Neu im Kino/Filmkritik: „Planet der Affen: Survival“ für die Affen, die Menschen oder beide?

August 3, 2017

Im Original heißt der dritte und abschließende Film der aktuellen „Planet der Affen“-Trilogie „War for the Planet of the Apes“. In Deutsch: „Planet der Affen: Survival“.

Ob der Film wirklich das Ende der Vorgeschichte zu dem 1968er „Planet der Affen“-Film ist, werden wir sehen. Bislang gibt es ja schon den Roman von Pierre Boulle, einen Spielfilm von 1968, gefolgt von weiteren Spielfilmen, einer TV-Serie, inzwischen vollkommen vergessenen Romanen und Comics, ein Remake des 1968er Films und die beiden überraschend gelungenen Prequel-Filme, die zeigen, wie es dazu kommt, dass die Erde von Affen beherrscht wird.

Dabei wecken sowohl der deutsche („Survival“) als auch der Originaltitel („War“) Erwartungen, die Matt Reeves in seinem Film nicht einlösen will. Obwohl es um einen Krieg der Menschen gegen die Affen und das Überleben der Affen geht.

Survival“ spielt fünfzehn Jahre nach den Ereignissen von „Prevolution“ und zwei Jahre nach denen von „Revolution“. In „Prevolution“ wird geschildert, wie ein Experiment für ein Alzheimer-Heilmittel schief geht, die Affen gegen die Menschen revolutionieren und die Simian Flu (Affen-Influenza) ausbricht. In der Fortsetzung „Revolution“ sind Milliarden Menschen an der Simian Flu gestorben, die Affen werden intelligenter und es ist unklar, ob es ein friedliches Zusammenleben zwischen Menschen und Affen gibt.

In „Survival“ (Warum nicht „Evolution“?) kämpfen sie immer noch gegeneinander. Die Affen (also jedenfalls die Affen-Gruppe, die wir aus den vorherigen Filmen kennen und deren Schicksal wir verfolgen) haben sich in die Wälder zurückgezogen. Die Menschen bekämpfen sie mit militärischen Mitteln. Inzwischen scheint es nur noch Soldaten zu geben und die Idee eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Affe und Mensch hat man endgültig in die Geschichtsbücher verbannt.

Als die Lage für die Affen immer schwieriger wird, entschließt ihr Anführer Caesar sich zum Aufbruch an einen sicheren Ort. Während er die Affenhorde in die Richtung dieses sicheren Ortes schickt, reitet er in eine andere Richtung, um sich an den Soldaten, die seine Familie ermordeten, zu rächen, und die Filmgeschichte wird über weite Strecken zu einer leidlich unterhaltsamen, weil humorfreien Variation von „Der Texaner“. Denn Caesar muss auf seiner Reise immer mehr Gefährten, – Affen und Menschen -, aufnehmen.

Gegen Ende kommt es, wie man schon im Trailer sieht, dann zu dem epischen Gefecht auf einer in den verschneiten Bergen liegenden Militärbasis. Sie ist auch ein von dem Colonel (kein weiterer Name) geführtes Gefangenenlager irgendwo zwischen KZ und Gulag für Affen. Vor dieser Gefangenenbefreiung fragt man sich, wie sehr der von Woody Harrelson gespielte Colonel schon zu einem Nachfolger von „Apocalypse Now“-Colonel Walter E. Kurtz wurde.

Die Anspielungen auf andere Filme und Westerntopoi sind nicht das Problem von Matt Reeves Film. Sie sind für den Cineasten sogar ein Teil des Vergnügens. Das Problem ist die von Mark Bomback, der auch einer der Autoren des vorherigen „Planet des Affen“-Films ist, und Matt Reeves, der den Film inszenierte, erfundene Geschichte. Niemals vermittelt sie ein Gefühl von einer finalen Schlacht zwischen Affen und Menschen und dem endgültigem Beginn der von den Affen beherrschten „Planet der Affen“-Welt.

Reeves‘ Film, der in jedem Bild, in jedem Konflikt und in jedem Charakter unübersehbar vom Western inspiriert ist, wirkt wie zwei voneinander unabhängige Episoden plus Epilog einer langen „Der große Treck“-TV-Serie. Nur dass dieses Mal nicht die Siedler, sondern die Affen die Protagonisten sind.

Die friedlich in und mit der Natur lebenden Affen sind, auch das ist unübersehbar, die neuen Indianer. Aber dieses Mal geht die Geschichte für sie positiver aus. Die in „Planet der Affen: Survival“ gezeigten Gefechte mit den Menschen sind trotzdem eher Scharmützel, wie wir sie von unzähligen Indianer-Western kennen. Das liegt auch daran, dass der Gegner der von Caesar angeführten Affen „eine abtrünnige Spezialeinheit unter dem Kommando eines machtbesessenen Oberst“ (Presseheft) ist. Das liest sich nicht wie ‚Das letzte Gefecht‘.

Trotz der langsamen Bewegungen durch majestätische Breitbildlandschaften (ein Pferd ist halt kein Rennwagen) hat der Film dieses Mal einen sehr schmalen Fokus. Außerhalb der Filmgeschichte gibt es keine Welt. Es gibt nur Caesar, seine Affenhorde auf der einen und den Colonel und seine durchgehend austauschbaren Soldaten auf der anderen Seite.

Ein weiteres Problem neben der doch sehr einfachen Geschichte ist das oft erschreckend zähe Erzähltempo. Um den Film auf 140 Minuten zu bringen, dürfen wir oft minutenlang schweigende und bewegungslose Affen bewundern. Weil wir in diesen Momenten Caesar Gedanken nicht lesen können, ist das nicht so wahnsinnig spannend.

Immerhin können wir in diesen Minuten ungestört die immer realistischer werdende Arbeit der CGI- und der „Motion Capture“-Abteilung, die dieses Mal auch in die Actionszenen involviert war, bewundern. Die Performance Capture ist noch besser als in den vorherigen „Planet der Affen“-Filmen. Die Affen-Massenszenen wirken absolut realistisch. Die Gefühle, die man in den Gesichtern der Affen sieht, die in diesem Film auch viel sprechen, wirken ebenso authentisch. Andy Serkis, der wieder Caesar spielt und der der bekannteste Performance-Capture-Schauspieler ist, sagt: „Meiner Ansicht nach gibt es absolut keinen Unterschied mehr, ob man seine Rolle in einem ‚Performance Capture‘-Anzug oder in einem normalen Kostüm mit normalem Make-up spielt.“

Naja, einen Unterschied gibt es schon: obwohl Serkis ein Star ist, der in zahlreichen Blockbustern wichtige Rollen hatte und oft im Fernsehen auftritt, dürfte er immer noch ziemlich unerkannt einkaufen gehen können.

Planet der Affen: Survival (War for the Planet of the Apes, USA 2017)

Regie: Matt Reeves

Drehbuch: Mark Bomback, Matt Reeves

mit Andy Serkis, Woody Harrelson, Amiah Miller, Steve Zahn, Toby Kebbel, Karin Konoval, Aleks Paunovic, Terry Notary, Michael Adamthwaite, Ty Olsson, Judy Greer

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Planet der Affen: Survival“

Metacritic über „Planet der Affen: Survival“

Rotten Tomatoes über „Planet der Affen: Survival“

Wikipedia über „Planet der Affen: Survival“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pierre Boulles „Planet der Affen“ (La Planète des Singes, 1963)

Meine Besprechung von Greg Keyes‘ „Planet der Affen – Revolution: Feuersturm“ (Dawn of the Planet of the Apes: Firestorm, 2014)

Meine Besprechung von Matt Reeves‘ „Planet der Affen: Revolution“ (Dawn of the Planet of the Apes, USA 2014)

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TV-Tipp für den 30. September: Dallas Buyers Club

September 30, 2016

Service. Nur Service:

Eins Plus, 20.15

Dallas Buyers Club (Dallas Buyers Club, USA 2013)

Regie: Jean-Marc Vallée

Drehbuch: Craig Borten, Melisa Wallack

1985 erfährt Ron Woodroof, Rodeoreiter, Frauenheld und Homohasser, dass er HIV-Positiv ist und in wenigen Tagen sterben wird. Er besorgt sich nicht zugelassene Medikamente und verkauft sie an Leidensgenossen, wenn sie Mitglied im titelgebenden „Dallas Buyers Club“ werden.

Regisseur Jean-Marc Vallée inszenierte die auf der wahren Geschichte von Ron Woodroof, der am 12. September 1992 starb, basierende, sehenswerte Charakterstudie mit der Handkamera im Stil des Siebziger-Jahre-New-Hollywood-Kinos. Und Matthew McConaughey überzeugt als bis auf die Knochen abgemagerte Unsympath mit uramerikanischem Unternehmergeist.

Dafür gab es den Oscar als bester Hauptdarsteller; Jared Leto erhielt den Oscar als bester Hauptdarsteller. Beide und der Film erhielten etliche weitere Preise.

mit Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner, Denis O’Hare, Steve Zahn, Michael O’Neill, Dallas Roberts, Griffin Dunne

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Dallas Buyers Club“

Moviepilot über „Dallas Buyers Club“

Metacritic über „Dallas Buyers Club“

Rotten Tomatoes über „Dallas Buyers Club“

Wikipedia über „Dallas Buyers Club“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Dallas Buyers Club“ (Dallas Buyers Club, USA 2013)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Wild- Der große Trip“ (Wild, USA 2014)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Demolition – Lieben und Leben“ (Demolition, USA 2015)


TV-Tipp für den 27. September: Dallas Buyers Club

September 27, 2016

ARD, 22.45

Dallas Buyers Club (Dallas Buyers Club, USA 2013)

Regie: Jean-Marc Vallée

Drehbuch: Craig Borten, Melisa Wallack

1985 erfährt Ron Woodroof, Rodeoreiter, Frauenheld und Homohasser, dass er HIV-Positiv ist und in wenigen Tagen sterben wird. Er besorgt sich nicht zugelassene Medikamente und verkauft sie an Leidensgenossen, wenn sie Mitglied im titelgebenden „Dallas Buyers Club“ werden.

Regisseur Jean-Marc Vallée inszenierte die auf der wahren Geschichte von Ron Woodroof, der am 12. September 1992 starb, basierende, sehenswerte Charakterstudie mit der Handkamera im Stil des Siebziger-Jahre-New-Hollywood-Kinos. Und Matthew McConaughey überzeugt als bis auf die Knochen abgemagerte Unsympath mit uramerikanischem Unternehmergeist.

Dafür gab es den Oscar als bester Hauptdarsteller; Jared Leto erhielt den Oscar als bester Hauptdarsteller. Beide und der Film erhielten etliche weitere Preise.

mit Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner, Denis O’Hare, Steve Zahn, Michael O’Neill, Dallas Roberts, Griffin Dunne

Wiederholungen

ARD, Mittwoch, 28. September, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Eins Plus, Freitag, 30. September, 20.15 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Dallas Buyers Club“

Moviepilot über „Dallas Buyers Club“

Metacritic über „Dallas Buyers Club“

Rotten Tomatoes über „Dallas Buyers Club“

Wikipedia über „Dallas Buyers Club“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Dallas Buyers Club“ (Dallas Buyers Club, USA 2013)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Wild- Der große Trip“ (Wild, USA 2014)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Demolition – Lieben und Leben“ (Demolition, USA 2015)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ – und wieder zurück?

August 19, 2016

Der Traum vom unabhängigen Leben in der Wildnis. Ben Cash hat ihn mit minimalem Kontakt zur kapitalistischen Konsumgesellschaft verwirklicht. Aber nicht als einsam in einer Blockhütte lebender Einzelgänger, sondern mit seiner Frau Leslie und seinen sechs, teilweise fast erwachsenen Kindern. In den vergangenen zehn Jahren erhielten die Kinder in den Blockhütten und im Wald eine vollumfängliche Ausbildung. Sie können nicht nur allein in der Wildnis überleben, sie kennen sich auch in Mathematik, logischem Denken, Geschichte und Literatur aus. Er bringt ihnen bei, sich selbstständig eine Meinung zu bilden und diese argumentativ zu verteidigen. Bevorzugt aus der marxistisch-linken Perspektive. Die Schulmedizin und die Gesellschaft lehnen sie ab. Sie sind der Prototyp einer glücklichen, funktionierenden Familie, die Weihnachten zugunsten des Noam-Chomsky-Tages abgeschafft hat.

Als die manisch-depressive Leslie in einem Krankenhaus Suizid begeht und ihr Vater sie kirchlich beerdigen will, brechen Ben Cash und seine Kinder auf. Mit ihrem Hippie-Bus fahren sie vom Nordwesten der USA zur Beerdigung nach Albuquerque, New Mexiko. Allerdings nicht, um mit den Eltern, Freunden und Bekannten während des Gottesdienstes zu trauern, sondern um die Leiche ihrer über alles geliebte Mutter zu stehlen. Leslie lehnte die Kirche ab und wollte daher auch keine kirchliche Beerdigung. Ben und seine Kinder wollen ihr die Beerdigung zu geben, die sie sich wünschte.

Im Mittelpunkt von „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ steht die Fahrt der Cashs quer durch die USA zur Beerdigung. Dabei müssen sie selbstverständlich ihre eingefahrenen Routinen und ihren Lebensstil überprüfen.

Diese Geschichte erzählt Schauspieler Matt Ross in seinem zweiten Langfilm, der dieses Jahr in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“ den Regiepreis erhielt, humorvoll mit einem Blick für die Landschaft und die Beziehungen der Familie untereinander. Es ist eine Familie, die von Leslie, die wir nur in einigen kurzen Rückblenden sehen, zusammen gehalten wurde. Deshalb muss Ben sich jetzt auch an die Mutterrolle gewöhnen, während vor allem seine älteren Kinder sich fragen, ob sie das abgeschiedene Leben in der Wildnis weiter leben oder die Welt erkunden wollen. Denn, auch wenn Ben positiv gezeichnet wird, er seine Kinder liebt und ihnen die bestmögliche Erziehung und Bildung geben will und Viggo Mortensen ihn als sympathischen Patriarchen spielt, ist er mit seinen starken antikapitalistischen Überzeugungen ein Sektenführer (auch wenn die Sekte klein ist), der totalitär über seine Untergebenen herrscht. Und es ist eine Frage, wie lange Ross ihn nicht als Tyrannen und Durchgeknallten zeichnet.

Denn Ben ist, das merken wir schnell, kein schlechter Vater. Aber ist er auch ein gute Vater?

Im dritten Akt, wenn Ben und seine Kinder bei Leslies Vater ankommen und es um die Frage geht, ob die Kinder weiter bei Ben bleiben dürfen oder sie zu Leslies Eltern kommen sollen, verheddert sich Ross ein wenig zwischen den möglichen Enden und einiges wird plakativer als nötig angesprochen.

Aber auch das ändert nichts daran, dass „Captain Fantastic“ ein grundsympathischer Feelgood-Film ist, der ein großes Herz für gesellschaftliche Außenseiter hat.

Captain Fantastic - Plakat

Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück (Captain Fantastic, USA 2016)

Regie: Matt Ross

Drehbuch: Matt Ross

mit Viggo Mortensen, Steve Zahn, Frank Langella, Missy Pyle, Kathryn Hahn, George McKay, Samantha Isler, Annalie Basso, Nicholas Hamilton, Shree Crocks, Charlie Shotwell, Ann Dowd, Erin Moriarty

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Captain Fantastic“

Metacritic über „Captain Fantastic“

Rotten Tomatoes über „Captain Fantastic“

Wikipedia über „Captain Fantastic“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Matt Ross über den Film und den ganzen Rest

Matt Ross und Viggo Mortensen im AOL Building

Bei Sundance hat Matt Ross die Filmfamilie mitgebracht

noch was


DVD-Kritik: Matthew McConaughey ist der „Dallas Buyers Club“ und ein „True Detective“

Oktober 8, 2014

Vor einigen Jahren war Matthew McConaughey der Typ aus Filmen wie „Ein Schatz zum Verlieben“ und „Der Womanizer – Die Nacht der Ex-Freundinnen“, die schon im Titel sagten, dass das nichts für den anspruchsvollen Filmfan ist. Mit der grandiosen Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“ setzte er dann seine Schauspielkarriere auf die Spur „Charakterdarsteller“ und seitdem erhält er Lob und Preise. So wurde zuletzt sein kurzer, aber prägnanter und komplett durchgeknallter Auftritt in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ abgefeiert. In der fast zeitgleich entstandenen TV-Miniserie „True Detective“ und dem Biopic „Dallas Buyers Club“ zeigte er vollkommen andere Charaktere. Und in wenigen Wochen läuft „Interstellar“, der neue, gut dreistündige Christopher-Nolan-Science-Fiction-Film an. Für den von ihm dargestellten Ron Woodroof in „Dallas Buyers Club“ erhielt er den Oscar als bester Darsteller.


Der echte Ron Woodroof erfuhr 1985, dass er HIV-positiv ist und nur noch einen Monat zu leben habe. Woodroof, dessen Leben bislang von Rodeo reiten, Drogenkonsum (quer durch das Angebot) und Frauen (ebenso), bestimmt war, kann sich nicht vorstellen, woher er diese Schwulenkrankheit haben kann, aber er beschließt, um sein Leben zu kämpfen. Als er von einem nicht zugelassenem Vitaminpräparat hört, beginnt er es, zusammen mit der Transe Rayon (Jared Leto, Oscar als bester Nebendarsteller) im großen Stil zu importieren und im titelgebenden „Dallas Buyers Club“ über eine kostenpflichtige Mitgliedschaft zu vergeben. Ungefähr zur gleichen Zeit beginnt die Polizei mit Razzien gegen ihn vorzugehen und die Food and Drug Administration (FDA) will ihn als Händler von gefährlichen Präparaten anklagen. Immerhin weiß die Gesundheitsbehörde, die für die Zulassung von Arzeneien zuständig ist, was gut für die Menschen ist.
Regisseur Jean-Marc Vallée inszenierte die auf der wahren Geschichte von Ron Woodroof, der am 12. September 1992 starb, basierende, sehenswerte Charakterstudie mit der Handkamera im Stil des Siebziger-Jahre-New-Hollywood-Kinos. Und Matthew McConaughey überzeugt als bis auf die Knochen abgemagerte Unsympath mit uramerikanischem Unternehmergeist.
Das Bonusmaterial der DVD ist nur auf den ersten Blick umfangreich. Denn es handelt sich nur um kurze Clips und Werbespots, deren Informationsgehalt gegen Null tendiert. Informationsplacebos eben.

Deutlich umfangreicher und informativer ist das Bonusmaterial auf „True Detective“, der hochgelobten, achtstündigen, inzwischen schon mehrfach ausgezeichneten HBO-Noir-TV-Miniserie. Zu jeder Episode gibt es einen kurzen Kommentar von Autor Nic Pizzolatto und Regisseur Cary Joji Fukunaga („Sin Nombre“), es gibt zwei Audiokommentare (einer mit Nic Pizzolatto und T Bone Burnett, einer mit Nic Pizzolatto, T Bone Burnett und Executive Producer Scott Stephens), ein Making of, ein Gespräch zwischen Nic Pizzolatto und Musiker T Bone Burnett, mehrere kurze Clips, in denen die beiden Hauptdarsteller Matthew McConaughey und Woody Harrelson über einige wichtige Szenen sprechen und einige geschnittene oder gekürzte Szenen, wie eine lange Predigt und eine Montage von Landschaftsaufnahmen.
Nic Pizzolatto, der vorher einige Kurzgeschichten und den für den Debüt-Edgar nominierten Roman „Galveston“ veröffentlichte und zwei Drehbücher für die US-Version von „The Killing“ schrieb, erzählt in „True Detective“ die Geschichte der beiden Kriminalpolizisten Marty Hart (Woody Harrelson) und Rust Cohle (Matthew McConaughey), die über gut zwei Jahrzehnte in Louisiana einen Serienmörder jagen.
Diese Mörderjagd wird allerdings eher unwillig mitgeschleppt und am Ende dank Kommissar Zufall gelöst. Davor gibt es einige Umwege, die den Verdacht mal mehr in Richtung einer einflußreichen Familie, mal in Richtung religiöser Gemeinden, mal in Richtung krimineller Biker-Gangs lenken, ohne dass eine der Spuren und angedeuteten Verschwörungen am Ende wirklich relevant ist. Eigentlich ist es schon schockierend, wie wenig Pizzolatto aus dem Kriminalfall, der ihn auch nie wirklich interessiert, macht.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen nämlich die beiden Detectives Hart und Cohle und wie der Fall und die Arbeit sie und ihr Umfeld beeinflussen. Der von Matthew McConaughey gespielte Rust Cohle ist ein introvertiert-unnahbares, hochintelligentes, allein lebendes Arbeitstier, das im Lauf der Geschichte zum Alkoholiker wird. Sein von Woody Harrelson gespielter Kollege Marty Hart ist ebenfalls eher unnahbar und entspricht weitgehend den bekannten Harter-Cop-Klischees: bodenständig, großmäulig, schlagkräftig, trinkfreudig und fremd gehend. Wirklich interessiert hat mich während der achtstündigen Mini-Serie keiner der beiden Cops, weshalb mir ihr Schicksal auch ziemlich egal war.
Pizzolatto erzählt die Geschichte, die in der Welt weißer US-Amerikaner spielt, in der Frauen nur als Hausfrau oder Hure vorkommen und es Nicht-Weiße nicht gibt, strikt chronologisch. Daran ändert auch der Kunstgriff, dass Hart und Cohle in der Gegenwart getrennt zwei Polizisten (die die einzigen Afro-Amerikaner in der Serie sind) von ihren damaligen Ermittlungen und ihrem Leben erzählen, nichts. Immerhin entlarven einige Rückblenden ihre heutigen Erzählungen als Lügen. Allerdings werden durch diese Struktur die ersten sechs Folgen zu einer Geduldsprobe. Solange erzählen die beiden Cops von ihren Streitereien und ihren damaligen Ermittlungen in unterschiedlichen Milieus, die nicht zur Verhaftung des Mörders führten. Erst in den letzten beiden, in der Gegenwart spielenden Folgen beginnen Cohle und Hart mit neuen Ermittlungen, die sie dann auch zum Täter führen. Und ihre privaten Probleme, vor allem die Ehe- und Erziehungsprobleme von Hart, der eine pubertierende Tochter hat, folgen zu sehr den bekannten Konventionen, um wirklich zu interessieren. Daran ändern auch etliche beeindruckende Monologe, hauptsächlich von Nebencharakteren, und die atmosphärischen Bilder von Louisiana nichts.
Die Neuerfindung des Serien-TVs, wie ich irgendwo las und was ungefähr über jede zweite neue Serie geschrieben wird, ist „True Detective“ nicht. Dafür ist die Serie zu konventionell, zu klischeebehaftet und zu langatmig erzählt und zu sehr von ihrer eigenen Bedeutung und Wichtigkeit durchdrungen.
Andere Serien, wie die letzendlich stark episodische Polizeiserie „The Shield“ (in der der Protagonist am Ende der ersten Folge einen Kollegen kaltblütig ermordet), oder „Kommissarin Lund“, die in der ersten Staffel in fast zwanzig Stunden einen Fall klärte und dabei in mehreren Handlungssträngen ein Bild der dänischen Gesellschaft entwarf, sind da deutlich weiter. Sie entwickeln beim Ansehen auch ein Suchtpotential, das ich bei „True Detective“ nie verspürte.

Dallas Buyers Club - DVD-Cover
Dallas Buyer Club (Dallas Buyers Club, USA 2013)
Regie: Jean-Marc Vallée
Drehbuch: Craig Borten, Melisa Wallack
mit Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner, Denis O’Hare, Steve Zahn, Michael O’Neill, Dallas Roberts, Griffin Dunne

DVD
Ascot Elite
Bild: 16:9 (1:2,35)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Featurette, Interviews, Photocall, B-Roll, Kinorelease Ankündigung Matthew McConaughey, AIDS-Hilfe-Spot, Originaltrailer, Wendecover
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Dallas Buyers Club“
Moviepilot über „Dallas Buyers Club“
Metacritic über „Dallas Buyers Club“
Rotten Tomatoes über „Dallas Buyers Club“
Wikipedia über „Dallas Buyers Club“ (deutsch, englisch)

True Detective - DVD-Cover US

True Detective (True Detective, USA 2014)
Regie: Cary Joji Fukunaga
Drehbuch/Erfinder: Nic Pizzolatto
mit Matthew McConaughey, Woody Harrelson, Michelle Monaghan, Michael Potts, Tory Kittles

DVD
Warner
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch, Spanisch (Dolby Digital 5.1), Ungarisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch, Spanisch, Rumänisch, Türkisch, Englisch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making „True Detective“, Up Close with Matthew McConaughey und Woody Harrelson, A Conversation with Nic Pizzolatto and T Bone Burnett, Inside the Episode, Zwei Audiokommentare, Geschnittene Szenen
Länge: 439 Minuten (8 Episoden à 55 Minuten, 3 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
HBO über „True Detective“
Moviepilot über „True Detective“
Metacritic über „True Detective“
Rotten Tomatoes über „True Detective“
Wikipedia über „True Detective“ (deutsch, englisch)

Außerdem
Nic Pizzolattos Romandebüt „Galveston“ ist inzwischen auf Deutsch erschienen.

Pizzolatto - Galveston

Nic Pizzolatto: Galveston
(übersetzt von Simone Salitter und Gunter Blank)
Metrolit, 2014
256 Seiten
20 Euro
15,99 Euro (E-Book)

Originalausgabe
Galveston
Scribner, 2011

Hinweis
Homepage von Nic Pizzolatto


Neu im Kino/Filmkritik: Pfui! „Nix wie weg vom Planeten Erde“!

Juni 2, 2014

Scorch Supernova ist auf dem Planeten Baab ein Nationalheld, der mit einem breiten Grinsen die größten Gefahren übersteht. Dass er, nun, nicht unbedingt eine Intelligenzbestie ist, und er oft erst durch sein unbedachtes Verhalten diese Gefahren heraufbeschwört, wissen nur wenige. Vor allem sein glücklich verheirateter Bruder Gary, der in der Befehlszentrale die Missionen von Scorch Supernova überwacht und ihm immer wieder aus der Patsche hilft, kann ein Klagelied darüber singen. Er ist der brave Familienvater, der deshalb auch von seinem neunjährigem Sohn Kipper ‚Kip‘ verachtet wird. Denn während Scorch in James-Bond-Manier die Welt rettet, ist Gary ein Stubenhocker.
Als sie in der BASA-Kontrollbasis einen Hilferuf empfangen, will Scorch sofort mit der Rettungsaktion beginnen. Dass der Hilferuf von dem Planeten Erde kommt, stört ihn nicht. Dabei ist die Erde im gesamten Universum der gefährliche Planet, von dem noch nie jemand zurückkehrte. Alle im Weltall wissen, dass ein Besuch dieses ungastlichen Planeten mit seinen Bewohnern unter allen Umständen vermieden werden muss.
Der keine Gefahr scheuende Scorch macht sich dennoch auf den Weg. Kaum auf der Erde gelandet, bricht der Kontakt ab, er wird verhaftet und in die Area 51 verfrachtet, wo er auf weitere, ebenfalls gefangene Außerirdische trifft, deren Intelligenz von General Shanker ausgebeutet wird.
Gary muss seinem Bruder helfen.
„Nix wie weg vom Planeten Erde“ ist ein Animationsfilm für Kinder, der aber auch, gerade wegen seiner zahlreichen Anspielungen (Herrje, im Original ist sogar der einzig echte Captain Kirk dabei.) Spaß macht.
Außerdem haben die Macher in vielen Punkten die vertraute Perspektive gewechselt. Allein schon, dass die Außerirdischen, die normalerweise die bösen, die Erde besetztenden Aliens sind, hier die sympathiscen Protagonisten sind und sie unsere Erde als gefährlichen Planet betrachten, den sie unter allen Umständen vermeiden, verändert die Perspektive. In „Nix wie weg vom Planeten Erde“ sind die Menschen die Bösen und der Oberbösewicht ist ein US-Amerikaner.
Dann ist Scorch Supernova, die Parodie des unbesiegbaren Action-Superhelden, ein wahrer Einfallspinsel, während der Kopfmensch, der Nerd, der Held ist, der auch noch über ein intaktes Familienleben verfügt.
Und hier kommen wir zum nächsten Punkt. Die Frauen. Garys Frau Kira und Garys Vorgesetzte Lena, sind berufstätig, haben wichtige Posten und, nun, stehen ganz selbstverständlich ihren Mann.
Das alles ist nicht wirklich neu. Erwachsenen fallen dann auch schnell viele Vorbilder ein. Aber als Kinderfilm mit einem Plus für Erwachsene (die mit „Area 51“ und der Elvis-Tolle etwas anzufangen wissen) ist „Nix wie weg vom Planeten Erde“ eine kurzweilige Angelegenheit für einen verregneten Nachmittag.

Nix wie weg vom Planeten Erde - Plakat

Nix wie weg vom Planeten Erde (Escape from Planet Earth, USA/Kanada 2013)
Regie: Callan Brunker
Drehbuch: Callan Brunker, Bob Barlen, Stephen Fry (zusätzliche Dialoge) (nach einer Geschichte von Tony Leech und Cory Edwards)
mit (im Original) den Stimmen von Rob Corddry, Brendan Fraser, Sarah Jessica Parker, William Shatner, Jessica Alba, Jane Lynch, Sofia Vergara, Craig Robinson, George Lopez, Steve Zahn, Chris Parnell, Ricky Gervais, Jonathan Morgan Heit
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Nix wie weg vom Planeten Erde“
Moviepilot über „Nix wie weg vom Planeten Erde“
Metacritic über „Nix wie weg vom Planeten Erde“
Rotten Tomatoes über „Nix wie weg vom Planeten Erde“
Wikipedia über „Nix wie weg vom Planeten Erde“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. Mai: Night Train

Mai 14, 2013

 

Tele 5, 22.20

Night Train (USA 2009, R.: Brian King)

Drehbuch: Brian King

Weihnachten: in allerletzter Sekunde kann ein Mann, der ein Holzkästchen bei sich hat, irgendwo im Nirgendwo einen Zug besteigen. Kurz darauf ist er tot. Seine Mitreisenden erblicken in dem Kästchen Juwelen – und die Gier nach ihnen bestimmt fortan das Handeln der Reisenden.

Night Train“ ist einer der kleinen Filme, die auf einem begrenzten Raum und mit wenigen Schauspielern eine ordentliche Portion an Thrill herausholen. Früher wäre „Night Train“ als eine Folge der „Twilight Zone“ oder von „Alfred Hitchcock präsentiert“ durchgegangen.

mit Danny Glover, Steve Zahn, Leelee Sobieski, Matthias Schweighöfer, Takatsuna Mukai, Togo Igawa, Richard O’Brien, Jo Marr, Constantine Gregory, Geoff Bell

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Night Train“

Wikipedia über „Night Train“

Meine Besprechung von Brian Kings „Night Train“ (Night Train, USA 2009)


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