Neu im Kino/Filmkritik: „Der Vorname“ sorgt für Ärger

Oktober 20, 2018

Wie soll euer Kind denn heißen?

Diese scheinbar harmlose Frage sorgt in der Komödie „Der Vorname“ für viel Ärger. Denn Thomas Böttcher, ein Immobilienmakler, antwortet auf die von seinem Schwager gestellte Frage: „Adolf.“

Und weil Stephan Berger, der Fragesteller, ein richtiger Bildungsbürger ist, ein Literaturprofessor, der Kraft seines Berufs immer Recht hat, erklärt er Böttcher in seinem schönsten Dozententonfall sofort, warum Adolf kein guter Name für ein Kind ist.

Böttcher antwortet und sofort sind Böttcher und Berger in einen Streit über den Namen verwickelt. Die anderen Gäste mischen sich ein und schnell geht es nicht nur um den Vornamen des Ungeborenen.

Nur Bergers Ehefrau, eine Gymnasiallehrerin, hält sich ziemlich aus der hitzigen Diskussion heraus. Sie ist vor allem mit dem Kochen und Servieren des Abendessens beschäftigt.

Die Vorlage für Sönke Wortmanns neuen Film „Der Vorname“ ist ein bereits 2012 als „Der Vorname“ (Le Prénom) von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte verfilmtes Boulevardstück. Ihr Theaterstück hatte 2010 in Paris seine Premiere.

Wortmann passte für seine Verfilmung das Stück an die deutsche Wirklichkeit an. Denn die feinen Unterschiede der Bourgeoisie sind in Deutschland, auch nach dem Genuss des Gesamtwerks von Claude Chabrol, ziemlich unbekannt. Für die Befindlichkeiten und feinen Unterschiede des deutschen Bildungsbürgertums gilt das nicht.

Für die Zuschauer ist die Schlacht der Argumente während eines Abendessens unter Verwandten und Freunden ein kurzweiliges boulevardeskes Fest. Die Schauspieler – Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi und Janina Uhse – sind gut aufgelegt. Die Pointen kommen schnell. Die Trefferquote ist hoch. Die Dialoge sind deutlich spritziger und pointierter, als man es im deutschen Film gewohnt ist. Ein Vergnügen.

Und: Augen auf bei der Namenswahl!

Der Vorname (Deutschland 2018)

Regie: Sönke Wortmann

Drehbuch: Claudius Pläging, Alexander Dydyna (Drehbuchbearbeitung) (basierend auf „Le Prénom“ von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte)

mit Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben (körperlich abwesend beim Abendessen)

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Der Vorname“

Moviepilot über „Der Vorname“

Wikipedia über „Der Vorname“

Meine Besprechung von Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg“ (Deutschland 2014)


TV-Tipp für den 19. November: Der bewegte Mann

November 19, 2015

Eins Festival, 20.15/23.35
Der bewegte Mann (Deutschland 1994, Regie: Sönke Wortmann)
Drehbuch: Sönke Wortmann
LV: Ralf König: Der bewegte Mann, 1987; Pretty Baby, 1988
Nachdem Doro ihren Freund Axel wieder einmal mit einer anderen Frau erwischt, wirft sie den ständig untreuen Frauenhelden aus der gemeinsamen Wohnung. Notgedrungen zieht er in eine schwule Wohngemeinschaft ein.
Komödienkinohit, der Ralf Königs grandiose Bildergeschichten mainstreamtauglich verflachte.
Mit Til Schweiger, Katja Riemann, Joachim Król, Rufus Beck, Armin Rohde, Martina Gedeck, Kai Wiesinger, Christof Wackernagel, Heinrich Schafmeister, Leonard Lansink (ach, waren die damals alle noch jung)
Hinweise
Filmportal über „Der bewegte Mann“
Wikipedia über „Der bewegte Mann“ und Ralf König
Homepage von Ralf König
Meine Besprechung von Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Frau Müller muss weg“ – darüber muss nicht diskutiert werden

Januar 15, 2015

Ein Elternabend ist es nicht, sondern ein Elternnachmittag an einem Samstag in einer verlassenen Grundschule und es sind auch nicht alle Eltern da, sondern nur eine kleine Abordnung, die ein klares Ziel hat: „Frau Müller muss weg“. Denn die Empfehlungen für den Schulwechsel stehen an. Alle Eltern möchten ihre Kinder auf das Gymnasium schicken, aber die Leistungen ihrer Kinder verschlechterten sich in den vergangenen Monaten rapide und Schuld daran ist natürlich die Klassenlehrerin, die jetzt halt in einem Gespräch überzeugt werden soll, die Klasse freiwillig aufzugeben. Die Sprecherin der Eltern ist die in einem Ministerium arbeitende Karrierefrau Jessica Höfel (Anke Engelke). Im Businesskostüm und kalt wie eine Klapperschlange. Verluste sind ihr, solange sie ihr Ziel erreicht, egal. Deshalb kandidierte sie auch als Elternsprecherin und selbstverständlich wird sie bei diesem Treffen das Reden übernehmen.
Begleitet wird sie von einigen Eltern, die vor allem ein schweigender Chor sein sollen. Es sind Wolf Heider (Justus von Dohnány), ein arbeitsloser Ossi, der seine Tochter ständig überwacht, die alleinerziehende Katja Grabowski (Alwara Höfels), deren Sohn Klassenbester ist, und das aus dem Westen kommende Ehepaar Patrick (Ken Duken) und Marina Jeskow (Mina Tander), deren hochbegabter und sehr sensibler Sohn früher in einer Waldorf-Schule war und viel Aufmerksamkeit benötige.
Aber Frau Müller (Gabriela Maria Schmeide) ist nicht bereit, so einfach ihre Klasse aufzugeben und sie teilt gegenüber den Eltern aus. Vollkommen überzeugt von ihrem pädagogischen Konzept und ihren Leistungen nennt sie die Probleme der Kinder beim Namen und verlässt wutentbrannt über den Wunsch der Eltern das Klassenzimmer.
Leicht konsterniert bleiben diese zurück. Immerhin hat Frau Müller ihre Tasche vergessen. Sie wird also wieder zurückkommen. Nach einigen Minuten beschließen sie, in der Schule nach ihr zu suchen. Während der Suche erfahren wir dann auch mehr über die Eltern.
„Frau Müller muss weg“ basiert auf dem Theaterstück von Lutz Hübner, das 2010 in Dresden seine erfolgreiche Premiere hatte und auch dort spielt, obwohl es überall in Deutschland spielen könnte. Zusammen mit Sarah Nemitz (mit der bereits mehrere Stücke schrieb) und Oliver Ziegenbalg („Russendisko“) adaptierte er es für die Verfilmung. „Der bewegte Mann“ Sönke Wortmann inszenierte den Film, nachdem er das Stück bereits in Berlin im GRIPS-Theater inszenierte.
Der Film selbst, auch weil er keine Eins-zu-Eins-Abfilmung des Stückes ist, fühlt sich trotzdem nie wie ein routiniert abgefilmtes Theaterstück an. Die Schauspieler sind gut, die Dialoge sind glaubwürdig und kein Charakter, auch wenn wir ihre Motive gut verstehen, ist einem sympathisch. Eigentlich sind alle, die Eltern und die Lehrerin, mehr oder weniger unsympathisch, aber genau deshalb sind sie glaubwürdig. Denn wir verstehen ihre Sorgen und Wünsche, aber rundum identifizieren können wir uns nicht mit der selbstgerechten Lehrerin, an deren Panzer jede Kritik abprallt. Oder den Eltern, die zwar immer nur das beste für ihre Kinder wollen, dabei aber nur den Maßstab „was gut für mein Kind ist, ist gut“ kennen und diesen Maßstab ausschließlich aus ihrer Perspektive und für ihr Kind anlegen. Deshalb benötigen sie die Empfehlung für das Gymnasium. Ob das gut für das Kind ist, ist den Eltern egal.
Und so betrachtet ist dann auch Katja ein zwiespältiger Charakter. Weil ihr Sohn der Klassenbeste ist, wird er sowieso auf das Gymnasium gehen. Entsprechend leicht kann man da mit den schwächeren Eltern solidarisch sein und gleichzeitig Verständnis für die Lehrerin haben. Außerdem hat sie, während die anderen anwesenden Mütter und Väter verheiratet sind, eine Beziehung zu einem verheirateten Mann.
Wortmanns Kammerspiel „Frau Müller muss weg“ ist die gelungene Filmadaption eines erfolgreichen Theaterstücks, die vor allem als sanfter Denkanstoß funktioniert. Das ist viel mehr, als man über andere deutsche Filme sagen kann.

Frau Müller muss weg - Plakat

Frau Müller muss weg (Deutschland 2014)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Lutz Hübner, Sarah Nemitz, Oliver Ziegenbalg
LV: Lutz Hübner: Frau Müller muss weg, 2010 (Theaterstück)
mit Cabriela Maria Schmeide, Justus von Dohnány, Anke Engelke, Ken Duken, Mina Tander, Alwara Höfels, Rainer Galke, Jürgen Maurer, Dagmar Sachse
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Frau Müller muss weg“
Film-Zeit über „Frau Müller muss weg“
Moviepilot über „Frau Müller muss weg“


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