wissenschaftlichen Artikeln (über die Zukunft des 3-D-Drucks), Essays (unter anderem Kameron Hurleys mit dem Hugo Award ausgezeichnetes Essay über Frauen in SF-Geschichten oder John Clutes Essay über Ruinen und Zukünftigkeit), Hintergrundberichten (unter anderem zu den „Guardians of the Galaxy“, den Anfängen der Space Opera und die Behandlung des Ersten Weltkriegs in SF-Geschichten), längeren Analysen (zu Christopher Nolans „Interstellar“, der hier nicht gut wegkommt) und es gibt ein sehr lesenswertes Interview mit Andy Weir.
Dennoch markiert das diesjährige Jahrbuch den vielleicht größten Einschnitt in der Geschichte des Jahrbuchs. Denn der langjährige Herausgeber und Gründer des Jahrbuchs, Wolfgang Jeschke, starb am 10. Juni 2015. Deshalb entstand der neue Schwerpunkt „In Erinnerung an Wolfgang Jeschke“ mit zahlreichen Nachrufen, die noch einmal eindrücklich seine Bedeutung für die deutsche Science-Fiction-Szene aufzeigen.

Vor einigen Jahren hätte es passieren können, dass der von Sascha Mamczak und Sebastian Pirling (yep, beide sind bekannt als Mit-Herausgeber vom „Science Fiction Jahr“) herausgegebene „Der Weg zum Mars – Aufbruch in eine neue Welt“ in leicht geänderter Form im „Das Science-Fiction-Jahr“ gelandet wäre.
In dem Sachbuch wird anhand einer fiktiven Mars-Mission geschildert, wie eine solche Mission abläufen könnte. Welche Herausforderungen und Probleme es gibt.
In drei Teilen schildern Elisabeth Bösl („Vor dem Start“), Sebastian Pirling („Der Flug“) und Uwe Neuhold („Auf dem Mars“) die einzelnen Abschnitte einer solchen Mission. Dabei ist Bösls Teil, die die Informationen in eine fiktive Pressekonferenz packt, der langweiligste Teil. Bei den beiden anderen Teilen gelingt das Vermitteln von Informationen anhand einer rudimentären Rahmenerzählung deutlich besser. Pirling und Neuhold greifen dabei auch auf Informationen und Erfahrungen von schon stattgefundenen Raumflügen und längeren Isolationsstudien in abgeschlossenen Laboren zurück. Und, auch das lernen wir, bei so einem Flug sind Körpergerüche und die Ausscheidungen ein großes Thema.
Im Anhang finden sich zusätzliche Informationen zum Wahrheitsgehalt von Andy Weirs „Der Marsianer“ (sehr hoch), den zehn besten Mars-Romanen und weiterführenden Informationen.
Insgesamt ist „Der Weg zum Mars“ eine lohnende Lektüre für alle, die nach dem Buch und dem Film noch etwas Marsluft schnuppern wollen. „Das Science Fiction Jahr 2015“ ist, wie die vorherigen Bände, sowieso ein Pflichtkauf für den Science-Fiction-Fan.

Hannes Riffel/Sascha Mamczak (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2015
Golkonda, 2015
648 Seiten
29,90 Euro

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling (Hrsg.): Der Weg zum Mars – Aufbruch in eine neue Welt
Heyne, 2015
304 Seiten
9,99 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) “Das Science-Fiction-Jahr 2013”

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes „Das Science Fiction Jahr 2014“

Meine Besprechung von Sascha Mamczaks „Die Zukunft“ (2014)

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Neu im Kino/Filmkritik: Über Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“

Oktober 8, 2015

Nachdem die letzten Filme von Ridley Scott aus verschiedenen Gründen nicht überzeugten, obwohl „The Counselor“ einige fanatische Fans hat, kehrt Ridley Scott mit „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ wieder in die Welt zurück, die ihm seine größten Erfolge bescherte: den Weltraum. Dieses Mal mit einem Science-Fiction-Film, der die Betonung auf „Science“ legt.
In naher Zukunft wird die bemannte Mission „Ares III“ auf den Mars geschickt. Am achtzehnten Tag der Mission gibt es einen Sturm (das ist der Fiction-Part des Films). Die sechs Astronauten verlassen Hals über Kopf den Planeten. Mark Watney (Matt Damon) wird dabei verletzt und, weil Captain Melissa Lewis (Jessica Chastain) von ihm keine Lebenszeichen mehr erhält, lässt sie Watneys Leiche zurück.
Aber er ist nicht tot.
Er kehrt in das Habitat zurück und macht dann das, was jeder gute Amerikaner tut: er kämpft. Er rationiert seine Lebensmittel, er beginnt Kartoffeln anzubauen (was gar nicht so einfach ist, aber Watney ist ein Botaniker) und er nimmt Kontakt zur NASA auf. Was auch nicht so einfach ist. Denn es gibt keine Funkverbindung.
„Der Marsianer“ basiert auf dem Überraschungserfolg von Andy Weir. Er veröffentlichte den faktenversessenen Science-Fiction-Roman, vor einer steigenden Leserschar, zuerst als Fortsetzungsroman im Internet. Dann bei Amazon als E-Book und, weil es sich phänomenal verkaufte, bei dem großen Verlag Crown Publishing als gedrucktes Buch. Hollywood kaufte, wie wahrscheinlich bei jedem Bestseller, die Verfilmungsrechte und, über einige im Filmgeschäft normale Umwege, gelangte das Drehbuch in die Hände von Ridley Scott, dem Regisseur von „Alien“ und „Blade Runner“, der mit „Der Marsianer“ eine klassische Abenteuergeschichte erzählt. Robinson Crusoe auf dem Mars, nur ohne Affen und Außerirdische, aber dafür mit vielen Fakten.
Neben Watneys Kampf gegen den lebensfeindlichen Planeten gibt es zwei weitere Erzählstränge. Der eine spielt auf der Erde und erzählt wie die NASA, nachdem sie erfahren hat, dass Watney noch lebt, versucht, ihn zu retten, was angesichts der riesigen Entfernungen und der Zeit, die eine Rettungsmission benötigt, ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen ist. Der andere spielt im Raumschiff und erzählt, wie Lewis und die anderen Astronauten reagieren, als sie erfahren, dass ihr Kamerad Watney noch lebt. Dieser Erzählstrang wird allerdings lange vernachlässigt und er wirkt, weil wir nur erfahren, was Astronauten während des langen Flugs in ihrem Schiff machen, über weite Strecken etwas forciert.
Mit 144 Minuten ist „Der Marsianer“ auch zu lang geraten. Immerhin hat die Geschichte, trotz der zahlreichen Hindernisse, die der zupackende und grundoptimistischen Watney überwinden muss, keine großen Überraschungen oder Wendungen. Scott hätte die Geschichte problemlos in zwei Stunden erzählen können. Trotzdem plant er, wie auch bei einigen seiner anderen Filme, für die DVD-Auswertung eine um zwanzig Minuten längere Fassung.
Das gesagt ist „Der Marsianer“ einer der gelungensten und schönsten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre. Das liegt an den nur sparsam eingesetzten Spezialeffekte, der glaubwürdigen Geschichte und dem sorgfältigen Umgang mit Fakten. Im Gegensatz zu Christopher Nolans „Interstellar“, der letztes Jahr ja mit seiner Faktentreue hausieren ging und am Ende nur eine verquere Familienzusammenführung aus dem Reich der Phantasie erzählte, bleibt Ridley Scott bis zum Ende bei den Fakten. Die sind ja auch dramatisch genug.

Der Marsianer - Plakat
Der Marsianer – Rettet Mark Watney (The Martian, USA 2015)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Drew Goddard
LV: Andy Weir: The Martian, 2011/2014 (Der Marsianer)
mit Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wig, Jeff Daniels, Michael Pena, Kate Mara, Sean Bean, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Chiwetel Ejiofor, Donald Glover, Benedict Wong, Mackenzie Davis
Länge: 144 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der Marsianer“
Moviepilot über „Der Marsianer“
Metacritic über „Der Marsianer“
Rotten Tomatoes über „Der Marsianer“
Wikipedia über „Der Marsianer“ (deutsch, englisch)
Homepage von Andy Weir

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Ridley Scott in der Kriminalakte

Nachtrag 1 (10. Oktober 2015)

Das Science Fiction Jahr 2015

In „Das Science Fiction Jahr 2015“, herausgegeben von Hannes Riffel (neu dabei) und Sascha Mamczak (schon länger dabei), erstmals im Golkonda Verlag (nachdem es fast dreißig Jahre bei Heyne erschien), ohne große Veränderungen – und, ja, die Tage, wenn ich mehrere Texte gelesen habe, gibt es eine ausführliche Besprechung –, aber schon jetzt will ich auf einen lesenswerten Text hinweisen.
In dem Sammelband ist ein 13-seitiges, interessantes Interview mit Andy Weir, dem Autor von „Der Marsianer“ über seinen Roman und alles, was damit zusammen hängt. Also wie er recherchierte, wie er sein Debüt schrieb, was er von Marsmissionen hält, wie sie möglich sind und welche Herausforderungen und Gefahren es gibt, wer seine schriftstellerischen Vorbilder sind, wer sein Lieblings-Doctor-Who ist und wie er in die Verfilmung involviert war.
Lesenswert!

Hannes Riffel/Sascha Mamczak (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2015
Golkonda, 2015
648 Seiten
29,90 Euro

Nachtrag 2 (10. Oktober 2015)

Weir - Der Marsianer - Movie-Tie-In - 4

Eigentlich wollte ich den für den John W Campbell Memorial Award nominierten Roman ja vor dem Filmstart lesen, aber er ist eben erst bei mir eingetroffen und der dringliche Hauptlesegrund hat sich ja am Donnerstag erledigt.
Für den Filmstart hat Heyne dem Bestseller eine Filmausgabe spendiert, die sich nur durch das Cover von der vorherigen Ausgabe unterscheidet.

Andy Weir: Der Marsianer – Rettet Mark Watney
(übersetzt von Jürgen Langowski)
Heyne, 2015
512 Seiten
999 Euro

Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2014

Originalausgabe
The Martian
2011 (online)
(gedruckt 2014 bei Crown und Del Rey)

Nachtrag 3 (15. Oktober 2015)

DP/30 unterhält sich mit Ridley Scott über „Der Marsianer“ und den ganzen Rest


Bücher, die man nicht lesen kann –

März 23, 2015

– jedenfalls nicht in einem Rutsch. Denn sie sind teils zu umfangreich, teils bestehend aus zu vielen kurzen Texten, die, wenn man zu viele von ihnen hintereinander liest, wie eine Schachtel Pralinen wirken: Übersättigung.


Das kann einem besonders leicht bei den in „Liebling, ich bin im Kino!“ gesammelten Filmkritiken von Michael Althen passieren. Am 12. Mai 2011 starb Althen mit 48 Jahren. Er schrieb für die Süddeutsche Zeitung, Tempo, Die Zeit und, zuletzt, die Frankfurter Allgemeinene Zeitung über Filme, Regisseure, Schauspieler und Schauspielerinnen.
In dem von Claudius Seidl herausgegebenem Buch sind Texte gesammelt, die Michael Althen in den verganenen Jahrzehnten schrieb und die neugierig auf die besprochenen Filme machen; was auch daran liegt, dass für „Liebling, ich bin im Kino!“ vor allem positive Besprechungen von anerkannt guten und bekannten Filmen, wie „Casino“, „Mystic River“, „Robocop“, „Eyes Wide Shut“, „Ben Hur“, „Der Totmacher“ und „Funny Games“, abgedruckt sind. Daher wird ein gestandener Cineast hier kaum Neues entdecken, sondern altes wieder entdecken. Und natürlich kann man einen Vergleich zwischen Althens damaligen Betrachtungen, die normalerweise zum Filmstart entstanden, und der heutigen Bewertung der Filme und Schauspieler, wie Tom Cruise (1989 porträtiert) und Clint Eastwood (1992 porträtiert), ziehen. Denn wer hätte 1989 oder 1992 gedacht, dass Tom Cruise und Clint Eastwood heute immer noch erfolgreich Filme machen und sie seitdem einige veritable Klassiker nachlegten?
Regisseur Tom Tykwer schrieb das Vorwort „Der Mann, der das Kino liebte“.
Althen - Liebling ich bin im Kino - 2
Michael Althen: Liebling, ich bin im Kino! – Texte über Filme, Schauspieler und Schauspielerinnen
(Herausgegeben von Claudius Seidl)
Blessing, 2014
352 Seiten
19,99 Euro

Hinweise
Homepage über Michael Althen (mit Filmkritiken,…)
Wikipedia über Michael Althen


Filmkritiken schrieb auch Jean-Patrick Manchette. Einige von ihnen sind in „Portrait in Noir“ abgedruckt. Neben mehreren Kurzgeschichten, einigen Selbstauskünften und dem Drehbuch „Irrungen und Zerfall der Todestanztruppe“, das sogar als „Les Petits-enfants d’Attila“ verfilmt wurde. Manchette war von dem Ergebnis, das mit seinem Drehbuch wohl nichts mehr zu tun hatte, nicht begeistert. Anscheinend sind auch alle Kopien des Films vernichtet.
Der von Doug Headline herausgegebene Sammelband richtet sich vor allem an die Manchette-Fans, die bereits alle seine Romane (Lesebefehl!) kennen und sich jetzt auch für seine Ausführungen zum Kriminalroman, seine Kurzgeschichten (die weniger als Geschichten, sondern eher als Skizzen für Romane oder formale Übungen funktionieren) und seine Filmkritiken, die er für „Charlie Hebdo“ (eine Zeitung, die man inzwischen bei uns nicht mehr vorstellen muss) schrieb, interessiert.
Manchette-Einsteiger sollten dann doch eher mit einem seiner Romane oder dem unlängst erschienem Comic „Fatale“ (Schreiber & Leser), der auf seinem Roman „Fatal“ (Fatale, 1977) basiert, beginnen.
Manchette - Portrait in Noir - 2
Jean-Patrick Manchette: Portrait in Noir
(Herausgegeben von Doug Headline, mit einem Nachwort von Dominique Manotti)
(übersetzt von Leopold Federmair)
Alexander Verlag, 2014
256 Seiten
28 Euro

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans „Der Mann mit der roten Kugel“ (L’homme au boulet rouge, 1972)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte

Bleiben wir beim Film. Das Wiener Filmmuseum veröffentlichte parallel zur Retrospektive, die vom 16. Oktober bis zum 30. November 2014 lief, den Sammelband „John Ford“. Er enthält die Essays „Passage durch Filme von John Ford – Vierter Teil“ (von Hartmut Bitomsky), „Das weiße Tuch am O. K. Corral“ (von Susanne Röckel) und „The Old Masters: John Ford, John Ford and John Ford“ (von Harry Tomicek), die ungefähr die Hälfte des reichhaltig bebilderten Buches ausmachen, und zu vielen seiner 124 Filme informative Textzusammenstellungen aus Interviews mit John Ford und mehr oder weniger neue Kritiken. In dem Buch werden so fast fünfzig Ford-Werke vorgestellt, die auch Teil der Retrospektive waren, und die einen Bogen von seinen Anfängen als Stummfilmregisseur bis zu seinem Alterswerk, von Klassikern bis hin zu unbekannten Filmen, spannen.
John Ford inszenierte, unter anderem, „Stagecoach“ (Ringo, Höllenfahrt nach Santa Fé), „Young Mr. Lincoln“ (Der junge Mr. Lincoln), „Fort Apache“ (Bis zum letzten Mann), „She wore a yellow Ribbon“ (Der Teufelshauptmann), „Rio Grande“ (Rio Grande), „The Searchers“ (Der schwarze Falke), „Two rode together“ (Zwei ritten zusammen), „The Man who shot Liberty Valance“ (Der Mann, der Liberty Valence erschoß) und „Cheyenne Autumn“ (Cheyenne).
Während Althens Kritiken zum Wiedersehen von einigen Filmklassikern einladen, lädt „John Ford“ zu einer persönlichen Werkschau des vor allem für seine Western bekannten Regisseurs ein.
Viennale - Retrospektive John Ford - 2
Österreichisches Filmmuseum/Viennale: John Ford
(herausgegeben von Astrid Johanna Ofner und Hans Hurch)
Schüren, 2014
248 Seiten
19,90 Euro

Hinweise
Rotten Tomatoes über John Ford
Wikipedia über John Ford (deutsch, englisch)


Auch in Berlin gibt es Retrospektiven. Zum Beispiel im Zeughauskino/Deutsches Historisches Museum. Dort lief im letzten Jahr eine Reihe von Filmen von Robert Siodmak (1900 – 1973), der zwar nicht so bekannt wie Fritz Lang (ein anderer deutscher Regisseur, der während der Hitler-Diktatur über Frankreich nach Hollywood flüchtete) ist. Aber auch er hat einige bekannte, sehenswerte und wichtige Filme inszeniert. Zum Beispiel „Menschen am Sonntag“ (1930), „Voruntersuchung“ (1931), „Phantom Lady“ (1944), „The dark Mirror“ (1946), „The Killers“ (1946), „Cry of the City“ (1948), „Criss Cross“ (1949), „The File on Thelma Jordan“ (1950) (ja, er ist einer der großen Noir-Regisseure), „Die Ratten“ (1955), „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957), „Der Schut“ (1964) und, sein letztes Werk, der Zweiteiler „Kampf um Rom“ (1968/1969).
In dem vom Deutschen Historischem Museum herausgegebenem Sammelband „Robert Siodmak“ sind, in überarbeiteter Form, acht Vorträge enthalten, die von Wolfgang Jacobsen, Chris Wahl, Frederik Lang, Karl Prümm, Ralph Eue, Lukas Foerster und Claudia Mehlinger begleitend zur Retrospektive zu einzelnen Filmen gehalten wurden. Deshalb konzentrieren sie sich auf Aspekte, die bei den Filmen wichtig waren. So geht es um die am Anfang des Tonfilms populären Sprachversionsfilme (bei denen für verschiedene Länder im gleichen Set verschiedene Fassungen des Films mit verschiedene Schauspielern gedreht wurden), die in Japan unlängst entdeckte Fassung von „Stürme der Leidenschaft“ (die mit den bekannten Fassungen verglichen wird), Siodmaks musikalische Komödie „La Crise est Finie!“ (Die Krise ist vorbei), „Cobra Woman“ (Die Schlangenpriesterin), „Christmas Holiday“ (Weihnachtsurlaub) und „Die Ratten“.
Und die während der Retrospektive gezeigten Filme werden knapp (jeweils so eine halbe Seite) vorgestellt.
Insgesamt richtet sich „Robert Siodmak“ eher an Cineasten, die gut damit leben können, dass das Buch sich eklektisch auf Nebenaspekte konzentriert. Aber vielleicht ist der lesenswerte Sammelband die Initialzündung für ein umfassendes Buch über Robert Siodmak.
Zeughauskino - Robert Siodmak - 2
Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Robert Siodmak
Schüren Verlag, 2015
112 Seiten
14,90 Euro

Hinweise
Rotten Tomatoes über Robert Siodmak
Wikipedia über Robert Siodmak (deutsch, englisch)
Filmportal über Robert Siodmak
Noir of the Week über Robert Siodmak

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Zeuge gesucht” (Phantom Lady, USA 1943)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Der schwarze Spiegel” (The dark mirror, USA 1946)

Das Science Fiction Jahr 2014 - 2

Einige Filmkritiken gibt es auch im „Das Science-Fiction-Jahr 2014“. Neben den Filmkritiken gibt es auch Buch-, Comic-, Hörspiel- und Spielekritiken, verschiedene Marktübersichten, Preisträgerlisten, einige kürzere Nachrufe (unter anderem auf James Herbert, Tom Clancy, Doris Lessing, H. R. Giger und Jay Lake) und längere Texte zu verschiedenen Aspekten des Genres in all seinen Facetten. David Brin schreibt über verschiedene Zukunftsentwürfe, Gregory Benford über die intelligente Drahtloswelt von morgen, Ralf Reiter über den viel zu jung verstorbenen Science-Fiction- und Thrillerautor Iain Banks, John Kessel über die fatale Moralkonstruktion in Orson Scott Cards „Enders Spiel“, David Hughes über Pierre Boulles Roman „Planet der Affen“ und wie er zum Grundstein einer unendlichen Filmsaga wurde und David L. Ferro und Eric G. Swedin schreiben über eine Logik namens Internet und wie die 1946 erschienene Kurzgeschichte „A Logic named Joe“ (Ein Logic namens Joe) von Will F. Jenkins die digitalisierte Welt vorhersah. Peter Seyferth macht sich Gedanken über das utopische Gedankengut in neuen Science-Fiction-Werken.
Das ist, wie immer, eine gewohnt inspirierende und in jeder Beziehung grenzüberschreitende Lektüre.
Es ist – das ist die traurige Meldung – das letzte Science-Fiction-Jahrbuch, das im Heyne-Verlag erscheint. 1986 erschien das erste „Das Science Fiction Jahr“ und schon damals war es ein Liebhaberprojekt, das damals für ein Taschenbuch unverschämte 16,80 Deutsche Mark kostete. Im Vorwort des aktuellen Jahrbuch schreiben die Herausgeber Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke, dass „Das Science Fiction Jahr 2014“ die letzte Ausgabe ist, die im Heyne-Verlag erscheint. Fast dreißig Jahre blieb der Verlag ihm, gegen alle Wahrscheinlicheit, verbunden. Denn billig oder besonders Hosentaschentauglich war das Buch nie. Und ein Bestseller sicher auch nie.
Die gute Meldung ist, dass schon in diesem Jahr der Golkonda-Verlag das Jahrbuch unter der Federführung von Hannes Riffel herausgeben wird und es beim bewährten Aufbau, also der Mischung aus wisschenschaftlichen Texten, Essays, Interviews, Hintergrundberichten zu Autoren und Filmen und Kritiken bleiben soll.

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2014
Heyne, 2014
976 Seiten
36,99 Euro

Hinweise

“Die Zukunft” bloggt bei Heyne

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) “Das Science-Fiction-Jahr 2013″

Meine Besprechung von Sascha Mamczaks „Die Zukunft – Die Einführung“ (2014)

Bleiben wir in der zukünftigen Welt, gemischt mit einer ordentlichen Portion Horror: Bei Heyne erschien, zusammengestellt von Sascha Mamczak, der Sammelband „Ich muss schreien und habe keinen Mund“, der zwanzig Geschichten von Harlan Ellison enthält, die er zwischen 1965 und 1993 schrieb. Auch seine bekannteste Geschichte „Ein Junge und sein Hund“ (A Boy and his Dog, 1969) ist dabei. Sie wurde 1975 von L. Q. Jones als „A Boy and his Dog“ (Der Junge mit dem Hund; Der Junge und sein Hund; In der Gewalt der Unterirdischen) mit Don Johnson und Jason Robards verfilmt. Das ziemlich abgedrehte Werk gewann damals einen Hugo und hat Kultstatus.
Und so schön Kurzgeschichten auch sind, wahrscheinlich wird niemand fünf, sechs, sieben Kurzgeschichten hintereinander lesen. Sie sind eher der kleine Zwischenhappen, der in fremde Welten entführt. Mal mehr, mal weniger fantastisch, mal mehr, mal weniger gruselig und nie einem literarischem Experiment abgeneigt, was über die kurze Strecke besser funktioniert als über Romanlänge.
Ellison - Ich muss schreien und habe keinen Mund - 2
Harlan Ellison: Ich muss schreien und habe keinen Mund – Erzählungen
(Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sascha Mamczak)
Heyne, 2014
672 Seiten
18,99 Euro

Hinweise

Homepage von Harlan Ellison

YouTube-Kanal von Harlan Ellison

Wikipedia über Harlan Ellison (deutsch, englisch)


Natürlich ist auch das neue Buch „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv“ von Wiglaf Droste nicht in einem Stück lesbar. Auch wenn man die 250 Seiten locker an einem langen Abend lesen könnte. Aber das wäre dann wie das Fressen von einem halben Dutzend edler Pralinenpackungen.
Besser, man liest Drostes zwei- bis dreiseitigen Glossen und Betrachtungen über das moderne Leben in kleinen Dosen. Vielleicht eine pro Tag. Anstelle des Morgengebetes. Dann hat man mit dem Buch bis weit in den Sommer einen zuverlässigen Begleiter durch die Tiefen und Untiefen der deutschen Sprache und den Umgang mit ihr.
Droste - Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv - 2
Wiglaf Droste: Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv – Neue Sprachglossen
Goldmann, 2015
256 Seiten
8,99 Euro

Erstausgabe
Verlag Klaus Bittermann, 2013

Hinweise

Tourmanagement von Wiglaf Droste

Homepage von „Häuptling Eigener Herd“

Homepage von MDR Figaro

Wikipedia über Wiglaf Droste

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes „Im Sparadies der Friseure“(2009/2010)

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes „Sprichst du schon oder kommunizierst du schon? (2012/2013)


Sascha Mamczak macht sich Gedanken über „Die Zukunft“

Juni 11, 2014

Mamczak - Die Zukunft - 2

Wer in Büchern das Kleingedruckte liest und wer Vorworte liest, dem sagt Sascha Mamczak etwas. Er ist nämlich seit über zehn Jahren der Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, die es jetzt schon über ein halbes Jahrhundert gibt; was deutlich länger ist, als die Krimireihen bei verschiedenen Verlagen. Dabei gelingt der Heyne-Science-Fiction-Reihe immer noch der Spagat zwischen Klassikern, literarischer Science-Fiction (also den Romanen, die auch die minimale Chance auf eine Besprechung im Feuilleton haben), Weltraumopern und aktuellen Trends (wie Zombies und Genre-Mischformen), zwischen bekannten Namen und Neuentdeckungen. Als Liebhaberprojekt erscheint dort seit fast dreißig Jahren das Jahrbuch „Das Science-Fiction-Jahr“. Die nächste Ausgabe ist für August angekündigt und wird, wie die vorherigen Bände, von Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke, dem legendären und langjährigen Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, herausgegeben.
Vor dem Jahrbuch machte Sascha Mamczak sich in dem schmalen Band „Die Zukunft – Eine Einführung“, der auch als Begleitband zu der Jubiläumsausgabe von fünf Neuauflagen von Science-Fiction-Klassikern, dient, Gedanken über die Zukunft. Also nicht seine persönliche Zukunft, sondern darüber was der Begriff „Zukunft“ im Gegensatz zu „Gegenwart“ und „Vergangenheit“ bedeutet. In dem Essay versucht er den Begriff zu klären und stellt dabei verschiedene wissenschaftliche und literarische Konzepte vor. Er leitet den Begriff historisch her, von Gesellschaften, die noch keine Vorstellung von Zukunft hatten, hin zu Gesellschaften, die die Zukunft gestalten wollen. Es gibt auch einen sehr kurzten Ritt durch die Geschichte der Science-Fiction-Literatur und einige Bemerkungen zur Zukunftsforschung.
Das ist vor allem in der ersten Hälfte, wenn Mamczak versucht, den Begriff zu klären, mühsam zu lesen. Denn wie soll man etwas erklären, das man nicht wirklich erklären kann? Dass in diesen Momenten der Gedanke und die Argumentation nicht besonders klar ist und dass Mamczak in schönster deutscher Tradition Bandwurmsätze schreibt (wie ich jetzt), hilft in diesen Kapiteln nicht. In der zweiten Hälfte, wenn er auch eine kleine Literaturgeschichte schreibt und chronologisch voranschreitet, wird es besser. Hier gibt es zahllose, den Fans bekannte Beispiele aus der Literatur und wie diese mit der Wirklichkeit zusammenhängen. Vor allem natürlich als Utopien, die mal eine „Brave New World“, mal „1984“ zeichneten, auch mal hoffnungsvoll utopisch waren und die alle irgendwie die Zukunft vorhersahen. Jedenfalls Teile davon. Trotzdem irrten Science-Fiction-Autoren und Zukunftsforscher sich auch oft. Wobei manche Irrtümer auch erfolgreiche Warnrufe gewesen sein können, wie der legendäre Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums.
Dank der Kürze ist „Die Zukunft – Eine Einführung“ eine schnelle und auch inspirierende Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Es ist allerdings kein Begleitbuch zu den fünf „Bücher, die Zukunft machen“, die gleichzeitig als Jubiläumsausgaben erschienen. Mamczak erwähnt sie – außer William Gibsons „Neuromancer“ (enthalten in „Die Neuromancer-Trilogie“) – überhaupt nicht. Es ist ein Essay, das sich schreibend seinem Begriff nähert und versucht diesen schreibend zu erfassen. Das ist allerdings ein philosphischer Stil, der mir nicht sonderlich gefällt, weil er zum mäandern einladt.
Wie dieser Text.

Sascha Mamczak: Die Zukunft – Eine Einführung
Heyne, 2014
112 Seiten
8,99 Euro

Die „Bücher, die Zukunft machen“
Zum fünfzigjährigem Bestehen der Heyne-Science-Fiction-Reihe gibt es einige Science-Fiction-Klassiker mit einem neuen Umschlag. Science-Fiction-Fans dürften die Romane schon in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben. Etliche erschienen auch 2000 zum vierzigjährigem Bestehen der Reihe, damals noch mit Vorworten von bekannten Science-Fiction-Autoren, wie Stephen Baxter, Jack Womack, Kim Stanley Robinson, Ben Bova, Davd Brin und Norman Spinrad.
In der Edition „50 Jahre Science Fiction bei Heyne“ (wie der Sticker verrät) sind jetzt erschienen:

Le Guin - Die linke Hand der Dunkelheit - 2014 - 2Haldeman - Der ewige Krieg - 2014 - 2
Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit
Joe Haldeman: Der ewige Krieg

Gibson - Die Neuromancer-Trilogie - 2014 - 2Banks - Bedenke Phlebas - 2014 - 2
William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
Iain Banks: Bedenke Phlebas

Glukhovsky - Metro 2033 - Metro 2034 - 2014 - 2
Dmitry Glukhovsky: Metro 2033/Metro 2034
Eine feine Auswahl und ein guter Einstieg in die Welt der Zukunftsliteratur.

Hinweise

„Die Zukunft“ bloggt bei Heyne

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2013“


Angelesen und aufgeblättert

Dezember 31, 2013

Das Jahresende ist eine genauso gute Gelegenheit, wie jeder andere Tag, den Schreibtisch aufzuräumen und die ganzen Bücher, die ich in den vergangenen Monaten aus verschiedenen Gründen nicht abfeiern konnte, oder immer noch nicht vollständig gelesen habe (und ich abschätzen kann, dass ich sie die nächsten Tage nicht fertig lesen werde), wenigstens kurz zu besprechen. Immerhin ist mein bisheriger Eindruck von den angelesenen Werken gut.

Droste - Sprichst du noch oder kommuniziert du schon - 2

Apropos „angelesen“. Das ist natürlich, wie Wiglaf Droste in seiner Kolumne „Angedacht“ sagt, die Faulheit etwas selbst zu beenden. Viel lieber überlässt man die Arbeit jemand anderem. In einem Betrieb natürlich den Untergebenen.

Inzwischen habe ich seine neueste Textsammlung „Sprichst du noch oder kommunizierst du schon?“ fast zu Ende gelesen und – natürlich – sind es herrlich pointierte Sprachglossen und treffende Alltagsbeobachtungen.

Sehr empfehlenswert, wobei man die meist zwei- bis dreiseitigen Texte, wohldosiert lesen sollte. Jeden Abend einen. Oder zwei. Oder drei. Ach, einer geht noch.

Wiglaf Droste: Sprichst du schon oder kommunizierst du schon?

Goldmann, 2013

224 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Verlag Klaus Bittermann, 2012

Hinweise

Tourmanagement von Wiglaf Droste

Homepage von „Häuptling Eigener Herd“

Homepage von MDR Figaro

Wikipedia über Wiglaf Droste

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes „Im Sparadies der Friseure“(2009/2010)

Jacques - Das kleine Buch der Mafia-Weisheiten - 2

In kleinen Dosen sollte man auch „Das kleine Buch der Mafia-Weisheiten“ von Wesley Jacques lesen. In ihm sind, hübsch thematisch gebündelt, Weisheiten von echten und falschen Mafiosi (also den bekannt-beliebten Filmgangstern), weitgehend eben den üblichen Verdächtigen, enthalten.

Einige Kostproben:

Der Lauteste in einem Raum ist immer auch der Schwächste. (Frank Lucas)

Trag keine Waffe bei dir. Es ist schön, sie in der Nähe zu haben, aber trage sie nicht bei dir. Du könntest verhaftet werden. (John Gotti)

Du kannst kein Geld machen mit einer Waffe in der Hand. (Lucky Luciano – Bonano: A Godfather’s Story, 1999)

Kapitalismus ist die legitime Gaunerei der herrschenden Klasse. (Al Capone, von dem es auch weitere Gedanken zu dem Thema gibt)

Woher wollen Sie wissen, dass Sie kein Schmiergeld mögen, wenn Sie nie welches angenommen haben? Hier. (Fat Tony – Die Simpsons, 1997)

Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung. (Tony Soprano – Die Sopranos, 1999)

Mehr..

Wesley Jacques: Das kleine Buch der Mafia-Weisheiten

(übersetzt von Wolfdietrich Müller)

Lübbe, 2013

192 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

The little black Book of Mafia Wisdom

Skyhorse Publishing, 2012

Das Science Fiction Jahr 2013 - 2

Gewohnt umfangreich und informativ fällt „Das Science-Fiction-Jahr 2013“ aus: es gibt längere Nachrufe auf Boris Strugatzki, Harry Harrison und Jack Vance, mehrere Texte über das Verhältnis von Science-Fiction zur Realität, zur Wissenschaft und warum Science -Fiction so selten die Zukunft vorhersagen kann und vertiefende Texte über James Triptree jr., Ridley Scott, Frank Herberts „Der Wüstenplanet“ und die Versuche, es zu verfilmen, ein Interview mit Daniel Suarez, Cory Doctorow schreibt über „Digitale Übermütter“ und beschäftigen sich, topaktuell, mit Datensicherheit und dem Verhältnis von Computerbesitzern und -nutzern zueinander.

Es gibt, wie immer, Buch-, Comic-, Hörspiel-, Film- und Game-Kritiken, eine ausführliche Markübersicht, etliche Preisträgerlisten und mehrere kurze Nachrufe.

Gerade die Nachrufe und Autorenporträts haben die unangenehme Nebenwirkung, dass ich ins nächtsgelegene Antiquariat stürmen will. Denn die deutschen Übersetzungen der meisten Werke von Vance, Harrison („Solyent Green“ ist gerade wieder erschienen), und Triptree jr. (obwohl es da eine neue, noch nicht vollständig erschienene Werkausgabe gibt) sind nur noch dort erhältlich. In den USA sieht die Situation besser aus, aber nicht jeder kann und will die Werke im Original lesen.

Kleines Sonderlob: Am Ende der Texte gibt es erstmals kleine Autorenbiographien.

Kleiner Hinweis: Für den Frühling ist „Das Science-Fiction-Jahr 2014“ bereits angekündigt.

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science-Fiction-Jahr 2013

Heyne, 2013

992 Seiten

36,99 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak, Sebastian Pirling, Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

von Seldeneck - 111 Orte in Berlin die man gesehen haben muss - Band 2Kohl - 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Den Antiquariatsbesuch kann ich natürlich mit einem kleinen Stadtbummel verbinden und mir einige mir noch unbekannte Ecken von Berlin ansehen, die ich in „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss – Band 2“ und „111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit“ entdeckte.

Während Lucia Jay von Seldencek, Carolin Huder und Verena Eidel bei „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss – Band 2“ nach dem ersten Band und „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“ langsam überlegen müssen, welche Plätze sie noch empfehlen, hatte Paul Kohl, mit Fotografien von Nadia Boegli, für „111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit“ das gegenteilige Problem: welche der vielen Nazi-Orte sollte er nicht hineinnehmen?

Aufgebaut sind die beiden Reiseführer gleich und damit auch wie die anderen Emons-Reiseführer: pro Doppelseite wird ein Ort vorgestellt. Links mit Worten. Rechts mit einem Bild, manchmal auch zwei: ein historisches und ein aktuelles, auf dem wir oft sehen, dass die Orte sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr änderten. Gebäude wurden umgebaut, zerstört, neu gebaut, Brachen verwilderten oder wurden bebaut.

Für mich als Neu-Berliner: feine Lektüre. Die gebürtigen Berliner brauchen das Buch nicht, weil sie nie ihren Kiez verlassen.

Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidel: 111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss – Band 2

Emons, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

Paul Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Emons, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

Seesslen - Filmwissen Thriller - 2

Georg Seeßlen schreibt weiter an der Neuveröffentlichung seiner „Grundlagen des populären Films“. Erstmals erschienen die Filmbücher, die sich kundig und chronologisch mit verschiedenen Filmgenres beschäftigen, in den Siebzigern bei rororo. Seitdem gab es erweiterte Neuauflagen, zuletzt in den Neunzigern.

Damals in den Siebzigern waren die Bücher, die sich kundig mit den Filmgenres beschäftigten, für die Filmfans eine rettende Oase. Heute ist es, nach einer Blüte, wieder ähnlich. Denn Bücher, die sich kundig und analytisch mit dem Film beschäftigen, werden eigentlich nur noch von Kleinverlagen verlegt. Bei den großen Verlagen gibt es ab und an eine Starbiographie.

Als vierten Band der „Grundlagen des populären Films“-Neuveröffentlichung erschien jetzt „Filmwissen: Thriller“ und, im Vergleich zur vorherigen Ausgabe von 1995, hat sich der Umfang ungefähr verdoppelt. Das neue Kapitel „1995 – 2013: Globalisierte Stätten der Angst“ umfasst die Seiten 275 bis 508, in der er sich, weitgehend chronologisch und thematisch leicht sortiert, mit dem Thriller-Geschehen der letzten gut zwanzig Jahre beschäftigt.

Der Vorteil der von Georg Seeßlen gewählten Struktur ist, dass sie – nach dem thematischen Eingangskapitel über die mythologischen Grundlagen des Kinos der Angst – leicht erweitert werden kann. Der Nachteil ist, dass sich die chronologische Abhandlung der einzelnen Filme schnell lexikalisch liest und ein Lexikon lädt nun einmal mehr zum herumblättern als zum chronologischen Durchlesen an. Davon abgesehen: beeindruckend, welche Filmmenge der gute Mann sich ansieht.

Georg Seeßlen: Filmwissen: Thriller

Schüren, 2013

536 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Detektive (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Western (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Abenteuer (Grundlagen des populären Films)“ (2011)

Keazor HRSG - Hitchcock und die Künste - 2

Der König des Thrillers war Alfred Hitchcock. In „Hitchcock und die Künste“ sind die während der gleichnamigen Ringvorlesung in Saarbrücken 2011/2012 gehaltenen Vorträge und ein weiterer Text, reichhaltig illustriert, erschienen.

Es geht um Hitchcocks Literaturverfilmungen, das Londoner Theater der zwanziger und dreißiger Jahre, die Architektur in seinen Filmen, die Musik und den Zusammenhang zwischen Essen, Sexualität und Tod in seinen Filmen und aktuelle Auseinandersetzungen von Künstlern mit seinem Werk.

Das ist natürlich etwas speziell und eher für die Hitchcock-Fans, die sich in bestimmte Aspekte von seinem Werk vertiefen wollen. Wie mich, der die fünfte Hitchcock-Biographie nicht so reizvoll findet.

Henry Keazor (Hrsg.): Hitchcock und die Künste

Schüren, 2013

224 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Flintrop-Stiglegger HRSG - Dario Argento - 2

Irgendwo zwischen Thriller und Horror steht Dario Argento, der „Profondo Rosso“, „Susperia“, „Tenebrae“ und „Opera – Terror in der Oper“ inszenierte, dessen Werke in Deutschland allerdings kaum im Kino liefen und insgesamt, bis auf sein Debüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (einer Pseudo-Bryan-Edgar-Wallace-Verfilmung, die öfters im TV läuft), eine beeindruckende Zensurgeschichte hinter sich haben. Einen ersten Eindruck von dieser Geschichte bieten die Fassungsinformationen in Argentos Filmographie am Ende des von Michael Flintrop und Marcus Stiglegger herausgegebenen Buches „Dario Argento – Anatomie der Angst“. Es ist die erste ausführliche Auseinandersetzung mit dem Werk des Giallo- und Gothic-Horror-Regisseurs, der immer wieder ein Händchen für beeindruckende und einprägsame Bilder hatte.

In dem Buch wird, von verschiedenen Autoren (unter anderem Ivo Ritzer, Dominik Graf, Thomas Groh und Oliver Nöding) jeder Argento-Film besprochen. Es gibt vertiefende Artikel zu bestimmten Aspekten von Argentos Werk, wie Argentos Werk im Spiegel des Grand Guignol, die Musik, seine Räume, Genre und Gender, einen Vergleich zwischen Dario Argentos und Brian De Palmas Werk und natürlich sein Werk im Spiegel der deutschen Justiz.

Michael Flintrop/Marcus Stiglegger (Hrsg.): Dario Argento – Anatomie der Angst

Bertz + Fischer, 2013 (Deep Focus 16)

304 Seiten

25 Euro

Hinweise

Wikipedia über Dario Argento (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Brunow - Scenario 7

Von dem jährlichen Drehbuchalmanach „Scenario“ gibt es inzwischen die siebte Ausgabe und bislang wurde am bewährten Aufbau nichts geändert. Für die nächste Ausgabe verspricht Herausgeber Jochen Brunow einige Neuerungen.

In dem aktuellen Band gibt es, wie immer, ein ausführliches Interview mit einem Drehbuchautor (dieses Jahr Stefan Kolditz [„Dresden – Das Inferno“, Unsere Mütter, unsere Väter“], in „Scenario 5“ war es Dominik-Graf-Autor Rolf Basedow [„Hotte im Paradies“, „Im Angesicht des Verbrechens“]), Essays, Blicke in die Geschichte des Films unter besonderer Berücksichtigung des Drehbuchs (dieses Jahr unter anderem über Tonino Guerra), einige Rezensionen und das Drehbuch des Jahres: „Freistatt – Drehbuch für ein historisches Drama“, von Nicole Armbruster und Marc Brummond.

Insgesamt eine feine Lektüre, auch wenn der Fokus auf deutschsprachigen Autoren liegt und oft Neulinge über ihre ersten Werke berichten; – was nicht uninteressant ist, aber ich würde auch gerne die Gedanken von langjährigen Autoren über ihre Arbeit und vielleicht einigen Einblicken in das Leben eines Serien-TV-Autors irgendwo zwischen „Soko“, „Traumschiff“ und „Tatort“ und einem Blick auf die ökonomischen Bedingungen des Schreibens und Produzierens von Filmen und vielleicht auch einmal ein Artikel, über die Qualitäten des deutschen Fernsehens freuen. Immerhin feiert Jochen Brunow die HBO-Serie „Treme“ ab, die bislang bei uns nicht auf DVD veröffentlicht oder im TV ausgestrahlt wurde.

Jochen Brunow (Herausgeber): Scenario 7 – Film- und Drehbuchalmanach

Bertz + Fischer, 2013

336 Seiten

24 Euro

Hinweise

Homepage von Jochen Brunow

Meine Besprechung von Jochen Brunows „Scenario 3 – Film und Drehbuchalmanach“

Meine Besprechung von Jochen Brunows „Scenario 4 – Film und Drehbuchalmanach“


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