DVD-Kritik: Der/Die Oscar-Gewinner*in „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“

März 12, 2018

In „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“ gibt es eine Überraschung, die; – nun, auch wenn ich glaube, dass sie inzwischen allgemein bekannt ist und deshalb keine Überraschung ist, möchte ich niemand die Überraschung bei dem tollen Film verderben.

Und, dieser Hinweis sei gestattet, das noch (?) aktuellen DVD-Cover führt gewaltig in die Irre. Denn „Eine fantastische Frau“ ist nicht für den „Oscar als bester ausländischer Film“ nominiert, sondern seit der Oscar-Verleihung ist „Eine fantastische Frau“ der beste ausländische Film des Jahres.

In seinem neuen Film erzählt „Gloria“-Regisseur Sebastián Lelio die Geschichte von Marina Vidal, einer 27-jährigen Kellnerin und Sängerin. Sie lebt im heutigen Santiago de Chile zusammen mit Orlando, einem deutlich älteren Mann, der Chef eines Textilunternehmens ist. Eines Nachts wacht der 57-jährige mit Schmerzen auf und stirbt kurz darauf im Krankenhaus an einem Aneurysma.

Danach hat Marina all die Probleme, die man hat, wenn man zwar mit einem anderen Menschen zusammenlebte, aber nicht mit ihm verheiratet war und es kein Testament gibt. Orlandos Familie und Orlandos Ex-Frau hassen die junge Frau buchstäblich. Sie wollen sie möglichst schnell aus der gemeinsam benutzten Wohnung haben und selbstverständlich soll alles, was Orlando gehörte, in den Händen seiner Familie und seiner Ex-Frau landen. Auch bei der Totenwache und der Beerdigung verzichtet man gerne auf die junge Geliebte, die so gar nicht dem gesellschaftlichen Stand des Verstorbenen entspricht.

Gleichzeitig vermutet eine äußerst penetrante Sitten-Polizistin, dass Orlandos Tod kein natürlicher Tod war. Schließlich kenne sie aus ihrer Arbeit genug Beziehungstaten. Vor allem wenn die jüngere Geliebte aus dem Milieu kommt.

In all dem Chaos versucht Marina Orlandos Andenken zu bewahren und für sie in einer angemessenen Form zu trauern. Dazu gehören natürlich Besuche bei den Trauerfeiern ihres Geliebten.

Lelio konzentriert sich in seinem nah an den Konventionene des klassischen Hollywood-Erzählkinos erzähten Film auf Marina und ihre Versuche, mit der Situation umzugehen.

Sie wird von der Sängerin Daniela Vega gespielt. Vega spielte vorher nur in einem kleineren Film mit und trat im Theater auf. Vor allem in einem lange laufendem autobiographischem Stück über ihre Transsexualität. Als Lelio mit den Arbeiten an dem Drehbuch für „Eine fantastische Frau“ begann, unterhielt er sich lange mit Vega über ihre Erfahrungen und die Situation von Transsexuellen in Chile. Denn, wie Lelio im interessanten 33-minütigem „Making of“ bekennt, er selbst hatte davon keine Ahnung und kannte auch keine Transsexuellen. Er hielt es nur für eine gute Idee im Rahmen der Filmgeschichte. Als der erste Drehbuchentwurf fertig war, bot er ihr die Hauptrolle an, die sie mit Bravour meistert. Sie ist in fast jeder Szene des Dramas zu sehen. Sie spielt, was man im Film erst langsam erfährt, nicht nur eine trauernde Frau, sondern eine Trauernde, die vorher ein Mann war und deren Geschlechtsumwandlung vor allem in Orlandos Familie auf abgrundtiefen Hass trifft. Zum Glück gehen Marinas Freunde und Bekannten wesentlich entspannter mit ihrer Transsexualität um. Sie nehmen sie als ganz normalen Menschen mit Bedürfnissen und Nöten wahr.

Auch Lelio thematisiert Marinas Transsexualität nur in wenigen Worten und Halbsätzen. Es geht ihm um den Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Wenn, wie zwischen Marina und Orlando eine tiefe, reine Liebe bestand, die sich nicht um irgendwelche Grenzen und Konventionen kümmerte, ist dieser Verlust besonders groß. Und dann ist es besonders schwer, mit dem Verlust des Geliebten umzugehen.

Lelio erzählt diese Geschichte sehr feinfühlig und ruhig als Porträt einer Frau, die um einen würdigen Abschied von der Liebe ihres Lebens und um Anerkennung kämpft.

Auf der Berlinale 2017 erhielt „Eine fantastische Frau“ den Silbernen Bären für das beste Drehbuch, den Teddy Award als bester Spielfilm und den Preis der ökomenischen Jury. Seitdem erhielt der Film weitere Preise, war für den Golden Globe als bester Film nominiert und erhielt jetzt, wie schon gesagt, den Oscar als bester ausländischer Film des Jahres. Vollkommen zu Recht.

Die DVD enthält als Bonusmaterial ein informatives 33-minütiges Making of und ein ebenso informatives zwölfseitiges Booklet mit Interviews mit Sebastián Lelio, Daniela Vega und Francisco Reyes („El Club“), der Orlando spielt.

Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica (Una Mujer Fantastica, Chile//USA/Deutschland/Spanien 2017)

Regie: Sebastián Lelio

Drehbuch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza

mit Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco, Aline Küppenheim, Nicolás Saavedra, Amparo Noguera, Trinidad González, Néstor Cantillana, Alejandro Goic, Antonia Zegers

DVD

good! Movies/Piffl Medien

Bild: 16:9 (2.39:1)

Ton: Deutsch, Spanisch, Audiodeskription (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Making of, Kinotrailer, Booklet

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Eine fantastische Frau“

Metacritic über „Eine fantastische Frau“

Rotten Tomatoes über „Eine fantastische Frau“

Wikipedia über „Eine fantastische Frau“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Eine fantastische Frau“

Meine Besprechung von Sebastián Lelios „Gloria“ (Gloria, Spanien/Chile 2012)

Der RBB-Nighttalk mit Daniela Vega und Francisco Reyes

Teddy Awards unterhält sich mit Sebastián Lelio, Daniela Vega und Francisco Reyes

AFI-Gespräch mit Sebastián Lelio und Daniela Vega

DP/30 mit Sebastián Lelio und Daniela Vega

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Neu im Kino/Filmkritik: Berlinale-Liebling „Gloria“ sucht die Liebe

August 12, 2013

 

Paulina Garcia gewann auf der diesjährigen Berlinale den silbernen Bären für ihre Darstellung einer geschiedenen, berufstätigen Endfünfzigerin und Mutter, die sich noch jung fühlt und in Santiago de Chile auf Single-Partys nach dem Mann für die nächsten Jahre sucht. Als sie den sieben Jahre älteren Rudolfo trifft, glaubt sie, das große Los gezogen zu haben. Aber Rudolfo hängt noch an seiner Ex-Frau und will Gloria seinen Kindern nicht vorstellen – und wir dürfen verfolgen, wie sie mit dem Problem umgeht.

Das Projekt ‚Gloria‘ ergab sich aus Überlegungen darüber, ob es wohl möglich wäre, einen Film über die Frauen aus der Generation meiner Mutter zu drehen, und – falls ja – wie ein solcher Film denn dann aussehen könnte. (…) Ich hatte einfach Lust, den mir vorerst noch fremden Planeten dieser Generation zu erforschen und zu sehen, was mir dort wohl begegnen würde“, sagt Autor und Regisseur Sebastián Lelio über seinen Film „Gloria“ und seine Protagonistin Gloria.

Diese hat seltsam wenige stabile soziale Kontakte. Immerhin scheint sie schon ihr ganzes Leben in Santiago de Chile zu leben, aber trotz Familie (die Eltern sind wohl schon gestorben), Kindern, die nicht weggezogen sind und einer anscheinend verantwortungsvollen Tätigkeit in einem Büro kennt sie niemand für ein freundschaftliches Gespräch und sie hat auch keine Hobbys, die ihrem Leben irgendeinen Sinn verleihen. Ihr einziges Lebensziel ist es, den richtigen Mann fürs Leben, naja, für die noch verbleibenden Jahre, zu finden – und das scheint für Gloria die einzige Möglichkeit zu sein, ein vollwertiges Leben zu führen. Das mag für chilenische Sechzigjährige, die einem stark katholisch geprägtem Land ihr Leben verbrachten, zutreffend sein, aber wir reden hier auch von einer Frau, die ungefähr 1955 geboren wurde.

Außerdem plätschert Sebastián Lelios Charakterstudie, der im wesentlichen chronologisch einige Monate im Leben von Gloria erzählt, ziemlich schnell, nachdem sie ihren Traummann trifft, eher ereignislos vor sich hin. Denn die Beziehung zwischen ihr und Rudolfo entwickelt sich nicht weiter. Es ist ein zähes und ermüdendes hin und her zwischen Zusammensein und Trennung, das immer wieder den gleichen Konflikt, mit fast den gleichen Worten thematisiert. Denn es ist wirklich egal, ob Rudolfo Gloria seinen Kindern nicht vorstellen will, weil er noch an seiner Ex-Frau hängt, oder er ein Treffen mit Gloria wegen eines nichtigen familiären Problems absagt. Es ist schon beim ersten Mal klar, dass er Gloria nicht das geben kann, was sie will und irgendwann erkennt sie das.

Am Ende des daher eher langatmigen Films steht Gloria wieder da, wo sie am Anfang war, ohne klüger zu sein. Dazwischen gibt es etliche, in dieser Ausführlichkeit vollkommen überflüssige Sex- und Nacktszenen, die vor allem zeigen, dass auch Über-Fünfzigjährige noch Sex haben können.

Da ist mir „Frances Ha“, die einfach ihr Leben genießen will und gar nicht nach Mr. Right sucht, viel lieber. Auch ohne Nacktszenen.

Gloria - Plakat

Gloria (Gloria, Spanien/Chile 2012)

Regie: Sebastián Lelio

Drehbuch: Sebastián Lelio

mit Paulina García, Sergio Hernández, Diego Fontecilla, Fabiola Zamora, Coca Guazzini, Hugo Moraga

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gloria“

Rotten Tomatoes über „Gloria“

Wikipedia über „Gloria“

Berlinale: „Gloria“-Pressekonferenz

 

 

 


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