Neu im Kino/Filmkritik: Sind das wirklich „Bad Times at the El Royale“? Und wenn ja: für wen?

Oktober 11, 2018

Das „El Royale“ steht am Lake Tahoe genau auf der Staatsgrenze zwischen Nevada und Kalifornien. Das Hotel hat schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Einrichtung verströmt die Patina der fünfziger Jahre. Nur die Musiksammlung in der Jukebox ist aktueller.

In einer Nacht in den frühen Siebzigern treffen sich dort sieben Menschen, die alle ein meist mit irgendwelchen Verbrechen zusammenhängendes Geheimnis haben.

Gespielt werden die Hotelgäste von Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Jon Hamm, Cailee Spainey, Dakota Johnson und Chris Hemsworth. Lewis Pullman spielt den Empfangschef des Hotels, der auch kein Unschuldsknabe ist.

Drew Goddard, der Regisseur der Horrorperle „The Cabin in the Woods“, der Erfinder der TV-Serie „Daredevil“ und der Drehbuchautor von „Der Marsianer“ und „World War Z“ und etlicher Episoden für TV-Serien wie „Lost“ und „Alias“, hat mit „Bad Times at the El Royale“ auf den ersten Blick ein Neo-Noir-Ensemblestück inszeniert, das deutlich von Quentin Tarantino inspiriert ist. Vor allem natürlich „Pulp Fiction“. Aber auch „The Hateful Eight“ kann genannt werden.

Was kann da schief gehen?

Nun, für den Anfang, dass früh im Film die falsche Person stirbt. Jedenfalls für mich als Zuschauer.

Es gibt die Theorie, dass man im Film einem Charakter sein Herz schenke und wenn er stirbt, ist der Film für einen emotional zu Ende. Normalerweise schenkt man sein Herz dem Protagonisten. Man fiebert, lacht und weint mit ihm. Okay, das gilt vor allem für schmalzige Liebesfilme.

Manchmal ist es auch ein anderer Charakter. In diesem Fall war es für mich Jon Hamm, der am Filmanfang die anderen Gäste – vor allem Jeff Bridges und Cynthia Erivo – in der riesigen Hotellobby begrüßt. In schönster, raumgreifender Vertretermanier erzählt er einiges über das Hotel und die Ausstattung und bietet ihnen Kaffee an. Währenddessen beäugen sie und die später die Lobby betretenden Menschen sich auffallend misstrauisch. Als er anschließend als Gast sein Zimmer bezieht, beginnt er sofort, es sorgfältig nach Wanzen abzusuchen. Er entdeckt auch, dass alle Hotelzimmern mit spanischen Spiegeln ausgestattet sind und einige Hotelgäste auch gefilmt werden.

Er wird, weil er durch den Einwegspiegel in einem Zimmer eine Geiselnahme sieht und die Geisel retten will, ziemlich früh im Film erschossen.

In dem Moment war mein Held tot – und der Film hatte ein Problem.

Dazu kommen noch einige weitere Probleme.

Formal variiert „Bad Times at the El Royale“ das Erzählprinzip von „Pulp Fiction“. „Bad Times at the El Royale“ ist ebenfalls ein Ensemblefilm. Die einzelnen Geschichten sind ebenfalls pulpige Gangstergeschichten, garniert mit etwas plakativ-politischem Zeitkolorit. Im Gegensatz zu „Pulp Fiction“ erzählt Goddard seine in Kapitel unterteilte Geschichte ziemlich chronologisch. Das ist jetzt nicht besonders gut oder schlecht, sondern eine Möglichkeit in einem Ensemblestück die Geschichten anzuordnen.

Bei den Endlosdialogen zeigt sich allerdings, wie gut die Dialoge von Tarantino sind. Sie sind witzige Kabinettstückchen. Sie charakterisieren den Sprechenden. Und es gibt in jedem seiner Filme etliche Tarantino-Sätze (okay, bei „Jackie Brown“ sind es Elmore-Leonard-Sätze), die man gerne in eines seiner nächsten Gespräche einflechtet. Bei Goddard fehlt Tarantinos Witz und damit das, was Tarantino-Dialoge so einzigartig macht. Bei Goddard stellt sich bei den sich endlos anfühlenden Monologen schnell eine gewisse Langeweile ein. Es wird einfach zu viel zu lange erklärt. Es gibt auch nicht den Satz oder den Dialog, den man gerne zitieren möchte.

Und die Story hat erstaunlich viele lose Enden. Vieles wird angedeutet. Wenig wird aufgeklärt.

Immerhin werden die Hintergründe der Entführung und warum am Filmanfang ein Mann in einem Hotelzimmer eine Tasche im Boden versteckt, aufgeklärt.

Am Ende ist „Bad Times at the El Royale ein stylish aussehender, hochkarätig besetzter Neo-Noir-Langweiler. Das ist, musikalisch soulig untermalt, Stil über Substanz.

Wer unbedingt mit einem neueren Neo-Noir zurück in die Siebziger will, sollte sich „Inherent Vice“ – Natürliche Mängel“ ansehen. Oder auf den nächsten Film von Quentin Tarantino warten.

Bad Times at the El Royale (Bad Times at the El Royale, USA 2018)

Regie: Drew Goddard

Drehbuch: Drew Goddard

mit Jeff Bridges, Dakota Johnson, Cynthia Erivo, Chris Hemsworth, Jon Hamm, Cailee Spainey, Lewis Pullman, Nick Offerman, Xavier Dolan, Shea Whigham

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bad Times at the El Royale“

Metacritic über „Bad Times at the El Royale“

Rotten Tomatoes über „Bad Times at the El Royale“

Wikipedia über „Bad Times at the El Royale“ (deutsch, englisch)

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TV-Tipp für den 16. Juni: Savages – Im Auge des Kartells

Juni 16, 2017

ZDFneo, 23.25
Savages – Im Auge des Kartells (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
Chon und Ben stellen Super-Heroin her und mit Ophelia leben sie in Laguna Beach in einer offenen Dreierbeziehung. Alles ist in bester Ordnung, bis ein mexikanisches Drogenkartell (angeführt von einer Frau) bei Chon und Ben einsteigen möchte und die beiden Jungs das Angebot nicht annehmen, sondern aus dem Drogengeschäft aussteigen wollen.
Don-Winslow-Verfilmung, die nicht als Ersatz, sondern als Anreiz zur Romanlektüre dienen sollte. Denn „Savages“ ist zwar kein wirklich schlechter Film, aber eine letztendlich enttäuschende Don-Winslow-Verfilmung.
Warum habe ich hier ausführlicher begründet (und dort gibt es auch noch einige Clips).
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile Hirsch
Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Savages“

Metacritic über „Savages“

Rotten Tomatoes über „Savages“

Wikipedia über „Savages“

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Way Down on the High Lonely – Neal Careys dritter Fall“ (neue Übersetzung von „Das Schlangenmaul“; Way Down on the High Lonely, 1993)

Meine Besprechung von Don Winslows „A long Walk up the Water Slide – Neal Careys vierter Fall“ (A long Walk up the Water Slide, 1994)

Meine Besprechung von Don Winslows „Palm Desert“ (While Drowning in the Desert, 1996)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows „Missing. New York“ (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Das Kartell“ (The Cartel, 2015)

Meine Besprechung von Don Winslows „Germany“ (Germany, 2016 – noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Don Winslow in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Oliver Stones „Snowden“ (Snowden, USA/Deutschland 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Kong: Skull Island“ ist nur der Anfang

März 9, 2017

Nachdem vor drei Jahren Godzilla in die Kinos zurückkehrte, ist jetzt King Kong an der Reihe. Auch wenn der Riesenaffe in „Kong: Skull Island“ nur Kong heißt. Und das Godzilla-Kong-Produzententeam, was die peinliche Post-Credit-Szene und alle bekannten Statements verraten, ein Aufeinandertreffen der beiden Riesentiere in einem Film plant. Dem können, abhängig vom Einspielergebnis, weitere Filme folgen.

Bis dahin ist Kong der Herrscher auf Skull Island, einer bislang unentdeckten Insel im Südpazifik.

1973 begibt sich eine Forschungsmission mit viel militärischer Unterstützung auf die Insel. Als erstes werfen die US-Soldaten aus ihren Hubschraubern einige Bomben ab. Um, so wird uns gesagt, die Insel zu vermessen. Danach werden sie von Kong vom Himmel geholt. Die Überlebenden machen sich, mehr oder weniger getrennt, auf den Weg zum vorher festgelegten Ort am anderen Ende der Insel, an dem sie in einigen Tagen abgeholt werden sollen.

Die Überlebenden sind eine kleine Schar Soldaten und Zivilisten, die von einem kleinen Who’s Who der aktuellen Stars gespielt werden. Tom Hiddleston als freischaffender Ex-SAS-Soldat, Samuel L. Jackson als hochdekorierter Lt. Colonel, John Goodman als ziviler Leiter der Expedition mit Kindheitstrauma und Hintergedanken, Brie Larson als taffe Kriegsfotografin im Janis-Joplin-Look und John C. Reilly als seit Jahrzehnten auf der Insel lebender Weltkrieg-II-Veteran, der für den Humor zuständig ist. Sie und die zahlreichen unbekannteren Schauspieler, die vor allem US-Soldaten mit niederen militärischen Rängen spielen (vulgo Kanonenfutter), sind alle blasse Pappfiguren, die nur austauschbares Kongfutter sind.

Der Weg zum Ziel ist mit vielen gefährlichen Ur- und Riesenviechern und stummen Einheimischen gepflastert und weil „Kong: Skull Island“ sich auf seine einfache Geschichte verlässt, werden wir nicht mit einem hyperkomplexen Plot gelangweilt, der nicht nacherzählbar und vollkommen unlogisch ist. In diesem Umfeld ist die größte Überraschung, dass Kong letztendlich der Beschützer der Insel und seiner Bewohner ist. Deshalb schließt er auch die Eindringlinge, solange sie ihn nicht umbringen wollen, in sein riesiges Herz. Vor allem natürlich die hübsche Fotojournalistin. Bei den anderen Monstern bleibt der Konflikt zwischen ihnen und den Menschen dann auf dem seit „Predator“ bekanntem „Wenn es blutet, kann es sterben“-Landserniveau; – was auch eine Form des Kulturaustausches ist. Der Schlusskampf gehört dann Kong, der die Menschen beschützt.

Auf der visuellen Ebene wird vor allem Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ so lange zitiert, bis man glaubt, eine Neufassung des Films mit Kong und einer Affenliebe zur Zeitlupe zu sehen. Das sieht gut aus, belässt es aber beim Zitat, garniert mit dem entsprechenden Soundtrack. In „Kong: Skull Island“ haben die Soldaten immer einen tragbaren Plattenspieler mit den angesagten LPs von Band wie Creedence Clearwater Revival dabei. Das erfreut das Ohr des Rockmusikfans, ist aber komplett sinnfrei. In Momenten, in denen die Soldaten in gefährlichen Umgebung auf mögliche Feinde achten sollten, beschallen sie den Urwald mit „Bad Moon Rising“, ehe es in Richtung „Run through the Jungle“ geht.

Als nur auf Überwältigung zielendes, weitgehend strunzdummes Kriegspektakel voller Siebziger-Jahre-Zitate und computergenerierter Spezialeffekte funktioniert „Kong: Skull Island“ leidlich.

Aber bei all dem Talent wäre mehr als ein „Apocalypse Now“-Monsterfilm-Mashup mit Zitaten aus den allerersten King-Kong-Film drin gewesen.

P. S.: Ich habe den Film in 2D mit 3D-Sound gesehen und er sah gut aus. Es gibt ihn auch in 3D (dann hätte er mir wahrscheinlich weniger gefallen) und im IMAX-Format (was sicher ein Gewinn ist; – wobei er dort auch in 3D läuft).

Kong: Skull Island (Kong: Skull Island, USA 2017)

Regie: Jordan Vogt-Roberts

Drehbuch: Dan Gilroy, Max Borenstein, Derek Connolly (nach einer Geschichte von John Gatins)

mit Tom Hiddleston, Samuel L. Jackson, John Goodman, Brie Larson, John C. Reilly, Jing Tian, Toby Kebbell, John Ortiz, Corey Hawkins, Jason Mitchell, Shea Whigham, Thomas Mann, Terry Notary, Marc Evan Jackson, Eugene Cordero

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Kong: Skull Island“

Metacritic über „Kong: Skull Island“

Rotten Tomatoes über „Kong: Skull Island“

Wikipedia über „Kong: Skull Island“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 24. Juli: American Hustle

Juli 24, 2016

Pro7, 20.15

American Hustle (American Hustle, USA 2013)

Regie: David O. Russell

Drehbuch: Eric Warren Singer, David O. Russell

New York in den späten Siebzigern: FBI-Agent DiMaso will einen korrupten Bürgermeister überführen. Dabei sollen ihm der Betrüger Rosenfeld und seine Geliebte helfen.

Durchaus vergnügliche, aber auch von sich selbst zu sehr überzeugte Mega-Retro-Gaunerkomödie, die auf einem wahren Fall basiert.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Christian Bale, Amy Adam, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Jack Huston, Michael Peña, Louis C. K., Shea Whigham, Elisabeth Rohm, Barry Primus, Robert De Niro

Wiederholung: Montag, 25. Juli, 07.25 Uhr (für Frühaufsteher mit spätem Arbeitsbeginn)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „American Hustle“

Moviepilot über „American Hustle“

Metacritic über „American Hustle“

Rotten Tomatoes über „American Hustle“

Wikipedia über „American Hustle“ (deutsch, englisch) und die Operation Abscam (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „American Hustle“

Meine Besprechung von David O. Russells „American Hustle“ (American Hustle, USA 2013)

Meine Besprechung von David O. Russells „Joy – Alles außer gewöhnlich“ (Joy, USA 2015)


TV-Tipp für den 2. Februar: Savages – Im Auge des Kartells

Februar 2, 2015

ZDF, 22.15
Savages – Im Auge des Kartells (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
Chon und Ben stellen Super-Heroin her und mit Ophelia leben sie in Laguna Beach in einer offenen Dreierbeziehung. Alles ist in bester Ordnung, bis ein mexikanisches Drogenkartell (angeführt von einer Frau) bei Chon und Ben einsteigen möchte und die beiden Jungs das Angebot nicht annehmen, sondern aus dem Drogengeschäft aussteigen wollen.
Don-Winslow-Verfilmung, die nicht als Ersatz, sondern als Anreiz zur Romanlektüre dienen sollte. Denn „Savages“ ist zwar kein wirklich schlechter Film, aber eine letztendlich enttäuschende Don-Winslow-Verfilmung.
Warum habe ich hier ausführlicher begründet (und dort gibt es auch noch einige Clips).
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile Hirsch
Wiederholung: Mittwoch, 4. Februar, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Savages“

Metacritic über „Savages“

Rotten Tomatoes über „Savages“

Wikipedia über „Savages“

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows „Missing. New York“ (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Der Flugzeug-Thriller „Non-Stop“ hilft nicht gegen Flugangst

März 16, 2014

Als Liam Neeson 2008 mit „96 Hours“ (Taken) seinen ersten reinrassigen Actionfilm drehte, war er bereits seit Ewigkeiten ein respektierter Schauspieler, dessen Ausflug in das „Star Wars“-Universum galant zugunsten von „Schindlers Liste“ verschwiegen wurde und der damals durchaus glaubhauft sagte, er wolle in einem Actionfilm mitspielen ehe er zu alt für diese Rollen werde. „96 Hours“ war so erfolgreich, dass inzwischen auch offiziell eine zweite Fortsetzung in Arbeit ist und Neeson zu einem veritablen Action-Darsteller wurde.

Neesons neuester Film „Non-Stop“, wieder unter der Regie von „Unknown Identity“-Regisseur Jaume Collet-Serra, führt diesen Strang von seiner Arbeit, auf die er sich die vergangenen Jahre konzentrierte, gelungen fort. Dieses Mal spielt er Bill Marks, einen U. S. Air Marshal und Trinker, der allerdings als großstadtgeschulter Ex-NYPD-Cop noch im Terminal die potentiell bedrohlichen Passagiere identifiziert. In der voll besetzten 747 plaudert der Flugbegleiter notgedrungen mit seiner Sitznachbarin Jen Summers (Julianne Moore), bis er eine Textnachricht auf sein Telefon erhält. Der Absender der Nachricht fordert 150 Millionen Dollar auf ein Bankkonto. Wenn seine Forderung nicht erfüllt wird, stirbt nach zwanzig Minuten der erste Passagier.

Marks versucht den Absender, der im Flugzeug sein muss und über jeden Schritt von Marks informiert ist, vor dem Verstreichen des Ultimatums zu identifizieren. Wenige Sekunden bevor die Zeit verstrichen ist, entdeckt er den mutmaßlichen Täter und stürmt auf ihn zu. Er bringt ihn um und muss wenige Minuten später, mit der nächsten Textnachricht, feststellen, dass er sich geirrt hat.

In den nächsten Minuten verschlimmert sich seine Lage immer mehr. Denn so sehr er sich auch bemüht, den oder die Erpresser zu finden, kann er nichts gegen ihr 20-Minuten-Ultimatum tun. Es sterben weitere Passagiere. Außerdem glauben seine Vorgesetzten, dass er die Maschine entführte. Immerhin soll das Geld auf ein unter seinem Namen laufendes Konto überwiesen werden. Und Marks‘ Handlungen erscheinen zunehmend irrational.

Non-Stop“ bewegt sich spannend in den durchaus bekannten Genrepfaden. Die Schaupieler und die Regie bieten hochenergetische Suspense, die sich bis auf die ersten und letzten Filmminuten im Flugzeug spielt und quasi in Echtzeit abläuft. Das Drehbuch forciert spannungsfördernd das Tempo. Die falschen Fährten sind klug gelegt und der Film steuert, mit etlichen unlogischen Punkten, die einem beim Ansehen eben wegen des Erzähltempos gar nicht so sehr auffallen, zielstrebig auf das große Finale zu, bei dem es dann auch ordentlich kracht und die Täter und ihr pseudo-politisches Motiv enthüllt werden. Tricktechnisch ist das Ende allerdings eher mau realisiert. Da wünschte ich mir wieder eine Rückkehr zur Prä-CGI-Ära.

Unlogisch ist, zum Beispiel, dass die unbekannten Erpresser präzise wie ein Schweizer Uhrwerk alle zwanzig Minuten einen Menschen sterben lassen. Dabei können sie sich oft auf die Hilfe von Unbeteiligten verlassen und so den Verdacht in andere Richtungen lenken. So entdeckt Marks genau vor dem Ablauf des ersten Ultimatums einen Verdächtigen, den er dann auch gleich umbringt. Nur: woher wussten die Entführer, dass er ihn entdeckt, dass es zu einem Kampf kommt und dass Marks den Kampf gewinnt? Denn wenn Marks nicht gewonnen hätte oder der Verdächtige etwas gesagt hätte, wäre der Film wohl ziemlich schnell vorbei gewesen.

Und so gibt es noch etliche weitere Punkte, bei denen man nicht allzu genau nachdenken sollte. Aber mit Liam Neeson und Julianne Moore gelingt das ziemlich einfach.

Jaume Collet-Serra liefert, wie schon bei seiner ersten Zusammenarbeit mit Liam Neeson „Unknown Identity“, viel Suspense, ein gutes Gefühl für den Schauplatz und etwas krachige Action.

P. S.: Eine Meldung für die Lawrence-Block-Fans: Endlich ist die lange geplante Matt-Scudder-Verfilmung „A Walk among Tombstones“ nicht mehr ein Mär aus Hollywoods-Entwicklungshölle, sonden Realität. „Out of Sight“-Autor Scott Frank verfilmte sein Drehbuch mit Liam Neeson in der Hauptrolle. US-Kinostart ist am 19. September. Der deutsche Kinostart ist noch unklar.

Non-Stop - Teaser

Non-Stop (Non-Stop, USA 2013)

Regie: Jaume Collet-Serra

Drehbuch: John W. Richardson, Chris Roach, Ryan Engle (nach einer Geschichte von John W. Richardson und Chris Roach)

mit Liam Neeson, Julianne Moore, Scoot McNairy, Tom Bowen, Michelle Dockery, Lupita Nyong’o, Nate Parker, Corey Stoll, Omar Metwally, Jason Butler Harner, Linus Roache, Shea Whigham, Anson Mount

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Film-Zeit über „Non-Stop“

Moviepilot über „Non-Stop“

Metacritic über „Non-Stop“

Rotten Tomatoes über „Non-Stop“

Wikipedia über „Non-Stop“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die überschätzte Siebziger-Jahre-Gaunerkomödie „American Hustle“

Februar 13, 2014

Als die Oscar-Nominierungen veröffentlicht wurden, war die Nominierungsliste mit zehn Nominierungen für David O. Russells „American Hustle“, darunter, wie schon für seinen vorherigen Film „Silver Linings“, in den Kategorien bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und, was äußerst selten ist, in allen vier Darstellerkategorien, nur der vorläufige Höhepunkt des Nominierungs- und Preisregen der seit dem Kinostart auf die lose von der sehr umstrittenen FBI-Operation „Abscam“ inspirierte Siebziger-Jahre-Gaunerkomödie herabregnet. Begleitet von fast einhelligem Kritikerlob und guten Zuschauerzahlen, die sich so richtig in den damaligen Geschmacklosigkeiten suhlen und Männer bei der Haarpflege bewundern können. Denn der FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) und der Betrüger Irving Rosenfeld (Christian Bale) pflegen und kämmen ihre Haare vor der Kamera ausdauernder als Sylvester Stallone für sein tägliches Workout benötigt. Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) pflegt seine überdimensionierte John-F.-Kennedy-Elvis-Presley-Tolle off screen.

So beginnt „American Hustle“ folgerichtig mit Rosenfeld (für die Rolle nahm Christian Bale jedes „Batman“-Kostüm sprengende Pfunde zu), der liebevoll mehrere Minuten seine verbleibenden Haare über seine beginnende Glatze kämmt, mit einem Toupet verschönert und mit viel Haarspray in die ihm gefallende Form bringt, die dann von DiMaso verwuschelt wird. In dem Moment stehen die beiden Männer kurz vor einem wichtigen Gespräch. Sie wollen nämlich Polito der Korruption überführen, indem er in einem vom FBI mit modernster Videotechnik überwachtem Hotelzimmer Schmiergeld annimmt.

Rosenfeld ist, wie wir in einer Rückblende erfahren, eigentlich ein Wäschereibesitzer, der mit kleinen Betrügereien und gefälschten Bildern ein erkleckliches Zubrot verdient. Dabei hilft ihm seine Geliebte Sydney Prosser (Amy Adams). Dass er gleichzeitig immer noch mit der ziemlich zickigen, latent zum Alkoholismus neigenden Rosalyn (Jennifer Lawrence) verheiratet ist, und er seinen Sohn liebt, verkompliziert die Beziehung in einer Mischung aus Siebziger-Jahre-Libertinage und katholischem Verschweigen kam.

Als er von DiMaso des Kreditbetrugs überführt wird, ersinnen Rosenfeld, Prosser und DiMaso schnell aus durchaus unterschiedlichen Eigeninteressen einen Plan, der eine fatale Eigendynamik Richtung Chaos entwickelt: Rosenfeld und Prosser arbeiten für das FBI und helfen dem überambitionierten, aber nicht besonders schlauem DiMaso an die wirklich großen Fische, die Wirtschaftsverbrecher, die korrupten Politiker und die Mafiosi, zu kommen. Ihr von DiMaso auserwähltes Ziel ist Carmine Polito, der allgemein beliebte Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Gemeinde Camden in New Jersey. Polito möchte gerne Atlantic City wieder im alten Glanz erstrahlen lassen, damit dringend benötigte Arbeitsplätze beschaffen und er braucht dafür potente Investoren.

Mit einer Scheinfirma und einem falschen arabischen Scheich, der unbedingt Geld in New Jersey investieren will, beginnt das Trio den charmanten Kommunalpolitiker zu umwerben. Der sieht die Chance, für seine Gemeinde etwas Gutes zu tun.

Während DiMaso begeistert ist, dass er endlich an die großen Fische herankommt, wird es Rosenfeld zunehmend mulmiger. Denn er wird gezwungen in einem Spiel mitzuspielen, das er nicht mehr beherrscht, bei dem ihn jeder Fehler seine Freiheit und, als die Mafia ebenfalls investieren will, auch sein und das Leben der von ihm geliebten Personen kosten kann.

American Hustle“ ist kein schlechter Film. Er hat eine Riege grandios aufspielender Schauspieler, eine stimmige Ausstattung, die dazu passende Musik, ein Gespür für die Absurditäten von Situationen und die Dynamik zwischen den Charakteren.

Aber er ist auch bei weitem nicht so gut, wie er gerne wäre. Eigentlich zeigen schon die ersten Minuten, wenn Christian Bale sich ewig die Haare kämmt, alle Probleme des Films. Er ist mit gut 140 Minuten viel zu lang geraten. Anstatt stringent eine Geschichte zu erzählen, mäandert er zwischen mehreren hin und her. Damit ist er als Gaunerkomödie oder politische Satire zu lang und ohne Fokus. Für ein Caper-Movie ist „American Hustle“ ebenfalls zu nachlässig erzählt. Anscheinend wurden große Teile des Films während des Drehs improvisiert und damit veränderte sich auch die Geschichte, was man am langen Auftakt, in dem vor allem das Liebespaar Rosenfeld/Prosser und ihre kleinen Betrügereien lange eingeführt werden, und dem fast schon hastigen Ende erkennt. Denn da fädelt Rosenfeld, nachdem dank seiner Ehefrau alle seine Pläne schiefgehen könnten, mit seiner Freundin schnell einen allerletzten, aber auch sehr durchschaubaren Betrug, der schon damals zum Standardinventar für beginnende Betrüger gehörte, ein. Als Charakterstudie hat „American Hustle“ nicht besonders viel Tiefe. Es sind halt alles wahnsinnig von sich überzeugte Blender, die immer eine Spur zu dick auftragen und lauthals in die Welt hinausposaunen, wie genial sie sind, dabei aber Schein mit Sein verwechseln..

Und genau wie sie ist der egozentrische Film zu sehr von sich und seinen Qualitäten, die vor allem auf dem äußeren Schein beruhen, überzeugt, um mich zu überzeugen.

American Hustle - Plakat

American Hustle (American Hustle, USA 2013)

Regie: David O. Russell

Drehbuch: Eric Warren Singer, David O. Russell

mit Christian Bale, Amy Adam, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Jack Huston, Michael Peña, Louis C. K., Shea Whigham, Elisabeth Rohm, Barry Primus, Robert De Niro

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 6 Jahre (erstaunlich)

Hinweise

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Film-Zeit über „American Hustle“

Moviepilot über „American Hustle“

Metacritic über „American Hustle“

Rotten Tomatoes über „American Hustle“

Wikipedia über „American Hustle“ (deutsch, englisch) und die Operation Abscam (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „American Hustle“

Zwei ausführliche Interviews mit David O. Russell, eines mit ihm und Teilen des Ensembles


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