TV-Tipp für den 25. April: Der Staat gegen Fritz Bauer

April 25, 2018

Arte, 20.15

Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer möchte im Nachkriegsdeutschland den Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann vor Gericht bringen.

Spannende Geschichtsstunde

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ (Deutschland 2018)

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DVD-Kritik: „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – guter Film, gute DVD?

März 23, 2016

Zum Filmstart schrieb ich im Rahmen einer Doppelbesprechung der Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“, die zeitgleich im Kino anliefen:

In dem Biopic „Der Staat gegen Fritz Bauer“ konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.

Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.

Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.

Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.

Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.

Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.

 

Zum Filmstart unterhielt ich mich mit Lars Kraume über seinen Film. Das Interview könnt ihr hier nachlesen.

Seit dem Kinostart sahen sich über 250.000 Menschen den Film im Kino an, was angesichts des Themas ein richtiger Erfolg ist. Er erhielt auch mehrere Preise, unter anderem dem Publikumspreis in Locarno, den Filmpreis der Kino-Gilde, den Preis der Deutschen Filmkritik und den Hessischen Film- und Kinopreis als bester Film, und ist für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Die DVD punktet, neben dem Film (von dem ich auch nach wiederholtem Ansehen immer noch begeistert bin), mit seinem Bonusmaterial, das aus einem Making of, Interviews mit Lars Kraume, Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld, einigen geschnittenen Szenen und einem Audiokommentar von Lars Kraume und Burkhart Klaußner, den sie vier Monate nach dem Kinostart und damit kurz vor der DVD-Veröffentlichung aufnahmen. Daher gehen sie auch auf die Reaktionen zum Film und den Fragen, die sie in verschiedenen Publikumsgesprächen beantworteten, ein. Letztendlich konzentriert sich dieser überaus informative und kurzweilige Audiokommentar auf den historischen Hintergrund, die historisch verbürgten Fakten, die strittigen Fragen und die geringen fiktionalen Anteile des Films. Burghart Klaußner (Jahrgang 1949) kann auch aus seiner Biographie schöpfen, was den Audiokommentar noch interessanter macht.

Es ist in erster Linie ein historisch-kritischer Kommentar, den man so nicht von den Machern, die sich ja oft auf Anekdoten zu den Dreharbeiten beschränken, sondern eher von einem Historiker erwartet hätte.

Das restliche Bonusmaterial beschäftigt sich dann, wie erwartet, mit dem Film. Das ist durchaus interessant, aber bei weitem nicht so interessant wie der Audiokommentar.

Der Staat gegen Fritz Bauer - DVD - Blu-ray

Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez

mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk

DVD

Alamode Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Audiokommentar, Making of, Interviews, Deleted Scenes, Trailer, Wendecover (insgesamt vierzig Minuten)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015) und mein Interview mit Lars Kraume zum Film


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Oktober 20, 2015

Es geschieht selten, dass von einem Regisseur fast zeitgleich zwei Filme in unseren Kinos anlaufen. Das liegt dann nicht nur an der Produktivität des Regisseurs, sondern auch oft ganz einfach an den Planungen des Verleihs. Bei „Familienfest“, der am Donnerstag anlief, war es auch noch eine erfolgreich verlaufene Premiere beim Münchner Filmfest, die dem TV-Film eine Kinoauswertung bescherrte. In dem hochkarätig besetztem Ensemblestück geht es um ein titelgebendes Familienfest. Der geachtete Klassik-Pianist Hannes Westhoff wird siebzig und seine Frau hat die ganze Familie, inclusive der Ex-Frau, zu der Feier eingeladen. Sie kommen. Jeder hat mindestens ein Problempaket zu tragen und, wie es sich für ein Drama gehört, wird während des Abendessens ordentlich schmutzige Wäsche gewaschen.
Das hat natürlich seine Momente, aber es versprüht auch immer den Charme des TV-Films der Woche. Die Dramaturgie, die Bilder, die weitgehende Beschränkung auf Innen-Sets (eigentlich spielt der gesamte Film wie ein Theaterstück in einer überschaubaren Villa) und die Konflikte, die vor allem den Erfordernissen einer 90-Minuten-Filmdramaturgie gehorchen. Die Ex-Frau ist eine Schnapsdrossel. Der eine Sohn muss mal wieder pleite sein, der zweite schwul (was für den konservativen Vater eine Todsünde ist) und der dritte muss todsterbenskrank sein, seine Krankheit in sich hineinfressen und geschliffene nihilistische Sentenzen deklamieren. Und alle drei sehnen sich immer noch, wie kleine Kinder, nach der uneingeschränkten Liebe ihres Vaters.
Deshalb kommen sie zum Geburtstag des uncharismatischen Ekels, das bei der Erziehung seiner Kinder komplett versagte. Das ist, wenn man die unplausible Prämisse akzeptiert, dass alle freiwillig zum Geburtstag des verhassten Ekels kommen, als Abrechnung mit dem Kultur-Bürgertum unterhaltsam in den vorgegebenen Bahnen.

Ganz anders und ungleich gelungener ist „Der Staat gegen Fritz Bauer“, der zwar auch viel in Innenräumen spielt, aber nie dieses überwältigende TV-Flair von „Familienfest“ hat.
In dem Biopic konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.
Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.
Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.
Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.
Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.
Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.
Vor dem Filmstart habe ich mich für die „vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik“ mit Lars Kraume über den Film und die strittigen Punkte unterhalten. Das Interview und meine etwas ausführlichere Besprechung gibt es hier.

Familienfest - Plakat

Familienfest (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Andrea Stoll
mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

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Der Staat gegen Fritz Bauer - Plakat
Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“


Neu im Kino/Filmkritik: „Verfehlung“, Pädophilie und die katholische Kirche

März 26, 2015

In etlichen Kritiken wird Gerd Schneiders Debütspielfilm „Verfehlung“ über einen katholischen Seelsorger, der sich fragt, ob sein Freund Sex mit minderjährigen Schutzbefohlenen hatte, als eindringliches Gewissensdrama gelobt. Und auch ich kann dem Film nicht seine Ernsthaftigkeit absprechen. Schneider, der Theologie studierte, breitet die verschiedenen Aspekte des Themas gut aus. Dabei wählt er eine Beobachterperspektive. Er zeigt die Probleme und Auswirkungen des Missbrauchs. Er verteufelt den Täter nicht. Und er zeigt, wie eine Institution versucht, mit solchen Vorwürfen umzugehen.
Das ist nicht wenig.
Dennoch ist „Verfehlung“ kein guter Film, weil Schneider den falschen Protagonisten wählte und dieser unplausibel handelt. Unser Protagonist Jakob Völz (Sebastian Blomberg) ist ein Gefängnisseelsorger, der sich vorurteilsfrei um seine inhaftierten Schäfchen kümmert. Was sie getan haben ist ihm egal. Er urteilt nie über sie. Er will ihnen helfen und sie so auch zurück zum Glauben führen.
Als sein Freund Dominik Bertram (Kai Schumann) in Untersuchungshaft kommt, weil er einen seiner Schützlinge sexuell missbraucht haben soll, will Jakob den Vorwurf zuerst überhaupt nicht glauben. Sein anderer Freund Oliver (Jan Messutat) ist inzwischen als Stellvertretender Generalvikar ein wichtiger Mann im Bistum. Für ihn ist der Missbrauchsvorwurf nur ein Problem, das die Kirche, wie immer, intern löst.
Und Oliver hat dann auch die besten Szenen. Er ist ein Charakter, der aufgrund seiner Position Entscheidungen treffen muss. Er muss mit dem Problem umgehen. Er will die Kirche, seinen Freund Dominik und die Gläubigen schützen. Aber wie? Sind die alten Mechanismen zum Lösen des Problems heute immer noch tragfähig? Und gelingt es ihm, die widerstreitenden Interessen auszugleichen? Kurz: er muss Entscheidungen treffen und egal was er tut, er wird in jedem Fall gegen mindestens eines seiner Prinzipien verstoßen müssen. Es wird auch, in den wenigen Szenen die er hat, deutlich, in welchen Strukturen er steckt und welche geschriebenen und ungeschriebenen Regeln in der Kirche und zwischen Staat und Kirche existieren. Das ist großartiges Drama, bei dem man sich als Zuschauer letztendlich fragen muss, was man an der Stelle von Oliver tun würde.
Aber Schneider wählte Jakob zum Protagonisten. Jakob, der keines seiner Schäfchen verurteilt und der nichts über ihre Taten wissen will. Der jetzt aber von Dominik unbedingt wissen will, ob an den Vorwürfen etwas dran ist. Der selbst beginnt, zu ermitteln. Der dann auch, entgegen des sattsam bekannten Beichtgeheimnisses und dem dahinter stehendem Gedankengebäude, jetzt unbedingt möchte, dass öffentlich über die Vorwürfe verhandelt wird und dass sein bester Freund Dominik für seine Taten bestraft wird. Da spürt man in jeder Szene, dass der Autor etwas will und weil der Autor es will, muss auch sein Charakter es wollen.
Dabei Jakob muss keine Entscheidungen über das Schicksal von seinem Freund treffen. Aber er will sich entscheiden und er hat sich schon entschieden, als er seinen Freund zum ersten Mal fragt, ob die Vorwürfe stimmen. In diesem Moment verabschiedet sich der mitfühlende Geistliche aus der Handlung.
Und weil Dominik die gegen ihn gerichteten Vorwürfe schnell bestätigt, darf Jakob dann fast den gesamten Film mit sich selbst hadern. Er fragt sich, ob er nun seinen Freunden den Wölfen (ähem, dem Staat, der Justiz und der sensationsgierigen und kirchenfeindlichen Öffentlichkeit) zum Fraß vorwerfen soll. Dabei ist das von der Bevölkerung getragene moralisch korrekte Ende schon von Anfang an absehbar und Schneider weicht auch nie von dieser geraden und langweiligen Linie ab.
Darum ist „Verfehlung“ letztendlich nur ein biederes Drama, bei dem der Protagonist und die Zuschauer von Anfang an auf der richtigen Seite stehen und sie in ihren Werten bestätigt werden.

Verfehlung - Plakat

Verfehlung (Deutschland 2014)
Regie: Gerd Schneider
Drehbuch: Gerd Schneider
mit Sebastian Blomberg, Kai Schumann, Jan Messutat, Sandra Borgmann, Valerie Koch, Rade Radovic, Hartmut Becker
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

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Ein Gespräch mit Gerd Schneider


TV-Tipp für den 20. Februar: Das letzte Schweigen

Februar 20, 2015

ZDFkultur, 23.10

Das letzte Schweigen (Deutschland 2010, Regie: Baran bo Odar)

Drehbuch: Baran bo Odar

LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007

Wurde die 13-jährige Sinikka ermordet? Denn am gleichen Ort wurde vor 23 Jahren ein Mädchen ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Kommissar Jahn ermittelt.

Werkgetreue, gut besetzte, gut fotografierte, aber letztendlich langweilige Verfilmung von Wagners Roman.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung (mit Bildern, Links und dem Trailer)

mit Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe

Wiederholung: Samstag, 21. Februar, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Das letzte Schweigen“

Homepage von Baran bo Odar

Homepage von Jan Costin Wagner

Meine Besprechung von Jan Costin Wagners „Sandmann träumt“

Meine Besprechung von Baran bo Odars „Who am I – Kein System ist sicher“ (Deutschland 2014)


TV-Tipp für den 9. Juli: Das letzte Schweigen

Juli 9, 2013

3Sat, 22.25

Das letzte Schweigen (D 2010, Regie: Baran bo Odar)

Drehbuch: Baran bo Odar

LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007

Wurde die 13-jährige Sinikka ermordet? Denn am gleichen Ort wurde vor 23 Jahren ein Mädchen ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Kommissar Jahn ermittelt.

Werkgetreue, gut besetzte, gut fotografierte, aber letztendlich langweilige Verfilmung von Wagners Roman.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung (mit Bildern, Links und dem Trailer)

mit Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe

Hinweise

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Meine Besprechung von Jan Costin Wagners „Sandmann träumt“


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