DVD-Kritik: Antonio Banderas ist „Gun Shy“

April 23, 2018

Turk Henry ist ein stinkreicher, im selbstgewählten Ruhestand lebender Hair-Metal-Rocker, der geistig immer noch zwischen Sandkasten und Pubertät steckt. Da schleift ihn seine Freundin Sheila aus dem selbstgewählten Exil nach Santiago de Chile.

Dort baut er am Pool sofort sein Lager auf und trinkt ein Bier nach dem nächsten. Für mehr interessiert er sich nicht. Sie macht sich als Teil einer kleinen Gruppe auf zum Llama-Watching und wird prompt gekidnappt. Die anderen Geisel werden erschossen oder freigelassen. Aber Juan Carlos behält das frühere Model. Immerhin ist Sheila die Freundin des Sängers und Bassisten der von ihnen bewunderten Metal-Band.

Ihre Lösegeldforderung von einer Million Dollar ist aus Turks Sicht lächerlich gering und er möchte das Geld auch sofort bezahlen.

Aber der Botschaftsmitarbeiter Ben Harding glaubt, dass die Entführer Terroristen sind und mit Terroristen wird nicht verhandelt.

Und schon beginnt ein Versteckspiel zwischen dem lethargischen Musiker, der notgedrungen etwas tun muss, und dem vor Energie strotzenden Harding, der jede Verhandlung möglichst unauffällig verhindern will. Währenddessen menschelt Sheila mit den eigentlich grundsympathischen Entführern, die etwas Piratencharme versprühen.

Früher wäre „Gun Shy“ wahrscheinlich im Bahnhofskino gelaufen. In den wenigen Kritiken wäre der Film als Abschreibungsprojekt bezeichnet worden. Das kann über „Gun Shy“ nicht behauptet werden. Immerhin wurde der Film mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert. Für ein originäre Abschreibungsprojekt wäre das ein etwas mühevoller Weg zur Steuererleichterung. An der Qualität des Endprodukts ändert das nicht. .

Trotzdem kann so ein schlechter Film, wenn man ihn sich mit den richtigen Erwartungen ansieht, auch gefallen. Das liegt in diesem Fall vor allem an Antonio Banderas, der den Hair-Metal-Rocker Turk Henry mit spürbarer Lust am Klischee und dessen Debilität spielt. Turk ist ein Über-Rockmusiker, der deshalb besonders dumm, kindisch, verwöhnt und lebensuntüchtig ist. Früher, während seiner aktiven Krachmacherzeit, war er in jeder Beziehung vergnügungssüchtig. Sogar die Jungs von Spinal Tap sind gegenüber Turk nobelpreisverdächtige Intelligenzbestien.

Auch die anderen Schauspieler bemühen sich nie um ein auch nur ansatzweise naturalistisches Spiel. Entweder sind sie einfach so da oder sie übertreiben so lange, bis ihr Charakter eine Comedy-Figur ist. In ihren lichtesten Momenten sind sie alle grenzdebil, meistens allerdings erheblich dümmer.

Sie sind Klischeefiguren in einer an Handlung sparsamen Geschichte, die an wenigen Orten mit einem überschaubarem Budget gedreht wurde.

Regisseur Simon West („Con Air“, „The Expendables 2“, „The Mechanic“) bringt die Geschichte immerhin angenehm unernst und flott über die knapp neunzig Minuten. So macht „Gun Shy“ als anspruchsloser Klamauk durchaus Spaß. Und wenn man den Film mit einigen Freunden und Getränken sieht, entfaltet er wahrscheinlich einige SchleFaZ-Momente.

P. S.: Das Cover hat, wie man es von Bahnhofskinofilmen kennt, mit dem Film nichts zu tun. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an brennende Boote, durch die Luft fliegende Geldscheine, Hubschrauber, einen Gitarrenkoffer (Turk befördert das Geld bevorzugt in stabilen Reisekoffer) und Turk mit einer Pistole. An Turk in Hair-Metal-Klamotten und Bierdose schon.

Gun Shy (Gun Shy, Großbritannien 2017)

Regie: Simon West

Drehbuch: Toby Davies, Mark Haskell Smith

LV: Mark Haskell Smith: Salty, 2007

mit Antonio Banderas, Olga Kurylenko, Ben Cura, Mark Valley, Aisling Loftus, Martin Dingle Wall, Emiliano Jofre

DVD

Ascot Elite

Bild: 2.39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Deutscher und Originaltrailer, Wendecover

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Gun Shy“

Metacritic über „Gun Shy“

Rotten Tomatoes über „Gun Shy“

Wikipedia über „Gun Shy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Simon Wests „The Mechanic“ (The Mechanic, USA 2011)

Meine Besprechung von Simon Wests „The Expendables 2“ (The Expendables 2, USA 2012)

Meine Besprechung von Simon Wests „Wild Card“ (Wild Card, USA 2015)

Homepage von Mark Haskell Smith

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Neu im Kino/Filmkritik: Jason Statham spielt die „Wild Card“

Februar 12, 2015

Ein neuer Film, für den William Goldman das Drehbuch schrieb, ist für Filmfans ein Jubelfest. Goldman schrieb, neben einigen Romanen, die teilweise verfilmt wurden, und seinen beiden äußerst kurzweiligen Hollywood-Erinnerungsbüchern „Das Hollywood Geschäft“ (Adventures in the Screen Trade, 1984) und „Wer hat hier gelogen?“ (Which lie did I tell?, 2000), die Drehbücher für „Ein Fall für Harper“, „Butch Cassidy und Sundance Kid“, „Die Unbestechlichen“, „Der Marathon-Mann“, „Die Braut des Prinzen“, „Misery“, „Absolute Power“, „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ und „Dreamcatcher“. Seitdem, also seit über zwölf Jahren, schrieb der 1931 geborene Autor kein verfilmtes Drehbuch mehr. Aber für Simon West, der bereits „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ verfilmte, kehrte er aus seinem Ruhestand zurück und was auf den ersten Blick gut klingt, wird schon beim allerersten genaueren Hinsehen bedenklich. Denn „Wild Card“ ist ein Remake von „Heat – Nick, der Killer“ (Heat, USA 1986)“, einem Privatdetektiv-Krimi mit Burt Reynolds, dessen Produktionsgeschichte so chaotisch war, dass William Goldman ihn in „Wer hat hier gelogen?“ nur in einem Halbsatz erwähnt.
Auch abseits der chaotischen Produktion ist „Heat“ ein bestenfalls durchschnittlicher Privatdetektiv-Krimi, den niemand mehr kennt.
Aber für ein Remake ist das eigentlich nicht schlecht. Immerhin stehen die Chancen gut, dass alle das Remake als die bessere Fassung der Geschichte loben. Man kann als Autor alte Fehler beseitigen und, immerhin ist „Heat“ gut dreißig Jahre alt, die Geschichte in die Gegenwart verlagern. Man kann sogar eine mehr oder weniger neue Geschichte erzählen.
Aber „Wild Card“ nimmt keine dieser Möglichkeiten wahr. Stattdessen wirkt der Film, als ob William Goldman einfach sein altes Drehbuch aus dem Regal genommen hat, ein, zwei vollkommen unwichtige Details änderte (Heißa, es gibt Mobiltelefone!) und Simon West das Buch gab, der es dann verfilmte als müsse er eine Folge der immer noch vergnüglichen TV-Serie „Vegas“ (die in den späten Siebzigern/frühen Achtzigern in Las Vegas gedreht wurde) inszenieren. Das gewinnt der einfachen Geschichte keinen einzigen neuen Aspekt ab und Themen, die damals neu (naja, halbwegs neu) im Genre waren, sind heute hoffnungslos veraltet. Denn Nick Wild (damals Burt Reynolds, heute Jason Statham) ist ein Spieler. Ein Süchtiger. Ja, das war damals neu. Damals haderten der von Lawrence Block erfundene New-Yorker-Privatdetektiv-ohne-Lizenz Matt Scudder und der von James Lee Burke erfundene Privatdetektiv-Polizist Dave Robicheaux in grandiosen Privatdetektivkrimis mit ihrem Alkoholismus. Heute gehört eine gepflegte Suchtgeschichte zur Grundausstattung eines erfolgreichen Ermittlers.
Ansonsten ist Privatdetektiv und Bodyguard Nick Wild aus der bewährten Klischeekiste des Privatdetektiv-Genres geformt: harte Schale, weicher Kern, großes Ehrgefühl, allseits beliebt, auch bei den Frauen, die er alle ohne Ausnahme respektvoll behandelt und mit guten Freunden in der ganzen Stadt bei der Polizei, den Verbrechern und den Casinobesitzern. Wenn er eine feste Freundin hätte, könnte er fast Spenser sein.
Die Freundin, der Nick Wild hilft, ist eine Prostituierte, die von Danny DeMarco, dem Sohn eines Gangsterbosses, vergewaltigt wurde. Jetzt will sie sich für die Vergewaltigung rächen. Ja, damals war das noch halbwegs innovativ. Heute fällt vor allem auf, dass man eine Rachegeschichte so nicht mehr erzählen kann.
Die Story, ergänzt um einige Episödchen aus dem Privatdetektivleben, plätschert auf TV-Serienniveau vor sich hin (wobei mir „Vegas“ besser gefiel; „Simon & Simon“ und „Magnum“ waren auch besser) und bis auf ungefähr zwei Slow-Motion-Action-Szenen hätte auch alles so vor dreißig Jahren gedreht werden können. Denn das „Wild Card“-Las Vegas sieht nie so geleckt aus, wie wir es aus „Ocean’s Eleven“ oder „C. S. I.“ kennen, sondern, nun, wie das immer leicht schmuddelige Las Vegas aus „Vegas“.
Besonders störend bei dem schleppend erzähltem Krimi, der eine Charakterstudie sein will, aber dafür zu sehr an der Oberfläche bleibt, ist die seltsame Anlage der Hauptrolle von Jason Statham. Er spielt, ohne einen ersichtlichen Grund, den allseits beliebten Nick Wild immer so, als ob er auf Gott und die Welt wütend ist. Ein echter Stinkstiefel eben, mit dem man keine zwei Minuten verbringen möchte.
Da hat Burt Reynolds im Original einen viel lässigeren Charme versprüht. Oder Robert Urich („Spenser“) als Dan Tanna in – Sie ahnen es – „Vegas“.

Wild Card - Plakat

Wild Card (Wild Card, USA 2015)
Regie: Simon West
Drehbuch: William Goldman
LV: William Goldman: Heat, 1985
mit Jason Statham, Sofia Vergara, Milo Ventimiglia, Stanley Tucci, Anne Heche, Hope Davis, Michael Angarano, Dominik Garcia-Lorido, Max Casella, Jason Alexander
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Wild Card“
Moviepilot über „Wild Card“
Metacritic über „Wild Card“
Rotten Tomatoes über „Wild Card“
Wikipedia über „Wild Card“
Meine Besprechung von Simon Wests „The Mechanic“ (The Mechanic, USA 2011)
Meine Besprechung von Simon Wests „The Expendables 2“ (The Expendables 2, USA 2012)

William Goldman in der Kriminalakte

Ein ausführliches Interview mit William Goldman, aufgenommen im Mai 2010


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