Neu im Kino/Filmkritik: Clint Eastwood ist „The Mule“

Januar 31, 2019

Als Schauspieler trat Clint Eastwood seit „Blood Work“ (2002) kaum noch auf. So waren seine Hauptrollen in „Million Dollar Baby“ (2004), „Gran Torino“ (2008) und „Back in the Game“ (Trouble with the Curve, 2012) immer auch sein möglicherweise letzter Leinwandauftritt.

Als Regisseur war er dagegen gut beschäftigt mit einem Arbeitspensum von ungefähr einem Film pro Jahr. Munter zwischen den Genres wechselnd, meistens sehr gelungen und auch an der Kinokasse erfolgreich. Es sind Filme für Erwachsene, die nichts mit Superheldengedöns, epischen Weltraumschlachten und Pennälerhumor anfangen können.

Auch sein neuester Film „The Mule“, wieder mit ihm als Regisseur und Hauptdarsteller, wieder nach einem Drehbuch von „Gran Torino“-Autor Nick Schenk und mit einer beeindruckenden Riege guter Schauspieler – Dianne Wiest als seine Ex-Frau, Andy Garcia als Kartellboss, Bradley Cooper, Laurence Fishburne und Michael Peña als DEA-Ermittler (alle drei mit Eastwood-Erfahrung) – ist vor allem traditionsbewusstes, gewohnt unprätentiöses Hollywood-Erzählkino.

Wie bei Eastwoods vorherigen Filmen ist eine wahre Geschichte die Inspiration für den Film. Während er in „J. Edgar“, „Jersey Boys“, „American Sniper“, „Sully“ und „The 15:17 to Paris“ nah an der Wirklichkeit bleibt, nimmt er in „The Mule“ die wahre Geschichte als eine Inspiration für seine Fabel

Die Inspiration für „The Mule“ ist die Geschichte von Leo Sharp. Der 1924 geborene, nicht vorbestrafte Weltkrieg-II-Veteran, Urgroßvater und anerkannte Züchter von Taglilien wurde zu dem ältesten und erfolgreichsten Drogenkurier des Sinaloa-Kartells. Tata, Großvater, war sein Spitzname im Kartell. Spätestens ab 2000 fuhr er Drogen durch die USA. Im Februar 2010 waren es, nach den Notizen des Kartells, 246 Kilo, im März 250 Kilo, im April wieder 250 Kilo und in den folgenden Monaten jeweils 200 Kilo. Pro befördertes Kilo soll er tausend Dollar erhalten haben. Am 21. Oktober 2011 wurde er während einer Drogentour verhaftet.

Nach seiner Verhaftung stieg in Detroit der Straßenpreis für das Kilo Kokain von 30.000 Dollar auf 43.000 Dollar.

Sharp wurde zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Die mögliche Höchststrafe wären zwanzig Jahre gewesen. Aber Sharp war damals schon ein alter Mann, dessen Gesundheit sich rapide verschlechterte. Deshalb verbüßte er nur ein Jahr in Haft. Er starb am 12. Dezember 2016.

Der Film verlegt jetzt die Geschichte in die Gegenwart, verändert Namen und Hintergrundgeschichten und auch viele weitere, mehr oder weniger wichtige Details. Vieles, zum Beispiel, wann, wie und warum Sharp Drogenkurier wurde (Gier ist das wahrscheinlichste Motiv), wie das Verhältnis zu seiner Familie war und was er während seiner Fahrten durch die USA erlebte, ist unklar.

Earl Stone, wie Leo Sharp im Film heißt, ist ein netter, allseits beliebter Taglilien-Züchter. Mit seiner Ex-Frau und seiner Tochter ist er zerstritten. Seine Enkeltochter mag ihn. Aber auch sie sieht ihn fast nie. Denn Stone ist ein Meister darin, alle für die Familie wichtigen Termine zu vergessen.

Als er zufällig bei der Hochzeitsfeier seiner Tochter auftaucht, macht ihm einer der Gäste ein Angebot, das er nicht ablehnen will. Er soll einfach Dinge von einem Ort zu einem anderen Ort fahren und er wird dafür bezahlt. Dass die netten Mexikaner in der Autowerkstatt schwer bewaffnet sind und dass die Bezahlmodalität – das Geld wird in einem Umschlag in das Auto gelegt – seltsam ist, stört ihn nicht. Es ist viel Geld, das Stone für ein neues Auto, Luxusgegenstände, Frauen und für seine Freunde ausgibt. Seltsamerweise fragt sich niemand, woher Stones plötzlicher Reichtum kommt. Während Stone mit jeder Fahrt mehr Drogen transportiert, mehr Geld erhält und sich mit den Verbrechern befreundet, ermitteln zwei DEA-Agenten gegen ihn.

Clint Eastwood erzählt diese Geschichte als wunderschön entspanntes Schauspielerkino und garniert es mit leinwandfüllenden Bildern des US-amerikanischen Hinterlandes.

Bei Stones Drogenfahrten durch die USA entsteht so auch ein kleines, sehr harmonisches Bild der USA, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat oder etwas erklären oder eine These belegen will. Es sind nur Reisebeobachtungen und Erlebnisse mit einem ebenso knorrigem, wie gewitztem Protagonisten. Denn selbstverständlich begegnet er bei seinen Fahrten auch Polizisten.

The Mule“ ist kein welterschütterndes Drama, sondern nur eine kleine Geschichte, erzählt im Rhythmus eines Talking-Blues oder eines Folksongs, in dem Beobachtungen und Reiseerlebnisse locker aneinandergereiht werden, während der Sänger auch mal eine Strophe vergisst, austauscht oder ausbaut. Dabei erzählt der Erzähler die Legende über einen Fahrer, der mehr Drogen befördert, als alle anderen Fahrer. Mit der Realität hat das dann wenig zu tun. Und aus der Realität hätte man auch einen ganz anderen Film machen können.

Schauspielerisch übernimmt Clint Eastwood in Earl Stones Gestik und Mimik viel, sehr viel von seinem „Gran Torino“-Charakter Walt Kowalski. Nur sein Gang ist unsicherer. Stone ist, wie Kowalski, ein Sturkopf, der sich nichts sagen lässt und sich mit seiner gesamten Familie zerstritten hat. Er ist ein Einzelgänger, der auf den langen Fahrten durch die USA das allein sein genießt. Allerdings hat er kein Gewissen. Er denkt nicht einmal über seine Taten nach.

Auch der Film ignoriert die Frage, was die von Earl Stone beförderten Drogen bei ihren Konsumenten, ihren Familien und in den Städten anrichten.

The Mule“ erzählt nur die erstaunliche Geschichte über einen alten Mann, der etwas tut, was niemand von ihm erwartet hätte.

The Mule (The Mule, USA 2018)

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Nick Schenk

LV: Sam Dolnick: The Sinaloa Cartel’s 90-Year-Old Drug Mule (The New York Times Magazine, 2014)

mit Clint Eastwood, Bradley Cooper, Laurence Fishburne, Michael Peña, Dianne Wiest, Andy Garcia, Alison Eastwood, Taissa Farmiga, Ignacio Serricchio, Loren Dean, Eugene Cordero

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Mule“

Metacritic über „The Mule“

Rotten Tomatoes über „The Mule“

Wikipedia über „The Mule“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood prüft den Wahrheitsgehalt der Moritat

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “American Sniper” (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Clint Eastwood in der Kriminalakte

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Nun“ erweitert das „Conjuring“-Universum in Richtung Transsylvanien

September 7, 2018

Wenn es erfolgreich ist, wird weitergemacht. Und dass die bis jetzt nach und im Zusammenhang mit „Conjuring“, einem gut besetzten, altmodischen Geisterhaushorrorfilm von James Wan, entstandenen Filme erfolgreich sind, kann niemand bestreiten. Weltweit spielten die nicht besonders teuren Filme weit über eine Milliarde US-Dollar ein.

Das erste Spin-Off waren die beiden „Annabelle“-Filme über eine dämonisch besessene Puppe. Gary Daubermann schrieb die Drehbücher für die beiden „Annabelle“-Filme und für die unglaublich erfolgreiche Stephen King-Verfilmung „Es“ (It).

Mit „The Nun“, ebenfalls von Daubermann geschrieben, gibt es jetzt das nächste Spin-Off. Die Alpträume verursachende Nonne hatte ihren ersten Auftritt in „Conjuring 2“. Es war ein Kurzauftritt, der die „Conjuring“-Fans beeindruckte und für die gibt es auch kleine Rahmenhandlung, die die Verbindung zwischen den „Conjuring“-Geisterjägern Ed und Lorraine Warren und der Nonne erklärt. Die Hauptgeschichte spielt 1952 in Rumänien

In dem einsam gelegenen Kloster St. Carta begeht eine Nonne Suizid. Für Katholiken eine Todsünde. Zur Aufklärung werden ein Priester mit einschlägiger Erfahrung und eine Novizin, die Nonne werden möchte, nach Transsylvanien zum Ort des Geschehens geschickt. Dort treffen Vater Burke (Demian Bichir) und Schwester Irene (Taissa Farmiga, die jüngere Schwester von ‚Lorraine Warren‘ Vera Farmiga) Frenchie (Jonas Bloquet), der die Leiche gefunden hat.

Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zum Kloster, das eine sehr starke und sehr böse dämonische Präsenz beherbergt, die aus ihrem Gefängnis ausbrechen möchte.

The Hallow“-Regisseur Corin Hardy inszenierte „The Nun“ als Geisterhorrorfilm, der nichts zeigt, was nicht schon zu Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Zeiten gezeigt wurde und der sehr laut ist. Einige Effekte sind besser, aber es gibt nichts, was man nicht auch vor fünfzig Jahren hätte machen können. Und es wirkt immer noch. Der kurze Schrecken, wenn, mit infernalischer Begleitung auf der Tonspur, Hände aus dem Nichts auftauchen oder der lange Schrecken, wenn man lebendig begraben wird. Das passiert Vater Burke. Natürlich mitten in der Nacht auf dem Friedhof des Klosters.

Die Menschen in dem Ort bei dem Kloster leben noch wie im 18. Jahrhundert. Im Kloster scheint sich seit dem Mittelalter nichts verändert zu haben. Entsprechend leicht konnte Hardy die Atmosphäre der alten Gruselfilme wiederbeleben, als tapfere Männer und, selten, Frauen, sich in Transsylvanien mit Vampiren, Untoten, Geistern und Fledermäusen herumschlugen. In „The Nun“ kommen jetzt als Inkarnation des Bösen noch Nonnen dazu. Und so eine Gruppe Nonnen, die in Formation einen Raum betritt und sich um die tapferen Geisterjäger versammelt, wirkt schon ziemlich furchterregend. Mit und ohne Latein.

The Nun“ ist gut abgehangener, durchaus kurzweiliger, aber auch schnell vergessener Retro-Gothic-Horror. Er ist, wie die bisherigen vier Filme aus dem „Conjuring“-Universum, für schreckhafte Geister gemacht, die solche Filme nicht schon hundertmal gesehen haben. Wobei die sich an der Atmosphäre, den Bildern, den Schauspielern und auch den gut gemachten Schock-Sequenzen in alten Gemäuern erfreuen können.

The Nun (The Nun, USA 2018)

Regie: Corin Hardy

Drehbuch: Gary Dauberman (nach einer Geschichte von James Wan und Gary Dauberman)

mit Demian Bichir, Taissa Farmiga, Jonas Bloquet, Bonnie Aarons, Ingrid Bisu, Charlotte Hope, Sandra Teles, Maria Obretin, Patrick Wilson, Vera Farmiga

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Nun“

Metacritic über „The Nun“

Rotten Tomatoes über „The Nun“

Wikipedia über „The Nun“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood exorziert „The Nun“

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring“ (The Conjuring, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring 2″ (The Conjuring 2, USA 2016)

Meine Besprechung von John R. Leonettis „Annabelle“ (Annabelle, USA 2014)

Meine Besprechung von David F. Sandbergs „Annabelle 2″ (Annabelle: Creation, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Regeln spielen keine Rolle“ glaubt Warren Beatty

Mai 5, 2017

Howard Hughes (1905 – 1976) ist eine Legende. Vor dreizehn Jahren inszenierte Martin Scorsese das Biopic „The Aviator“ über ihn und die Kenntnis des Films, wenn man nicht ein halbes Dutzend Howard-Hughes-Biographien gelesen hat, hilft beim Verständnis von „Regeln spielen keine Rolle“. Dem neuen Film von Warren Beatty, der vor einem halben Jahrhundert mit „Bonnie & Clyde“ so viel Geld verdiente, dass er sich seitdem seine Rollen und Projekte aussuchen kann.

Das sind Projekte wie seine Spielfilme „Reds“ (1981), ein Biopic über den sozialistischen US-Journalisten John Reed und die Oktoberrevolution von 1917 (und damals in den USA der Film gegen den konservativen Zeitgeist), die Comicverfilmung „Dick Tracy“ (1990), die damals verrissen wurde und floppte und inzwischen wesentlich milder beurteilt wird, und die knallige Polit-Satire „Bulworth“ (1998), die man sich unbedingt ansehen sollte. Wenn sie mal im Fernsehen läuft. Oder den Polit-Thriller-Klassiker „Zeuge einer Verschwörung“ (1974) oder das Gangster-Biopic „Bugsy“ (1991) über Bugsy Siegel. Dazwischen spielte er in einigen Komödien und Satiren mit. Oft, auch auf dem Höhepunkt seines Ruhms, zog er sich immer wieder für längere Zeit zurück und festigte seinen Ruf als Frauenschwarm. Zuletzt spielte er 2001 in dem Totalflop „Stadt, Land, Kuss“ (Town & Country) mit. Danach erzog der heute Achtzigjährige seine Kinder.

Jetzt kehrt er als Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und, uhm, Hauptdarsteller (oder wichtigster Nebendarsteller) zurück ins Kino. Er spielt Howard Hughes, der 1958 schon ein sehr zurückgezogen lebender, unglaublich reicher Exzentriker war, der damals immer noch seinen nächsten Film plante. Immerhin hatte er mit „Hell’s Angels“, „Scarface“ und „Geächtet“ (The Outlaw, auch Regie) einige legendäre Hits gelandet.

Jetzt beschäftigt er eine Hundertschaft von Fahrern, die ebenso viele junge Schauspielerinnen, die alle exclusiv bei ihm unter Vertrag stehen. Sie wollen in einem Hughes-Film ihre Filmkarriere starten. Er lässt sie zu endlosen Screentest in sein Studio fahren.

Einer der Fahrer ist Frank Forbes (Alden Ehrenreich), ein Methodist, der seine Schulfreundin heiraten will und der in Hughes‘ Imperium nach Höherem strebt. Den Job als Chauffeur sieht er nur als den Einstieg. Er fährt Marla Mabrey (Lily Collins), eine jungfräuliche Baptistin, zu den Screentests. Sie wird begleitet von ihrer ebenfalls gläubigen, sittenstrengen Mutter. Gemeinsam leben sie in einem Hughes gehörendem Haus in den Hollywood Hills. Die Screentest verlaufen, weil Hughes sich für keine Schauspielerin und kein Filmprojekt entscheiden kann, auch bei Mabrey ergebnislos. Mabreys Mutter wird schon unruhig, weil ihre Tochter als eines von Hughes‘ Mädchen ihre Zeit und ihre potentielle Filmkarriere vertrödelt.

Während der zahlreichen Autofahrten lernen sich Forbes und Mabrey besser kennen. Sie verlieben sich auch ineinander. Dummerweise besagt eine von Howard Hughes zahlreichen Regeln, dass es keine Intimitäten zwischen seinen Angestellten geben darf.

In dem Moment ist die Saat für eine Romantic Comedy gelegt. Allerdings ist „Regeln spielen keine Rolle“ keine Romantic Comedy, sondern die Antithese dazu. Die zwischen 1958 und 1964 spielende, vor sich hin plätschernde Liebesgeschichte bleibt immer nebensächlich und konfliktfrei. Sie hat keine dramatische Fallhöhe. Warren Beatty erzählt eher eine Anti-Liebesgeschichte.

Denn er interessiert sich viel mehr für den erratischen, launenhaften und furchteinflößenden Tycoon, der jeden seiner Spleens ungehemmt ausleben kann. Hughes ist auch ein viel interessanterer Charakter als Forbes und Mabrey. „Regeln spielen keine Rolle“ ist allerdings auch kein Biopic, sonder die Antithese dazu. Denn Beatty zeigt nur einige Schlaglichter und Anekdoten aus dem Leben von Hughes, ohne sie in eine größeren Zusammenhang, der für ein Biopic nötig wäre, zu stellen. Die Szenen aus dem Leben von Hughes sind ohne auch nur ein minimales Wissen über das Leben von Hughes ziemlich unverständlich. Entsprechend kryptisch, nichtssagend (wenn man die Anspielungen nicht versteht) und oft vollkommen unklar zwischen Legende, Fantasie und Realität oszillierend ist das Porträt von Howard Hughes.

Beide Handlungsstränge entwickeln sich vor dem Hintergrund des Puritanismus, den damaligen gesellschaftlichen Veränderungen und dem Ende des Hollywood-Studiosystems, das Warren Beatty als junger Mann in Hollywood selbst miterlebte. Insofern ist der Film auch autobiographisch.

Am Ende ist „Regeln spielen keine Rolle“ ein betont altmodisch inszenierter Film, der besser darüber beschrieben wird, was er nicht ist und was er hätte sein können, als das was er auf den ersten Blick ist. Er ist kein Biopic. Er ist keine Romantic Comedy. Er ist kein Drama. Er umschifft die Konflikte, stolpert zwischen den Genres und Stilen hin und her, ohne jemals seine Melodie oder Geschichte zu finden. Er ist eine Sammlung oft schöner und gelungener Szenen und Momente, die sich nie zu seinem einheitlichen Ganzen zusammenfügen und dem die Leichtigkeit von, beispielsweise, Woody Allens „Café Society“ fehlt.

Regeln spielen keine Rolle (Rules don’t apply, USA 2016)

Regie: Warren Beatty

Drehbuch: Warren Beatty (nach einer Geschichte von Warren Beatty und Bo Goldman)

mit Lily Collins, Alden Ehrenreich, Warren Beatty, Alec Baldwin, Annette Bening, Haley Bennett, Candice Bergen, Matthew Broderick, Dabney Coleman, Steve Coogan, Taissa Farmiga, Ed Harris, Megan Hilty, Oliver Platt, Martin Sheen

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Regeln spielen keine Rolle“

Metacritic über „Regeln spielen keine Rolle“

Rotten Tomatoes über „Regeln spielen keine Rolle“

Wikipedia über „Regeln spielen keine Rolle“


Neu im Kino/Filmkritik: „The Bling Ring“ beklaut Hollywood-Prominente

August 18, 2013

 

Unglaublich, aber wahr: fünf Teenager rauben in Hollywood Promis aus und deren Häuser sind schlechter gesichert als meine Bude. So liegt der Haustürschlüssel für das Anwesen von Paris Hilton unter der Fußmatte.

Das war der erste Einbruch des Bling Ring, der zwischen Oktober 2008 und August 2009 in die Häuser von Paris Hilton (mehrmals), Lindsay Lohan, Orlando Bloom, Brian Austin Green, wegen seiner Freundin Megan Fox, und einigen anderen, bei uns eher unbekannten Prominenten einbrachen und Schmuck und Kleider im Wert von 3 Millionen Dollar stahlen. Dabei ging es ihnen nicht um das Geld, sondern darum, in der Nähe der Prominenten zu sein. Einen guten Teil ihrer Freizeit verbrachten sie in den angesagten Clubs von Los Angeles, die auch von ihren Opfern frequentiert wurden.

Nancy Jo Sales schrieb über sie eine „Variety“-Reportage und „Lost in Translation“-Regisseurin Sofia Coppola verfilmte jetzt diese Geschichte als „The Bling Ring“. Sie erzählt die Geschichte der einbrechenden Teenager, die kein Unrechtsbewusstsein haben, semidokumentarisch, ohne über ihre Protagonisten zu urteilen, mit einer zurückhaltend beobachtenden Handkamera, leicht achronologisch im bewährten Steven-Soderbergh-Stil und mit unbekannten Darstellern. Auch Emma Watson ist eher nicht zu erkennen. Sie haben auch kaum individuelle Kennzeichen, Als oberflächliche Personen verwechseln sie Kleidung mit Persönlichkeit und Accessoires mit Individualität. Sie sind promiverrückte, ziemlich gut situierte Jugendliche, die in einer Welt leben, in der Leute berühmt sein können, weil sie berühmt sind.

Es geht ihnen daher nicht um den monetären, sondern den ideellen Wert der gestohlenen Gegenstände. Sie wollen den Berühmtheiten nahe sein, sich als Teil ihres Lebens fühlen und mit den Einbrüchen gelingt es ihnen. Sie wollen auch teilweise vor ihren Freunden damit angeben. In der Schule erzählen sie von ihren Diebstählen, nehmen weitere Schulfreunde mit auf ihren nächtlichen Streifzüge und auf Facebook posten sie Bilder von sich in den gestohlenen Kleidern in angesagten Clubs.

Außerdem genießen sie auch etwas die mit den Einbrüchen verbundene Gefahr.

Gerade wenn man in dem Film glaubt, dass Sofia Coppola jetzt übertreibt und satirisch zuspitzt, zeigt ein Blick auf die Fakten, dass gerade die unglaublichsten Begebenheiten, wie offenstehende Türen, eine ahnungslose Polizei und ein TV-Sender, der eine Reality-Show mit einem Mitglied des Bling Rings macht (okay, die Show war ursprünglich als natürlich inszenierte Reportage aus dem Leben eines Modells geplant und wurde dann zu etwas größerem), wahr sind.

Coppola konzentriert sich in „The Bling Ring“ auf die Teenager und verfolgt sie weitgehend ohne eine offenkundig moralische Position einzunehmen oder zu psychologisieren. Alle Erklärungen kommen von den Mitgliedern des Bling Rings und, eben weil sie außer dem Promikult und der Suche nach der richtigen Kleidung keine Interessen haben, haben die Charaktere auch nicht mehr psychologische Tiefe als eine Barbie-Puppe – und langweilen entsprechend schnell.

Die wenigen Wertungen der Filmemacherin, wie die Wahl des reuigen Sünders Mark als zentrale Figur und die Darstellung des hohlen Lebens der ziemlich hohlen Protagonisten, sind so implizit, dass sie kaum auffallen und wahrscheinlich nur von denen erkannt werden, die eben diese Meinung teilen.

Auch die Medienkritik – auch wenn das ein anderer Film wäre – fällt zahm aus. Gerade die zeitgleich mit der Verhaftung von Alexis Neiers (im Film Nicki) gedrehte E!-Reality-Show „Pretty Wild“, in der sie die Hauptrolle hatte, böte viel Stoff für eine zünftige Mediensatire. So wurde ihr während der Dreharbeiten immer wieder gesagt, was sie spontan sagen solle. Dieses Detail der „scripted reality“, in der sich die Mitglieder des Bling Rings bewegten, wird im Film nicht gezeigt.

Ebenso unglaublich wie die Geschichte der jugendlichen Einbrecher ist das Anwesen von Paris Hilton, in der Sofia Coppola drehen durfte. Das muss man gesehen haben. Sonst glaubt man es nicht.

The Bling Ring - Plakat

The Bling Ring (The Bling Ring, USA 2013)

Regie: Sofia Coppola

Drehbuch: Sofia Coppola

LV: Nancy Jo Sales: The Suspects wore Louboutins (Variety-Reportage, März 2010)

mit Israel Broussard, Katie Chang, Taissa Farmiga, Claire Julien, Georgia Rock, Emma Watson, Leslie Mann, Gavin Rossdale, Paris Hilton (Cameo)

Regie: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Bling Ring“

Metacritic über „The Bling Ring“

Rotten Tomatoes über „The Bling Ring“

Wikipedia über „The Bling Ring“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe

 

 

 


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