Neu im Kino/Filmkritik: Ist Terry Gilliam „The Man who killed Don Quixote“?

September 29, 2018

 

Dieser Film ist schon jetzt legendär und jeder, der in den vergangenen Jahren Nachrichten aus der Welt des Films verfolgte, hat schon von Terry Gilliams Don-Quixote-Film gehört. Jahrzehntelange Vorbereitungen, zum Running Gag werdende Projektpräsentationen, mehrere Drehstarts, unzählige Katastrophen beim Filmdreh und die Vorlage für die hochgelobte Doku „Lost in La Mancha“ (2003) über die katastrophalen Dreharbeiten hielten das Projekt im Gespräch. Eigentlich hätte die Doku über einen Filmdreh, der innerhalb weniger Tage zu einem frühzeitigen Ende führte, das Ende sein können. Aber Gilliam gab nicht auf. Mit seinem Co-Drehbuchautor Tony Grisoni arbeitete er weiter am Drehbuch. Im Schnitt überarbeiteten sie in den vergangenen Jahren zweimal im Jahr das Drehbuch. Wenn es wieder die Chance auf eine Verfilmung gab, auch öfter.

Daher dürfte das jetzt verfilmte Drehbuch nur noch wenig mit der ersten Fassung zu tun haben. Ob es besser wurde, ist unklar. Gilliam und Grisoni sind jedenfalls davon überzeugt.

In jedem Fall ist die jetzt vorliegende und endlich in unsere Kinos kommende Fassung von „The Man who killed Don Quixote“ ein zutiefst persönlicher, auf vielen Ebenen und Metaebenen spielender Film, der selbstverständlich auch eine ordentliche Portion Monty Python hat. Und es ist eine Reise in den Wahnsinn, die auch die Reise von Don Quixote und Terry Gilliam ist. Obwohl Gilliam in Interviews normal und gesund wirkt.

Der Film beginnt mit Dreharbeiten in Spanien. Weil nichts funktioniert, wie Regisseur Toby (Adam Driver) es plant, ist er verzweifelt. Die Finanziers hängen ihm im Nacken. Der despotische und eifersüchtige Hauptfinanzier, im Film nur ‚der Boss‘ genannt, vertraut eines Abends Toby seine gutaussehende Frau an, unter der strengen Auflage, sich ihr nicht zu nähern. Selbstverständlich hält Toby sich nicht dran; was ihn in die Bredouille bringt.

Als ein Zigeuner ihm eine Kopie seines verschollen geglaubten Studentenfilms über Don Quixote (Äh, bekannt? Der Ritter, der mit seinem Knappen Sancho Panza auszog, um Drachen zu besiegen und gegen Windmühlen kämpft.) gibt, erinnert Toby sich an die glücklichen Tage beim Dreh.

Er besucht das in der Nähe liegende Dorf, in dem er damals drehte. Erschrocken stellt er fest, dass von der damaligen Schönheit des Dorfes nichts mehr geblieben ist. Die wenigen Dorfbewohner sind auch nicht erfreut darüber, dass er sie besucht.

Toby trifft auch seinen damaligen Don-Quixote-Darsteller (Jonathan Pryce) wieder. Als Toby ihn kennen lernte, war er der Dorfschuster. Heute hält er sich für Don Quixote.

Durch einen dummen Zufall setzt Toby eine Reihe Ereignisse in Brand und Gang, die schnell der Logik eines Alptraums gehorchen und die Terry Gilliam präsentiert, als handele es sich um eine sommerlich leichte, absurde Komödie, die sich nicht sonderlich um Logik und Wahrscheinlichkeit kümmert. Schon während des Feuers reitet Don Quixote los. Im Schlepptau hat er seinen Sancho Panza. Der ist in der Realität ein verzweifelter Werberegisseur, der ein idealistischer Filmstudent war. In dem Moment sind wir schon, ohne es zu Wissen, im Kopf des Künstlers. Dass Gilliams einen Weg in den Wahnsinn zeigt, fällt bei all den Witzen und absurden Episoden lange nicht auf.

Das ist als Spiel mit vielen Ebenen und filmischen und außerfilmischen Bezügen, die mal mehr, mal weniger offensichtlich sind, anfangs sehr vergnüglich. Aber dieses Spiel wird zunehmend redundant. Auch weil eine das kreative Chaos bändigende Struktur fehlt. Und die lange Entstehungsgeschichte mit ihren unzähligen Überarbeitungen wirkt sich nachteilig aus. Denn Gilliam wollte wirklich alles in den Film, den er seit fast dreißig Jahren machen wollte, hineinstopfen und niemand hinderte ihn daran. Am Ende dauert das überbordende Werk über zwei Stunden, die sich sogar noch länger anfühlen.

The Man who killed Don Quixote (The Man who killed Don Quixote, Spanien/Frankreich/Belgien/Portugal 2018)

Regie: Terry Gilliam

Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni

mit Adam Driver, Jonathan Pryce, Stellan Skarsgård, Olga Kurylenko, Joana Ribeiro, Oscar Jaenada, Jason Watkins, Sergi López, Rossy de Palma, Hovik Keuchkerian, Jordi Mollá

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Man who killed Don Quixote“

Metacritic über „The Man who killed Don Quixote“

Rotten Tomatoes über „The Man who killed Don Quixote“

Wikipedia über „The Man who killed Don Quixote“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Terry Gilliams „The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem“ (The Zero Theorem, Großbritannien/Rumänien 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Drehbuchgewinner „Glücklich wie Lazzaro“

September 17, 2018

Es ist ein schweres Leben, das die Landarbeiter auf dem Landgut der Marquesa Alfonsina de Luna irgendwo in Italien haben. Es ist auch ein einfaches Leben, das mehr an das 19. als an das 21. Jahrhundert erinnert. Auf den ersten Blick, auch weil der Gesandte der Marquesa mit einem Moped in das abgeschiedene Dorf einfährt und Transporte mit einem alten Laster erledigt werden, dürfte es sich um die fünfziger Jahr handeln. Also eine Zeit, als die alten Herrschaftsverhältnisse noch existierten und Männer den armen Süden verließen, um im Norden zu arbeiten. Wobei es dort auch nicht unbedingt besser war. Cineasten fallen jetzt etliche neorealistische Meisterwerke ein und in dieser Tradition steht Alice Rohrwachers neuer, in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichneter,handlungsarmer, poetischer Film „Glücklich wie Lazzaro“. Der titelgebende Lazzaro ist ein junger, schüchterner Mann, der am Ende immer die Drecksarbeit machen muss. Er beklagt sich allerdings nie darüber. Und, selbstverständlich, ist sein Name nicht zufällig ausgewählt.

Langsam schleichen sich Irritationen in das immer wieder poetisch überhöht gezeichnete Bild des Landlebens. Tancredi, der Sohn der Marquesa, der gegen seinen Willen den Sommer auf dem Landgut verbringen muss, hat eine Frisur und ein T-Shirt, das nach den achtziger Jahren aussieht und es gibt Telefone, die noch moderner sind. Und je näher der Film so an die Gegenwart rückt, desto unglaubwürdiger wird das Bild der abgeschieden auf dem Land in einer selbstverschuldeten Unmündigkeit lebenden Gemeinschaft, die noch so lebt, wie vor hundert Jahren. Jedenfalls wenn man „Glücklich wie Lazzaro“ als neorealistischen Film und nicht als Märchen, als eine italienische Version des magischen Realismus, betrachtet.

Tancredi befreundet sich mit Lazzaro. Gleichzeitig nutzt er ihn aus, indem er ihn anstiftet, mit ihm seine Entführung vorzutäuschen. Tancredi will so eigentlich nur seine Mutter ärgern. Aber die Situation eskaliert so sehr, dass nach einem Anruf die Polizei auftaucht und die Herrschaft der Marquesa beendet. Denn sie hielt ihren Arbeiter unmündig wie Sklaven und enthielt ihnen Rechte vor, die sie schon lange hatten.

In dem Moment beginnt die zweite, deutlich schwächere Hälfte des Films. Während in der ersten Hälfte alles zusammen passte, erscheint hier vieles nur noch skizziert und viel zu oft widersprüchlich.

Jahre nachdem sie aus der Knechtschaft der Marquesa befreit wurden, leben die Landarbeiter in tiefster Armut in einer anonymen Großstadt. Eines Tages taucht Lazzaro wieder auf. Nach dem Sturz von einer Klippe müsste er eigentlich tot sein. Aber er überlebte den Sturz und, während die anderen Landbewohner älter wurden, sieht er noch so aus wie damals.

Während die erste Hälfte des Films tief im Neorealismus und dem Magischen Realismus steckt und ein sehr stimmungsvolles Bild des Landlebens und ein klares Bild feudaler Strukturen und Machtverhältnisse zeichnet, spielt die zweite Hälfte in der Welt von Aki Kaurismäki. Nur funktionieren hier die in der ersten Hälfte gesetzten Parameter nicht mehr. Auch das naive Verhalten von Lazzaro nervt zunehmend. Jedenfalls wenn man auf seiner Seite stehen soll. War er im ersten Teil noch der glückliche Naivling, ist er jetzt eine Art fehlgeleiteter Wiedergänger von Jesus. Seine Taten werden zunehmend unverständlicher und auch irrationaler. Außer man geht davon aus, dass dieser Lazarus den Herrschenden helfen will und er, wie ein Roboter, über keinen Hauch von Intelligenz verfügt. Nur: Soll das, in einer „Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt“ (Rohrwacher), die Mission eines Heiligen sein?

Diese missglückte zweite Hälfte verdirbt sehr viel von dem guten Eindruck der ersten Hälfte des Films.

Glücklich wie Lazzaro (Lazzaro felice, Italien/Deutschland/Frankreich/Schweiz 2018)

Regie: Alice Rohrwacher

Drehbuch: Alice Rohrwacher

mit Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher, Luca Chikovani, Tommaso Ragno, Sergi Lopez, David Bennet, Nicoletta Braschi

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Glücklich wie Lazzaro“

Metacritic über „Glücklich wie Lazzaro“

Rotten Tomatoes über „Glücklich wie Lazzaro“

Wikipedia über „Glücklich wie Lazzaro“ (deutsch, englisch, italienisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Fast-Stummfilm „Michael Kohlhaas“

September 13, 2013

Ist „Michael Kohlhaas“ noch Schullektüre?

Egal. Die von Heinrich von Kleist in wuchtigen Sätzen aufgeschriebene Geschichte über Michael Kohlhaas dürfte bekannt sein. Der Pferdehändler lässt bei einem Junker für einen erfundenen Passierschein zwei Pferde als Pfand zurück. Er bekommt sie in einem erbärmlichen Zustand wieder und möchte, dass der Junker ihm die Pferde ersetzt. Dieser tut es nicht und Kohlhaas beginnt einen blutigen Feldzug gegen ihn.

Arnaud des Pallières verfilmte diese Geschichte mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Dabei nahm er sich, wie auch die Regisseure der anderen Kohlhaas-Verfilmungen, einige Freiheiten. So verlegte er die Geschichte von Brandenburg und Sachsen, wo sie bei Kleist spielt, in die Cévennen, verzichtete auf eine präzise historische Einordnung und lässt das Drama vor einer prächtigen Landschaft in eher dunklen Bildern langsam seinen Lauf nehmen. Dummerweise hat sich des Pallières auch entschlossen, möglichst wenig zu schneiden und die Dialoge beschränkte er auf ein Minimum. So wird sein Michael Kohlhaas zu einem schweigsamen Brüter, der seine Gefühle hinter einer steinernen Mine verbirgt. Auch die anderen Charaktere reden eher wenig reden. Leider.

Denn „Michael Kohlhaas“ ist kein banaler Abenteuerfilm, kein Quasi-Western, sondern eine zeitlose Parabel, in der es um das Verhältnis des Einzelnen zum Staat, um das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit, dem Unterschied zwischen gerechtfertigtem Widerstand und Selbstjustiz, zwischen Rebellion und Terrorismus, welchen Regeln man folgen soll und wann das Befolgen von Regeln in Fanatismus umschlägt, geht. Bei diesen vielfältigen Anknüpfungspunkten der im 16. Jahrhundert spielenden Geschichte an die Gegenwart, wäre es gut gewesen, wenn Arnaud des Pallières Michael Kohlhaas einen Gefährten zur Seite gestellt hätte, mit dem er sich hätte unterhalten können. So trägt Kohlhaas die Konflikte schweigend mit sich aus. Wir dürfen das maskenhaft-edle Antlitz von Mads Mikkelsen und die archaische Landschaft bewundern und uns fragen, ob man den Film nicht um etliche Minuten hätte kürzen können.

Michael Kohlhaas - Plakat

Michael Kohlhaas (Michael Kohlhaas, Frankreich/Deutschland 2013)

Regie: Arnaud des Pallières

Drehbuch: Arnaud des Pallières, Christelle Berthevas

LV: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, 1810

mit Mads Mikkelsen, Bruno Ganz, Denis Lavant, Mélusine Mayance, David Kross, Delphine Chullot, Sergi Lopez, Amira Casar, David Bennent

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Michael Kohlhaas“

Moviepilot über „Michael Kohlhaas“

Rotten Tomatoes über „Michael Kohlhaas“

Wikipedia über „Michael Kohlhaas“ (deutsch, englisch, französisch)


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