Neu im Kino/Filmkritik: Walt Disneys „Der König der Löwen“, jetzt als Live-Action-Abenteuer

Juli 17, 2019

Seit einigen Jahren verfilmt Disney seine Klassiker noch einmal. Dieses Mal nicht als Zeichentrickfilm, sondern als Live-Action-Abenteuer, also einer Mischung aus mehr oder weniger vielen Schauspielern und Computeranimationen. Oft inszeniert von sehr bekannten Regisseuren, wie zuletzt Tim Burton („Dumbo“) und Guy Ritchie („Aladdin“). An der Kinokasse sind diese nicht immer gelungenen Neuverfilmungen sehr erfolgreich.

Jetzt erlebt „Der König der Löwen“ die Live-Action-Behandlung. Vor fünfundzwanzig Jahren war dieser Disney-Trickfilm ein weltweiter Erfolg. Er war 1994 der erfolgreichste Film des Jahres, spielte gut eine Milliarde US-Dollar ein und ist im Moment der klassische Trickfilm mit dem höchsten Einspiel.

Als Regisseur für die Neuverfilmung dieses Disney-Klassikers wurde Jon Favreau engagiert. Aktuell ist er als Happy Hogan in „Spider-Man: Far from Home“ im Kino. Bereits 2016 verfilmte er für Disney „The Jungle Book“ als Live-Action-Abenteuer neu. Der Film überzeugte in seiner Interpretation als Abenteuergeschichte. Das kann über seinen „Der König der Löwen“, der verdammt nah an einem 1-zu-1-Remake ist, nicht gesagt werden.

Drehbuchautor Jeff Nathanson veränderte die aus dem Trickfilm und dem ebenfalls erfolgreichen Musical bekannte Geschichte nicht. Die damaligen Hits wurden ohne große Änderungen neu eingesungen und Elton John spendierte den neuen Song „Never too late“, während Hans Zimmer wieder in afrikanischen Motiven badet.

Schließlich spielt der Film in Afrika. Im Geweihten Land freuen sich Löwenkönig Mufasa und seine Frau Sarabi über ihren gerade geborenen Sohn Simba. Der Löwenjunge soll später Mufasas Platz einnehmen. Als Löwenkind tobt er mit seiner Freundin Nala durch die Savanne.

Währenddessen sieht sich Mufasas missgünstiger Bruder Scar als rechtmäßigen Herrn des Geweihten Landes. Um den Thron zu besteigen, beschließt er, Mufasa zu töten. Als er mit den Hyänen seinen Plan durchführt, kann er Mufasas Tod so inszenieren, dass Simba sich für den Tod seines Vaters verantwortlich fühlt.

Der kleine Löwe flüchtet aus dem Geweihten Land und trifft das Erdmännchen Timon und das Warzenschwein Pumbaa. Die beiden Kumpel zeigen ihm eine andere Welt, die im wesentlichen eine Fortsetzung von Simbas unbeschwerter, in den Tag hineinlebender Kindheit und Jugend ist.

Als Simba ausgewachsen ist, taucht Nala auf. Sie erzählt ihm, was inzwischen in seinem alten Reich geschehen ist. Scar und die Hyänen errichteten eine Schreckensherrschaft und wirtschafteten das einst prächtige Land herunter.

Nach einem kurzen Zögern und weil Nala von ihm enttäuscht ist, entschließt er sich zur Rückkehr und zum Kampf gegen Scar.

Im Gegensatz zum Original dauert Jon Favreaus Neuverfilmung nicht knappe neunzig Minuten, sondern zwei Stunden, in denen man die überaus gelungenen und sehr, sehr lebensecht aussehenden Animationen bewundern kann. Allerdings fallen auch alle Schwächen der Geschichte auf. Eigentlich wird keine Geschichte, sondern eine Abfolge von lose zusammenhängenden Episoden erzählt, deren Wendepunkte exakt in der Minute sind, die in der Syd-Field-Schule empfohlen wird. So dauert es eine Stunde, bevor Simba seine Heimat und damit den Schutz seiner Familie verlässt. Der Grund ist der Tod seines Vaters, für den er sich verantwortlich fühlt. Eine halbe Stunde später redet er dann mit seiner plötzlich aufgetauchten Freundin Nala über eine Rückkehr und es geht zurück zum Schlusskampf.

Aufgrund der Filmlänge fällt auch auf, dass Simba ein ziellos durch die Geschichte stolpernder Protagonist ist. So etwas wie ein eigener Wille ist nicht erkennbar und nicht nötig. Denn Kraft seiner Geburt ist er der rechtmäßige Erbe von Mufasas Königreich. Bezweifelt wird diese Thronfolge nur von Mufasas Bruder Scar.

Dazu kommt das erschreckend konservative, niemals hinterfragte Gesellschaftsbild, in dem der Platz von jedem Lebewesen von der Natur vorgegeben ist. In dieser Welt hat Simba den Anspruch auf die Herrschaft, weil er der Sohn des Königs ist und weil die Löwen die herrschende Rasse sind. Das wurde so auch im Original-„Der König der Löwen“ gezeigt. Aber mit lebensecht aussehenden, sprechenden und damit in jeder Beziehung menschlichen Tieren und ausführlich dargestellt, hat dieses Bild einer Gesellschaft, in der alles vorherbestimmt ist und jedes Tier seinen festen und unveränderbaren Platz auf der Futterleiter hat, einen mehr als unangenehmen Beigeschmack.

Auch bei seinen neuen Freunden Timon und Pumbaa ändert sich dieser Determinismus nicht. Sie erzählen ihm zwar von ihrem sorgenfreien Leben und dass bei ihnen alles anders ist. Danach verzehren sie genussvoll Raupen, die ja auch Lebewesen sind. Das bricht, trotz vollmundiger Ankündigung, nicht aus dem von fressen und gefressen werden bestimmten Kreislauf des Lebens aus.

Nach dem überaus gelungenem „The Jungle Book“ ist Jon Favreaus zweiter Disney-Live-Action-Film eine Enttäuschung mit sehr schönen und sehr echt aussehenden Bildern.

Der König der Löwen (The Lion King, USA 2019)

Regie: Jon Favreau

Drehbuch: Jeff Nathanson (nach dem 1993er „Der König der Löwen“-Drehbuch von Irene Mecchi, Jonathan Roberts und Linda Woolverton)

mit (im Original den Stimmen von) Donald Glover, Beyoncé Knowles-Carter, James Earl Jones, Chiwetel Ejiofor, Seth Rogen, Billy Eichner, Florence Kasumba

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der König der Löwen“

Metacritic über „Der König der Löwen“

Rotten Tomatoes über „Der König der Löwen“

Wikipedia über „Der König der Löwen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon Favreaus „Cowboys & Aliens“ (Cowboys & Aliens, USA 2011)

Meine Besprechung von Jon Favreaus “Kiss the Cook – So schmeckt das Leben” (Chef, USA 2014)

Meine Besprechung von Jon Favreaus „The Jungle Book (The Jungle Book USA 2016)

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TV-Tipp für den 10. Mai: The Interview

Mai 10, 2018

RTL, 23.45

The Interview (The Interview, USA 2014)

Regie: Evan Goldberg, Seth Rogen

Drehbuch: Dan Sterling

TV-Moderator Dave Skylark (James Franco) und sein Redakteur Aaron Rapaport (Seth Rogen) gelingt das Unmögliche: der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un (Randall Park) lädt die beiden Klatschreporter für ein Interview mit ihm nach Nordkorea ein. Skylark ist begeistert. Auch nachdem die CIA die beiden Medienleute sie auffordert, Kim Jong-un zu ermorden.

TV-Premiere einer Komödie, die zum Politikum wurde, weil Nordkorea zuerst verlangte, dass der Film nicht gezeigt werde und die Computer von Sony gehackt wurden. Danach fiel die Kinoauswertung des Sony-Films deutlich anders als geplant aus.

Der Film selbst ist ein ziemlich infantiler Klamauk, der Blödeleien mit treffender Satire verwechselt.

Mit James Franco, Seth Rogen, Lizzy Caplan, Randall Park, Diane Bang, Timothy Simons, Reese Alexander

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Interview“

Wikipedia über „The Interview“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Disaster Artist“ erzählt die Geschichte eines schlechten Films

Februar 1, 2018

Wer sich regelmäßig auf US-Kinoseiten herumtreibt, hat schon von Tommy Wiseaus Film „The Room“ gehört. Das Werk wurde zum Kinostart 2003 von den Kritikern einhellig verrissen und war hundertfünfzigprozentiges Kassengift. Im Gegensatz zu vielen anderen schlechten Filmen, die schnell vergessen werden, hat „The Room“, dank der Mundpropaganda, seitdem ein langes Leben in Mitternachtsvorstellungen. Noch heute läuft er regelmäßig in den USA in Kinos und die Macher werden zu Kinotouren eingeladen. Das scheint dann ein kollektives Bad-Taste-Erlebnis zu sein.

In Deutschland haben wir, weil „The Room“ nie bei uns veröffentlicht wurde, davon nichts mitbekommen.

Bis jetzt.

Denn mit James Francos „The Disaster Artist“ erfahren wir, wie „The Room“ entstand.

Die Geschichte beginnt 1998 in San Francisco. Bei einem Theaterworkshop lernen sich der neunzehnjährige Greg Sestero und der deutlich ältere Tommy Wiseau kennen. Wiseau schockiert mit einer rohen Performance die anderen Kursteilnehmer. Sestero ist begeistert über diesen ungefilterten Gefühlsausbruch des Einzelgängers. Sie befreunden sich und ziehen gemeinsam nach Los Angeles, um dort eine Schauspielerkariere zu beginnen. Sestero kann in Wiseaus großer Wohnung in West Hollywood leben.

Als sie nach Jahren vergeblicher Vorsprechtermine immer noch auf den Durchbruch warten – wobei Sestero öfter Vorsprechtermine hat und ihm jeder rät, seine Beziehung zu dem sinisteren Wiseau zu beenden – schlägt Wiseau Sestero vor, gemeinsam einen Film zu drehen. Das Geld habe er.

Nach einem Drehbuch von Wiseau beginnen sie, mit Wiseau als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller, mit den Dreharbeiten zu „The Room“; einem auf dem Papier kleinen Film, der schnell dank Wiseaus Wesen – er hat keine Ahnung, er ist von sich selbst überzeugt, er ist unbelehrbar, er ist egozentrisch und ängstlich – für alle Beteiligten zu einem, immerhin bezahlten Höllentrip wird, der nichts, aber auch überhaupt nichts mit einem auch nur halbwegs professionellem Dreh zu tun hat.

James Franco erzählt diese Geschichte mit sich als Wiseau als Kömodie mit ernsten Zwischentönen aus und über Hollywood und über eine Freundschaft. Mit seinem Bruder Dave Franco als Sestero und vielen bekannten Schauspielern in oft kleinen Rollen. Einige treten nur am Anfang auf und geben die aus Dokumentarfilmen bekannten Eingangsstatements ab, in denen sie erzählen, wie beeindruckend das Werk ist.

Diese Herangehensweise behält James Franco bei. Er inszenierte „The Disaster Artist“ wie eine „Making of“-Doku, die Jahre nach dem ursprünglichen Film angefertigt wurde und daher einen halbwegs objektiven, aber immer positiven Blick auf den Film hat. Das ist informativ, aber auch etwas oberflächlich – und, vor allem bei den Dreharbeiten für „The Room“, witzig.

Wie Tim Burtons „Ed Wood“ ist James Francos „The Disaster Artist“ eine Liebeserklärung an den Enthusiasmus eines Machers, der sich durch Widerstände nicht beirren lässt und an sein Werk glaubt. Wobei Tommy Wiseau schon ein sehr spezieller Charakter ist, der über das (aus unklarer Quelle kommende) Geld, aber nicht über das Talent verfügt. Offiziell soll „The Room“ sechs Millionen Dollar gekostet haben, wel Wiseau einfach das Geld zum Fenster herauswarf.

Francos Film hat, zum Vergleich, zehn Millionen Dollar gekostet und jeder Cent wurde klug investiert.

Obwohl Franco viel über die Dreharbeiten und die Freundschaft zwischen Sestero und Wiseau erzählt, bleibt unklar, warum Greg Sestero Tommy Wiseau so sehr bewundert. Damals und heute immer noch. Aber echte Freundschaften sind auch immer, wie eine Liebe, etwas unerklärlich. Denn Wiseau als Alice-Cooper-Lookalike mit starkem Akzent (Uh, wie der wohl synchronisiert wurde?) und einem Benehmen, das ihn als missratenen Nachfahren eines osteuropäischen Vampirgeschlechts ausweist (obwohl Wiseau, was sich schnell zu einem Running Gag entwickelt, behauptet, aus New Orleans zu kommen), ist wirklich der unwahrscheinlichste Typ, den man sich am Beginn seiner Karriere zum Freund aussucht. Allerdings, und das wird am Anfang von „The Disaster Artist“ gezeigt, legt Wiseau im Theaterworkshop einen beeindruckend enthemmten Auftritt hin und er ist die einzige Person, die an Sestero glaubt.

Am Ende des Dramas stellt Franco Szenen aus Tommy Wiseaus „The Room“ und den Re-Enactments in „The Disaster Artist“ gegenüber. Diese Gegenüberstellung zeigt, wie präzise sie die Szenen nachstellten und wie sehr auch Mist, wenn er von guten, engagierten Schauspielern gespielt wird, an Qualität gewinnt.

The Disaster Artist (The Disaster Artist, USA 2017)

Regie: James Franco

Drehbuch: Scott Neustadter, Michael H. Weber

LV: Greg Sestero, Tom Bissell: The Disaster Artist: My Life Inside the Room, the Greatest Bad Movie Ever Made, 2003

mit James Franco, Dave Franco, Seth Rogen, Alison Brie, Art Graynor, Jacki Weaver, Josh Hutcherson, Zac Efron, Bryan Cranston, Sharon Stone, Melanie Griffith, Zoey Deutsch, Kristen Bell, Adam Scott, Zach Braff, J. J. Abrams (teilweise nur Cameos)

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „The Disaster Artist“

Metacritic über „The Disaster Artist“

Rotten Tomatoes über „The Disaster Artist“

Wikipedia über „The Disaster Artist“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Sausage Party – Es geht um die Wurst“ – und Kinder müssen draußen bleiben

Oktober 6, 2016

Erinnern Sie sich noch an „Fritz the Cat“? Das war vor über vierzig Jahren ein Trickfilm, der damals mühelos eine FSK-18-Freigabe erhielt. Heute ist er zwar „frei ab 16 Jahren“, aber das ändert nichts daran, dass der Film in jeder Sekunde und in ungefähr jedem Bild, auch wenn eine Katze im Mittelpunkt steht, explizit ist.

Sausage Party – Es geht um die Wurst“, der neue Film von Seth Rogen und Evan Goldberg, ist jetzt der erste Computeranimationsfilm, der in den USA ein R-Rating erhielt, was sich vor allem aufgrund der Sprache und einer vollkommen unvermittelt kommenden Orgie am Filmende, die dem Begriff „Food Porn“ eine neue Bedeutung verleiht, erklärt.

In dem Trickfilm können Lebensmittel, also die industriell hergestellten Brötchen und Würste, die es nur in hygienisch ultrasauberen US-amerikanischen Supermärkten gibt, sprechen. Sie bandeln miteinander an, lieben und hassen sich und freuen sich, nachdem sie gekauft wurden, vor den Toren des Supermarktes in dem versprochenen Himmel miteinander vereint zu werden. Da erfahren sie von einem zurückgegebenem Lebensmittel, dass draußen nicht der Himmel, sondern die Hölle aus sie wartet. Sie werden – Überraschung! Bzw. was haben sie sich sonst unter Vereinigung vorgestellt? – beschnitten, in die Pfanne geworfen, gebrutzelt und gegessen.

Eine richtige Story hat „Sausage Party“ nicht und die Filmidee trägt höchstens über die Länge eines TV-Sketches. Da helfen dann auch die zahlreichen sexuellen Anspielungen und Anzüglichkeiten – die Wurst Frank will von dem Brötchen Brenda, ähem, umschlungen werden – nicht weiter.

Und, siehe „Fritz the Cat“, subversiv ist bei der „Sausage Party“ nichts mehr. Es ist ein Kindergeburtstag mit Zoten, Stereotypen, nerviger Musik, schlechtem Essen und ohne Alkohol.

sausage-party-plakat

Sausage Party – Es geht um die Wurst (Sausage Party, USA 2016)

Regie: Conrad Vernon, Greg Tiernan

Drehbuch: Seth Rogen, Evan Goldberg, Kyle Hunter, Ariel Shaffir (nach einer Geschichte von Seth Rogen, Evan Goldberg und Jonah Hill)

mit (im Original den Stimmen von) Seth Rogen, Jonah Hill, Michael Cera, Kristen Wiig, Salma Hayek, Danny McBride, Edward Norton, David Krumholtz, Bill Hader, Craig Robinson, Nick Krill, James Franco, Paul Rudd

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Wikipedia über „Sausage Party“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Steve Jobs“, Michael Fassbender, Danny Boyle und Aaron Sorkin

November 13, 2015

Ein Biopic über Steve Jobs, den 2011 verstorbenen Gründer und langjährigen Geschäftsführer von Apple und, später, Pixar Animation Studios? Uh, muss nicht unbedingt sein.
Ein Biopic über Steve Jobs, nach einem Drehbuch von Aaron Sorkin, inszeniert von Danny Boyle? Das ist etwas ganz anderes. Sorkin schrieb auch das Drehbuch für „The Social Network“, David Finchers galligen Film über Facebook. Und Danny Boyle hat noch keinen wirklich schlechten Film gemacht.
Sorkin schrieb für „Steve Jobs“ dann auch kein gewöhnliches Biopic. Er konzentrierte sich in seinem 182-seitigem Drehbuch (hoffentlich bald online) auf drei für Steve Jobs wichtige Produktpräsentationen, die er zu einem Porträt von Steve Jobs verdichtete.
Es sind die Präsentation des ersten Macintosh-Computers 1984. Diese Präsentation ist, im Gegensatz zu den nächsten beiden Präsentation, auch an dem Ort gedreht, an dem sie in der Realität stattfand: dem Flint Auditorium im De Anza Community College in Cupertino. Bei dieser Präsentation sollte der Computer nach Jobs‘ Willen unbedingt sprechen. Was aber nach Meinung des Programmiers nicht gehen werde. Eine Ex-Freundin, mit der Jobs eine von ihm nicht anerkannte Tochter hat, will Geld von ihm. Und es gibt noch einige weitere Kleinigkeiten, die nicht so laufen, wie Jobs es gerne hätte, weil die Realität kein Binärcode ist.
1988 folgt, als zweiter Akt, die Präsentation des perfekt gestylten NeXt-Würfelcomputers im San Francisco Opera House, mit dem Jobs, nachdem er Apple verlassen hatte, mit seinem eigenen Unternehmen durchstarten wollte. Wieder begegnen wir den Menschen, die schon vor der ersten Präsentation dabei waren. Wieder werfen sich die Figuren unangenehme Wahrheiten an den Kopf. Es sind scharfzüngige Dialoge, die so in der Wirklichkeit niemals stattfinden.
Zehn Jahre später, 1998, folgt der dritte Akt. Jobs ist wieder Geschäftsführer von Apple und er will in wenigen Minuten den ersten iMac in der Davies Symphony Hall in San Francisco präsentieren. Auch vor dieser Präsentationen konfrontieren ihn Freunde, Geschäfspartner, Feinde und seine Familie mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und Vorwürfen. Unter diesem Druck werden Steve Jobs und sein Umfeld plastisch, dreidimensional und erfahrbar als Menschen. Sorkin verdichtete dabei die wahren Ereignisse in einer hochgradig stilisierten Theatersituation in der Worte Waffen sind.
Danny Boyle inszenierte das Geschehen, mit wenigen, kurzen Rückblenden, als einen Rausch in drei ungefähr gleich langen Akten, in denen er sich stilistisch der Optik der damaligen Zeit anpasste. Es beginnt, gedreht auf 16-mm-Filmmaterial, also mit dem körnigen Look des Siebziger-Jahre-New-Hollywood-Kinos, geht über 35-mm-Film und endet, digital gedreht, in den Visionen der durchgestylten, verspiegelten Bürowelten der Jahrtausendwende und den endlosen visuellen Tricks, die jetzt so einfach möglich sind.
Michael Fassbender, der Steve Jobs spielt, fügt mit dieser Rolle seinem Oeuvre beeindruckender Charakterstudien eine weitere hinzu. Auch die anderen Schauspieler – wie Kate Winslet als Jobs‘ Vertraute Joanna Hoffman, Seth Rogen als Apple-Mitgründer Steve Wozniak und Jeff Daniels als Apple CEO John Sculley – überzeugen.
Mit „Steve Jobs“ inszenierte Danny Boyle grandioses Schauspielerkino, in dem Steve Jobs nicht besonders gut wegkommt. Aber Jobs wurde ja nicht so bekannt, weil er ein Charmebolzen und liebevoller Familienvater war.
Am Ende des zweistündigen Films hat man einiges gelernt und einen Egomanen kennengelernt, dessen Talent als Verkäufer ungleich größer war als sein Talent als Mensch.
„Steve Jobs“ ist ein auf jeder Ebene faszinierender Film, der gerade wegen der Freiheiten, die er sich nimmt, wahrscheinlich Steve Jobs näher kommt als ein biederes Biopic. In jedem Fall ist es der bessere Film und ich bin mir sicher, dass Aaron Sorkins Skript demnächst auf einigen Bühnen gespielt wird.

Steve Jobs - Plakat

Steve Jobs (Steve Jobs, USA 2015)
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Aaron Sorkin
LV: Walter Isaacson: Steve Jobs, 2011 (Steve Jobs)
mit Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels, Michael Stuhlbarg, Katherine Waterston, Perla Haney-Jardine, John Ortiz
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Steve Jobs“
Moviepilot über „Steve Jobs“
Metacritic über „Steve Jobs“
Rotten Tomatoes über „Steve Jobs“
Wikipedia über „Steve Jobs“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Steve Jobs“
Meine Besprechung von Danny Boyles „Trance – Gefährliche Erinnerung“ (Trance, GB 2013)

Ein Filmgespräch mit Danny Boyle und Aaron Sorkin

Ein Filmgespräch mit ungefähr allen Verantwortlichen

Ein Gespräch mit Aaron Sorkin über den Film


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