TV-Tipp für den 28. September: Battle of the Sexes – Gegen jede Regel

September 27, 2019

Pro7, 20.15

Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (Battle of the Sexes, USA 2017)

Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton

Drehbuch: Simon Beaufoy

1973 fordert Bobby Riggs Billy Jean King heraus. Der 55-jährige Riggs, ein großmäuliger Wimbledon- und US-Open-Gewinner, behauptet, die beste Tennisspielerin der Welt in einem Match schlagen zu können.

TV-Premiere. Auf Tatsachen basierende, sehr kurzweilige Dramödie mit viel Zeitkolorit über diesen historischen Kampf und über Billy Jean King, die 2009 die Presidential Medal of Freedom für ihr Engagement für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft erhielt. Bereits 1975 sang Elton John über sie in „Philadelphia Freedom“.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Emma Stone, Steve Carell, Chris Evans, Sarah Silverman, Bill Pullman, Andrea Riseborough, Alan Cumming, Elisabeth Shue

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Battle of the Sexes“

Metacritic über „Battle of the Sexes“

Rotten Tomatoes über „Battle of the Sexes“

Wikipedia über „Battle of the Sexes“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Battle of the Sexes“

Meine Besprechung von Valerie Faris/Jonathan Daytons „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ (Ruby Sparks, USA 2012)

Meine Besprechung von Jonathan Dayton/Valerie Faris‘ „Battle of the Sexes – Gegen jede Regel“ (Battle of the Sexes, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Willkommen in Marwen“, der erfundenen Stadt von Mark Hogancamp

April 2, 2019

Spoilerwarnung für alle, die die Geschichte von Mark Hogancamp, einem Künstler, der mit Puppen erfundene Weltkrieg-II-Szenarien nachstellt und fotografiert, nicht kennen – und sich vorm Kinobesuch den Trailer nicht ansehen.

In den ersten Minuten von Robert Zemeckis neuem Film „Willkommen in Marwen“ begleiten wir den US-Soldaten Captain Hogie, der während des Zweiten Weltkriegs in Belgien von seiner Truppe getrennt wird, ein Paar Stöckelschuhe findet, sie anzieht, von einer Gruppe deutscher Soldaten gestellt wird und, ehe die Nazis ihn erschießen können, von einer Truppe vollbusiger Kampfamazonen gerettet wird.

Irritierend, also noch irritierender als die Handlung, ist das Aussehen der Figuren und wie sie sich bewegen. Nicht wie Menschen, sondern wie Puppen.

Und das sind sie auch. Es sind 1:6-Modelle, teils Barbiepuppen, teils andere Puppen, mit deren Hilfe sich Mark Hogancamp in eine Fantasiewelt flüchtet. Diese Flucht ist für ihn die Chance, ein Trauma zu bewältigen. Nachdem er sich im 8. April 2000 in einer Bar in Kingston, New York, betrank, wurde er auf seinem Heimweg von einer Gruppe junger Männer zusammengeschlagen, weil er ihnen erzählt hatte, dass er gerne Frauenschuhe anziehe. Im Film wird das Hassverbrechen von Nazis verübt. Nur durch Zufall überlebte er den feigen Angriff. Danach lag er neun Tage im künstlichen Koma und musste alles wieder neu erlernen. Nachdem seine Krankenkasse seinen Klinikaufenthalt nicht weiter bezahlen wollte, wurde er, immer noch krank, nach vierzig Tagen aus der Klinik entlassen (Yep, ein Hoch auf das US-Krankensystem! Immerhin kommt im Film einmal im Monat eine Schwester vorbei, die überwachen soll, ob er seine Medikamente genommen hat.). Das Spielen mit Puppen in einer II-Weltkrieg-Fantasiewelt, für die er auch die belgische Fantasiestadt Marwencol baute, ist für ihn die Möglichkeit, den Alltag zu bewältigen. Alle Puppen und Ereignisse in Marwencol haben eine realweltliche Entsprechung.

Weil Hogancamp seine Fantasiewelt auch fotografierte, wurde er in den USA zu einem bekannten Künstler, beginnend mit einer Ausstellung in New York, die auch im Film gezeigt wird, über die hochgelobte Dokumentation „Marwencol“ (die auch die Inspiration für den Spielfilm war), Zeitungsartikel und dem Buch „Welcome to Marwencol“.

Jetzt verfilmte Robert Zemeckis die Geschichte von Mark Hogancamp als Spiel zwischen Real- und Fantasiewelt, in der langsam deutliche wird, dass der schrullige Nachbar, der wie ein pubertierender Junge lebt, eine gequälte Seele ist.

Dummerweise ist Hogancamps Fantasiewelt die durch und durch sexistische und brutale Welt der Men’s-Adventure-Magazine, in denen Sex und Gewalt hemmungslos verherrlicht und ohne irgendeine ironische Brechung dargeboten werden. Es ist eine Welt, die bei uns niemals so richtig populär war und die heute extrem reaktionär ist.

Es ist auch die Welt der Naziploitationfilme, in denen Nazifetische, Sex und Gewalt fließend ineinander übergehen und die Hogancamp als 1-zu-1-Inspiration für seine Fantasiewelt nimmt. Es ist Fanfiction.

Diese Men’s-Adventure-Welt war schon immer eine hoffnungslos übertriebene Fantasiewelt, die heute nur noch mit ironischen Brechungen erträglich sind. Brechungen zu denen Hogancamp nicht fähig ist, weil die von ihm geschaffene Welt ein Spiegel seines Inneren ist und er so ein Ventil für sein Trauma hat, das er so vielleicht auch bewältigen kann.

Das ist, – wenn wir ignorieren, dass Hogancamp professionelle Hilfe benötigt hätte -, eine gute, richtige und auch begrüßenswerte Methode, um Erlebnisse zu verarbeiten. Es ist auch besser, als das Ausleben von „Ein Mann sieht rot“-Rachefantasien in der Realität.

Zemeckis zeigt Hogancamps Welt ohne Distanzierungen und Brechungen. Er will, dass wir emotional involviert sind. Damit verstehen wir nicht nur, wie in einem Dokumentarfilm, Hogancamps Problem, sondern wir sollen auch emotional auf seiner Seite stehen und, wenigstens implizit, seine Fantasien gutheißen. Das versucht jeder Film und, wahrscheinlich weil „Forrest Gump“-Regisseur Zemeckis ein guter Regisseur ist, war ich die ganze Zeit befremdet von „Willkommen in Marwen“.

Vielleicht auch, weil alles eine Spur zu deutlich ist und ich die Tricks und Absichten des Magiers durchschaute. Und so versagt „Willkommen in Marwen“ bei mir genau auf der Ebene, auf der ein Spielfilm funktionieren sollte.

Willkommen in Marwen (Welcome to Marwen, USA 2018)

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: Robert Zemeckis, Caroline Thompson

mit Steve Carell, Leslie Mann, Diane Kruger, Merritt Wever, Janelle Monáe, Eiza Gonzalez, Gwendoline Christie, Leslie Zemeckis, Neil Jackson, Falk Hentschel, Matt O’Leary, Nikolai Witschl, Patrick Roccas, Alexander Lowe

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Willkommen in Marwen“

Metacritic über „Willkommen in Marwen“

Rotten Tomatoes über „Willkommen in Marwen“

Wikipedia über „Willkommen in Marwen“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood sucht in Marwen nach der historischen Wahrheit

Meine Besprechung von Robert Zemeckis “Flight” (Flight, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „The Walk“ (The Walk, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Allied – Vertraute Fremde“ (Allied, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Dick Cheney, „Vice – Der zweite Mann“ spielt im Hintergrund die erste Geige

Februar 22, 2019

Den ersten Lacher gibt es schon in den ersten Filmsekunden, wenn nacheinander drei Sätze auf der Leinwand zu sehen sind:

The following is a true story.

Or as true as it can be given that Dick Cheney is one of the most secretive leaders in history.

But we did our fucking best.

Danach geht es in das Jahr 1963 auf eine Landstraße in Wyoming. Dick Cheney, damals noch ein junger Student, fährt stockbesoffen Auto. Ab da springt Adam McKay munter, aber weitgehend chronologisch, durch das Leben von Dick Cheney, der unter George W. Bush von 2001 bis 2009 Vizepräsident war.

Adam McKay erzählt Cheneys Geschichte, wie seinen Film „The Big Short“ über die Finanz- und Bankenkrise, flott, pointiert, mit unzähligen Brechungen, unter Einsatz aller filmischen Mittel und sehr süffig. Obwohl McKay einen mit Informationen bombardiert, verliert man nie den Überblick. Christian Bale ist als Dick Cheney unter der Maske nicht mehr zu erkennen. Die anderen Schauspieler – Steve Carell als Donald Rumsfeld, Sam Rockwell als George W. Bush, Tyler Perry als Colin Powell, Eddie Marsan als Paul Wolfowitz, LisaGay Hamilton als Condoleezza Rice – sind dagegen irritierend gut erkennbar. Sie ähneln kaum den Menschen, die sie spielen.

Auch bei den historisch verbürgen Fakten, Dynamiken und Ursache-Wirkungsketten nimmt McKay sich etliche Freiheiten. Im Gegensatz zu „The Big Short“ vereinfacht er in „Vice – Der zweite Mann“ vieles so sehr, dass Zeitzeugen, Historiker und Politik-Journalisten über die vielen Ungenauigkeiten, Auslassungen und Fiktionen verzweifeln. „Vice – Der zweite Mann“ ist halt vor allem eine Anklage gegen Dick Cheney und ein guter Ankläger ignoriert oder spielt die störenden Fakten in seinem Plädoyer herunter. Außerdem ist es ein Spiel- und kein Dokumentarfilm.

Im Mittelpunkt des Films stehen Cheneys Jahre als Vizepräsident, in denen er die Weltgeschichte entscheidend verändern konnte. Er ist dabei der große Planer im Hintergrund. Das Mastermind, das alles einfädelt und ermöglicht. Es sind die Jahre mit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, dem danach folgenden uferlosen Krieg gegen den Terror, dem Irakkrieg und der Ausweitung der Macht des Präsidenten. Das geschieht mit Hilfe der umstrittenen und auch zweifelhaften Unitary Executive Theorie, nach der es keine Machtbeschränkung für den US-Präsidenten und damit auch seinen Stellvertreter gibt. Er kann machen, was er will und er kann dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Cheney findet die Theorie grandios und er wird Vizepräsident, um sie in seinem Sinn anzuwenden.

Es sind Jahre, in denen einige Männer, die ihr Leben lang zwischen Politik und Wirtschaft pendelten, jetzt die Ernte einfahren wollen. Es ist eine Clique von amoralischen konservativen und ultrakonservativen Selbstbedienern, die sich den Staat zur Beute machen. Rückblickend und mit der Trump-Entourage im Weißen Haus, erscheinen sie als gemäßigte Geister, die die Saat für den jetzigen Zustand der US-Demokratie legten.

Mckay inszeniert einen oft irritierend plakativer Ritt durch einige Jahrzehnte US-Geschichte, der mehr nach dem nächsten besten Gag als nach einem wirklichen Blick hinter die Kulissen schielt. So lässt McKay die Jahre, in denen Cheney sich von einem trinkfreudigen Studenten (vulgo Säufer) zu einem Abstinenzler wandelt, links liegen. Er ist nach einer Standpauke seiner Frau Lynne (Amy Adams) schwuppdiwupp in Washington, D. C., und weil ihm bei der Begrüßung der neuen Praktikanten in der Hauptstadt die respektlos-lockere Rede von Donald Rumsfeld (Steve Carell) gefällt, wird er 1969 dessen Mitarbeiter. Zu welcher Partei er gehört und welche politischen Ansicht er hat, ist Cheney egal. Rumsfeld ist witzig und das reicht Cheney. Und so geht es weiter. Rumsfeld hat schon einige Projekte, Cheney hat dann auch ein, zwei Projekte, die er und Rumsfeld obsessiv über Jahrzehnte verfolgen: die Gründung des konservativen Privatsenders FOX News, den Zugang amerikanischer Firmen, vor allem von Cheneys Arbeitgeber Halliburton (von 1995 bis 2000), zu den Ölquellen im Irak und der juristischen Idee, dass ein US-Präsident (bzw. sein Stellvertreter) unumschränkte Macht hat. Diese will Cheney als Vizepräsident ausüben. Präsident George W. Bush wird hier zu einem leicht manipulierbaren, meinungslosen Trottel, der kaum in der Lage ist, ein Schnapsglas richtig zu halten.

Stilistisch kopiert McKay dabei seinen sehr aufklärerischen und sehr gelungenen „The Big Short“. Aber während man beim ersten Sehen von „The Big Short“ kaum alles erfassen konnte, hat man bei „Vice“ keine Probleme, die vielen Informationen zu verarbeiten. In dem Informationstsunami ist alles immer ziemlich eindeutig. Damit ist die Polit-Satire inhaltlich und auch von der Personenzeichnung deutlich näher bei McKays beiden „Anchorman“-Filmen und seiner „Saturday Night Live“-Zeit. Die gezeigten Politiker sind keine Charaktere, sondern Typen, die einfach nur Macht wollen. Wozu und welche Überzeugungen sie haben, ist da noch nicht einmal sekundär. Falls sie überhaupt Überzeugungen haben, die über ihr Bankkonto hinausreichen.

Vice – Der zweite Mann“ ist eine Satire über eine Haufen moralbefreiter Intriganten, die von willigen Deppen umgeben sind und die gängige Vorurteile über die Politik bedient.

Vice – Der zweite Mann (Vice, USA 2018)

Regie: Adam McKay

Drehbuch: Adam McKay

mit Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Tyle Perry, Eddie Marsan, Jesse Plemons, LisaGay Hamilton, Alison Pill, Lily Rabe, Alfred Molina

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Vice“

Metacritic über „Vice“

Rotten Tomatoes über „Vice“

Wikipedia über „Vice“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood fällt ein ziemlich eindeutiges Urteil

Meine Besprechung von Adam McKays „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ (Anchorman 2: The Legend continues, USA 2013)

Meine Besprechung von Adam McKays „The Big Short“ (The Big Short, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Mein „Beautiful Boy“ ist süchtig

Januar 25, 2019

Nic (Timothée Chamalet) ist drogensüchtig. Und weil sein Vater David Sheff (Steve Carell) ein in den USA renommierter Journalist ist, tut er das, was er für seine Reportagen für „Rolling Stone“, „The New York Times Magazine“, „Playboy“ und „Esquire“ und seine Sachbücher, wie „Nintendo – ‚Game Boy’“, tut. Er recherchiert über das Thema. Damit hat Regisseur Felix van Groeningen bei seinem US-Debüt einen guten Erzählfaden gefunden. Mit David Sheff erfahren wir, was Sucht ist, wie Angehörige mit Süchtigen umgehen sollten und wie groß das Drogenproblem in den USA ist. Denn inzwischen ist, wie vor einigen Tagen Peter Hedges in seinem ebenfalls sehenswertem Drogendrama „Ben is back“ (mit Lucas Hedges und Julia Roberts) zeigte, das Drogenproblem in den noblen WASP-Vorstädten angekommen und der Einstieg in eine Drogenkarriere erfolgt über verschreibungspflichtige Medikamente. Zunehmend auch das Ende. Eine Überdosis ist bei den Unter-Fünfzigjährigen die häufigste Todesursache. In den vergangenen zwanzig Jahren, vor allem in den letzten Jahren, stieg die Zahl der Drogentote rasant. 2017 gab es in den USA 72.000 Drogentote, 49.000 davon durch Opioide, vulgo Schmerzmittel.

Die Sheffs sind auf den ersten und zweiten Blick eine vorbildliche, stinknormale, linksliberale, gesellschaftlich aufgeschlossene, in der Nähe von San Francisco lebende Familie. David Sheff ist in zweiter Ehe mit der Künstlerin Karen Barbour (Maura Tierney) verheiratet. Sein Verhältnis zu seiner ersten Frau Vicki Sheff (Amy Ryan) ist gut. Ihr Sohn Nic ist kein von Dämonen getriebenes Scheidungskind. David Sheff versteht sich sehr gut mit seinem begabtem und kulturell interessiertem Sohn. Auch Karen versteht sich gut mit Nic.

Nic selbst ist ein guter Schüler. Es gibt für ihn keinen Grund Drogen zu nehmen, außer dass er sie nehmen will. Denn Nics Einstieg in seine Drogenkarriere erfolgt ganz klassisch mit Marihuana. Da ist er Zwölf. Danach probiert er verschiedene Drogen aus und stößt irgendwann auf Meth.

Beautiful Boy“ zeigt jetzt, wie David Sheff versucht seinem Sohn zu helfen und wie Nic Sheff versucht, seine Sucht zu bekämpfen. Denn – ist das jetzt ein Spoiler? – auch Nic schrieb über seine Drogenkarriere ein Buch, das parallel zu dem Buch seines Vaters erschien. So konnten van Groeningen und sein Co-Autor Luke Davies (u. a. „Candy“) gleich auf zwei biographische Bücher zurückgreifen, die das Geschehen aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven schildert. Einmal David Sheffs „Beautiful Boy“, das seinen Ursprung in seiner „New York Times Magazine“-Reportage „My addicted Son“ (2005) hatte. Einmal Nic Sheffs „Tweak“.

Trotzdem konzentriert der Film sich vor allem auf David Sheffs Perspektive. Es ist die Perspektive eines Elternteils, das helfen möchte, aber letztendlich weitgehend zur Passivität verdammt ist, während Nic immer wieder versucht, clean zu werden. Bis zum nächsten Rückfall. Dabei verwandelt Nic das Leben seiner Eltern und jüngeren Geschwister in ein Katastrophengebiet. Trotzdem versucht sein Vater ihm immer wieder zu helfen.

Felix van Groeningen erzählt das sehr feinfühlig und auch konventionell auf dem Niveau eines guten Fernsehfilms, der sich, allein schon durch die Erzählperspektive, vor allem an Eltern richtet. Er gibt ihnen Ratschläge und auch Hoffnung.

Für sich genommen ist das Drogendrama ein gut gemachter und sehenswerter Mainstream-Film, der allein schon wegen seines Themas und seiner Geschichte ein großes Publikum verdient hat und durch seine Machart erreichen will.

Ihm fehlt allerdings das, was van Groeningens ältere Filme so ungewöhnlich macht. In ihnen, wie zuletzt „The Broken Circle“ und „Café Belgica“, erzählt er, tief in das Milieu eintauchend, mit großer Sympathie und großer emotionaler Wucht von dem Leben von Außenseitern und Freigeistern, die ihr Leben leben. Jedenfalls soweit das in Flandern möglich ist. Dagegen ist sein US-Debüt „Beautiful Boy“ sehr brav ausgefallen.

Beautiful Boy (Beautiful Boy, USA 2018

Regie: Felix van Groeningen

Drehbuch: Luke Davies, Felix van Groeningen

LV: David Sheff: Beautiful Boy, 2008; Nic Sheff: Tweak, 2008

mit Steve Carell, Timothée Chamalet, Maura Tierney, Amy Ryan, Kaitlyn Dever, Timothy Hutton, Andre Royo

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Beautiful Boy“

Metacritic über „Beautiful Boy“

Rotten Tomatoes über „Beautiful Boy“

Wikipedia über „Beautiful Boy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Felix van Groeningens „The Broken Circle“ (The Broken Circle Breakdown, Belgien/Niederlande 2012)

Meine Besprechung von Felix van Groeningens „Café Belgica (Belgica, Belgien/Frankreich/Niederlande 2016)

Q&A nach der Weltpremiere beim TIFF

Build Series: Ein Gespräch mit Felix van Groeningen, Steve Carell und Timothée Chamalet

DP/30 unterhält sich mti Felix van Groeningen

Amazon Studios: Featurette „Everything“

 


TV-Tipp für den 30. Mai: Little Miss Sunshine

Mai 29, 2018

Ein sonniger Film für einen sonnigen Tag

Disney Channel, 20.15

Little Miss Sunshine (Little Miss Sunshine, USA 2006)

Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris

Drehbuch: Michael Arndt

Die siebenjährige Olive Hoover will an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen. Also macht sich die Familie (eine sympathische Ansammlung gescheiterter Existenzen) in einem klapprigen VW-Bus auf den Weg quer durch die USA.

„Sehenswert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Ein Feelgood-Independent-Movie, das unter anderem zwei Oscars erhielt (Drehbuch und beste Nebenrolle, es war auch als bester Film des Jahres nominiert) und ein Kritiker- und Publikumserfolg war.

Mit Abigail Breslin, Greg Kinnear, Paul Dano, Alan Arkin, Toni Collette, Steve Carell

Wiederholung: Donnerstag, 31. Mai, 22.05 Uhr

Hinweise

Film-Zeit über „Little Miss Sunshine“

Metacritic über “Little Miss Sunshine”

Rotten Tomatoes über “Little Miss Sunshine”

Wikipedia über “Little Miss Sunshine” (deutsch, englisch)

Go into the Story: Interview mit Michael Arndt (26. April 2009, aufgenommen wahrscheinlich 2006)

Meine Besprechung von Jonathan Dayton/Valerie Faris’ “Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin” (Ruby Sparks, USA 2012)

Meine Besprechung von Jonathan Dayton/Valerie Faris‘ „Battle of the Sexes – Gegen jede Regel“ (Battle of the Sexes, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Eine wahre Geschichte: Zwei Tennisspieler im „Battle of the Sexes“

November 24, 2017

1973 fordert Bobby Riggs Billy Jean King heraus. Der 55-jährige Riggs, ein Wimbledon- und US-Open-Gewinner, behauptet, die beste Tennisspielerin der Welt in einem Match schlagen zu können. King, die sich schon lange für gleiche Bezahlung aller Tennisspieler einsetzt und die aus Protest gegen die ungleiche Bezahlung eine eigene Frauenliga gründete, nimmt nach langem Zögern die Herausforderung an.

Battle of the Sexes“, von den „Little Miss Sunshine“-Regisseuren Valerie Faris und Jonathan Dayton inszeniert, lässt die frühen siebziger Jahre wieder stilecht auferstehen und gewinnt dem Duell der Geschlechter viele humoristische Facetten ab. Vor allem weil Riggs ein Showman ist, der immer ein riesiges Spektakel inszeniert.

Allerdings interessieren Faris und Dayton sich mehr für die Liebesgeschichte zwischen King und der jungen Friseurin Marilyn Barnett, die sie auf ihrer Frauentennistour durch die USA kennen lernt und mitnimmt. Schließlich, da sind sich die Frauen der Virginia-Slims-Tournee (zur Förderung des Damentennis) einig, geht nichts über einen guten Haarschnitt.

Billy Jean King gewann in Wimbledon zwanzig Titel. Sie steht auf dem siebten Platz der Rekord-Grand-Slam-Siegerinnen im Damen-Einzel. 2009 erhielt sie von US-Präsident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom für ihr Engagement für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft.

Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (Battle of the Sexes, USA 2017)

Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton

Drehbuch: Simon Beaufoy

mit Emma Stone, Steve Carell, Chris Evans, Sarah Silverman, Bill Pullman, Andrea Riseborough, Alan Cumming, Elisabeth Shue

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Moviepilot über „Battle of the Sexes“

Metacritic über „Battle of the Sexes“

Rotten Tomatoes über „Battle of the Sexes“

Wikipedia über „Battle of the Sexes“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Battle of the Sexes“

Meine Besprechung von Valerie Faris/Jonathan Daytons „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ (Ruby Sparks, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Besuchen Sie mit Woody Allen das „Café Society“

November 10, 2016

Der jährliche Woody-Allen-Film entführt uns wieder einmal in die Dreißiger Jahre an die Ost- und Westküste, nach Hollywood und in einen New Yorker Nachtclub, in dem sich die bessere Gesellschaft trifft.

Aber zuerst muss Bobby Dorfman (Jesse Eisenberg als Woody Allen) nach Los Angeles. Der jüdische Junge will nicht im Geschäft seines Vaters arbeiten. Weil die Dorfmans mit Phil Stern (Steve Carell) einen erfolgreichen Hollywood-Agenten in der Familie haben, gibt es auch gleich familiäre Beziehungen, die ausgenutzt werden können. Onkel Phil soll sich um Bobby kümmern. Und wie das so ist mit lästigen Verwandten, hat der großkotzige Agent keine Zeit für das entfernte Familienmitglied. Also lässt er ihn von seiner Sekretärin Vonnie (Kristen Stewart) durch Hollywood kutschieren. Dabei verlieben sich die beiden.

Dummerweise ist Vonnie auch mit Onkel Phil liiert und dieser überlegt jetzt ernsthaft, seine Frau für die Geliebte zu verlassen.

Dieses Liebesgeschichte steht zwar einerseits so halbwegs im Zentrum von „Café Society“, andererseits erzählt der Film, den Woody Allen nach eigenem Bekunden wie einen Roman strukturierte, vor allem ein Jahr aus dem Leben von Bobby, ergänzt um zahlreiche Episoden aus dem Leben seiner Familienmitglieder. Diese Episoden sind durchaus vergnüglich. Oft als Gags. Aber sie bringen den Hauptplot nicht voran. Und auch der Hauptplot ist eher eine Nebensache.

In der Filmmitte beginnt eine vollkommen neue Geschichte, die im Gegensatz zur Hollywood-Filmhälfte lustlos, ziellos und unkonzentriert heruntergespult wird. Bobby zieht zurück nach New York. Er betreibt, was für Ärger sorgen wird, zusammen mit seinem Verbrecher-Bruder einen Nachtclub, verliebt sich in eine andere Frau (Blake Lively) und heiratet sie. Erst als Phil mit seiner neuen Frau im Nachtclub wieder auftaucht, trifft Bobby seine erste Liebe wieder. Beide haben wir, während wir uns fragte, wie die Geschichte enden soll, nicht wirklich vermisst. Aber dann ist Silvester und das Jahr und der Film sind um, ohne dass wir klüger sind. Auch wenn die letzten Bilder eine bestimmte Interpretation nahe legen, hat das abrupte Ende von „Café Society“ nicht die Eleganz des Endes von „Match Point“. Und auch nie dessen erzählerische Stringenz und Eleganz.

Denn „Café Society“ ist ein Desaster. Da helfen auch nicht die stilbewusste Ausstattung, die schönen Hollywood-Locations, fein fotografiert von Vittorio Storaro, der beschwingte Jazz-Soundtrack, und die sympathischen, engagiert spielenden Schauspieler; auch wenn Steve Carell einfach nur wieder den bösen Kapitalisten spielt. Es hilft nicht, weil das Drehbuch einfach nur, zusammengehalten durch einen Erzähler (im Original von Woody Allen gesprochen), Episoden aneinanderreiht. Oft mit dem bekannten Allen-Witz, aber auch vollkommen beliebig austauschbar. Man hätte auch locker die Hälfte der Szenen durch andere Szenen ersetzen können, ohne dass man es bemerken würde. Eisenberg als Woody-Allen-Imitator wird von Szene zu Szene geschoben, ohne dass jemals klar wird, was er den will. Naja, eigentlich will er nichts. Weder in Hollywood, noch in New York. Dabei wiederholt Allen seine vertrauten Themen, die er in früheren Filmen deutlich besser behandelte als in dieser redundanten Abfilmung seiner Notizzettel.

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Café Society (Café Society, USA 2016)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

mit Jesse Eisenberg, Jeannie Berlin, Steve Carell, Blake Lively, Parker Posey, Kristen Stewart, Corey Stoll, Ken Stott

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Café Society“

Metacritic über „Café Society“

Rotten Tomatoes über „Café Society“

Wikipedia über „Café Society“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens “Irrational Man” (Irrational Man, USA 2015)

Woody Allen in der Kriminalakte  


Neu im Kino/Filmkritik: „Freeheld – Jede Liebe ist gleich“, aber nicht jeder Pensionsanspruch

April 7, 2016

Die Frau erhält die Pension ihres verstorbenen Mannes. Das ist ein ganz einfaches, uns wohlvertrautes Prinzip. Manchmal gibt es Probleme. Wenn, zum Beispiel, sie ihn erkennbar nur wegen Pension heiratete.

Manchmal gibt es auch andere Probleme und von einem erzählt Peter Sollett in seinem auf einem wahren Fall basierendem Spielfilm. In „Freeheld“ geht es um eine Polizistin, die dafür kämpft, dass ihre Pension nach ihrem Tod an ihren Partner ausgezahlt wird. Es gibt nur ein kleines Problem: ihr Partner ist eine Frau – und die fünf gewählten, republikanischen Ocean-County-Bezirksvertreter (die sich Freeholders nennen) meinen, dass eine Pension nur an einen andersgeschlechtlichen Partner ausgezahlt werden könne. Schließlich gelte es die Familie zu schützen und eine Familie bestehe nun einmal aus Mann und Frau, die dann auch Kinder bekommen.

An Kinder hat Detective Laurel Hester (Julianne Moore) nie gedacht. Als der Film 2002 beginnt, hat sie seit zwanzig Jahren als unerschrockene und gute Polizistin gearbeitet. Sie ist respektiert und aufgrund ihrer Arbeit und ihres Charakters auch ein Vorbild für ihre Kollegen in Ocean County, New Jersey. Als sie bei einem Volleyballspiel die neunzehn Jahre jüngere Automechanikerin Stacie Andree (Ellen Page) kennen lernt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem zögert Hester. Sie will Privatleben und Beruf strikt trennen, was aufgrund der unter Polizisten verbreiteten Homophobie vernünftig ist. Aber Andree möchte mit ihrer großen Liebe zusammen sein. Auch in der Öffentlichkeit.

Sie ziehen in ein typisches Vorstadthaus, renovieren es und könnten glücklich sein, wenn nicht 2005 bei Hester nach 23 Dienstjahren Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert würde. Hesters einziger und letzter Wunsch ist, dass ihre Pensionsansprüche auf ihre Lebenspartnerin übertragen werden, damit sie weiterhin im gemeinsamen Haus leben kann. Als die Bezirksvertreter ihr diesen Wunsch verweigern, den sie jedem anderen Staatsdiener, der eine andersgeschlechtliche Person heiratet, problemlos erfüllen (auch wenn die Ehe nur wenige Tage dauerte), beginnt Hester für ihr Recht auf gleiche Behandlung zu kämpfen. Denn Partnerschaft ist Partnerschaft. Unterstützt wird sie dabei von dem großspurig und theatralisch auftretendem Bürgerrechtsaktivisten Steve Goldstein (Steve Carell), der aus den Anhörungen vor den Freeholders ein großes, öffentlichkeitswirksames Theater macht.

Dieses Theater steht natürlich in der Tradition der großen Gerichtsfilme, in denen dann auch die Werte der amerikanischen Gesellschaft und auch die Werte liberaldemokratischer Gesellschaften verhandelt werden. Aber „Freeheld“ ist kein Gerichtsfilm, sondern ein konventionell erzähltes, durchaus auf die Tränendrüse drückendes Liebesdrama, das eben deshalb sehenswert ist. Schließlich richtet Peter Solletts Film, nach einem Drehbuch von „Philadelphia“-Autor Ron Nyswaner, sich nicht an die ohnehin überzeugte LGBT-Gemeinschaft sondern an das Mainstream-Publikum. Diese Zuschauer müssen von dem Anliegen überzeugt werden. Emotional und rational. Für die emotionale Seite sind dann Julianne Moore und Ellen Page zuständig. Steve Carell für die rationale. Und Michael Shannon, der Hesters Kollegen Dane Wells spielt, zeigt die Wandlung eines konservativen Mannes, der sich niemals für die Rechte von Homosexuellen interessierte und der jetzt für die Rechte seiner Arbeitspartnerin kämpft.

Der wahre Fall, der auch in der Oscar-gekrönten Dokumentation „Freeheld“ von Cynthia Wade, die die Inspiration für den Spielfilm war, geschildert wird, und die mit ihm verbundene Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war in den USA einer der Marksteine auf dem Weg zur Entscheidung des United States Supreme Court vom 26. Juni 2015, die allen Amerikanern, auch gleichgeschlechtlichen, die Heirat erlaubt. In Deutschland ist das immer noch nicht möglich.

Freeheld - Plakat

Freeheld – Jede Liebe ist gleich (Freeheld, USA 2015)

Regie: Peter Sollett

Drehbuch: Ron Nyswaner (basierend auf dem Dokumentarfilm „Freeheld“ von Cynthia Wade)

mit Julianne Moore, Ellen Page, Steve Carell, Michael Shannon, Luke Grimes, Gabriel Luna, Skip Sudduth, William Sadler

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Neu im Kino/Filmkritik: Der grandiose Wirtschaftsthriller „The Big Short“

Januar 19, 2016

Bei den Golden Globes verlor „The Big Short“ in der Kategorie „Beste Komödie oder Musical“ gegen „Der Marsianer“. Aber jetzt ist er für den Oscar als bester Spielfilm nominiert. Und Adam McKay, dessen vorherigen Regiearbeiten leichtgewichtige Komödien, wie „Die etwas anderen Cops“ und die beiden „Anchorman“-Filme waren, die nicht gerade durch erzählerische Stringenz und eine treffsichere Analyse überzeugten. Doch genau das gelingt „The Big Short“, McKays grandioser Aufarbeitung der 2007 in den USA geplatzten Immobilienblase, die die Weltwirtschaft nachhaltig schädigte und die zahllose Kleinanleger ruinierte. Für sie sind die Folgen des unglaublichen Leichtsinns der Spekulanten noch heute spürbar.
Dabei gab es warnende Stimmen, denen jetzt – ausgehend von Michael Lewis‘ Sachbuch „The Big Short“ – in dem Film ein durchaus unpathetisches Denkmal gesetzt wird. Denn zum Helden, vor allem zum strahlenden Hollywood-Helden, taugt keiner von ihnen. Der eine ist Dr. Michael Burry (Christian Bale), ein ehemalige Neurologe, der zum Hedgefond-Manager mit Narrenfreiheit (solange die Zahlen stimmen) wurde, ein Glasauge und seltsame Angewohnheiten hat. Mit anderen Menschen kann er nicht so gut umgehen, aber er vertieft sich in die Zahlen und entdeckt, dass die Fundamente des Immobilienmarktes mehr als brüchig sind. Für ihn ist offensichtlich, dass der Markt demnächst zusammenbrechen wird.
Der andere ist der egozentrische Hedgefonds-Manager Mark Baum (Steve Carell), der fleischgewordene Alptraum jedes Cholerikers, der zwar einen moralischen Kompass, aber keine Manieren hat. Der „Deutsche Bank“-Makler Jared Vennett (Ryan Gosling) weist ihn, durchaus eigennützig, auf die faulen Kredite hin, die durch einige Buchungstricks zu guten Krediten umgewidmet werden. Gemeinsam wollen sie von dem erwartbaren Zusammenbruch des Marktes profitieren.
Doch bevor sie gemeinsame Sache machen, zieht Baum, der Vennett nicht glaubt, in Florida Erkundigungen über einige dieser Hauskredite ein und er ist schockiert.
Und dann gibt es noch die beiden jungen Geldmanager Jamie Shipley (Finn Wittrock) und Charlie Geller (John Magaro), die ebenfalls durch Zufall auf die Zahlen stoßen und sie mit dem Ex-Banker Ben Rickert (Brad Pitt), der mit seiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben will, vergolden wollen.
Sie erkannten als Wall-Street-Außenseiter, was die Experten nicht erkannten oder nicht erkennen wollten in der Hoffnung, dass es immer so weitergeht.
McKay inszenierte seinen Spielfilm „The Big Short“ wie einen Dokumentarfilm, der zufällig dabei war, als die handelnden Personen ihre Entdeckungen machten. Sie und einige prominente Gäste, wie Margot Robbie, Anthony Bourdain, Selena Gomez und Dr. Richard Thaler (ein Verhaltensökonom), erklären die komplizierten ökonomischen Vorgänge in einer so atemberaubenden Geschwindigkeit, dass man beim ersten Ansehen gar nicht alle Feinheiten mitbekommen kann. Humor und satirische Zuspitzungen helfen, auch wenn einem mehr als einmal das Lachen im Hals stecken bleibt. Vor allem natürlich über die Arroganz der Banker, die ihren schlechten und spekulativen Produkte als sichere Geldanlagen verkaufen. Die Geschichte entwickelt sich flott zwischen den verschiedenen Handlungssträngen wechselnd (weshalb die Stars auch nie bis fast nie zusammen auftreten) auf die bekannte Katastrophe, das Platzen der Immobilienblase im Sommer 2007, zu.
„The Big Short“ ist ein scharfsinniger, aufklärerischer, in jeder Sekunde konzentrierter und an die Intelligenz seines Publikums glaubender Film, den so niemand von Adam McKay erwartet hätte. Oder wie Steve Carell sagt: „Wenn mich jemand auf einer Cocktailparty fragen würde, worum es in dem Film geht, würde ich antworten: ,Erinnern Sie sich, als die Subprime-Hypotheken über die Wupper gingen und all die Firmen ihre Türen schließen mussten und niemand dafür ins Gefängnis wandern musste? Erinnern Sie sich daran? Erinnern Sie sich, wie alles einfach explodierte? Und dann die Regierung kam und alle rausboxte und alles wieder okay erschien? Darum geht es in diesem Film. Es ist ein Horrorfilm, der viel schrecklicher ist, als ich es gerade beschrieben habe.‘“

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The Big Short (The Big Short, USA 2015)
Regie: Adam McKay
Drehbuch: Adam McKay, Charles Randolph
LV: Michael Lewis: The Big Short: Inside the Doomsday Machine, 2010 (The Big Short: Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte)
mit Christian Bale, Ryan Gosling, Steve Carell, John Magaro, Finn Wittrock, Marisa Tomei, Melissa Leo, Hamish Linklater, Rafe Spall, Jeremy Strong, Anthony Bourdain, Margot Robbie, Selena Gomez
Länge: 131 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „The Big Short“
Metacritic über „The Big Short“
Rotten Tomatoes über „The Big Short“
Wikipedia über „The Big Short“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „The Big Short“
Meine Besprechung von Adam McKays „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ (Anchorman 2: The Legend continues, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Ringer-Brüder Mark und Dave Schultz, der Milliardär John du Pont und sein Team „Foxcatcher“

Februar 6, 2015

Mit „Foxcatcher“ kommt der nächste, für mehrere Oscars nominierte Film in unsere Kinos. Fünf insgesamt. Bennett Miller, der als bester Regisseur nominiert ist, inszenierte vorher das grandiose Biopic „Capote“ (über Truman Capote und seine Recherche zu „In Cold Blood“) und das Baseball-Biopic „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“. Auch bei seinem neuen Film „Foxcatcher“ bleibt er in der Welt des Sports. Dieses Mal ist es Ringen und auch ein True-Crime-Drama, das reichlich frei die Vorgeschichte zu einen in den USA bekanntem und spektakulärem Mordfall erzählt. Denn „Foxcatcher“ erzählt – ich folge jetzt der Filmgeschichte – die Geschichte der Wrestling-Brüder Mark (Channing Tatum) und Dave Schultz (Mark Ruffalo, nominiert als bester Nebendarsteller), die 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles jeweils Gold erhielten, und ihrer Beziehung zu John du Pont (Steve Carell, nominiert als bester Hauptdarsteller). Er gehört zur Du-Pont-Dynastie, die ihr Vermögen mit Sprengstoff für das Militär machten und eine der reichsten Familien der USA ist. Von normalen Sorgen enthobener Geldadel eben. Seine Zeit investiert John du Pont in exzentrische Hobbys, die Pflege seines Images und er kämpft um die Achtung seiner Mutter (Vanessa Redgrave); was vergebliche Liebesmüh ist, weil John du Pont nicht den Reitstall seiner Mutter übernehmen will und sie für seine Hobbys nur Verachtung übrig hat. Seine neueste Idee, die er mit manischer Begeisterung verfolgt, ist ein eigenes Wrestling-Team, das von Mark Schultz geleitet wird. Sein Ziel ist Gold bei der nächsten Olympiade.
Als das Training stockt, holt er Dave Schultz, den Bruder von Mark, auf sein Anwesen, auf dem die Ringer frei von finanziellen Sorgen trainieren können. Mark, der sich endlich von seinem Bruder emanzipieren will, ist damit nicht einverstanden. Dennoch raufen die beiden Brüder sich zusammen und das Team „Foxcatcher“ (so der ihm von du Pont gegebene Name) fährt 1988 zu den Olympischen Spielen nach Seoul.
Diese Geschichte endet – Das ist jetzt kein Spoiler. -, indem John du Pont Dave Schultz erschießt und für diese Tat auch zu einer langjährigen Haftstrafe (dreizehn bis dreißig Jahre) verurteilt wird. John du Pont starb im Dezember 2010 im Gefängnis, aber das sehen wir nicht mehr.
Der Film endet vor der Verhandlung und das könnte, immerhin ist die Atmosphäre in „Foxcatcher“ immer schön unangenehm, die klinische Studie eines geistig kranken Milliardärs sein. Oder halt die Geschichte von seinem neuesten Projekt, das sich zu einem Misserfolg entwickelt. Oder, immerhin wird Mark Schultz am Anfang als Protagonist eingeführt, die Geschichte einer versuchten Verführung, indem ihm Geld und Ruhm angeboten werden. Oder über die Beziehung der beiden Schultz-Brüder zueinander. Alles das spricht Regisseur Bennett Miller an, ohne dass er sich jemals für eine Geschichte entscheidet. Was in diesem Fall dazu führt, dass man eher mäßig interessiert die schleppend inszenierte Handlung verfolgt.
So verschwindet die Anfangs breit eingeführte Geschichte der beiden Brüder irgendwann aus der Filmgeschichte. Die olympischen Kämpfe, auf die Foxcatcher-Mannschaft so lange hin trainierte, werden so knapp und lieblos gezeigt, dass es vollkommen unklar ist, ob und welche Medaillien sie gewonnen haben.
In diesen Momenten wird dann du Pont wichtiger, aber der Mord an Dave Schultz am Ende des Films kommt dann ohne Vorwarnung als Affekttat. Eine Affekttat, die im Film so aussieht, als sei du Pont, nachdem das von ihm geförderte Team die Olympiade nicht gewann, die Person tötet, die dafür verantwortlich ist. Nämlich den Trainer der Mannschaft. Und als I-Tüpfelchen will Dave Schultz den Tag nicht mit ihm, sondern mit seiner Familie verbringen.
In Wirklichkeit lagen zwischen der Olympiade und der Tat acht Jahre. Und John du Pont war, laut medizinischer Diagnose, ein paranoider Schizophrener.
Dieser durchgehend laxe Umgang mit den Tatsachen verärgert. Denn Miller und die Drehbuchautoren E. Max Fry und Dan Futterman (ebenfalls Oscar-nominiert) behaupten hier Kausalitäten, Beziehungen und Konflikte, die es so nicht gab. „Foxcatcher“ ist nur von wahren Ereignissen inspiriert und schafft dabei einen interessanten, aber auch idiotischen Spagat: einerseits wurde sich bei Details viel Mühe gegeben, andererseits ist der zentrale Konflikt – die Dreiecksbeziehung zwischen den Schultz-Brüdern und du Pont – erfunden und, obwohl eindeutige Erklärungen vermieden werden (was kein Problem sein muss. Etwas Ambivalenz schadet nie.), legt die Anordnung des Materials wiederum Erklärungen nahe, die so einfach falsch sind. Und das ist dann, wenn man die Hintergründe kennt, ein großes Problem. Vor allem weil die Tatsachen mehr als genug Stoff für mehrere Filme hergeben.
Da helfen die guten Schauspieler und die Kamera nicht weiter. So ist Steve Carell hinter der Maske kaum erkennbar und er spielt weitab von seinen Komödienrollen einen beziehungsgestörten Egomanen, der sich nach Liebe sehnt und die Empathie eines Eisklotzes versprüht. Er ist kein Mensch, mit dem man länger als nötig in einem Raum sein möchte. Auch seine Mutter, Vanessa Redgrave in einer prägnanten Nebenrolle, ist in ihrem Snobismus ebenso unangenehm. Sie ist, abgesehen von seiner Schizophrenie, in jeder Beziehung das Vorbild für ihren Sohn.
Oder der erste Ringkampf zwischen den Brüdern Mark und Dave, der ohne Worte alles über ihre Beziehung verrät und der erst gegen Ende, wenn er sich von einem Training zu einem Kampf entwickelt, öfter geschnitten wurde. Das ist großes Kino.
„Foxcatcher“ hat noch einige solcher eindrucksvollen Szenen, aber er kann sich nicht entscheiden, welche Geschichte er erzählt und, ohne Vorwissen, fühlt man sich wie in einem Alptraum. Leider keinem besonders interessanten.
Wenn man sich allerdings in die historischen Hintergründe vertieft, fragt man sich, warum Miller sich nicht an die Tatsachen hielt, sondern eine ziemlich erfundene Geschichte erzählt, die er als Wahrheit verkauft.

Foxcatcher - Plakat

Foxcatcher (Foxcatcher, USA 2014)
Regie: Bennett Miller
Drehbuch: E. Max Frye, Dan Futterman
mit Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo, Vanessa Redgrave, Sienna Miller, Anthony Michael Hall, Gay Boyd, Dave ‚Doc‘ Bennett
Länge: 135 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Foxcatcher“
Moviepilot über „Foxcatcher“
Metacritic über „Foxcatcher“
Rotten Tomatoes über „Foxcatcher“
Wikipedia über „Foxcatcher“
History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe von „Foxcatcher“
Die Zeit: Christian Spiller über die wahren Hintergründe (3. Februar 2015)

DP/30 unterhält sich mit Bennett Miller

und mit den Drehbuchautoren E. Max Frye und Dan Futterman

Die „Foxcatcher“-Pressekonferenz in Cannes

Ein Q&A beim NYFF

Ein Gespräch mit Bennett Miller, ebenfalls beim NYFF

Und hier ist das Original-Image-Video, dessen Dreh in „Foxcatcher“ gezeigt wird


TV-Tipp für den 4. März: Little Miss Sunshine

März 4, 2014

Super RTL, 20.15

Little Miss Sunshine (USA 2006, R.: Jonathan Dayton, Valerie Faris)

Drehbuch: Michael Arndt

Die siebenjährige Olive Hoover will an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen. Also macht sich die Familie (eine sympathische Ansammlung gescheiterter Existenzen) in einem klapprigen VW-Bus auf den Weg quer durch die USA.

„Sehenswert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Ein Feelgood-Independent-Movie, das unter anderem zwei Oscars erhielt (Drehbuch und beste Nebenrolle, es war auch als bester Film des Jahres nominiert) und ein Kritiker- und Publikumserfolg war.

Mit Abigail Breslin, Greg Kinnear, Paul Dano, Alan Arkin, Toni Collette, Steve Carell

Hinweise

Film-Zeit über „Little Miss Sunshine“

Metacritic über “Little Miss Sunshine”

Rotten Tomatoes über “Little Miss Sunshine”

Wikipedia über “Little Miss Sunshine” (deutsch, englisch)

Go into the Story: Interview mit Michael Arndt (26. April 2009, aufgenommen wahrscheinlich 2006)

Meine Besprechung von Jonathan Dayton/Valerie Faris’ “Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin” (Ruby Sparks, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ und revolutioniert das Nachrichtenfernsehen zum Boulevard

Januar 30, 2014

Damit hat niemand gerechnet. Ron Burgundy ist zurück. Einige dürften ihn noch von seinem ersten Spielfilmauftritt „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“ kennen. Da war er der Nachrichtensprecher eines Lokalsenders in San Diego und der ungekrönte König der Stadt, bis die junge Reporterin Veronica Corningstone kam, die nicht nur Ambitionen auf seinen Sprecherposten hatte, sondern ihm auch intellektuell haushoch überlegen war. Der tumbe Macho Burgundy und seine ebenso dummen Mitarbeiter kämpften mit allen Mitteln gegen sie, aber letztendlich konnten sie den Fortschritt nicht aufhalten und am Ende hatten sie sogar gelernt, dass auch Frauen Nachrichtensprecherinnen und echte Journalistinnen sein können. Außerdem verliebten Burgundy und Corningstone sich ineinander. Mit dem Filmende der liebevollen und kurzweiligen, aber auch sehr nachlässig erzählten Siebziger-Jahre-Gagparade war die Geschichte von Burgundy, Corningstone und dem „Action-4-News-Team“ zu Ende erzählt. Fortsetzung überflüssig.

Nun, irgendwie doch nicht. In den USA scheint der von Will Ferrell gespielte Charakter sehr beliebt zu sein. Also wurde nach einem Jahrzehnt die alte Bande wieder zusammengerufen, etliche Stars absolvieren einen Kurzauftritt und eine weitere Ron-Burgundy-Geschichte wird erzählt. Wir haben jetzt 1980. Burgundy und seine Frau Veronica Corningstone sind in New York und präsentieren gemeinsam eine Nachrichtensendung, bis Burgundy wegen erwiesener Unfähigkeit gefeuert wird und seine Frau aufsteigt. Mitten in seiner Depri-Phase (wir erinnern uns an den ersten „Anchorman“-Film) erhält er ein Angebot, das er nicht absagen kann: Kench Allenby (ein Klon aus Ted Turner, Rupert Murdoch und viel Richard Branson) baut den neuen Fernsehsender GNN auf, der 24 Stunden Nachrichten ausstrahlen soll. Eine bescheuerte Idee, findet jeder, aber Burgundy und seine alte Gang, das „Action-4-News-Team“, sind dabei und zielsicher steuert er die No-Gos an, die sich als zukunftsweisend entpuppen sollen. Bei ihm gibt es keine Berichte über Politik und wichtige Ereignisse, sondern substanzloses Geplauder über die schönen und alltäglichen Seiten des amerikanischen Alltags oder eine mehrstündige Live-Schaltung zu einer Autoverfolgungsjagd oder sie probieren vor laufender Kamera die angesagte Droge Crack aus. Kurz: Dinge, die keine Nachrichten sind, werden als Nachrichten verkauft und Burgundy erfindet das heutige Fernsehen.

Genau in diesem Moment wird „Anchorman 2“ zu einem Film, der immer wieder an seiner eigenen Haltungslosigkeit scheitert. Im ersten Film wurde auch erzählt, wie Frauen in eine Macho-Bastion einbrechen und am Ende hat Burgundy (und seine Freunde) gelernt, dass auch Frauen in ihrem Beruf ihre Berechtigung haben. Der Macho, das hirnlose Alpha-Männchen, wird zu einem besseren Mann – und wir konnten, mit den Schauspielern, über die damalige Zeit lachen. Das war ein schöner, nostalgischer Trip, der auch durchaus gelungen damalige Filme parodierte.

In „Anchorman 2“ erfindet eben dieser Trottel das heutige Nachrichtenfernsehen, in dem Boulevard-Meldungen und Pseudo-Nachrichten wichtiger sind als Aufklärung und klassischer Journalismus – und wir sollen es gut finden. Während „Anchorman“ noch eine durchaus fortschrittliche Botschaft hatte, ist „Anchorman 2“ durch und durch konservativ bis reaktionär. Denn wir sollen, im Gegensatz zum ersten „Anchorman“, einen Haufen Idioten bewundern und ihre Leistungen für das Nachrichtenwesen gut finden. Sogar Veronica Corningstone, die immer eine echte Journalistin werden wollte, ergibt sich dem Charme der Nicht-Nachrichten. Sie verrät alles, wofür sie bisher stand und was ihr wichtig war, während aus dem Trottel Burgundy der unumstrittene Held und Prophet wird, der niemals kritisch hinterfragt wird. Von Demontage, wie im ersten „Anchorman“-Film, wollen wir überhaupt nicht reden. Genau dieser – von den Machern vielleicht nicht beabsichtigte – Subtext vermieste mir den ganzen Film.

Da helfen dann auch nicht mehr die hübsch geschmacklosen Klamotten, etliche gelungen Gags (aber es gibt auch misslungene Gags und Leerlauf) und Reminiszensen an den ersten Film, der auch in erster Linie als Gagparade funktionierte.

Anchorman 2 - Teaser

Anchorman – Die Legende kehrt zurück (Anchorman 2: The Legend continues, USA 2013)

Regie: Adam McKay

Drehbuch: Adam McKay, Will Ferrell

mit Will Ferrell, Steve Carell, Paul Rudd, David Koechner, Christina Applegate, Meagan Good, James Marsden, Josh Lawson, Kristen Wiig, Dylan Baker, Judah Nelson, Greg Kinnear, Harrison Ford, Sacha Baron Cohen, Marion Cotillard, Will Smith, Kirsten Dunst, Jim Carrey, Steve Coulter, Tina Fey, Liam Neeson, John C. Reilly, Vince Vaughn, Kanye West (das meiste sind Cameos und sicher hab ich einige vergessen)

Länge: 119 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Moviepilot über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Metacritic über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Rotten Tomatoes über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Wikipedia über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik : „Ganz weit hinten“ erzählt vom Erwachsenwerden

Dezember 6, 2013

 

Sommerferien sind die Hölle. Vor allem wenn man, wie der 14-jährige Duncan (Liam James) schon auf dem Weg zum Ferienhaus von dem neuen Freund der Mutter verbal zusammengestaucht wird. Denn Trent (Steve Carell) fragt Duncan nach seiner Selbsteinschätzung auf einer Skala von eins bis zehn und korrigiert Duncans schon sehr vorsichtige Einschätzung gnadenlos nach unten. Seine Mutter Pam (Toni Colette) überhört es und auch im Ferienhaus wird es nicht besser. Denn anstatt sich um die Kinder zu kümmern, feiern die Erwachsenen in Cape Cod am Strand ihre Version des Spring Break: Sex, Trinken und Drogen bis zum Umfallen.

Die Kinder bleiben sich selbst überlassen und weil Duncan ein schüchterner Einzelgänger ist, beginnt er allein die Gegend zu erkunden. Dabei trifft er auf Owen (Sam Rockwell), einen lustig-lässigen, in den Tag hinein lebenden Sprücheklopfer, der ihn wie einen Erwachsenen behandelt.

Kurz darauf entdeckt er den Wasser-Freizeitpark „Water Wizz“, in dem Owen arbeitet und der ihn sofort einstellt. Duncan hat in dieser Ersatzfamilie seinen Spaß, während er nach Feierabend die Eskapaden seiner Mutter und ihrer Freunde beobachtet.

Mit ihrem Regiedebüt „Ganz weit hinten“ knüpfen Nat Faxon und Jim Rash, obwohl das jetzt verfilmte Drehbuch schon länger in Hollywood herumgereicht wurde und 2007 auf der Black List (einer Liste der besten nicht verfilmten Drehbücher) landete, an ihren vorherigen Erfolg „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ an. Ihr Buch wurde von Alexander Payne mit George Clooney verfilmt und erhielt den Oscar als bester Film und für das beste Drehbuch. Auch in „Ganz weit hinten“ geht es um Familienangelegenheiten und wieder entscheiden sie sich nicht für eine stringent nach Lehrbuch durcherzählte Geschichte, sondern für ein Kaleidoskop verschiedener Geschichten, die immer wieder Zeit lassen für Abwege, und einen humanistischen Tonfall. Denn auch wenn alle Charaktere ihre Probleme und schlechten Angewohnheiten haben, betrachten sie sie mit großer Sympathie.

Allerdings plätschert der Film so auch immer wieder vor sich hin und immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Nat Faxon und Jim Rash die Coming-of-Age-Geschichte von Duncan vernachlässigen zugunsten der höchstens mäßig interessanten Beziehungsprobleme der Erwachsenen. Auch sind die beiden Ersatzväter von Duncan, Trent und Owen, zu ähnlich angelegt. Beide sind auf den ersten Blick egozentrische Großmäuler, die sich für den Mittelpunkt des Geschehens halten. Nur traut Trent Duncan nichts zu und er putzt ihn deshalb immer wieder grundlos herunter. Owen traut ihm dagegen etwas zu, übergibt ihm Verantwortung (manchmal auch nur, um seinen Spaß zu haben) und behandelt ihn, wie er alle anderen Menschen behandelt.

Ganz weit hinten“ ist ein Feelgood-Movie mit rauer Grundierung, das seine Charaktere, vor allem die Jugendlichen, ernst nimmt und unspektakulär die Geschichte eines Sommerurlaubs erzählt: er plätschert, wie ein Urlaub, entspannt vor sich hin, es gibt etwas Streit, ein absehbares Ende, in dem Duncan sich den Respekt seiner Eltern verdient, und in dem Moment fragt man sich, warum die Zeit, die vorher endlos erschien, so schnell vorbeiging.

Ganz weit hinten - Plakat

Ganz weit hinten (The Way Way Back, USA 2013)

Regie: Nat Faxon, Jim Rash

Drehbuch: Nat Faxon, Jim Rash

mit Liam James, Steve Carell, Toni Colette, Allison Janney, Annasophia Robb, Sam Rockwell, Maya Rudolph, Rob Corddry, Amanda Peet, Nat Faxon, Jim Rash (beide gehören zum Personal von „Water Wizz“)

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ganz weit hinten“

Moviepilot über „Ganz weit hinten“

Metacritic über „Ganz weit hinten“

Rotten Tomatoes über „Ganz weit hinten“

Wikipedia über „Ganz weit hinten“ (deutsch, englisch)

Und noch zwei Ausschnitte aus dem Film


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