Privatdetektive: Tabor Süden und „Der Narr und seine Maschine“

Januar 28, 2019

Tabor Süden ist zurück und auf der ersten Seite von „Der Narr und seine Maschine“ steht er auf dem Bahnhof und will wegfahren. Einfach nur weg.

Aber Edith Liebergesell, seine frühere Arbeitgeberin, hält ihn davon ab. Ihre Detektei hat einen neuen Auftrag. Josef Ried, der Besitzer des Hotel Prinz Ludwig, hat sie beauftragt Cornelius Hallig zu finden. Der 64-jährige Hallig schrieb als Georg Ulrich erfolgreiche Kriminalromane. Er ist Alkoholiker, schwerer Raucher und gesundheitlich schwer angeschlagen. Seit über dreißig Jahren lebt er extrem zurückgezogen mit seiner inzwischen verstorbenen Mutter im Prinz Ludwig. Seit vier Tagen ist der Stammgast spurlos verschwunden. Weil Süden vor Jahren einige Romane von Hallig gelesen hat und sie ihm gefielen, nimmt er den Auftrag an.

Während Süden im Hotel seine Arbeit beginnt, stolpert Hallig mit einer Pistole durch München.

Tabor Süden ist erst seit einigen Jahren als Privatdetektiv unterwegs. Davor – und in den meisten Süden-Romanen von Friedrich Ani – war er Polizist in der Vermisstenabteilung der Münchner Polizei. Aber auch schon als Polizist war er ein Exot. Immerhin suchte der Eigenbrötler verschwundene Personen und seine Arbeitsmethode bestand aus dem Eintauchen ins Milieu und dem endlosen Zuhören. Meistens in Lokalen und mit viel Bier. Die Leute die er sucht, sind meistens die kleinen Leute, die man in jeder Eckkneipe trifft. Oft sind sie auch sozial vereinsamt. Ihr Verschwinden ist nicht der Stoff für Zeitungsschlagzeilen und groß angelegte Suchaktionen der Polizei. Falls jemand überhaupt ihr Verschwinden bemerkt und möchte, dass sie gefunden werden.

Als Privatdetektiv setzte Tabor Süden seine Arbeit nahtlos fort.

Friedrich Ani hatte mit diesem Ermittler seinen Durchbruch. In schneller Folge schreib er zwischen 2001 und 2005 zehn jeweils etwa zweihunderseitige Romane, in denen Tabor Süden als Polizist vermisste Personen sucht. Die Romane wurden von der Kritik abgefeiert. Die Leser liebten Tabor Süden. Danach legte Ani eine mehrjährige Süden-Pause ein, in der er erfolglos versuchte andere Ermittler zu etablieren. 2011 kehrte er mit „Süden“ zu Tabor Süden zurück. Seitdem schrieb er mehrere Süden-Romane, in denen Tabor Süden in der Detektei Liebergesell eine neue Heimat und Familie fand.

Vor elf Jahren wurden zwei Süden-Romane verfilmt: „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“ von Dominik Graf und „Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin“ von Martin Enlen. Ulich Noethen spielt Tabor Süden. Das ZDF stellte die potentielle Serie noch vor der Ausstrahlung des ersten TV-Films ein. Soweit ich mich erinnere, zeigte das ZDF die sehenswerten Filme seitdem nicht mehr.

Der Narr und seine Maschine“ ist das 21. Süden-Buch. Es ist in dem unverkennbaren Ani-Tonfall geschrieben mit den typischen Ani-Figuren, die man abseits der lauten Szene-Lokale sieht und denen er seit Jahren eine Stimme verleiht. Und selbstverständlich interessiert sich Ani auch dieses Mal nicht für den perfekt durchkonstruierten Krimiplot. Aber das ist egal. Die traurig-melancholische Stimmung überzeugt wieder einmal.

Friedrich Ani: Der Narr und seine Maschine

Suhrkamp, 2018

144 Seiten

18 Euro

Die Romanauftritte von Tabor Süden

Die Erfindung des Abschieds, 1998

German Angst, 2000

Verzeihen, 2001 (Neuauflage unter dem Titel Süden und die Stimme der Angst)

Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels, 2001

Süden und der Straßenbahntrinker, 2002

Süden und die Frau mit dem harten Kleid, 2002

Süden und das Geheimnis der Königin, 2002

Süden und das Lächeln des Windes, 2003

Gottes Tochter, 2003

Süden und der Luftgitarrist, 2003

Süden und der glückliche Winkel, 2003

Süden und das verkehrte Kind, 2004

Süden und das grüne Haar des Todes, 2005

Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel, 2005

Der verschwundene Gast, 2008

Süden, 2011

Süden und die Schlüsselkinder, 2011

Süden und das heimliche Leben, 2012

M, 2013

Der einsame Engel, 2016

Der Narr und seine Maschine, 2018

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und das heimliche Leben“ (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “M” (2013)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der namenlose Tag“ (2015)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der einsame Engel“ (2016)

Friedrich Ani in der Kriminalakte

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Willkommen in Ani-Land! Heuer mit „Der namenlose Tag“ und „Der einsame Engel“!

Juni 13, 2016

Auf die Krimibestenliste hat es Friedrich Anis neuester Tabor-Süden-Roman „Der einsame Engel“ (Droemer) noch nicht geschafft. Das ist, angesichts der normalen Ani-Begeisterung der Listenjuroren etwas seltsam. Denn der Roman unterscheidet sich kaum von den vorherigen Süden-Romanen, in denen Tabor Süden vermisste Personen suchte, und auch nicht von „Der namenlose Tag“. Der Roman erschien bereits vor einem knappen Jahr bei Suhrkamp, wurde mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und wird von Volker Schlöndorff, der auch das Drehbuch schreibt, mit Thomas Thieme in der Hauptrolle für das ZDF verfilmt. Der Drehstart ist noch unklar.

In „Der namenlose Tag“ bittet der Vater der vor zwanzig Jahren verstorbenen Esther Winther, den kürzlich pensionierten Kriminalpolizisten Jakob Franck, den Tod seiner Tochter noch einmal zu untersuchen. Er glaubt, dass sie ermordet wurde. Damals wurde der Fall, in den Franck nur am Rande involviert war (er überbrachte Ludwig Winthers Ehefrau Doris die Todesnachricht) als Suizid zu den Akten gelegt. Aber, so Ludwig Winther: „Meine Tochter hatte keinen Schwermut im Herzen.“

In „Der namenlose Tag“ wird die nach einem Brandanschlag von Nazis nur noch auf dem Papier bestehende Detektei Liebergesell von Emma Fink beauftragt, den spurlos verschwundenen Gemüsehändler Justus Greve, ihren Chef, zu finden. Tabor Süden macht sich an die Arbeit. Wobei er die meiste Zeit an seinen schon vor Jahren verstorbenen Freund Martin Heuer denkt.

Beide Romane sind typische Friedrich-Ani-Romane und Jakob Franck ist letztendlich eine Tabor-Süden-Kopie, nur zehn Jahre älter. Auch Francks Ermittlungsmethode der „Gedankenfühligkeit“ unterscheidet sich kaum von Südens intuitivem Vorgehen. Schweiger und passionierte Zuhörer sind sie beide.

Ebenso sind beide Romane keine plotorienterten Werke, sondern Stimmungsbilder, in denen Ani, mal wieder, den unscheinbaren Menschen aus der Kneipe nebenan, der Eckkneipe, der Dorfkneipe, eine Stimme verleiht. Allerdings fällt dieses Mal die Erinnerungsarbeit für diese unauffälligen Menschen, deren Verschwinden niemand (naja, fast niemand) bemerkt, auch etwas schal aus, weil dieses Mal die Verschwundenen und Toten zu schemenhaft bleiben, während der Ermittler sich immer wieder an einem bestimmten Moment erinnert. Bei Franck ist es das Überbringen der Todesnachricht und wie er die trauernde Mutter dann eine Nacht lang, stehend im Arm hielt. Bei Tabor Süden ist es seine Erinnerung an seinen Jugendfreund Martin Heuer, der an jedem möglichen und unmöglichen Punkt der Geschichte auftaucht, bis er fast zum Running Gag wird. „Der einsame Engel“ erinnert daher an Francois Truffauts letzten Antoine-Doinel-Film „Liebe auf der Flucht“, in dem der Protagonist von seinen Erinnerungen umstellt war, bis er und der Film nicht mehr atmen konnten.

Beiden allein lebenden, kinderlosen, strukturmelancholischen Ermittlern möchte man, wenn sie wieder ihren Gedanken nachhängen, zurufen: „Get a life! Such dir ein Hobby, engagiere dich im Nachbarschaftstreff oder dem Sportverein.“

Beide Romane beschwören auch ein zeitloses, merkwürdig gesichtsloses und ausländerfreies Deutschland herauf. Die Plätze und Straßennamen, sofern sie erwähnt werden, bleiben austauschbar. Eine Hansastraße, einen Marienplatz und einen Ostfriedhof gibt es wahrscheinlich in jeder etwas größeren Stadt. Es gibt keine Anspielungen, die „Der namenlose Tag“ und „Der einsame Engel“ fest an einem bestimmten Ort oder Zeit verankern. Musik, Bücher, Politik, Sport, gesellschaftliche Diskurse – nichts davon kommt vor.

Abgesehen von der Erwähnung von Handys, die eher widerwillig als Ersatz für eine Telefonzelle benutzt werden, könnten beide Geschichten auch irgendwann in der Vergangenheit spielen, als Gemüsehändler und Hosenverkäufer noch normal-honorige Berufe waren und ganze Filme sich um deren Leben drehten. Das waren aber eher die Zeiten des Wirtschaftswunders, als Heinz Erhardt und Heinz Rühmann Volksschauspieler waren.

Und, natürlich ist beide Male die Form des Kriminalromans nur ein Vehikel, um von einsamen Menschen zu erzählen. Überraschende Wendungen und auch ein überraschendes Ende sucht man beide Male vergeblich. Denn das was Anis Ermittler in der Vergangenheit von Justus Greve und Esther Winther entdecken, ist kaum überraschend, sondern fast schon erschreckend gewöhnlich und, gerade bei dem Teenager Esther, die sich selbst umbrachte, austauschbar.

Schlecht sind „Der namenlose Tag“ und „Der einsame Engel“ nicht. Es sind halt weniger Kriminalromane, als langsame, melancholische, konsequent bis über den Stillstand hinaus entschleunigte Betrachtungen mit Charakteren, die sich in ihrer Einsamkeit suhlen. Mal mehr, mal weniger bebiert.

Ani - Der namenlose Tag

Friedrich Ani: Der namenlose Tag

Suhrkamp, 2015

304 Seiten

19,95 Euro

Die Taschenbuch-Ausgabe erscheint voraussichtlich Ende Oktober.

Ani - Der einsame Engel

Friedrich Ani: Der einsame Engel – Ein Tabor-Süden-Roman

Droemer, 2016

208 Seiten

18 Euro

Noch mehr Ani

Wer es nicht so mit Romanen hat, kann natürlich auch seine Kurzgeschichten lesen. In „Unterhaltung“ sind vierzig kurze Texte von ihm, die teilweise bereits in veränderter Form in Anthologien und Zeitschriften erschienen, enthalten.

Ani - Unterhaltung

Friedrich Ani: Unterhaltung

Droemer, 2015

320 Seiten

9,99 Euro

Die Hardcover-Ausgabe erschien 2014, ebenfalls bei Droemer.

Hinweise

Perlentaucher über „Der einsame Engel“ und „Der namenlose Tag“

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und das heimliche Leben” (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „M – Ein Tabor-Süden-Roman“ (2013)

Friedrich Ani in der Kriminalakte

 


Friedrich Ani, Tabor Süden, „M“ und die Detektei Liebergesell

Dezember 11, 2013

 

Ani - M - 2

Inzwischen arbeitet Tabor Süden, der lange Jahre im Vermisstendezernat der Polizei arbeitete, bei der Detektei Liebergesell und er sucht immer noch vermisste Personen. Dieses Mal den Taxifahrer Siegfried Denning, von dem seine Freundin Mia Bischof kein Bild hat, fast nichts weiß und die daher den Ermittlern kaum helfen kann.

Noch rätselhafter wird der Auftrag, nachdem Süden herausfindet, dass sie – obwohl sie das ihm gegenüber behauptete – bei der Polizei keine Vermisstenanzeige aufgab und die Polizei ein seltsames Interesse an dem Taxifahrer hat. Süden vermutet, dass Denning ein verdeckter Ermittler ist und dass er in rechtsradikalen Kreisen ermittelte. Nur was Bischof, die geachtete „Tagesanzeiger“-Lokalredakteurin und die sich, obwohl kinderlos, in der Nachbarschaft in einer Krabbelgruppe und als ehrenamtliche Schwimmtrainerin engagiert, mit den Rechtsradikalen zu tun hat, bleibt rätselhaft. Jedenfalls bis Süden gegen Ende des Romans, in ihre Wohnung einbricht.

Davor wird Süden von seinen ehemaligen Kollegen emsig behindert und eine Spur führt ihn zum Starnberger See in das Hotel von Bischofs Vater, in dem sich früher einmal rechte Organisationen trafen. Aber das war vor langer Zeit.

Außerdem verüben Unbekannte Anschläge auf die Mitarbeiter der Detektei – und wir erfahren jetzt auch endlich mehr über Edith Liebergesell, Leonhard Kreutzer und Patricia Ross, die Kollegen von Tabor Süden.

Darunter leidet in „M“ allerdings – wobei bei Ani der Krimiplot traditioneller Machart nie im Mittelpunkt steht – der Kriminalfall. Denn die rechtsradikalen Verstrickungen von Mia Bischof, Siegfried Denning, dem Landeskriminalamt und, als Randfigur, des Verfassungsschutzes, ergänzt um etwas NSU-Folklore, werden auf einer klischeehaften Ebene ziemlich schnell deutlich, ohne tiefer zu gehen. Die Nazis bleiben letztendlich einfach nur böse Bösewichter, die ein funktionierendes Untergrundnetzwerk aufgebaut haben. Dabei wäre gerade eine Analyse der Verbindungen zwischen rechtsradikalen Denken und dem Denken der kleinen Leute, den typischen Ani-Charakteren, spannend gewesen.

Also die Frage des alltäglichen Faschismus und des Extremismus der Mitte.

Auch die Verknüpfung von Edith Liebergesells Trauer über den Verlust ihres vor zehn Jahren verstorbenen Sohnes mit dem Fall ist, in der Auflösung (die sehr plötzlich kommt und weit hergeholt ist) nicht befriedigend.

M“ ist getragen von einer gerechten Empörung um die Umtriebe von Rechtsradikalen, dem Wunsch nach mehreren Romanen, in denen Südens neue Kollegen austauschbare Arbeitskollegen ohne psychologische Vertiefungen waren, diesen Kollegen ein Gesicht zu verleihen. Aber darunter leidet die Erkundung des liebgewonnenen Ani-Eckkneipen-Milieus.

Ach ja: warum der Roman „M“ heißt und damit sofort an Fritz Langs Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ erinnert, weiß ich auch nach der Lektüre nicht.

Friedrich Ani: M – Ein Tabor-Süden-Roman

Droemer, 2013

368 Seiten

19,99 Euro

Hinweise

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und das heimliche Leben” (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Friedrich Ani in der Kriminalakte

 


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