TV-Tipp für den 5. Juni: The Program – Um jeden Preis

Juni 4, 2018

3sat, 20.15

The Program – Um jeden Preis (The Program, Großbritannien 2015)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: John Hodge

LV: David Walsh: Seven Deadly Sins: My Pursuit of Lance Armstrong, 2012

Die Geschichte von Radler Lance Armstrong, der gedopt sieben Mal die Tour de France gewann und der alle Titel wieder verlor.

Frears erzählt in seinem gelungenem Biopic die vor allem im Radsport allseits bekannten Fakten über den Wunderknaben flott nach.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ben Foster, Chris O’Dowd, Guillaume Canet, Jesse Plemons, Denis Ménochet, Lee Pace, Edward Hogg, Dustin Hoffman

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Program“
Moviepilot über „The Program“
Metacritic über „The Program“
Rotten Tomatoes über „The Program“
Wikipedia über „The Program“ (englisch) und Lance Armstrong (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Frears‘ „Victoria & Abdu“l (Victoria & Abdul, Großbritannien 2017)

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Neu im Kino/Filmkritik: Über Stephen Frears Königin-Victoria-Film „Victoria & Abdul“

September 30, 2017

1887 überreicht zum fünfzigsten Thronjubiläum von Königin Victoria ein extra für diesen Anlass aus Indien herbeigeschaffter Inder der Königin eine Münze.

Die Königin, die auch die Kaiserin von Indien ist, findet den mit den höfischen Ritualen nicht vertrauten 24-jährigen Abdul Karim interessant, freundet sich mit ihm an und blüht wieder auf. Der in seiner Heimat einfache Schreiber wird ein Vertrauter und ihr Sprachlehrer, während die Verwandtschaft der Königin von dieser Beziehung nicht begeistert ist.

Diese Geschichte wurde erst vor einigen Jahren einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Shrabani Basu erfuhr bei ihren Recherchen über ein Buch über die Geschichte des Curry, dass Königin Victoria Currygerichte liebte. In den königlichen Archiven entdeckte sie einige ihrer Tagebücher, die auf Urdu geschriebene Texte enthielten. Basu ließ sie übersetzen. In Indien entdeckte sie bei einem Großneffen von Abdul ein von Abdul geschriebenes Tagebuch über seine Reise nach England.

Basu schrieb darüber das 2010 erschienene Buch „Victoria & Abdul: The true Story of The Queen’s closest Confidant“ (Victoria & Abdul), das das Interesse der Filmemacher weckte. Immerhin hat diese historische Anekdote all die Elemente, die das Interesse des Zuschauers wecken könnten. Allerdings handelt sich auch um ein Episödchen, das bislang für Historiker nicht weiter interessant war, weil es keine historische Bedeutung in irgendeiner Form hat. In so einem Fall muss der Drehbuchautor etwas Finden, das einen Film über diese Beziehung rechtfertigt.

Denn nur dass zwei Menschen gut miteinander auskommen, ist noch keine Geschichte. Es braucht irgendeinen eindeutig ausformulierten Konflikt, der über den gesamten Film trägt. Die im Film angedeutete platonische Liebe zwischen der Königin und ihrem Munshi (aka Lehrer) ist es nicht. Und natürlich müsste man sich entscheiden, ob man Abdul jetzt als den Freund, den einzigen Freund, der Königin oder als einen Betrüger, der sie für seine Zwecke ausnutzt, zeigt. Wobei man hier noch klären müsste, was er von ihr will: Geld, eine höhere gesellschaftliche Stellung oder nur schnell zurück nach Indien? Weil Lee Hall („Billy Elliot“, „Gefährten“) diese Frage konsequent umgeht, bleibt Abdul passiv. Er wurschtelt sich durch, ohne jemals übermäßig aktiv zu werden. Er nimmt einfach alle Ereignisse als gottgegeben hin. Während des gesamten Films ist daher unklar, was er will. Und warum. Ali Fazal spielt ihn deshalb entsprechend unauffällig als höfliche Projektionsfläche.

Mohammed, sein Mitreisender, ist dagegen als notorischer Bedenkenträger, der die Kolonialherren hasst und nur zurück in sein geliebtes, warmes Indien will, viel eindeutiger gezeichnet. Wobei seine Bemerkungen vor allem altbekannte Klischees bestätigen. Er ist, bis zu seinem Tod, der klassische Comic Relief.

Die von Judi Dench gespielte Königin ist, wenn sie mit diebischer Freude den Inder benutzt, um ihren Hofstaat in Aufruhr zu versetzten, deutlich aktiver als Abdul, ohne dass es zu viel mehr als ‚viel Lärm um nichts‘ führt.

Über die anderen Schauspieler kann auch nicht gemeckert werden. Die Kostüme und Schlösser, in denen Stephen Frears teilweise erstmals drehen durfte, sehen gut aus, aber all die Bemühungen helfen nichts, wenn das Drehbuch nicht überzeugt.

Entsprechend spannungs- und ereignislos plätschert der Kostümfilm vor sich hin, wirft einen leicht ironischen Blick auf die höfischen Rituale, feiert erstaunlich unkritisch die große Zeit des British Empire und lässt das Königshaus das hochverehrte Königshaus sein.

Victoria & Abdul (Victoria & Abdul, Großbritannien 2017)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Lee Hall

LV: Shrabani Basu: Victoria & Abdul: The true Story of The Queen’s closest Confidant, 2010 (Victoria & Abdul)

mit Judi Dench, Ali Fazal, Eddie Izzard, Tim Pigott-Smith, Olivia Williams, Penella Woolgar, Paul Higgins, Michael Gambon, Adeel Akhtar

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Victoria & Abdul“

Metacritic über „Victoria & Abdul“

Rotten Tomatoes über „Victoria & Abdul“

Wikipedia über „Victoria & Abdul“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)


TV-Tipp für den 26. September: Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn

September 26, 2017

Weil am Donnerstag sein neuer Film „Victoria & Abdul“ (ebenfalls mit Judi Dench, aber nicht so gut wie „Philomena“)  anläuft

ARD, 22.45

Philomena (Philomena, Großbritannien 2013)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope

LV: Martin Sixsmith: The Lost Child of Philomena Lee, 2009 (Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn)

1952 wurde die Irin Philomena Lee als Jugendliche ungewollt schwanger. Sie ging zur Besserung in ein Kloster. Ihr Kind wurde, ohne sie zu fragen, von den barmherzigen Schwestern fortgegeben. Jetzt, fünfzig Jahre später, möchte sie ihren Sohn wiedersehen. Aber die katholische Kirche mauert. Nur der Journalist Martin Sixsmith hilft ihr.

Feines, auf einer wahren Geschichte basierendes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood, Peter Hermann, Mare Winningham, Michelle Fairley

Wiederholung: Mittwoch, 27. September, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Metacritic über „Philomena“

Rotten Tomatoes über „Philomena“

Wikipedia über „Philomena“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)


TV-Tipp für den 6. Dezember: Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn

Dezember 6, 2016

WDR, 22.10

Philomena (Philomena, Großbritannien 2013)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope

LV: Martin Sixsmith: The Lost Child of Philomena Lee, 2009 (Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn)

1952 wurde die Irin Philomena Lee als Jugendliche ungewollt schwanger. Sie ging zur Besserung in ein Kloster. Ihr Kind wurde, ohne sie zu fragen, von den barmherzigen Schwestern fortgegeben. Jetzt, fünfzig Jahre später, möchte sie ihren Sohn wiedersehen. Aber die katholische Kirche mauert. Nur der Journalist Martin Sixsmith hilft ihr.

Feines, auf einer wahren Geschichte basierendes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung – und dann ab ins Kino in den neuen Frears-Film „Florence Foster Jenkins“.

mit Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood, Peter Hermann, Mare Winningham, Michelle Fairley

Hinweise

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Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Philomena“

Moviepilot über „Philomena“

Metacritic über „Philomena“

Rotten Tomatoes über „Philomena“

Wikipedia über „Philomena“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Meryl Streep ist „Florence Foster Jenkins“

November 26, 2016

Florence Foster Jenkins ist eine begeisterte Sängerin, die glaubt eine große Sängerin zu sein. Heute würde man sie vielleicht zu „Deutschland sucht den Superstar“ schicken und nach zwei Minuten, nachdem die Jury etwas über ihr mangelndes Gesangstalent ätzte, wäre der Traum der Sangeskarriere wie eine Seifenblase zerplatzt.

Vielleicht würde man ihr auch raten, eine Punk-Band zu gründen. Die müssen ja nicht unbedingt singen können.

Aber Florence Foster Jenkins lebte in der ersten Hälfte des letzten Jahrhundert an der Ostküste der USA und eine Karriere als Sängerin bedeutete, dass sie Opernarien singt und in der Carnegie Hall auftreten will. Weil sie reich ist und ihr Mann St. Clair Bayfield, ein englischer Schauspieler von Adel (aber ohne Geld), sie (oder ihr Geld) abgöttisch liebt, sorgt er dafür, dass sie in ihrer Scheinwelt leben kann. Vor allem im exquisiten, von ihr gegründeten Verdi Club, in dem sich die New Yorker High Society trifft und St. Clair Bayfield als Schauspieler und leicht öliger Ansager brillieren kann, während er seine Frau bei ihren Auftritten unterstützt und anpreist. Wenn sie in der Öffentlichkeit auftritt, besorgt er auch das richtige Publikum aus wahren „Musikliebhabern“, die dann brav applaudieren. Denn Florence kann überhaupt nicht singen – und Meryl Streep, die letztes Jahr in „Ricki – Wie Familie so ist“ als Rockröhre eine gute Figur machte (sie sang auch), trifft hier zielsicher bei den während des Drehs live aufgenommenen Musikstücken keinen einzigen Ton. Was ihren neuen Pianisten Cosmé McMoon (Simon Helberg), nachdem ihm von St. Clair wahre Elogen über ihr Talent erzählt wurden, erst einmal fassungslos zurücklässt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen Welten. Angesichts der fürstlichen Bezahlung beteiligt er sich an der Charade.

Dummerweise will Florence in der Carnegie Hall vor tausend Weltkrieg-II-Kriegsveteranen, die dafür Freikarten bekommen, singen. Das öffentliche Konzert soll ihr Beitrag zum zur Landesverteidigung sein.

St. Clair fragt sich, wie er die absehbare Katastrophe für seine geliebte und verletzliche Frau verhindern kann. Cosmé fragt sich, ob er als ernsthafter Pianist auf das Engagement verzichten soll oder ob er mit ihr auftreten soll. Denn wann wird er jemals wieder in der Carnegie Hall spielen können?

Florence Foster Jenkins gab es wirklich und ihr Konzert in der Carnegie Hall ist eine der gefragtesten Darbietungen aus dem Archiv des Konzertsaals. Ihre Aufnahmen für Melotone, die sie vor dem Konzert einspielte, waren der größte Verkaufshit der Firma; und dabei bekommen wir immer erzählt, dass erst mit Punk der Dilettantismus in die Musik einzog.

Florence Foster Jenkins wurde 1868 in Pennsylvania als Tochter eines vermögenden Anwalts und Bankiers geboren. Als Kind trat sie als Pianistin auf. Das von ihr gewünschte Gesangsstudium finanzierte ihr ihr Vater nicht. Als er 1909 starb vererbte er ihr ein beträchtliches Vermögen, das es ihr ermöglichte, ihre künstlerischen Ambitionen in jeder Beziehung zu frönen. 1909 lernte sie auch St. Clair Bayfield, den unehelichen Enkel eines englischen Grafen und erfolglosen Schauspieler, kennen. Sie blieben bis zu ihrem Tod am 26. November 1944 zusammen.

Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ ist der vorläufige (?) Höhepunkt einer kleine Wiederentdeckung der schlechtesten Opernsängerin der Welt. Letztes Jahr war sie die Inspiration für Xavier Giannolis Spielfilm „Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne“. Er verlegte die Geschichte in das Paris der 1920er Jahre. Vor zwei Wochen lief Ralf Pflegers „Die Florence Foster Jenkins Story“ an. In einer Mischung aus Spielszenen und Experteninterviews nähert er sich der Sängerin.

Frears verfilmte die Geschichte als herrlich altmodisches Schauspielerkino, in dem allen Charakteren bis zum Ende eine gewisse Doppelbödigkeit bewahren. So ist nie ganz klar, ob St. Clair Bayfield seine Frau oder ihr Geld abgöttisch liebt. Hugh Grant hatte jedenfalls schon lange nicht mehr so viel Spaß an einer Rolle. Bei Florence Foster Jenkins ist unklar, wie sehr sie sich selbst täuscht. Also wie sehr sie ihr Talent grotesk falsch einschätzt, oder aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation, wie ein kleines Kind, ihren Traum bewahren will. Sie hat auch das Geld, um komfortabel in ihrer Seifenblase zu leben. Jedenfalls geht sie für ihren Traum auf die Bühne und sie, eine durch und durch gutherzige Person, will den Menschen etwas geben. Und ob sie die Affäre ihres Mannes, auch als sie – einer der vielen komödiantischen Höhepunkte des Films – in St. Clairs Junggesellenbude vor ihr steht, ignoriert oder überhaupt nicht wahrnimmt, weil sie in ihrer eigenen Welt lebt, bleibt dem Urteil des Zuschauers überlassen.

Der witzige Feelgood-Film „Florene Foster Jenkins““ überzeugt, wie Peter Bergs „Deepwater Horizon“ und, ab nächstem Donnerstag, Clint Eastwoods „Sully“ (über Chesley B. Sullenberger und seine Notlandung einer Passagiermaschine auf dem Hudson River), bei allen Unterschieden zwischen den drei Filmen, trotz bekannter Geschichte und bekanntem Ende, weil wir neue Hintergründe erfahren, die Drehbücher gut geschrieben sind und Schauspieler und Regie engagiert bei der Sache sind. Bei „Florence Foster Jenkins“, diesem nostalgischen Rückblick in eine andere Zeit, kann auch öfter herzlich gelacht werden.

florence-foster-jenkins-plakat

Florence Foster Jenkins (Florence Foster Jenkins, Großbritannien 2016)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Nicholas Martin

mit Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg, Rebecca Ferguson, Nina Arianda

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Moviepilot über „Florence Foster Jenkins“

Metacritc über „Florence Foster Jenkins“

Rotten Tomatoes über „Florence Foster Jenkins“

Wikipedia über „Florence Foster Jenkins“ (deutsch, englisch) und Florence Foster Jenkins (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Florence Foster Jenkins“

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Program – Um jeden Preis“ zieht Lance Armstrong es durch

Oktober 8, 2015

Heute ist „The Program“ etwas überflüssig. Immerhin haben wir den Aufstieg und Fall von Lance Armstrong, der nach einer schweren Krebserkrankung, sieben Mal hintereinander die Tour de France gewann, mitbekommen. Wir wissen, wie dopingverseucht die Tour de France und der internationale Radsport damals war (und noch immer ist). Deshalb wurde sie ja auch einige Jahre bei uns im Fernsehen nicht mehr übertragen. Wir haben auch Lance Armstrongs großes Mea Culpa, nachdem er jahrelang jegliches Doping abstritt, mitbekommen. Und wir wissen, dass ihm seine Tour-de-France- und weitere Titel aberkannt wurden. Das wissen wir aus der Tageszeitung, den Nachrichten, den Reportagen, einigen Büchern und Dokumentarfilmen, wie Alex Gibneys „Die Armstrong Lüge“ (The Armstrong Lie, 2013).
Was soll uns da ein Spielfilm noch Neues verraten? Nun, weil es ein Spielfilm ist, kann er, während er den bekannten Fakten folgt, auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. Er zeigt uns Bilder von Ereignissen, bei denen keine Kamera dabei ist. Er bezieht Position und interpretiert auch die Ereignisse. So erscheint Lance Armstrong zunächst als ein äußerst ehrgeiziger Sportler, der Doping zielgerichtet als Methode einsetzt, um seine Leistung zu steigern – und das wird von Stephen Frears (zuletzt „Philomena“) zunächst auch wie ein Lausbubenstreich inszeniert. Armstrong und seine Mitradler im Team sind sich keiner Schuld bewusst. Immerhin dopen die anderen Radfahrer auch und EPO ist die Droge der Stunde. Der erste Kauf von EPO in einer Apotheke erinnert dann auch eher an den Kondomkauf von Pennälern. Aber dann wird Armstrong, grandios gespielt von Ben Foster, von dem ehrgeizigen Sportler immer mehr zu einem egozentrischen Karrieristen, der für sein Ziel über Leichen geht. Wer nicht für ihn ist, fliegt aus dem Team. Sein Ehrgeiz, dem er alles unterordnet, ist grenzenlos und, so zeigt es „The Program“, er bringt ihn auch zu Fall.
Auf der anderen Seite ist David Walsh, der als Sportreporter der Sunday Times an einen sauberen Radsport glaubt. Als er schreibt, dass Armstrong aufgrund seines Körperbaus und seiner Krankheitsgeschichte nicht zu den Leistungen imstande sein könne, die er für seinen Gewinn der Tour de France erbrachte, wird er von dem Klüngel aus Radlern, Veranstaltern, Promotern und Journalisten, die alle von der Tour de France, die inzwischen ja ein großes Spektakel ist, als Nestbeschmutzer beschimpft.
Aber Walsh hat, auch wenn der Film auf seinem Buch basiert, in dieser Chronik von Lance Armstrongs Aufstieg und Fall nur eine fast schon verzichtbare Nebenrolle. Denn der Sportjournalismus ist im Radsport nur ein Hintergrundrauschen.
Weil „The Program“ die bekannte Geschichte von Lance Armstrong von seiner ersten Tour-de-France-Teilnahme 1993 bis zu seinem selbst verschuldetem Ende brav nacherzählt, ist er heute ein gut gemachter, aber auch etwas überflüssiger Film, der in den kommenden Jahren, wenn wir uns nicht mehr an die Reportagen und Dokumentationen erinnern, wichtiger wird und dann auch – bei Rotten Tomatoes hat er derzeit nur eine unverdient schlechte Bewertung von 50 % – positiver gesehen wird.

The Program - Plakat

The Program – Um jeden Preis (The Program, Großbritannien 2015)
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: John Hodge
LV: David Walsh: Seven Deadly Sins: My Pursuit of Lance Armstrong, 2012
mit Ben Foster, Chris O’Dowd, Guillaume Canet, Jesse Plemons, Denis Ménochet, Lee Pace, Edward Hogg, Dustin Hoffman

Länge: 103 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Program“
Moviepilot über „The Program“
Metacritic über „The Program“
Rotten Tomatoes über „The Program“
Wikipedia über „The Program“ (englisch) und Lance Armstrong (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Katholikin „Philomena“ sucht ihr Kind

Februar 28, 2014

 

Nachdem Stephen Frears mit seinem vorherigen Film „Lady Vegas“ (Lay the Favorite) so richtig daneben griff, kehrt er mit „Philomena“ wieder zur alten Stärke zurück, indem er, genau beobachtend und vielschichtig, eine einfache Geschichte erzählt, die von den Schauspielern und den pointierten Dialogen getragen wird. Außerdem handelt es sich um eine wahre Geschichte, die Martin Sixsmith zu einem Sachbuch verarbeitete, das die Vorlage für „Philomena“ ist. Dabei war Martin Sixsmith zuerst überhaupt nicht begeistert von der Geschichte. Aber nachdem der große BBC-Polit-Journalist nach einer spitzen Bemerkung als Berater der Tony-Blair-Regierung entlassen wurde, benötigte er das Geld und er nahm die Human-Interest-Geschichte – ein journalistisches Genre, das er für den Bodensatz des Bodensatzes hält – nur widerwillig an. Eigentlich überlegte er nur, wie er den Auftrag möglichst schnell erledigen könnte. Aber das war, bevor er Philomena Lee kennen lernte und er merkte, dass die katholische Kirche jede Hilfe verweigert.

Vor etwas über fünfzig Jahren, 1952, wurde Philomena im streng katholischen Irland als junges, unverheiratetes, katholisches Mädchen schwanger. Eine Sünde, für die sie von ihren Eltern in das Kloster in Roscrea abgeschoben wird. Dort, in der Sean Ross Abtei, muss sie, wie viele andere Sünderinnen in der Wäscherei schuften. Ihre Kinder wurden zur Adoption freigegeben; – eigentlich in die USA verkauft, während die Mütter nicht gefragt wurden, Frondienste leisteten und von den Schwestern wie Sklavinnen gehalten wurden. Nach außen inszenierten die Schwestern sich, wie auch die Kirche, als Wohltäterinnen. 1955 wurde Philomenas Kind verkauft.

Jetzt fragt sie sich, was aus ihrem Sohn wurde. Zusammen mit Martin Sixsmith besucht sie die Sean Ross Abtei, aber die Schwestern sagen ihnen nichts.

Im Dorfpub erfährt Sixsmith von den Verkäufen der Bastarde an reiche US-Amerikaner. Gemeinsam mit Philomena verfolgt er die vielversprechende Spur in die USA – und wer die Geschichte von Philomena Lee aus den Medien kennt, dürfte jetzt keine großen Überraschungen erleben. Jedenfalls nicht bei der Identität von ihrem Sohn.

Dafür schreibt hier das echte Leben eine viel bittere Geschichte. Denn ihr Sohn ist tot und seine letzten Wünsche wurden von der katholischen Kirche ignoriert.

Bis dahin lernen sich der arrogante, weltgewandte Upper-Class-Journalist Sixsmith und die Working-Class-Frau, die immer noch eine gläubige Katholikin ist, begeistert Kitschromane liest und nie ihr Land verlassen hat, besser kennen und, dank des pointierten Drehbuchs von Steve Coogan und Jeff Pope, der gewohnt souveränen Regie von Stephen Frears („Die Queen“, „The Snapper“, „Grifters“, „Gefährliche Liebschaften“, „Mein wunderbarer Waschsalon“) und dem grandiosen Spiel von Steve Coogan und Judi Dench werden die offensichtlichen Fallen der Geschichte souverän umschifft.

Philomena“ ist eine zu Herzen gehende Geschichte über die Suche nach dem verlorenen Sohn, eine kühle, die Fakten sprechende Anklage gegen die katholische Kirche, die witzige Geschichte eines seltsamen Paares und auch ein Moralstück. Denn wie soll man mit Unrecht umgehen?

Am Ende des Films verlässt man, trotz der düsteren Geschichte, beschwingt das Kino. „Philomena“ ist ein feiner, kleiner Film, der letztes Jahr beim Filmfestival in Venedig seine Premiere feierte, Publikumsliebling war und neun Preise erhielt. Seitdem erhielt das Drama etliche weitere Preise und wurde für vier Oscars, unter anderem als Bester Film, nominiert.

Philomena - Plakat

Philomena (Philomena, Großbritannien 2013)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope

LV: Martin Sixsmith: The Lost Child of Philomena Lee, 2009 (Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn)

mit Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood, Peter Hermann, Mare Winningham, Michelle Fairley

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Film-Zeit über „Philomena“

Moviepilot über „Philomena“

Metacritic über „Philomena“

Rotten Tomatoes über „Philomena“

Wikipedia über „Philomena“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Und noch einige Interviews

mit Philomena Lee und ihrer Tochter Jane

mit Stephen Frears (Regie) und Steve Coogan (Produktion, Drehbuch, Hauptrolle)


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