Neu im Kino/Filmkritik: „Wackersdorf“ – ein Spielfilm über den Kampf eines Landrats gegen eine Zukunftstechnologie

September 20, 2018

Prolog: Die Geschichte des Kampfes um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf könnt ihr hier nachlesen

Oder einfach den Film „Wackersdorf“ von „Ein Geschenk der Götter“-Regisseur Oliver Haffner ansehen. Denn er zeichnet die Geschichte ziemlich genau nach.

In den frühen achtziger Jahren steckt der oberpfälzische Landkreis Schwandorf in einer tiefen Strukturkrise. Arbeitsplätze sind Mangelware. Die Lage, direkt am damals noch bestehenden Eisernen Vorhang, ist unattraktiv. Landrat Hans Schuierer (SPD) (Johannes Zeiler) kämpft daher verzweifelt um jede mögliche Neuansiedlung.

Mit dem überraschenden Angebot des bayerischen Umweltministers und damit der CSU-Regierung scheint sich das Blatt für die Region zu wenden: eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage soll in Wackersdorf gebaut werden. Etliche Bürger sind begeistert über die Arbeitsplätze, die mit der WAA entstehen sollen.

Aber Schuierer ist schon in diesem Moment skeptisch. Denn die Versprechen aus München und von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) über die saubere, moderne Hochtechnologie sind zu schön um wahr zu sein. Er informiert sich über die Gefahren der Atomkraft. Er wird zunehmend zum Kritiker des Projekts und zu einem wichtigen Teil des Widerstands gegen die WAA, die damals heiß umkämpft war und in Bayern für bürgerkriegsähnliche Zustände sorgte. In diesem Moment blendet Haffners Film sich langsam aus der Geschichte aus.

Bis dahin ist „Wackersdorf“ eine oft träge erzählte Eloge auf den tapferen Landrat, der sich mit der allmächtigen CSU anlegt. Er stellt Fragen. Er ist nicht ihr williger Erfüllungsgehilfe. Wegen ihm wird, als er sich im September 1984 weigert, den WAA-Bebauungsplan öffentlich auszulegen, sogar ein Gesetz verändert. Durch die „Lex Schuierer“ können Fachminister die Leiter von Aufsichtsbehörden ermächtigen, anstelle der Landräte zu handeln. Diese Änderung im Verwaltungsverfahrensgesetz ist letztendlich die Entmachtung eines von der Bevölkerung gewählten Landrats.

Durch den Fokus auf den durch und durch bürgerlichen, oft miesepetrig in die Welt starrenden Landrat und Dickschädel konzentriert sich der Film auf Konflikte innerhalb der Verwaltung und zwischen bürgerlichen Parteien. Der gesamte zivilgesellschaftliche Widerstand, der von normalen Bürgern, Geistlichen und der gesamten Anti-AKW-Bewegung getragen wurde, wird dagegen an den Rand gedrängt.

Ein anderes Problem des Films ist, dass Schuierer im Film von Anfang an sehr skeptisch ist. Seine Entwicklung vom Skeptiker zum Gegner der WAA ist eine sehr minimale Entwicklung. Und es ist unklar, auf welches Ende das Drama zusteuert. Daher gibt es keine auf eine finale Konfrontation hin ausgelegte Spannungskurve. Letztendlich plätschert der Film vor sich hin.

Wackersdorf“ ist, obwohl das bei der Geschichte um die WAA Wackersdorf einfach möglich gewesen, kein Polit-Thriller. Haffner inszenierte stattdessen ein ruhig erzähltes Drama in gedeckten Brauntönen über einen Landrat, der zum Widerstandskämpfer wird. Es ist ein Film aus einer Zeit und einem Land, in dem die CSU mit ihrem Landesvater Franz Josef Strauß und seinen willigen Vasallen, die es alle gewohnt sind, ihren Willen zu bekommen, wie Mehltau über dem Land liegt. Widerstand, Protest und Zivilcourage kennen sie nicht.

Epilog: Hambacher Forst, Bayerisches Polizeigesetz,…

Wackersdorf (Deutschland 2018)

Regie: Oliver Haffner

Drehbuch: Gernot Krää, Oliver Haffner

mit Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner, Anna Maria Sturm, Andreas Bittl, Fabian Hinrichs, Johannes Herrschmann, Frederic Linkemann, Ines Honsel, Sigi Zimmerschied, August Zirner

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wackersdorf“

Moviepilot über „Wackersdorf“

Wikipedia über „Wackersdorf“

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Ein Geschenk der Götter“ (Deutschland 2014)

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Der Eberhofer Franz hat kein „Sauerkrautkoma“

August 9, 2018

Das ist eine längst überfällige Premiere. Denn in Bayern war schon die erste Rita-Falk-Verfilmung „Dampfnudelblues“ unglaublich erfolgreich. Auch die nächsten Franz-Eberhofer-Filme liefen im Süden erfolgreich in den Kinos. Der vierte Eberhofer-Film „Grießnockerlaffäre“ hatte über 830.000 Zuschauer. In der Top 10 der erfolgreichsten deutschen Filme 2017 reichte das für den sechsten Platz. Insgesamt haben fast 2,5 Millionen Menschen die Krimikomödien im Kino gesehen. Das sind Zahlen, von denen die meisten deutschen Filme nur Träumen können.

Aber erst die fünfte Rita-Falk-Verfilmung „Sauerkrautkoma“ wird auch außerhalb Bayerns regulär in den Kinos gezeigt und damit auch in Deutschlands größter Stadt. Aktuell läuft er im Cinemaxx Potsdamer Platz, dem Delphi Lux und dem Titania.

In „Sauerkrautkoma“ wird Franz Eberhofer von Niederkaltenkirchen, ein erfundenes Kaff, in dem jeder jede kennt (und umgekehrt) und ein Kreisverkehr das Symbol (und die Metapher) für Fortschritt ist, nach München versetzt. Anstatt sich über die Beförderung zu freuen, versucht er nur, möglichst schnell wieder an seine alte Arbeitsstelle zurückzukehren. Denn München ist für ihn schlimmer als die Hölle. Die täglichen mehrstündigen Heimfahrten (im Buch) und eine Vollverköstigung durch die Oma ändern daran nichts.

Mit seiner Dauerfreundin Susi hat er auch Stress. Denn sie wird heftig von Karl-Heinz Fleischmann umgarnt. Zu ihrer Schulzeit war er der pickelige hässliche Nerd. Der ‚Fleischi‘. Jetzt ist er ein sonnengebräunter Schönling und erfolgreicher Software-Unternehmer, der das Dorf besucht. Und dann heult sein Bruder sich auf dem Eberhofer-Hof aus. Seine thailändische Frau probiert gerade die Unabhängigkeit aus und hat ihn vor die Tür gesetzt.

Das sind die privaten Nebengeschichten, die in einem normalen Krimi vernachlässigbare Nebengeschichten wären. Neben Eberhofers ausführlich geschildertem Abhängen mit seinen aus den Romanen und Filmen bekannten, ähnlich ambitionslosen Kumpels, – Detektiv Rudi Birkenberger (der das titelgebende Sauerkrautkoma erleidet), Metzger Simmerl, Installateur Flötzinger und Wirt Wolfi – , nehmen die Nebenplots den größten Teil der Komödie ein, die das Dorfleben als inklusives Paradies schildert.

Der Kriminalfall ist, wie in den anderen Eberhofer-Geschichten, herzlich nebensächlich. Dieses Mal geht es um eine Frauenleiche, die im in München gestohlenen Oldtimer von Eberhofers Vater gefunden wird. Es ist das Au-pair-Mädchen einer vermögenden Familie. Im Buch ist es die Familie Dettenbeck in Grünwald, die mit dem Verleih von Oldtimern Geld verdient. Im Film arbeitete die Ermordete beim Bürgermeister von Niederkaltenkirchen. Er ist, immerhin gehört er zur Stammbesetzung der Ebershofer-Krimis, nicht der Mörder.

Der Film wurde vom bewährten Team inszeniert. Ed Herzog übernahm wieder die Regie. Stefan Betz ist zum dritten Mal am Drehbuch beteiligt. Sebastian Edschmid ist wieder der Kameramann. Kerstin Schmidbauer ist wieder die Produzentin. Es ist also ein eingespieltes Team, das in jeder Beziehung auf Kontinuität setzt. Deshalb wurde das erfolgreiche Rezept der vorherigen Filme „Dampfnudelblues“ (2013), „Winterkartoffelknödel“ (2014), „Schweinskopf al dente“ (2016) und „Grießnockerlaffäre“ (2017) nicht geändert.

Auch die aus den vorherigen Eberhofer-Filmen bekannten Schauspieler sind wieder dabei.

Sebastian Bezzel, den ich als „Tatort“-Kommissar immer zu steif fand, hängt hier, wieder einmal, in der Rolle seines Lebens als tiefenentspannter Franz Eberhofer ab. Am Ende löst er zwar den Fall, aber er ist ein richtiger niederbayerischer Slacker, der immer noch bei seinen Eltern wohnt und niemals sein vertrautes Revier verlassen will. In Niederkaltenkirchen hat er ja alles, was er braucht.

Simon Schwarz (als Rudi Birkenberger), Lisa Maria Potthoff (als Susi), Enzi Fuchs (als schnäppchenjagende und kochende Oma Eberhofer), Eisi Gulp (als dauerkiffender Papa Eberhofer), Gerhard Wittmann (als Franz Eberhofers Bruder Leopold), Sigi Zimmerschied (als Dienststellenleiter Moratschek), Stephan Zinner (als Metzger Simmerl), Daniel Christensen (als Flötzinger), Max Schmidt (als Wirt Wolfi) und Thomas Kügel (als mordverdächtiger Bürgermeister) sind wieder dabei.

Wieder wird die Romangeschichte nur als Inspiration für den Film genommen, der vor allem um das Leben und die Probleme seiner Protagonisten kreist, die alle mehr oder weniger mit ihrem Leben zufrieden sind. Ambitionen, an denen sie scheitern könnten, haben sie nicht.

Im Roman ist der Mordfall noch unwichtiger als im Film. Sogar die Zeilen, in denen Rita Falk darüber schreibt, was Eberhofer von seiner Oma gekocht bekommt, nehmen im Buch mehr Platz ein. Im Mittelpunkt steht dieses Mal Eberhofers reichlich unbeholfenes Werben um seine Susi, die er heiraten will, und die von ihm widerwillig absolvierten Hochzeitsvorbereitungen. Der Eberhofer ist halt kein Romantiker. Seine Susi schon eher. Das ist bestenfalls mäßig unterhaltsam. Es passt aber in einen „Provinzkrimi“ (Buchcover). Das ist ein anderes Wort für „Regiokrimi“ und wie eigentlich alle Regiokrimis richten sie sich nicht an beinharte Krimifans, sondern an Nicht-Krimileser, die vor allem ihre Heimat (oder den Urlaubsort) wieder erkennen wollen.

Der größte Unterschied zwischen dem Buch und dem Film ist der Humor. Im biederen Buch ist es ein schnurriger, niemand weh tuender Tonfall, der mich niemals zum Lachen reizte. Der Filmhumor ist dagegen gemeiner, bösartiger, schwärzer, lakonischer und auch antiautoritärer. Da gibt es dann etliche Lacher. Auch weil einiges doch sehr absurd und skurril ist.

Sauerkrautkoma“ ist besser als der Roman und wem die vorherigen Eberhofer-Filme gefallen haben, wird auch dieser bayerische Provinzkrimi gefallen.

Sauerkrautkoma (Deutschland 2018)

Regie: Ed Herzog

Drehbuch: Stefan Betz, Ed Herzog

LV: Rita Falk: Sauerkrautkoma, 2012

mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Nora Waldstätten, Gedeon Burkhard, Sigi Zimmerschied, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Max Schmidt, Ferdinand Hofer, Thomas Kügel, Ulrike Beimpold, Phillipp Franck, Michael Ostrowski, Goran Navojec

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(für den Kinostart im Filmcover)

Rita Falk: Sauerkrautkoma

dtv, 2018

272 Seiten

9, 95 Euro

Originalausgabe

dtv, 2012

Taschenbuchausgabe

dtv, 2014

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Sauerkrautkoma“

Moviepilot über „Sauerkrautkoma“

Wikipedia über „Sauerkrautkoma“

Homepage von Franz Eberhofer

dtv über Rita Falk

Meine Besprechung von Rita Falks „Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi“ (2011)


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